Lebens­versicherung Special

Versicherer haben jahr­zehnte­lang Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen. Wir haben Verträge unserer Leser unter die Lupe genommen.

Das Ende ist längst einge­läutet. Eine klassische Lebens­versicherung mit einer garan­tierten Verzinsung über die ganze Vertrags­dauer wird von großen Gesell­schaften wie Ergo und Generali nicht mehr aktiv angeboten. Die Allianz hat sie zwar noch im Angebot, „wirk­lich empfehlen“ will der Branchen­führer diese Verträge aber selbst nicht mehr. Was die Versicherer einst mit ihren Heerscharen von Vermitt­lern als optimale Vorsorge für später angepriesen haben, ist nun ein Auslaufmodell.

Was ist aus den Verträgen geworden, mit denen die Kunden viele Jahre gespart haben – für ihr Alter oder für ein eigenes Haus? Was hatten die Versicherer bei Abschluss angekündigt? Und was können Kunden tun, deren Verträge noch einige Jahre laufen?

92 Leser haben auf unseren Aufruf geant­wortet und uns die Vertrags­daten ihrer Kapital­lebens­versicherung oder ihrer privaten Renten­versicherung offengelegt.

Enttäuschte Kunden

Lebens­versicherung Special

Ernst Link: Bei seinem Vertrag hatten die Über­schuss­angaben nur von 1989 bis 1994 Bestand. Seitdem sinken sie.

Zwischen der Leistung, die der Versicherer ihnen bei Vertrags­schluss in Aussicht gestellt hat, und der tatsäch­lichen Leistung bei Vertrags­ablauf klaffen oft erhebliche Lücken. Bis zu knapp der Hälfte weniger, als vom Versicherer einst hoch­gerechnet, kommt am Ende heraus. Die Über­schuss­angaben zu Beginn des Vertrags erwiesen sich meist als Fehl­schluss.

Bei der Lebens­versicherung wird nur ein Teil das Beitrags gespart. Ein anderer Teil fließt in den Risiko­schutz, ein weiterer wird für die Kosten abge­zogen. Die Kunden müssen an den Über­schüssen, die der Versicherer mit ihren Beiträgen erwirt­schaftet, beteiligt werden (Glossar).

Ernst Link unter­schrieb im Jahr 1989 einen Vertrag. Am Ende der Lauf­zeit im Jahr 2020 solle er 384 240 D-Mark erhalten, rechnete die Bayern Versicherung damals hoch. Das sind rund 196 000 Euro.

Noch in der Stand­mitteilung von 1994 hielt die Versicherungs­gesell­schaft an ihren Über­schuss­angaben fest. Doch von der avisierten Leistung blieb in den folgenden Jahren immer weniger übrig. In der jüngsten Mitteilung vom Juni 2015 waren es gut 86 000 Euro weniger als bei Vertrags­beginn und in den ersten Jahren danach mitgeteilt. Das ist ein Verlust von 44 Prozent im Vergleich zu den ursprüng­lichen Annahmen.

Link rechnet nicht damit, dass sich an der Entwick­lung bis zum Ende der Lauf­zeit in vier Jahren noch etwas ändert. „Von Stand­mitteilung zu Stand­mitteilung wird es jetzt weniger“, weiß er aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre.

Fast 50 Prozent weniger

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Lebens­versicherung: Vom Bestseller zum Auslaufmodell. Der test.de-Podcast zum Thema.

Ähnlich schlecht entwickelten sich die Verträge von Brigitte Parakenings und Regina Konrad. Als Parakenings 1996 eine private Renten­versicherung abschloss, stellte ihr der Versicherer Neue Leben eine monatliche Rente von gut 1 014 D-Mark in Aussicht; heute wären dies 518 Euro. Doch von der ursprüng­lichen Hoch­rechnung ist nur etwa die Hälfte übrig geblieben. Im Dezember 2016 läuft Parakenings´ Vertrag ab. Ihre Anfangs­rente beträgt dann laut jüngster Stand­mitteilung 266 Euro.

Auch Regina Konrad kann nur die Hälfte der im Jahr 2000 von der Sparkassen-Versicherung in Aussicht gestellten Leistung erwarten, wenn ihre Rente im Sommer 2017 beginnt. Die Über­schüsse ihrer privaten Renten­versicherung gehen gegen null: „Derzeit erreichte Rente aus Über­schuss­anteilen 1,07 Euro. Mögliche künftige Rente aus Über­schuss­anteilen 0,09 Euro. Rente aus Schluss­über­schuss­anteilen 4,77 Euro“, lautet die deprimierende Botschaft der jüngsten Stand­mitteilung. Was bleibt, ist kaum mehr als die garan­tierte Rente.

Unrealistische Über­schuss­angaben

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Horst Zich: Sein Versicherer zahlte 2 000 Euro weniger Bewertungs­reserven aus, als ein Jahr zuvor mitgeteilt.

Die Über­schuss­erwartungen der Sparkassen-Versicherung haben sich als unrealistisch erwiesen. Dabei hatte sie ihrer Kundin bei Vertrags­schluss noch mitgeteilt: „Die Gutschriften aus der Über­schuss­beteiligung sind in den ersten Jahren deutlich geringer als in den letzten Jahren der Vertrags­lauf­zeit.“ Je länger ihr Vertrag laufe, desto mehr dürfe Konrad erwarten. Doch das Gegen­teil ist der Fall. In den letzten Jahren blieb kaum noch etwas für die Kundin übrig.

Im Vergleich dazu erwischten es Horst Zich, Dieter Schuff, Hiltrud Abel und Udo Reinold etwas weniger heftig. Zich bekam am Ende 23 Prozent weniger Leistung als bei Vertrags­beginn in Aussicht gestellt, bei Schuff waren es 29 Prozent weniger, bei Abel knapp 31 Prozent (siehe Grafik) und bei Reinold betrug das Minus 28 Prozent.

Reinold unter­schrieb im März 2002 einen Vertrag bei der Gothaer. 221 116 Euro stellte ihm der Versicherer damals als Kapitalzahlung in Aussicht. Gut 72 000 Euro sollten aus der Über­schuss­beteiligung stammen. Zwölf Jahre später, bei Auszahlung im April 2014, betrug die tatsäch­liche Über­schuss­beteiligung nur 9 806 Euro. Insgesamt zahlte der Versicherer knapp 159 000 Euro aus – 28 Prozent weniger.

Erwartung und Wirk­lich­keit

Die Briefe unserer Leser zeigen: Angaben von Versicherern sind oft trügerisch und wecken utopische Erwartungen. In den Vertrags­informationen für ihre Kunden weisen sie Über­schuss­anteile und Gewinn­beteiligung so aus, „dass es eigentlich egal ist, welche Zahlen sie schreiben“, so das Fazit von Finanztest-Leser Lothar Heim.

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Falsche Hoff­nungen geschürt

Mit miss­verständlichen Aussagen in den Stand­mitteilungen wurden Kunden auch noch nach Vertrags­abschluss an der Nase herum­geführt. So teilte die Provinzial ihrem Kunden Dieter Schuff 1991 in einer Stand­mitteilung mit: „Ihr Versicherungs­schutz und die Über­schuss­beteiligung Ihrer Lebens­versicherung haben folgende Höhe erreicht.“ Diese Formulierung lässt mit keinem Wort darauf schließen, dass es sich nur um eine unver­bindliche Angabe des Versicherers handelt. Als Schuffs Versicherung im Juni 2015 ausgezahlt wurde, waren von den angeblich schon 1991 „erreichten“ 150 880 D-Mark (also 77 144 Euro) nur 54 477 Euro übrig geblieben.

Dass viele Versicherer zu viel in Aussicht gestellt haben, stößt auch bei der staatlichen Versicherungs­aufsicht auf Kritik. „Eine realitäts­nahe Angabe zur Höhe der künftigen Über­schuss­beteiligung ist nur für wenige Jahre möglich“, betonte das damalige Bundes­versicherungs­amt bereits im Jahr 2000. „Die Angaben bergen das Risiko, dass damit bei den Versicherungs­nehmern Gewinn­erwartungen geweckt werden, die später nicht erfüllt werden können.“

Die Versicherer kümmerte das wenig. Was zählt sind Werbe­botschaften. Doch „gerade in Zeiten sinkender Zinsen stellt sich die Frage, ob die Werbeaussagen wirk­lich ein realistisches Bild von der tatsäch­lichen Über­schuss­kraft eines Lebens­versicherungs­unter­nehmens geben“, konstatierte die Aufsicht schon 1999.

Das hinderte Versicherer nicht daran, ihren Neukunden weiterhin das Blaue vom Himmel zu erzählen, wie das Beispiel des 2002 abge­schlossenen Vertrags von Udo Reinold zeigt.

Die nied­rigen Zinsen führen die Unternehmen erst dann ins Feld, wenn ihre Kunden eine Erklärung für die schlechte Über­schussentwick­lung erwarten. So schrieb die Neue Leben unserem Leser Michael Gräbe: „In ganz Europa und damit auch in Deutsch­land erreichten die Zinsen in den letzten Jahren ein äußerst nied­riges Niveau. Dies ist die Folge der Zins­politik der Europäischen Zentral­bank.“

Das ist jedoch nur die halbe Wahr­heit. Kunden, deren Verträge ablaufen, bekommen auch deshalb weniger, weil die Versicherer immer größere Finanzpuffer aufbauen und die Beteiligung der Kunden an den Bewertungs­reserven drastisch beschnitten haben. Außerdem kalkulieren sie die Sterb­lich­keit ihrer Kunden so, dass sie möglichst kein Risiko eingehen.

Konzerne füllen Reserven auf

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Carola Claßen: Ihr Anteil an den Bewertungs­reserven ist drastisch gesunken. Bis zuletzt hatte sie auf mehr gehofft.

Mit einer Zins­zusatz­reserve sollen Versicherer seit 2011 Geld beiseitelegen, damit sie die höheren Garan­tiezusagen der Vergangenheit einlösen können. So betrug der Garan­tiezins bei einem im Jahr 1999 abge­schlossenen Vertrag noch 4,0 Prozent. Bei einem jetzt abge­schlossenen Vertrag sind es nur noch 1,25 Prozent. Diesen Zins gibt es jedoch nicht auf den gesamten Beitrag, sondern nur auf den Spar­anteil. Bei Versicherern mit hohen Kosten bleibt davon kaum etwas übrig.

Die Zins­zusatz­reserve der Versicherer betrug Ende 2014 insgesamt mehr als 21 Milliarden Euro. Und es werden Jahr für Jahr weitere Milliarden hinzukommen. Dies geht zulasten der Über­schüsse für die Kunden. 90 Prozent der Zins­über­schüsse müssen die Konzerne an die Kunden weiterreichen. Vorher füllen sie jedoch ihre Reserve auf. Allein beim Branchen­führer Allianz waren es bis Ende 2014 3,8 Milliarden Euro: Geld, das nicht für die Über­schuss­beteiligung der Versicherten mit endenden Verträgen zur Verfügung stand. Bei der Targo waren es bis Ende 2014 immerhin 20,5 Millionen Euro.

Carola Claßen hatte im Mai 2003 bei der CiV Lebens­versicherung, die jetzt Targo heißt, eine private Renten­versicherung mit Kapital­wahl­recht abge­schlossen. Der Vertrag lief im Mai 2015 aus.

Die Auszahlung war um 9 Prozent geringer als bei Vertrags­schluss zwölf Jahre zuvor in Aussicht gestellt. Zwar ist Claßen damit noch gut bedient im Vergleich zu den meisten anderen Lesern, die sich an unserem Aufruf beteiligten. Enttäuscht ist sie aber dennoch.

Reform zulasten der Kunden

Claßen hatte bis zuletzt vor allem auf einen Anteil an den Bewertungs­reserven gehofft. Bewertungs­reserven entstehen, wenn der Markt­wert der Kapital­anlagen eines Versicherers seit ihrer Anschaffung gestiegen ist. Diese Reserven wurden mit Beiträgen von Kunden aufgebaut. Daher ist es nur folge­richtig, wenn Versicherer sie daran wenigs­tens zur Hälfte beteiligen müssen.

So war es auch bis zum 7. August 2014. An diesem Tag trat das Lebens­versicherungs­reformgesetz in Kraft. Seitdem müssen fest­verzins­liche Anlagen in Nied­rigzins­phasen nicht mehr berück­sichtigt werden. Sie machen aber den Löwen­anteil aller Kapital­anlagen der Versicherer aus. Je nach Vertrag kann dies die Ablauf­leistung um mehrere tausend Euro schmälern.

Noch im Juli 2014 hatte die Targo Claßens Anteil an den Bewertungs­reserven mit 4 179 Euro angegeben. Immerhin hatte der Versicherer seine Kundin darauf hingewiesen, dass der Wert „kurz­fristig großen Schwankungen unterliegen und auch auf 0,00 Euro sinken“ kann. Bei Claßen war er auf 114 Euro gesunken, als ihr Kapital im Juni vergangenen Jahres ausgezahlt wurde.

Dem eingangs erwähnten Horst Zich ging es ähnlich. In der letzten Stand­mitteilung vor dem Lebens­versicherungs­reformgesetz 2014 bezifferte sein Versicherer VPV seinen Anteil an den Bewertungs­reserven noch auf 3 493 Euro. Als Zich sein Geld ein Jahr später ausgezahlt bekam, waren es nur noch 1 449 Euro.

Besser Allianz-Aktionär als Kunde

Wenn Kunden kaum noch an den Bewertungs­reserven beteiligt werden, sollen auch die Aktionäre der Versicherer keine Dividende bekommen, so die Absicht des Gesetzes. Doch die im Gesetz verankerte Dividenden­sperre läuft ins Leere. Versicherer liefern ihre Gewinne per „Gewinn­abführungs­vertrag“ bei der Konzern­mutter ab – und die bedient dann ihre Aktionäre.

So macht es die Targo Versicherung, die Claßens Beteiligung an den Bewertungs­reserven nahezu gekappt hat. Noch 2013 stand in ihrem Geschäfts­bericht, der Bilanz­gewinn werde in voller Höhe „ausgeschüttet“. Im Jahr 2014 wurde der Gewinn „abge­führt“. Der Begriff hat sich geändert, die Praxis ist gleich geblieben.

Die Allianz Lebens­versicherung führte 2014 513 Millionen Euro ab. Die Konzern­mutter bedient dann ihre Aktionäre. Schon 1996 schrieben wir zu unserem Lebens­versicherungs­test: „Wer bei der Allianz Geld verdienen will, entscheidet sich besser für eine Aktie als für die Lebens­versicherung.“

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