Kennzahlen richtig verstehen

Finanztest erklärt sieben häufig verwendete Kennzahlen von Lebensversicherungsunternehmen.

Eigenkapitalquote = Eigenkapital : Bruttobeiträge

Aussage: Die Eigenkapitalquote setzt das Eigenkapital eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinen jährlichen Beitragseinnahmen. Eigenkapital kann bei unerwartet hohen Schäden, die nicht durch Beiträge gedeckt sind, herangezogen werden. Auch wenn der Versicherer am Kapitalmarkt weniger erzielt, als er für die Garantieverzinsung des Kundengeldes benötigt, greift er auf sein Eigenkapital zurück. 2002 lag die durchschnittliche Eigenkapitalquote der Versicherer bei knapp 12 Prozent.

Die Quote ist verschieden interpretierbar. Eine hohe Eigenkapitalquote kann Indiz für Sicherheit oder gute Ertragskraft sein, aber auch Zeichen einer geringen Beteiligung der Kunden an Überschüssen. Denn Teile der Überschüsse können für eine Erhöhung des Eigenkapitals genutzt werden.

Achtung: Anbieter verfügen oft über so wenig Eigenkapital, dass dieses zum Abwenden einer sehr brenzligen Finanzlage in der Regel gar nicht ausreichen würde. Es kann aber auch sein, dass Versicherer mit einer geringen Eigenkapitalquote viele Risiken auf einen Rückversicherer verlagert haben, der für sie unerwartet hohe Schäden abfedern müsste. Oder sie haben von vornherein geringe Risiken. Ein sicherer Hinweis auf die finanzielle Solidität einer Gesellschaft ist die Kennzahl nicht.

Nettoverzinsung = Kapitalanlageergebnis : mittlerer Kapitalanlagebestand

Aussage: Die Nettoverzinsung gibt die Rendite an, die der Versicherer mit seinen Kapitalanlagen im Geschäftsjahr erzielt hat. Die Kunden müssen in einem festgelegten Mindestmaß an diesen Erträgen beteiligt werden. Je höher die Nettoverzinsung, desto höher können daher auch die Beträge sein, die den Kunden durch Überschussbeteiligung zufließen. So ist eine höhere Nettoverzinsung positiv, eine niedrigere eher negativ zu bewerten. 2002 lag die Nettoverzinsung nach Branchenangaben im Schnitt bei 4,6 Prozent.

Achtung: Ein schlechtes Kapitalan­la­ge­ergebnis kann durch kurzfristige Auf­lösung stiller Reserven vorübergehend aufgebessert werden. Auch können ­Kapitalanlagen in langfristigen festverzinslichen Wertpapieren die Nettoverzinsung bisher stützen. Inzwischen ist das Zinsniveau stark gesunken. Bringt eine Wiederanlage dieses Kapitals weniger Ertrag, würde das die Nettoverzinsung künftig senken.

Eine hohe Quote kann auch verschleiern, dass notwendige Abschreibungen noch nicht vollzogen wurden. Denn Versicherer dürfen Aktien inzwischen zumindest vorübergehend mit einem höheren Wert bilanzieren, als sie bei ihrem Verkauf aktuell erzielen würden.

Bei jüngeren Unternehmen mit jüngeren Kapitalanlagen hängt die Nettoverzinsung unmittelbar vom gesamtwirtschaftlichen Zinsniveau ab. Daher unterliegt diese Quote bei ihnen eher größeren Schwankungen.

Hinweise auf ein gutes Anlagemanagement kann nur ein Vergleich der Nettoverzinsung mit der Konkurrenz in mindestens drei, besser fünf Jahren geben.

Verwaltungskostenquote = Verwaltungskosten : Bruttobeiträge

Aussage: Die Verwaltungskostenquote gibt an, welcher Anteil der Beiträge pro Jahr für die laufende Verwaltung verbraucht wird (ohne Abschlusskosten und Kapitalanlagekosten). Sie zeigt also, ob das Unternehmen seine Dienstleistungen kostengünstig erbringt oder nicht. 2002 machte die Quote nach ­Berechnungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) durchschnittlich 3,6 Prozent der Beitragssumme des Jahres aus.

Achtung: Die Kennzahl kann falsch interpretiert werden. Hohe Verwaltungskosten können durch guten Service, viele kleine Verträge oder Einbeziehung von Abschlusskosten entstehen.

Aus der Quote kann nicht abgelesen werden, ob die tatsächlichen Verwaltungskosten höher oder niedriger als die tariflich kalkulierten Kosten waren.

Abschlusskostenquote = Abschlussaufwendungen : Bruttobeiträge

Aussage: Die Abschlusskostenquote gibt an, wie viel von den Bruttobeiträgen für den Abschluss neuer Verträge verwendet wurde. Sie hängt vor allem davon ab, was die Vermittler dafür an Provision bekommen. 2002 betrug die Quote nach Bafin-Berechnungen im Schnitt 12 Prozent der Bruttobeiträge.

Achtung: Diese Kennzahl ist ohne Zusatzinformationen über die Entwicklung des Kundenbestands nicht eindeutig. Nicht negativ zu bewerten wären beispielsweise hohe Abschlusskosten, wenn der Versicherer viele neue Verträge abgeschlossen hat. Auch eine strenge Risikoprüfung verursacht hohe Abschlusskosten, wodurch aber spätere Schadenaufwendungen begrenzt werden können. Hohe Abschlusskosten nur wegen hoher Provisionszahlungen wären aber negativ zu interpretieren.

Viele Lebensversicherungsabschlüsse mit Einmalbeiträgen können die Quoten verfälschen. Zudem wird mit der Kennzahl nicht zwischen Einzel- und Kollektivgeschäften unterschieden. Bei Gruppenverträgen sind die kalkulierten Abschlusskosten meistens geringer.

Eine Fehlinterpretation kann sich auch für die Aussage über Provisionen er­geben. Vermittlerprovisionen werden überwiegend in Prozent der Beitragssumme – Summe der Beiträge für die gesamte Vertragsdauer – festgesetzt. Bei der Berechnung der Abschlusskostenquote werden die Kosten jedoch ins Verhältnis zu den Beiträgen für nur ein Geschäftsjahr gesetzt. Versicherer mit überdurchschnittlich vielen Verträgen mit kurzen Vertragslaufzeiten können so niedrigere Quoten als Unternehmen aufweisen, die viele lang laufende Verträge abschließen. Die Aussagekraft der Kennzahl ist daher eingeschränkt.

RfB-Quote = RfB : Bruttobeiträge

Aussage: Rückstellungen für die erfolgs­abhängige Beitragsrückerstattung (RfB) sind geparkte Geldmittel aus dem Gesamtüberschuss, die den Versicherungskunden zugute kommen müssen. Die RfB-Quote drückt aus, wie viel Überschüsse – bezogen auf die jährlichen Beitragseinnahmen – ein Unternehmen in diesem Topf zurzeit bereithält. 2002 lag die Quote bei nur 66 Prozent, 2001 waren es 83, 2000 noch 88 ­Prozent.

Achtung: Der RfB-Topf ist ein Zwischenspeicher für die Überschussbeteiligung und hat die Funktion eines Puffers, um eine gleichmäßige Überschussverteilung über mehrere Jahre hinweg halten zu können. Die Höhe der RfB ist auch davon abhängig, ob und in welcher Höhe Überschüsse bereits als Direktgutschriften zeitnah ausgeschüttet werden. Unternehmen, die beispielsweise auch Risiko- und Verwaltungskostenüberschüsse über Direktgutschriften ausschütten, weisen zwangsläufig geringere RfB-Quoten auf, obwohl sie eine besonders versicherungsnehmerfreundliche Beteiligung an den Überschüssen vorsehen.

Eine weitere Fehlinterpretation kann sich aus der Größe des Schlussüberschussfonds, eines Teils der RfB, ergeben. Versicherer, die Überschüsse nicht zeitnah ausschütten, sondern überdurchschnittlich viel diesem Fonds zuführen, weisen höhere RfB-Quoten auf. Die Aussagekraft dieser Quote ist deshalb stark eingeschränkt.

Frühstornoquote = Versicherungssumme früh stornierter Verträge : Versicherungssumme des Neugeschäfts

Aussage: Frühstorno betrifft gekündigte Verträge, bei denen noch kein Rückkaufswert vorhanden ist. Solche Kündiger verlieren alle eingezahlten Beiträge. Eine hohe Quote kann ein Indiz für schlechte Beratung sein. 2002 lag sie nach Bafin-Berechnungen im Schnitt bei 12 Prozent des Neugeschäfts.

Achtung: Versicherer haben unterschiedliche Kundenbestände, die unterschiedlich auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren. Manchmal werden Verträge trotz guter Aufklärung frühzeitig gekündigt. Auch gibt es Versicherungen, die sofort Rückkaufswerte aufweisen. Bei dieser Geschäftspolitik lässt die Frühstornoquote keine Rückschlüsse auf die Beratungsleistung zu.

Spätstornoquote = Versicherungssumme gekündigter und beitragsfreier Verträge : Versicherungssumme des Jahresanfangsbestandes

Aussage: Zum Spätstorno zählen Kündigungen oder Beitragsfreistellungen von Verträgen, bei denen es einen Rückkaufswert gibt. Ursachen können Falschberatung bei Abschluss der Versicherung sein, aber auch persönliche Gründe des Kunden wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Nachwuchs, Scheidung, oder Wandel der Bedürfnisse, wenn etwa ein Eigenheim finanziert werden soll und der Kunde das Geld aus dem Rückkauf benötigt. Spätstorno gilt nur eingeschränkt als Indiz für schlechte oder falsche Beratung. Im Schnitt lag diese Quote 2002 bei 3,7 Prozent.

Achtung: Ihre Aussagekraft ist weitaus geringer als die der Frühstornoquote. Gründe für eine mögliche Fehlinterpretation gleichen denen bei Frühstorno.

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