Interview: Mehr Transparenz

Professor Dieter Rückle (59) vom Fachbereich Betriebswirtschaftslehre an der Universität Trier beschäftigt sich seit Jahren mit stillen Reserven in Versicherungsunternehmen.


Sind stille Reserven entscheidend für die Leistungsstärke eines Lebensversicherers?

Prof. Dieter Rückle:

Sie stärken ein Unternehmen, weil sie Kapital darstellen, das zusätzlich zum in der Bilanz ausgewiesenen vorhanden ist. Aber auch durch höhere offen ausgewiesene Rücklagen würde ein Unternehmen gestärkt.

Offene Rücklagen haben den Vorteil, dass Managementleistungen - zum Beispiel gute oder schlechte Ergebnisse der Kapitalanlage ­ offen gelegt werden.

Stille Rücklagen können bei schlechtem Geschäftsgang oder Fehlentscheidungen auch wieder still aufgelöst werden. Eine Verschlechterung der Lage eines Unternehmens kann dann erst mit Verzögerung erkannt werden.

Werden Kunden an stillen Reserven beteiligt?

Rückle:

Versicherungsunternehmen sind nicht verpflichtet, stille Reserven aufzulösen. Aber erst durch die Auflösung der stillen Reserven steigt nach bisheriger Rechtsprechung der Überschuss, an dem Kunden beteiligt werden. Besitzt der Versicherer zum Beispiel Immobilien und verkauft diese nicht, werden die in ihnen steckenden stillen Reserven nicht realisiert. Die Kunden erhalten nichts.

Durch die Willkür bei der Auflösung stiller Reserven kann eine sehr ungerechte Behandlung verschiedener Versicherter entstehen: Läuft zum Beispiel ein 20-jähriger Vertrag von Herrn Meier im Jahre 2000 aus und der Versicherer hat in den letzten 20 Jahren seine stillen Reserven ständig erhöht, wird der Überschuss, an dem Herr Meier beteiligt ist, durch die Bildung der stillen Reserven erheblich reduziert.

Löst das Versicherungsunternehmen die stillen Reserven, die von 1981 bis 2000 gebildet wurden, im Jahre 2001 auf, können hiervon möglicherweise andere Versicherungsnehmer, nicht aber unser Herr Meier profitieren. Das ist ungerecht.

Sind hohe Reserven trotzdem gut, weil sie Puffer in Niedrigzinsphasen bieten? Oder zeigen weniger Reserven, dass ein Versicherer seine Kunden zeitnah an ihnen beteiligt?

Rückle:

Hohe stille Reserven können dem Kunden nützen, müssen es aber nicht, weil er ja keinen Rechtsanspruch auf sie hat. Der Kunde ist vergleichsweise auf der sicheren Seite, wenn ihm bei laufendem Vertrag zeitnah in den jeweiligen Abrechnungsperioden Überschussanteile zugeteilt werden, sei es durch Beitragsrückerstattung, sei es durch rechtsverbindliche Erhöhung der Ablaufleistung.

Sollte der Gesetzgeber Änderungen vornehmen?

Rückle:

Ja. Eine Gesetzesreform müsste dem Gebot, Kundengelder wirklich treuhänderisch zu verwalten, dienen. Diese Gelder dürften nicht mit dem Vermögen der Versicherungsunternehmen vermischt werden. Die Versicherer müssten gezwungen werden, alle ihre Kapitalanlagen durch die Abrechnung zu Tageswerten transparent zu machen. Die Vergütung für das Management der Kapitalanlagen und für das Riskomanagement könnten frei vereinbart werden, entweder als feste Beträge oder als erfolgsabhängige Vergütung. Letztere würde Anreize bieten, damit sich Versicherer stärker im eigenen Interesse anstrengen. Als Vorbild dieser treuhänderischen Vermögensverwaltung kann die gesetzliche Regelung für Investmentfonds dienen.

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