Neuerdings werben Lebensversicherer mit ihren stillen Reserven. Diese sind für Aktionäre wichtiger als für Versicherte.

Der "stille Reichtum" von Lebensversicherern ist gesellschaftsfähig geworden. Früher wurden die stillen Reserven gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Neuerdings gehen immer mehr Gesellschaften mit ihren in der Bilanz nicht sichtbaren Rücklagen hausieren.

Hauptgrund für die neue Offenheit ist der Wettlauf um eine gute Position in den Ratings ­ den Bewertungen von Kapitalstärke und Perspektiven eines Unternehmens durch unabhängige Agenturen.

Die Ergebnisse dieser Ratings, in denen Gesellschaften einer Branche in einer Rangfolge erscheinen, werden von Börsianern und privaten Anlegern genau verfolgt. Ein vorderer Platz bewegt sie je nach Bedeutung der Ratingagentur zum Kauf oder Verkauf bestimmter Versichereraktien oder Unternehmensbeteiligungen.

Die Versicherer legen das Geld ihrer Kunden, das sie nicht direkt für Versicherungsfälle brauchen, an. Sie kaufen damit festverzinsliche Wertpapiere, Immobilien oder Aktien. In Aktien dürfen sie maximal 30 Prozent investieren.

Stille Reserven können entstehen, weil der Buchwert einer Kapitalanlage, den ein Unternehmen in seine Bilanz schreibt, häufig niedriger ist, als ihr Marktwert. Verantwortlich dafür ist das sehr vorsichtige deutsche Bilanzierungsrecht. In vielen anderen Ländern können solche Rücklagen gar nicht aufgebaut werden.

In Deutschland aber darf eine Versicherungsgesellschaft eine für 130 Mark erstandene Aktie, die aktuell für 480 Mark zu verkaufen wäre, nur mit ihrem Anschaffungspreis von 130 Mark in ihre jährliche Gegenüberstellung von Aktiva und Passiva schreiben. Das Gleiche gilt für Unternehmensanleihen. Und auch Immobilien werden sogar Jahrzehnte später noch mit ihren damaligen Finanzierungskosten verbucht. So können vor allem Lebensversicherer um viele Millionen, sogar Milliarden reicher sein, als es auf den ersten Blick sichtbar ist.

Unterschiedliche Zahlen

Die Versicherer sind zwar inzwischen gesetzlich verpflichtet, stille Reserven offen zu legen. Die Anforderungen sind aber nicht hoch. So müssen Rücklagen in Immobilien erst seit 1999 genannt werden. Und weil alles in einen Topf fließt, bleibt unklar, woher das Geld im Einzelnen kommt.

Ob die Angaben der Gesellschaften die Wahrheit über ihr Vermögen in der Hinterhand preisgeben, ist deshalb zweifelhaft. Die Zahlen der Unternehmen selbst und die Einschätzungen Außenstehender weichen jedenfalls erheblich voneinander ab.

Jürgen Förterer, Vorstandsvorsitzender der Versicherungsgesellschaft R + V, erklärte vor rund zwei Jahren beispielsweise, stille Reserven machten rund 8 bis 10 Prozent des Kapitalanlagebestandes bei den Lebensversicherern aus. 1998 seien das zwischen 70 und 85 Milliarden Mark gewesen.

Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) ermittelte zum gleichen Zeitpunkt aber Reserven von 166,7 Milliarden Mark.

Nach Ansicht des Vorsitzenden des in Henstedt-Ulzburg ansässigen Bundes der Versicherten (BdV), Hans Dieter Meyer, war die Summe damals und heute noch größer. Meyer denkt, dass unabhängige Sachverständige branchenweit mindestens 200 Milliarden Mark stille Reserven bei den Lebensversicherern zusammenrechnen würden.

Kaum Bedeutung für Kunden

"Reiche" Lebensversicherer werden nicht müde zu erklären, stille Reserven müssten als Puffer aufgebaut werden, um längere Phasen niedriger Kapitalmarktzinsen, aber auch schlechte Börsenzeiten zu überstehen. Die Überschussbeteiligung eines Lebensversicherungsvertrags könne nur so auf konstantem Niveau gehalten werden.

Für einen Kunden, der einen Vertrag für eine Kapitallebens- oder eine private Rentenversicherung unterschreibt, bedeuten diese Rücklagen in Wirklichkeit wenig. Denn nach einer langen Phase niedriger Zinsen oder einer Änderung der Kalkulationsgrundlagen - etwa weil sich die Sterblichkeiten verändert haben ­ senken die Unternehmen meistens die Überschussbeteiligung für ihre Kunden, statt Reserven aufzulösen.

Außerdem sollte die Anlagestrategie von Lebensversicherern so langfristig sein, dass sie auch längere Niedrigzinsperioden oder Kursverluste überstehen können, ohne die Reserven anzugreifen. Und für den Ausgleich von Missmanagement sollte das Geld der Kunden, nicht zur Verfügung stehen. Für den Kunden ist eine zeitnahe Gewinnausschüttung besser, denn stille Reserven, die aus seinen Prämien aufgebaut werden, kommen ihm auf keinen Fall zugute. Vorhandene stille Reserven gehören eigentlich den Altkunden.

Zudem gibt es bisher keinen Zusammenhang zwischen einem renditestarken Vertrag ­ also einer hohen Auszahlung oder attraktiven Rentenzahlung ­ und hohen stillen Reserven, die ein Unternehmen angesammelt hat.

Das Wichtigste ist aber, dass Versicherte gesetzlich keinerlei Anspruch auf eine Teilhabe an den stillen Reserven ihrer Gesellschaft haben. Ob ein Unternehmen irgendwann Überschüsse aus aufgelösten Rücklagen an einen Kunden weitergibt, hängt ausschließlich vom Willen seiner Manager ab.

Versicherer mit einem hohen Anteil an stillen Reserven behaupten, dieses Vermögen käme ihren Kunden zugute. Versicherer mit einem kleinen Polster brüsten sich dagegen mit zeitnaher Gewinnausschüttung, die die Entstehung hoher Reserven verhindere.

Weil beides richtig und falsch zugleich ist, werden stille Reserven in den Untersuchungen von Finanztest erst zur Bewertung eines Tarifangebots herangezogen, wenn Kunden einer Beteiligung an den stillen Reserven per Gesetz sicher sein können. Auch dann ist eine Bewertung der stillen Reserven erst möglich, wenn die Angaben der Unternehmen so differenziert sind, dass deutlich wird, wie viel Geld für die Kunden wirklich verfügbar ist.

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