Lebens­versicherung Special

Erst waren es nur sechs kleinere Versicherer, die ihre Lebens- und Renten­versicherungen an Abwick­lungs­firmen („Run-Off-Firmen“) verkauft haben. Nun hat sich auch der Mutter­konzern der Generali Leben, einer der größten Lebens­versicherer in Deutsch­land, dafür entschieden. Damit wechseln rund vier Millionen Lebens­versicherungs­verträge ihren Besitzer, voraus­gesetzt die staatliche Versicherungs­aufsicht Bafin stimmt dem Verkauf zu. Hier beant­worten wir die wichtigsten Fragen unserer Lese­rinnen und Leser.

Die häufigsten Fragen von Finanztest-Lesern

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Warum verkaufen Versicherer, wie die Generali Leben, ­gerade jetzt ihren Kunden­bestand?

Der italienische Versicherungs­konzern Generali verkauft knapp 90 Prozent seiner deutschen Tochtergesell­schaft Generali Leben an das Abwick­lungs­unternehmen Viridium. Dies ist der bisher größte Verkauf eines Kunden­bestands. Die Viridium-Gruppe hatte bisher rund 1 Million Verträge im Bestand und vergrößert ihn mit einem Schlag auf 5 Millionen. Viele Lebens­versicherer sind unter Druck, weil es ihnen in der Nied­rigzins­phase immer schwerer fällt, an den Kapitalmärkten hohe Erträge zu erzielen. Die brauchen sie, um die Leistungen erfüllen zu können, die sie in früheren Renten- und Lebens­versicherungen garan­tiert haben.

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Was genau passiert bei so einem Verkauf?

Zuerst beschließt ein Lebens­versicherer, sein Neugeschäft einzustellen, er nimmt also keine neuen Kunden mehr an. Bestehende Verträge müssen aber weitergeführt werden bis zum Vertrags­ablauf – also bis jeder Kunde ­seine ­Kapital­leistung erhalten hat und der letzte Rentner gestorben ist. Fürs Abwi­ckeln hat ein Versicherer zwei Möglich­keiten: Entweder er behält die Verträge im eigenen Unternehmen, bis sie abge­laufen sind, oder er verkauft sie an eine Run-off-Firma. Run-off heißt über­setzt Ablaufen. Auch so eine Firma untersteht der staatlichen Versicherungs­aufsicht Bafin – wie alle Lebens­versicherer.

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Welche Verträge sind von einem Verkauf betroffen?

Über­nommen werden alle Verträge, also ­sowohl private Renten- und Lebens­versicherungen als auch Riester- und Rürup-Policen sowie Verträge für eine betriebliche Alters­vorsorge.

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Wird die Mehr­zahl der Lebens­versicherer ihren Kunden­bestand demnächst verkaufen?

Das weiß noch niemand. Bisher waren es nur kleinere Lebens­versicherer. Doch nachdem das Branchen­schwergewicht Generali sich zu diesem Schritt entschlossen hat, werden andere Gesell­schaften nach­ziehen. Die Rating­agentur Fitch rechnet damit, dass Lebens­versicherer bis 2022 ein Fünftel des Bestandes auf Halde legen und ihr Neugeschäft einstellen. Ob sie bestehende Verträge dann im eigenen Unternehmen bis zum Ablauf halten oder an eine Run-off-Firma – auch Abwick­lungs­firma genannt – verkaufen, steht in den Sternen. Auch die Ergo hatte zunächst den Verkauf angekündigt, wickelt den Bestand nun jedoch selbst ab. Der Markt­führer Allianz hat ausgeschlossen, dass er das Neugeschäft einstellt und bestehende Verträge abwi­ckelt. Dies gilt auch für andere Versicherer, etwa die Nürn­berger.

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Ein Versicherungs­unternehmen nimmt keine Kunden mehr – das klingt absurd. Einst gaben die Lebens­versicherer viel Geld aus, um neue Kunden zu werben. Was hat sich in der Zwischen­zeit geändert?

Die Unternehmen reagieren in der Nied­rigzins­phase unterschiedlich. Einige haben neue Angebote mit nied­rigeren Garan­tien auf den Markt gebracht, andere setzen verstärkt auf Versicherungen mit Fonds und Kosten­einsparungen oder beides.

Die Finanz­aufsicht Bafin fordert die Lebens­versicherer immer wieder auf, ihre Vertriebs­kosten zu senken. Denn hohe Kosten schmälern ihre Wett­bewerbs­fähig­keit und knabbern an den Leistungen der Kunden. Die Abwick­lungs­unternehmen, die ja keine neuen Kunden mehr wollen, können auf einen teuren Außen­dienst verzichten und wollen die Verwaltungs­kosten für bestehende Verträge verringern. Doch von möglichen Kosten­erspar­nissen müssen sie nur die Hälfte an ihre Kunden weiterreichen.

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Muss ich zustimmen, wenn mein Versicherer meinen Vertrag an eine andere Firma verkauft?

Nein, Ihr Versicherer muss Ihre Zustimmung nicht einholen, er darf verkaufen, ohne Sie als Kunden zu fragen. Allerdings ist eine Genehmigung der Finanz- und Versicherungs­aufsicht notwendig. Die Bafin stimmt laut Versicherungs­aufsichts­gesetz zu, „wenn die Belange der Versicherten gewahrt sind und die Verpflichtungen aus den Versicherungen als dauernd erfüll­bar dargetan sind“. Eine ­Bedingung für den Verkauf ist es, dass – so heißt es in der Fach­sprache – „der Wert der Über­schuss­beteiligung der Versicherten des über­tragenden und des über­nehmenden Versicherungs­unter­nehmens nach der Über­tragung nicht nied­riger ist als vorher“. Übersetzt heißt das: Ihre bereits garan­tierte Über­schuss­beteiligung bleibt Ihnen auch beim neuen Unternehmen erhalten, nicht fest zugesagte Über­schüsse aber nicht.

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Kann ich noch etwas tun, um meinen Vertrag zu optimieren?

Nein, speziell für den Run-off haben wir leider keine Tipps für Sie. Sie sparen aber immer, wenn Sie zum Beispiel den Beitrag einmal jähr­lich im Voraus zahlen statt monatlich.

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Was sagen Gesetz­geber und staatliche Versicherungs­aufsicht zu dem Thema?

Die Bafin hat bisher alle Verkäufe genehmigt. Sie hat nach eigenen Angaben zuvor geprüft, ob „die Belange der Versicherten gewahrt“ sind. Der Bundes­tag hat dazu bisher keine Beschlüsse gefasst. Abge­ordnete haben sich ­jedoch kritisch geäußert. Der stell­vertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundes­tags­frak­tion Ralph Brink­haus nennt den Verkauf von Versicherungs­beständen laut Online-Fach­dienst „Versicherungs­monitor“ einen „massiven Vertrauens­bruch gegen­über den Versicherten“. Der Finanz­experte von Bündnis 90/Die Grünen Gerhard Schick fordert ­eine gesetzliche Klärung, „ob das erlaubt ist“.

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Wie finanzieren die Run-off-Firmen meine lebens­lange Rente, wenn sie immer weniger Beiträge ­einnehmen? Denn neue Kunden ­kommen ja nicht dazu.

Am Anfang, wenn noch viele Beitrags­zahler da sind, ist das noch kein Problem; später schon. Versicherer, die laufend Beiträge von neuen Kunden einnehmen, können dieses Geld anlegen oder es gleich wieder für Rentenzah­lungen ausgeben. Gibt es güns­tigere Konditionen auf dem Kapitalmarkt, können sie das „frische Geld“ aus den Beiträgen gewinn­bringender anlegen. Für die Finan­zie­rung der Renten haben sie also immer zwei Quellen: Geld aus Beiträgen und aus der Verzinsung oder dem Verkauf von Kapital­anlagen. Wenn Run-off-Unternehmen aber immer weniger Beiträge und am Schluss gar keine mehr einnehmen, müssen sie die Renten aus den alten, immer weniger gewordenen Kapital­anlagen finanzieren.

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Wenn die traditionellen Lebens­versicherer ihre Kunden loswerden wollen, warum führen die Run-off-Firmen die Verträge weiter? Wie funk­tioniert deren Geschäfts­modell?

Die Abwick­lungs­gesell­schaften setzten darauf, möglichst viele Verträge zu erwerben. Sie wollen wachsen, um den still­gelegten Bestand möglichst kostengünstig verwalten zu können. Wenn Sie weniger Kosten haben, als einst kalkuliert, bleibt mehr Gewinn übrig. Von ihren Kostengewinnen müssen sie ihren Kunden allerdings 50 Prozent abgeben. Ob das Geschäfts­modell lang­fristig funk­tioniert, ist ungewiss.

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Ist Kündigen eine gute Alter­native, wenn ich meinen Vertrag nicht bei einem Run-off-Unternehmen fortführen will?

Nein, das ist meist keine gute Alternative. Kündigen Sie möglichst keine noch einige Jahre laufende Lebens- oder Renten­ver­sicherung. Dies gilt vor allem für Verträge, die schon sehr lange laufen. Eine vergleich­bar ­hohe sichere Verzinsung gibt es derzeit nicht. Auch eine Beitrags­frei­stellung ist bei gut verzinsten Verträge nicht empfehlens­wert. Dies sollten Sie nur tun, wenn Sie sich die Beiträge nicht mehr leisten können.

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Gilt die alte Garantie von 3,5 Prozent noch?

Wir, ein Ehepaar, haben 1991 zwei Kapital­lebens­versicherungen bei der Berli­nischen Lebens­versicherung abge­schlossen, einem traditions­reichen 1836 gegründeten Unternehmen. Es wurde 1998 vom Versicherer Delta Lloyd über­nommen, der weiter neue Kunden warb. Im Jahr 2015 über­nahm die Run-off-Platt­form Athene Lebensver­sicherung Delta Lloyd und ­wickelt seitdem be­stehende Verträge ab. Neue Kunden werden nicht mehr angenommen. Sind unsere ­Garan­tien von 3,5 ­Prozent noch sicher?

Ja, Ihre Garan­tien sind sicher. Die Athene Lebens­versicherung ist die „wichtigste operative Tochtergesell­schaft von AGER Bermuda Holding Ltd.“, wie es auf der ­Internetseite des Unter­nehmens heißt. Die Muttergesell­schaft sitzt auf den Bermudas. Doch Sie müssen sich keine Sorgen machen: Für Sie als Kunden der deutschen Tochtergesell­schaft gilt deutsches Recht. Das bedeutet für Sie: Der bei Vertrags­schluss gegebene Garan­tiezins hat bis zum Vertrags­schluss Bestand.

Ihr hoher Garan­tiezins von 1991 gilt bis zum Vertrags­ende im Jahr 2031. Was an Über­schüssen hinzukommt, ist jedoch ungewiss.

Dieses Special ist erst­mals am 17. Oktober 2017 auf test.de erschienen. Es wurde am 06. Juli 2018 aktualisiert.

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