Immer mehr Versicherer verkaufen laufende Verträge an Abwick­lungs­firmen. Millionen Kunden sorgen sich um ihr Geld. Finanztest erklärt, wie das Geschäft der sogenannten Run-off-Platt­formen funk­tioniert – und was die Verkäufe für Versicherungs­kunden bedeuten.

Lebens­versicherung Special

Nancy Widmann sorgt sich um ihre Rente. Zehn Jahre hat sie Beiträge gezahlt. Knapp 20 Jahre läuft der Vertrag noch – nun jedoch bei einer „Run-off-Firma“.

Eine Entscheidung fürs Leben? Von wegen!

Zwei Such­worte, 261 000 Treffer. Das ist das Ergebnis, wenn man Lebens­versicherung und Vertrauen zusammen googelt. Der eins­tige Verkaufs­schlager der Versicherer hat sehr viel mit Vertrauen zu tun, denn die Kunden haben ihre Verträge oft für Jahr­zehnte abge­schlossen. Viele dachten, ihre Entscheidung für einen Lebens­versicherer sei eine Entscheidung fürs Leben.

Die Arag Leben gibt es nicht mehr

So auch Nancy Widmann. Im Jahr 2006 hat sie eine private Renten­versicherung bei der Arag Lebens­versicherungs-AG abge­schlossen. 50 Euro Beitrag zahlt sie im Monat. In knapp 20 Jahren, ab Juli 2037, soll dann eine monatliche Rente fließen. Doch die kommt dann nicht mehr von der Arag Leben. Die Gesell­schaft gibt es nicht mehr. Sie wurde im Juli 2017 von der Frank­furter-Leben-Gruppe über­nommen. Ein Bestand von 322 000 Lebens- und Renten­versicherungs­verträgen wechselte den Besitzer. Darunter der von Nancy Widmann. „Ihr Vertrag befindet sich weiterhin in guten Händen“, schrieb ihr die Frank­furter Leben. Doch Widmann hat Zweifel: „Ich bin irritiert“, sagt sie. „Mein Vertrauen in die Versicherung ist infrage gestellt.“ Auch Arag-Kunde Wolfgang Urbas ist verunsichert: „Geht das so einfach – ein Verkauf über die Köpfe der Kunden hinweg?“

Kauf von Verkauften

Kunden, deren Lebens­versicherer von einer Abwick­lungs­gesell­schaft aufgekauft worden ist, können ihren Vertrag im Notfall an sogenannte Policen­aufkäufer verkaufen. Voraus­setzung: Der Vertrag hat einen hohen Garan­tiezins. Das ergab eine Stich­probe von Finanztest bei einigen Firmen, die Policen von einzelnen Kunden erwerben und ihnen etwas mehr als den Rück­kaufs­wert bei Kündigung zahlen.

Garan­tien gelten weiter

Lebens­versicherung Special

Wolfgang Urbas hat vor 24 Jahren bei der Arag gleich drei Policen abge­schlossen. Jetzt hat der Lebens­versicherer diese Verträge abge­stoßen.

Der Brief des neuen Versicherers hat Widmann und Urbas nicht über­zeugt. Auch wenn dort fett gedruckt steht: „An Ihrem Vertrag und dem Umfang der Versicherungs­leistungen ändert sich nichts. Ihr Versicherungs­schutz bleibt unver­ändert bestehen.“ Richtig ist: An den Garan­tien ist nicht zu rütteln. Verkauft ein Unternehmen Verträge weiter, über­gibt es auch die dazu­gehörigen Kapital­anlagen. Welche Über­schüsse daraus und aus der Anlage der künftigen Beiträge entstehen, hängt davon ab, wie das Unternehmen wirt­schaftet – und das ist nun ein neues.

Aufsicht hat Über­nahme genehmigt

Keinen Grund zur Sorge für die Kunden sieht die Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht (Bafin). Sie hat geprüft, ob die „Belange der Versicherten gewahrt“ sind und die Über­nahme dann genehmigt. Die Frank­furter-Leben-Gruppe wird so kontrolliert „wie alle anderen Lebens­versicherer“; es gelten „gleiche aufsichts­recht­liche Vorschriften“, teilt eine Sprecherin mit.

Run-off-Gesell­schaften nehmen keine neuen Kunden an

Die Frank­furter-Leben-Gruppe unterscheidet sich jedoch fundamen­tal von anderen Lebens­versicherern: Sie nimmt keine neuen Kunden an, verwaltet nur bestehende Verträge, die Kunden einst woanders abge­schlossen haben, und führt sie weiter bis zum Ablauf. Die eng­lische Über­setzung Run-off ist daher die Bezeichnung für die neuen Unternehmen. Sie werden Run-off-Gesell­schaften oder auch Abwick­lungs­platt­formen genannt.

Bis jetzt 1,8 Millionen Verträge

Derzeit gibt es drei Run-off-Gesell­schaften:

  • Frank­furter-Leben-Gruppe. Zu dieser Unter­nehmens­gruppe gehören zwei Gesell­schaften mit insgesamt 420 000 Verträgen. Die Frank­furter Leben hat den Bestand der Basler Leben über­nommen, die Frank­furt Münchener Leben die Arag-Kunden.
  • Athene Lebens­versicherung. Sie verwaltet rund 350 000 eins­tige Delta-Lloyd-Verträge.
  • Viridium-Gruppe. Sie hat die Verträge der Heidel­berger Lebens­versicherung, der Skandia und der Protektor Lebens­versicherungs-AG über­nommen – zusammen knapp eine Million Policen.

Insgesamt verwalten diese drei Firmen also rund 1,8 Millionen Lebens­versicherungs- und Renten­verträge, darunter staatlich geförderte Riester- und Rürup-Policen.

Ergo und Generali wollen auch abwi­ckeln

Auch die Ergo sucht einen Käufer für ihren Lebens­versicherungs­bestand, hatte ihn bei Redak­tions­schluss allerdings noch nicht gefunden. Sechs Millionen Verträge würden dann die Gesell­schaft wechseln. Die Generali will ihre vier Millionen Lebens­versicherungs­verträge im kommenden Jahr abwi­ckeln.

Unser Rat

Stand­mitteilung prüfen. Wenn Sie Kunde eines Lebens­versicherers sind, der von einer Abwick­lungs­gesell­schaft über­nommen worden ist, prüfen Sie Ihre Stand­mitteilung von der neuen Gesell­schaft genau. Hat sich Ihre Über­schuss­beteiligung verschlechtert? Fragen Sie die Gesell­schaft nach den Gründen.

Vertrag fortführen. Kündigen Sie möglichst keine noch einige Jahre laufende Lebens- oder Renten­versicherung. Eine vergleich­bar hohe sichere Verzinsung gibt es derzeit nicht. Die meisten Kosten sind bezahlt, ein größerer Beitrags­teil wird verzinst. Am Ende winkt ein Schluss­über­schuss.

Kapitalzahlung wählen. Bei einer privaten Renten­versicherung mit Kapital­wahl­recht sollten Sie am Ende der Spar­phase prüfen, wie hoch die Steuer ist, und dann möglichst die Kapitalzahlung wählen. Weil keine neuen Kunden mehr genommen werden, wird der Bestand immer kleiner. Am Ende ist ungewiss, wie viel Geld noch für lange lebende Rentner zur Verfügung steht.

Größe bringt Gewinn

Die Run-off-Gesell­schaften wollen wachsen. Denn Größe ist ein wichtiger Faktor in ihrem Geschäfts­modell. „Je mehr Versicherungs­verträge auf einer einzigen, gemein­samen Platt­form verwaltet werden, desto geringer sind die anteiligen Versicherungs­verwaltungs­kosten je Vertrag“, erläutert die Viridium-Gruppe auf ihrer Internetseite. Mit der Protektor Lebens­versicherungs-AG hat Viridium die Kunden der ehemaligen Mann­heimer Lebens­versicherung über­nommen. Im Jahr 2003 musste die notleidende Mann­heimer von einer eigens von der Versicherungs­branche gegründeten Gesell­schaft aufgefangen werden. Andernfalls wäre sie insolvent geworden. Unter dem Namen Protektor wurden die bestehenden Verträge weitergeführt. Im Juli hat die Viridium-Gruppe nun den gesamten Bestand über­nommen und unter dem Namen Entis Lebens­versicherung in ihre Holding einge­gliedert.

Sicherungs­einrichtung Protektor

Die gesetzlich vorgeschriebene Sicherungs­einrichtung bleibt unter dem Namen Protektor bestehen. Auch die Run-off-Platt­formen sind dort Mitglied. Das bietet den Kunden Schutz bei Insolvenz.

Es herrscht Gold­gräber­stimmung

Doch dies ist für die neuen Gesell­schaften kein Thema. Es herrscht Gold­gräber­stimmung. „Weitere Zukäufe von anderen Versicherungs­unternehmen sind geplant“, schreibt die Frank­furter Leben in einer Presse­mitteilung. Und Versicherer, die ihre Kunden verkauft haben, weinen ihnen offen­bar keine Träne nach. Der Vorstands­chef des Arag-Konzerns, Paul-Otto Faßbender, sagte in seiner jüngsten Bilanz­presse­konferenz: „Der Verkauf der Arag Leben ist ein klares Zeichen unternehmerischer Vernunft und in einer Tiefzins­phase letzt­lich alternativlos.“

Kein teurer Außen­dienst

Käufer und Verkäufer sind hoch­zufrieden. Doch welches Schick­sal erwartet die Kunden? Theoretisch sollen sie ebenfalls profitieren von den Kosten­einsparungen, auf denen das Geschäfts­modell der Run-off-Platt­formen beruht. Ein teurer Außen­dienst, der Kunden wirbt, entfällt. Mit einer nur auf Bestands­kunden zuge­schnittenen Verwaltungs­technik und voraus­sicht­lich weniger Personal sparen die neuen Unternehmen Geld. Und je mehr Kunden sie haben, desto güns­tiger ist ihre Geld­anlage, weil sie Anla­gepro­dukte zu geringeren Kosten kaufen können als ein kleiner oder mittel­großer Versicherer.

Kunden profitieren von Über­schüssen

Wenn sie weniger Kosten haben als kalkuliert, müssen sie mindestens 50 Prozent von den Kosten­über­schüssen an ihre Kunden weitergeben – wie jeder andere Lebens­versicherer auch. Das schreibt die Mindest­zuführungs­ver­ordnung vor. Wirt­schaften die Run-off-Gesell­schaften kostengünstig, haben also auch die Kunden etwas davon. Auch am Kapital­anlage­ergebnis und Risiko­ergebnis müssen sie die Kunden teilhaben lassen. Jeweils mindestens 90 Prozent davon gehören ihnen. Risikogewinne entstehen, wenn weniger für versicherte Risiken, beispiels­weise den Todes­fall, aufgewendet wird als zunächst kalkuliert. Aus den Kapital­erträgen stammt der größte Über­schuss­brocken. Er wird mit dem Spargeld der Kunden erwirt­schaftet.

Abge­koppelt vom Wett­bewerb

Doch müssen die Versicherer nicht mehr mit einer blendenden Beteiligung der Kunden am Anla­geerfolg werben. Im jüngsten Bericht des Ausschusses für Finanz­stabilität, der das Bundes­finanz­ministerium berät, heißt es: „Versicherer im Run-off sind vom Wettbewerbs­druck abge­koppelt. Sie können sich darauf beschränken, die Versicherten nur im vorgeschriebenen Mindest­umfang an den Über­schüssen zu beteiligen.“ Das gibt zu denken. Ebenso wie dieser Satz im Bericht: „Wird der Bestand zu klein, ist möglicher­weise kein adäquater versicherungs­tech­nischer Risiko­ausgleich im Kollektiv mehr möglich.“ Wenn es immer weniger Verträge im Bestand der Run-off-Gesell­schaft gibt, kein frisches Kundengeld mehr herein­kommt, wie werden dann in Jahr­zehnten die Renten der letzten Rentner bezahlt?

Leser­aufruf

Haben Sie Hinweise oder Fragen zum Thema Run-off? Schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an:
run-off@stiftung-warentest.de.

Dieser Artikel ist hilfreich. 22 Nutzer finden das hilfreich.