Vier Millionen Homosexuelle soll es in Deutschland geben. Weil sie als besonders ­kauf­kräftig gelten, werben einige Firmen gezielt um sie. Viele Unternehmen haben aber immer noch Vorurteile — besonders die Lebensversicherer tun sich schwer.

Thomas Späth und Clemens Wallner aus Berlin sind schon lange ein Paar. Als Späth 2001 eine Kapitallebensversicherung bei der R+V abschließen wollte, setzte er seinen Lebensgefährten und heutigen Lebenspartner Clemens Wallner als Begünstigten ein.

Mit der Versicherung wollten die beiden die Finanzierung für ein Mehrfamilienhaus absichern, das sie gerade gekauft hatten. Sollte Späth unerwartet sterben, könnte Wallner mit dem Geld von der Versicherung den Kredit weiter abzahlen.

Doch erst einmal hakte die Versicherung nach: „Bitte Hintergrund Todesfallbezugsrecht klären (Mann)“, stand knapp in der Anweisung an den Außendienstmitarbeiter. Die R+V wollte wohl wissen, wieso nicht eine Frau, sondern ein Mann der Begünstigte sein sollte.

Der Versicherungsvermittler stellte daraufhin die Beziehung der beiden Männer als eine rein geschäftliche dar und bat Thomas Späth, dies zu bestätigen. Sah er seine Provision gefährdet? So jedenfalls kam der Vertrag zustande.

Als Späth die R+V fragte, wieso sie sich dafür interessiere, wen er als Bezugsberechtigten seiner Lebensversicherung einsetzt, reagierte diese nicht.

Risiko wird extra streng geprüft

Ein knappes Jahr später wendete sich Späth erneut an das Unternehmen. Die Nachfrage von damals ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er wollte nicht als Schwuler diskriminiert werden.

Und tatsächlich: „Um unser Risiko für den Leistungsfall einschätzen zu können, verlangen wir von homosexuellen Personen weitere Gesundheitsangaben wie beispielsweise einen aktuellen HIV-Test“, antwortete die R+V. Da es sich bei Späth und Wallner aber um Geschäftspartner handele, habe man den Antrag ohne weitere Nachfrage angenommen, schrieb das Unternehmen.

Solch eine ehrliche Stellungnahme ist so selten, dass Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sie auf dem Christopher Street Day 2003 in Köln verlas. Fragt man bei den Unternehmen nach, behaupten sie normalerweise, niemanden zu diskriminieren.

So auch die R+V: „Früher haben wir gelegentlich bei Antragstellern, die vermutlich in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, eine erweiterte Risikoprüfung durchgeführt. Heute bitten wir Kunden, die eine Lebensversicherung von mehr als 250 000 Euro abschließen wollen, im Rahmen der Gesundheitsauskünfte auch um einen HIV-Test. Das gilt jedoch für alle Kunden gleichermaßen“, erzählt Pressesprecherin Stefanie Simon.

Aufsicht droht mit Rüge

Diskriminierung ist schließlich verbo­ten. Michael Trommeshauser, Sprecher der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn sagt: „Fragen nach Vorerkrankungen wie Aids sind nur zulässig, wenn jeder Antragsteller gefragt wird. Auch ein HIV-Test darf zum Beispiel bei Überschreitung einer gewissen Versicherungssumme gefordert werden.“

Diese Verpflichtung dürfe aber nicht nur für bestimmte Gruppen wie zum Beispiel Homosexuelle gelten, macht der Sprecher der Aufsichtsbehörde deutlich. Fragen nach der sexuellen Orientierung seien im Versicherungsantrag außerdem unzulässig.

„Eine Ablehnung allein wegen Homo­sexualität wäre grundsätzlich als Diskriminierung zu werten, die BaFin würde diese Praxis beanstanden“, kündigt Trommeshauser an.

Auch Lesben werden diskriminiert

Diese Drohung scheint die Versicherer nicht sehr zu beeindrucken. Versicherungsmakler, die sich auf Homosexuelle spezialisiert haben, machen oft schlechte Erfahrungen.

„Die meisten Unternehmen verhalten sich diskriminierend, wenn Schwule eine Risiko- oder eine Kapitallebensversicherung abschließen wollen. Sie verlangen HIV-Tests, lehnen Verträge aus fadenscheinigen Gründen ab oder fordern saftige Risikozuschläge“, sagt Christian Brandt, Geschäftsführer von ComVers. Die Hamburger Maklerfirma vermittelt Versicherungen an Schwule und Lesben.

Ulrich Baumbusch, Versicherungsmakler aus Berlin und ebenfalls auf homosexuelle Kunden spezialisiert, berichtet, dass auch Lesben diskriminiert werden: „Daran merkt man doch, dass persönliche Moralvorstellungen eine Rolle spielen. Denn Lesben haben nun wirklich kein erhöhtes Risiko wegen ihrer sexuellen Orientierung.“

Dabei sind Homosexuelle eine zahlungskräftige Kundengruppe. Der Gerling-Konzern war es, der 1998 wohl als Erster mit seiner „Rosa Rente“ Schwule als Kunden für Lebens-, Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherungen gewinnen wollte. Das gab einigen Mitbewerbern den Anstoß, sich mehr um Homosexuelle zu bemühen.

Viel hat sich nicht bewegt. Heute versichert der Gerling-Konzern Homosexuelle mit seinen üblichen Versicherungsprodukten. Volker Gasser, Ab­teilungsleiter der Öffentlichkeitsarbeit des Gerling-Konzerns stellt fest: „Auch heute noch tun sich viele Versicherer schwer.“

Aids-Risiko wird überbewertet

Das Risiko, sich als Schwuler mit HIV zu infizieren, ist tatsächlich größer als für Heterosexuelle. Das bestätigt Dr. Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut. „Von den rund 2 000 Neuinfektionen pro Jahr in Deutschland ist etwa die Hälfte auf homosexuelle Kontakte zwischen Männern zurückzuführen.“

Doch für Schwule gibt es – wie für alle anderen auch – wesentlich größere Risiken. Diese sind den Versicherern beim Abschluss einer Risiko- oder Kapitallebensversicherung aber meist völlig egal. „Warum fragen die Unternehmen nicht, ob der Antragsteller ein Sextourist ist, ob er trinkt oder ob es Erbkrankheiten in seiner Familie gibt?“, fragt Versicherungsmakler Brandt.

Und er hat gleich noch eine andere Frage: „Wieso gewähren die Unternehmen Schwulen eigentlich keine Rabatte auf Rentenversicherungen? Das wäre doch nur logisch, wenn es stimmen würde, dass Schwule wesentlich früher sterben als der Durchschnittsbürger.“ Denn dann müssten die Versicherer die Rente ja nicht so lange zahlen.

Thomas Späth und Clemens Wallner wollten ihr Geld keinem Unternehmen anvertrauen, das Schwule diskriminiert. Sie kündigten den Vertrag bei der R+V. Nach langem Hin und Her hob diese den Vertrag auf und erstattete den größten Teil der Beiträge zurück.  

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