Kunden haben seit 2008 ein Recht auf ihren Anteil an den stillen Reserven ihres Versicherers, wenn der Vertrag endet. Doch oft heißt es: Es ist nichts da, oder es gab schon etwas.

Wenn Versicherer in diesem Jahr die Reservetöpfe für ihre Kunden öffnen müssen, klingt das nach mehr Geld. Burkhard Trümpler, 52, Starkstromelektriker aus Bramsche bei Osnabrück, erwartete deshalb eine gute Nachricht, als die Standmitteilung für seine Lebensversicherung bei der Inter neulich in seinem Briefkasten lag. Doch dort hieß es: „Die saldierten Bewertungsreserven betragen null Euro.“

Ähnliches erlebte Debeka-Kunde Bernd Wehner. Ihm wurde mitgeteilt, alle Überschüsse würden zeitnah ausgeschüttet. Zusätzliche Mittel seien nicht vorhanden. Und auch Finanztest-Leserin Irene Palm soll nicht mehr bekommen: „Was letztes Jahr Schlussüberschuss war, ist jetzt centgenau Schlussüberschuss inklusive Anteil an stillen Reserven. Das ist doch ein Witz.“ Palm zahlt seit 1994 in eine Kapitallebensversicherung beim Volkswohlbund ein.

Bei der Allianz, bekannt als reservestark, soll es tatsächlich mehr Geld geben. Das Unternehmen hat wegen der seit Jahresbeginn vorgeschriebenen Beteiligung der Kunden an stillen Reserven höhere Ablaufleistungen angekündigt. Sprecher Uwe Rössler: „Wir haben trotz der Finanzkrise viel zu verteilen.“ Zweimal monatlich rechne sein Unternehmen die stille Reserve aus.

Etwa 0,5 Prozentpunkte der Verzinsung des Sparanteils beruhten bei einem über 20 Jahre laufenden Vertrag im Schnitt auf stillen Reserven, verkündete Allianz-Leben-Chef Maximilian Zimmerer im Dezember 2007. Und das sei nicht Teil des Schlussüberschusses, sondern extra, versichert Sprecher Rössler.

Bei klassischen Lebensversicherungen können mehrere Quellen das Kundengeld vermehren: der Garantiezins auf den Sparanteil von derzeit 2,25 Prozent bei Neuverträgen plus mindestens 90 Prozent eines höheren Zinsgewinns. Außerdem gibt es mindestens 75 Prozent vom Risiko- und 50 Prozent von Kostenüberschuss, der jeweils anfällt, wenn mehr Geld übrigbleibt, als zuvor kalkuliert war. Mindestens die Hälfte der stillen Reserven sind nun für den Kunden dazugekommen.

Einen Vorher-nachher-Eindruck bekamen rund 30 000 Allianz-Kunden, deren Vertrag zum 1. Januar 2008 endete, „technisch“ aber angeblich am Tag zuvor abgelaufen war. Erst gab es für sie keinen Reserveanteil, nach Protesten einen Nachschlag. „Im Schnitt waren es 1 000 Euro“, so Rössler.

Leserin Maria Götz erhielt auch auf Nachfrage keinen Euro mehr. Ihre Police bei der Allianz war am 31. Dezember 2007 abgelaufen. Sie sei in der Vergangenheit an den Reserven beteiligt worden, versicherte das Unternehmen ihr in einem Schreiben.

Buchwert kontra Marktwert

Eine stille Reserve, von Versicherern meist „Bewertungsreserve“ genannt, ist die Differenz zwischen dem Buchwert einer Kapitalanlage und ihrem darüber liegenden Marktwert. Ein Gebäude wurde beispielsweise vor zehn Jahren angeschafft und ist wegen seines mittlerweile gut entwickelten Umfelds heute doppelt so viel wert wie damals. Oder ein Aktienpaket, das das Unternehmen vor drei Jahren erwarb, hat inzwischen einen viel höheren Kurswert. Umgekehrt werden zu hoch bewertete Kapitalanlagen als stille Lasten bezeichnet.

Bislang konnten die Versicherer ihre Reserven behalten, solange sie sie nicht durch Verkauf zu Gewinn machten. Jetzt müssen sie scheidenden Kunden die Hälfte davon abgeben. Das neue Versicherungsvertragsgesetz schreibt vor, dass die Bewertungsreserven jährlich neu zu ermitteln und nach einem „verursachungsorientierten“ Verfahren rechnerisch zuzuordnen sind.

Der Begriff „verursachungsorientiert“ ist nicht klar definiert. Verbraucherschützer kritisieren das. Edda Castelló, Leiterin der Rechtsabteilung bei der Verbraucherzentrale Hamburg: „Der einzelne Kunde kann jedenfalls nicht beurteilen, welche Werte das für ihn sind. Und warum 50 Prozent und nicht mehr weitergegeben werden müssen, ist auch nicht nachvollziehbar.“

In der Verbraucherzentrale Hamburg tauchten sehr viele Kunden mit Schreiben ihrer Versicherungsunternehmen auf, in denen stille Reserven als Extraposten mit dem Wert „null“ angegeben seien. „Ich frage mich, wo das ganze Geld ist“, sagt Beraterin Castelló. Es gehe schließlich auch um die mit Kundengeld gebauten Glaspaläste, die die Versicherer jetzt teuer vermieteten.

Theorie und Praxis

Stille Reserven müssen seit dem 1. Januar 2008 allen scheidenden Kunden ausgezahlt werden. Dass das nicht jedem bekannt ist, erfuhr Holger Schrader aus Wedel. Seine Schwiegermutter starb im März 2008. Ihre seit 1974 laufende Kapitallebensversicherung bei der Familienschutz AG wurde deshalb ausgezahlt. Als Schrader nach den stillen Reserven fragte, erklärte ihm ein Mitarbeiter, das gelte erst ab 2009.

Schrader wusste es besser und beschwerte sich. Daraufhin wurde ihm mitgeteilt, dass die Familienschutz AG zum Stichtag 30. September 2007 keine stillen Reserven gehabt habe.

Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband, ist zuversichtlich, dass die Fortschritte für die Kunden noch kommen. Die Branche befinde sich in einer Übergangsphase. Bisher erführen nach seiner Erfahrung die wenigsten Kunden, wie viele Reserven ihre Gesellschaft habe und wie hoch ihr Anteil daran sei. Die Unternehmen könnten das jetzt auch noch damit begründen, dass sie nur einmal jährlich Bilanz ziehen. Gatschke: „Aber ab 2009 gibt es keine Ausrede mehr.“

Widerstand kann helfen

Jurist Gatschke baut auf einklagbare Rechte. „Die Kunden haben einen Anspruch auf ihren Anteil an den Reserven. Und sie haben einen Anspruch auf eine fundierte Auskunft über die aktuelle Reservelage ihres Versicherers.“

Gatschke empfiehlt zunächst schriftlich nachzufragen, wenn Reserven unerwähnt blieben oder Angaben nicht nachvollziehbar seien: „Manchmal reicht das schon und ein Kunde bekommt noch einen Anteil nachgezahlt.“ Anderenfalls rät er, sich beim Versicherungsombudsmann zu beschweren (siehe „Unser Rat“). Das koste nichts. Erst wenn das nichts nütze, müsse ein Kunde vor Gericht ziehen und Auskunft über die Reserve einklagen.

Beraterin Edda Castelló sieht das genauso, weiß aber auch aus Erfahrung, dass nur wenige Kunden diesen Schritt wagen. „Wir suchen nach einem mutigen Menschen, der das mit unserer Hilfe und der eines idealistischen Anwalts durchficht.“

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