Die Versicherungsbranche erlebt zurzeit die „schwierigste Situation“ der Nachkriegszeit, wie sie selbst zugibt. Viele Kunden werden weniger Geld aus ihrer Versicherung bekommen als erwartet. Doch eine Kündigung lohnt selten.

Die fetten Jahre sind vorbei, auch bei den Versicherungsunternehmen. 2,5 Milliarden Euro Verlust verzeichnete selbst die große Allianz im dritten Quartal 2002. Rote Jahresabschlüsse dürfte es diesmal branchenweit hageln.

Die Kunden werden es merken: hö­here Preise, weniger Leistung. Die meisten Versicherten mit einer Kapitallebens- oder privaten Rentenversicherung mussten schon in diesem Jahr eine Kürzung ihrer Überschussbeteiligung hinnehmen. Die bei Vertragsbeginn für ihre Kapitallebensversicherungen hochgerechneten Ablaufleistungen werden sie nicht erreichen. Auch die Prognosen für Renten in aufgeschobenen Rentenversicherungen wurden gesenkt. Und Kunden, die zurzeit eine Privatrente erhalten, müssen Kürzungen bis zu 10 Prozent und mehr verkraften.

Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. So wird Branchenprimus Allianz seine Überschussbeteiligung für 2003 erneut senken, diesmal auf 5,3 Prozent. Schon im Herbst 2001 korrigierte das Unternehmen den Wert von 7,5 auf 6,8 Prozent.

Eine Überschussbeteiligung erhält ein Kunde, wenn der Versicherer mit seinem Geld mehr erwirtschaftet als den Garantiezins. Mit 5,3 Prozent zahlt etwa die Allianz dann 2,05 Prozent mehr als den aktuellen Garantiezins von 3,25 Prozent.

Mit seiner jetzt für 2003 zugesagten Überschussbeteiligung ist der Stuttgarter Versicherer etwas besser als der Durchschnitt. 5 Prozent erwartet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) branchenweit als durchschnittliche Überschussbeteiligung aller Verträge im kommenden Jahr, mit „erheblichen Abweichungen“ nach oben und unten bei einzelnen Unternehmen. Vor zwei Jahren waren es im Schnitt 6,5 Prozent.

Einige Gesellschaften, wie die Mannheimer, werden ab 2003 sogar nur noch den Garantiezins auf den Sparanteil im Beitrag zahlen. Bei ab Juli 2000 ­geschlossenen Verträgen sind das 3,25 Prozent. Das entspricht je nach Höhe der Kosten einem Sparzins von 2 bis 2,8 Prozent auf den eingezahlten Beitrag.

Finanztest wollte wissen, ob es sich lohnt, einen Vertrag zu kündigen, wenn etwa ein Versicherer über fünf Jahre nur noch den Garantiezins zahlt. Ergebnis: Ein Ausstieg lohnt höchstens, wenn der Vertrag erst wenige Jahre alt ist.

Gutes Neugeschäft

Die Kunden scheren die schlechten Aussichten offenbar nicht. Sie kaufen trotzdem weitere Verträge. 11,3 Millionen neue Kapital bildende Lebensversicherungsverträge konnte GDV-Präsident Bernd Michaels Mitte November in Berlin für 2002 melden. Rund 40 Prozent davon sind Riester-Verträge.

Die Gesamtzahl der Versicherungen stieg auf stattliche 93 Millionen. 60 Prozent davon oder knapp 56 Millionen Verträge sind immer noch Kapitallebensversicherungen. Bei den Neuabschlüssen geht deren Anteil aber zurück. Fondsvarianten haben sich nach den Kursstürzen an den Börsen zu Ladenhütern entwickelt. Inzwischen dominieren klassische Rentenversicherungen das Neugeschäft, sagt Michaels.

Die Kunden binden sich weiter oft jahrzehntelang an Versicherungen, obwohl erst die Höhe der Überschussbeteiligung entscheidet, ob ein solcher Vertrag eine attraktive, eine mittelmäßige oder eben miserable Geldanlage ist.

Von der Börse abhängig

Üppige Überschüsse sind erst wieder zu erwarten, wenn Börse und Zinsen sich erholt haben. Denn gespeist werden sie vor allem aus Kapitalerträgen, die die Versicherer mit dem Kundengeld erwirtschaften. Gewinne über dem Garantiezins fließen in den „Überzins“.

Zuvor werden von den Kapitalerträgen die Aufwendungen für Kapital­anlagen abgezogen: zuletzt vor allem Abschreibungen wegen Kursverlusten. Nach dem bis Ende 2001 geltenden ­Bilanzierungsrecht mussten Versicherungsgesellschaften Aktien, die sie mit hohem Kurs gekauft hatten und die inzwischen abgestürzt waren, zum aktuell niedrigen Kurswert bilanzieren. Das hatte hohe Abschreibungen zur Folge.

In einem Hauruckverfahren hatte die Bundesregierung dann Ende 2001 das strenge Niederstwertprinzip für Aktien aufgeweicht. Damit wollte sie verhindern, dass die Unternehmen reihenweise Aktienpakete auf den ohnehin durch den Anschlag auf das World ­Trade Center gebeutelten Markt warfen, was zusätzlich auf die Kurse gedrückt hätte. Sie ignorierte, dass es an den Börsen ein Jahr später noch düsterer aussehen könnte. Genau das trat ein.

Geschönte Bilanzen

Viele Unternehmen haben Ende 2001 die Chance ergriffen und weniger abgeschrieben, als sie noch im Vorjahr gemusst hätten, um ihre Überschussbeteiligung zu stützen. Dadurch erschienen in den Bilanzen Kapitalerträge, die sie so nicht erwirtschaftet hatten.

Was letztes Jahr schöngerechnet wurde, drückt nun mit voller Wucht auf die Ergebnisse. Doch schon hat sich ein neues Hintertürchen aufgetan: Das Institut für Wirtschaftsprüfer hat am 2. Oktober 2002 eine Stellungnahme zur Bilanzierung von Wertpapieren bei Versicherungsunternehmen herausge­bracht, mit der auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einverstanden ist. Danach können stark gefallene Aktien mit einem höheren Kurs als dem tagesaktuellen bilanziert werden, wenn „fundierte Aussagen unabhängiger Analysten“ nachweisen, dass die Wertminderung des Papiers voraussichtlich nur vorübergehend ist.

Im schlechtesten Fall testiert ein Wirtschaftsprüfer aufgrund einer solchen Aussage eine Bilanz, die wieder die Kapitalerträge eines Lebensversicherers schönt. Er hält seine Überschussbeteiligung höher als berechtigt. Kommt es nicht kurzfristig zu einem deutlichen Börsenaufschwung, gerät das Unternehmen über kurz oder lang in eine ­finanzielle Schieflage – vielleicht 2003.

Mehrere Auswege

Ein Lebensversicherer ist in einer finanziellen Schieflage, wenn er die garantierten Leistungen nicht mehr zahlen kann. Damit ist er aber noch nicht pleite, denn Auswege sind möglich.

Entweder gleicht er die Lücke selbst durch Eigenkapital aus oder über eine Kapitalspritze seines Konzerns. Handelt es sich um ein Einzelunternehmen oder kann die Muttergesellschaft nicht einspringen, kann der Versicherer seine defizitären Verträge auf einen Partner übertragen oder mit ihm fusionieren.

Theoretisch könnte er auch die Garantieleistung im Nachhinein in Absprache mit der Bundesanstalt für ­Finanzdienstleistungsaufsicht senken. Und letztlich könnte der Versicherer ­abgewickelt werden. Das wäre eine Zwangskündigung der Verträge. Die Kunden erhielten nur den niedrigen Rückkaufswert – ein hoher Verlust.

Doch die beiden letzten Varianten sollen nach dem Wunsch des GDV nicht eintreten. Der Imageverlust würde der gesamten Branche schaden. Der Verband ist deshalb dabei, eine Auffanggesellschaft zu gründen, an deren Finanzierung sich alle Lebensversicherer, die dem Verband angehören, beteiligen sollen. Protektor AG wird sie heißen, ihr Sitz wird in München sein.

Sehr viel mehr ist bisher nicht bekannt und eilig hat es der GDV mit seinem „Protektor“ offenbar nicht. Die Gesellschaft wird ihre Arbeit vermutlich erst aufnehmen, wenn es tatsächlich ein Versicherungsunternehmen gibt, das in eine ausweglose Lage gerät.

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