Lebens­versicherung Special

Für Neuverträge sinkt der Garan­tiezins von 1,75 auf 1,25 Prozent. Altkunden haben schon Einschnitte zu spüren bekommen. Finanztest hat die Versicherer gefragt, bis wann die Kunden einen Antrag unter­schreiben müssen, damit sie noch 1,75 Prozent garan­tiert bekommen. Und sagt, welche Veränderungen das neue Lebens­versicherungs­gesetz sonst noch bringt.

Seit August gilt das neue Lebens­versicherungs­gesetz

Lebens­versicherung Special

Wolfgang Eckstein bekam durch das neue Gesetz 3 700 Euro weniger aus ­Bewertungs­reserven ausgezahlt. Neukunden erhalten zudem weniger Garantie.

Für Wolfgang Eckstein war es ein „Schlag ins Kontor“. Noch am 1. Juli 2014 hatte ihm die Versicherungs­gesell­schaft Ergo eine Beteiligung an den Bewertungs­reserven in Höhe von 3 910,17 Euro in Aussicht gestellt. Als Eckstein seine Kapital­lebens­versicherung am 1. September ausgezahlt bekam, war der Betrag auf 206,01 Euro geschrumpft. Grund für den Schwund binnen zwei Monaten ist das Lebens­versicherungs­gesetz, das seit dem 7. August 2014 gilt.

Reserven müssen in Nied­rigzins­phasen nicht mehr berück­sichtigt werden

Bewertungs­reserven entstehen, wenn der Markt­wert der Kapital­anlagen eines Versicherers seit ihrer Anschaffung gestiegen ist. Diese Reserven wurden mit den Beiträgen der Kunden aufgebaut. Daher ist es nur folge­richtig, wenn die Versicherer sie daran zur Hälfte beteiligen müssen. Neu ist, dass die Reserven aus fest­verzins­lichen Anlagen seit 7. August in Nied­rigzins­phasen nicht mehr berück­sichtigt werden müssen. Je nach Vertrag kann dies die Ablauf­leistung um mehrere tausend Euro schmälern, wie die Erfahrungen unserer Leser zeigen. Mehr dazu finden Sie in unserem Special Lebensversicherung: Versicherer kürzen zu früh, Finanztest 11/2014.

„Eingriff in das Eigentum“

Einen „Eingriff in das Eigentum“ nennt dies die Frank­furter Jura­professorin Astrid Wall­raben­stein. Sie hatte das Recht auf Reserven im Jahr 2005 vor dem Bundes­verfassungs­gericht erstritten. Den harten Schnitt bei den Reserven haben die Kunden sofort gespürt. Doch das ist noch nicht alles. Ab Januar 2015 erhalten Neukunden schlechtere Verträge.

Alte Verträge noch besser verzinst

Eckstein bekam für seinen 1990 abge­schlossenen Vertrag immerhin noch eine garan­tierte Verzinsung von 3,5 Prozent für die gesamte Lauf­zeit. Bei Kunden, die ab 2012 abge­schlossen haben, waren es nur noch 1,75 Prozent. Und für Neukunden, die ab 1. Januar 2015 unter­schreiben, sinkt die garan­tierte Verzinsung auf nur noch 1,25 Prozent. Betroffen sind Kapital­lebens- und private Renten­versicherungen ohne Fonds, aber auch klassische Riester- und Rürup-Versicherungen, Direkt­versicherungen und Pensions­kassen­verträge.

Annahme bis 31. Dezember

Wir haben die Versicherer gefragt, bis wann die Kunden einen Antrag unter­schreiben müssen, damit sie noch 1,75 Prozent garan­tiert bekommen. Diese Sicherheit hat der Kunde nur dann, wenn der Versicherer ihm bis Jahres­ende erklärt, dass der Vertrag gilt. Diese Bestätigung nennen die Versicherer auch „Annahme­erklärung“. Weitere Informationen im Special Garantiezins sinkt: Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Doch jeder sollte zunächst über­legen, ob eine unflexible und lang­laufende Kapital­lebens- oder Renten­versicherung wirk­lich zu ihm passt. Wer nicht bis Laufzeit­ende durch­hält, zahlt kräftig drauf.

Mehr Risikogewinn für die Kunden

Das neue Gesetz enthält auch Verbesserungen. Immerhin soll ab 2015 mehr vom Risikogewinn der Versicherer für die Kunden abfallen. Doch was es in Euro und Cent bedeutet, wenn die Kunden künftig 90 Prozent statt 75 Prozent des Risiko­über­schusses bekommen, ist schwer einzuschätzen. Es fehlen die Daten dafür. Nach­fragen beim Versicherer­verband GDV und der staatlichen Finanz­aufsicht Bafin führten uns nicht weiter. „Eine Aufschlüsselung der Risiko­über­schüsse nach Versicherungs­arten liegt der Bafin leider nicht vor. Auch ist eine Herleitung dieser Daten nicht möglich“, so ein Bafin-Sprecher.

Versicherer sollen Kosten offenlegen

Ungewiss ist auch, ob die Kunden vom neuen Kosten­ausweis der Versicherer profitieren. Nach dem neuen Lebens­versicherungs­recht müssen die Unternehmen offenlegen, wie die Kosten die Rendite eines Vertrags mindern.

Allerdings gibt es bisher keine Vorschriften, wie die Versicherer diesen „Rendite­minderungs­effekt“ ab 2015 berechnen müssen. Wenn jedes Unternehmen das nach eigener Kalkulation macht, können die Kunden die Kosten für die gleichen Vorsorgepro­dukte unterschiedlicher Anbieter nicht wirk­lich vergleichen.

Ins Leere läuft die im neuen Recht verankerte „Dividenden­sperre“. Danach sollten Versicherer, die ihren Kunden die Beteiligung an den Bewertungs­reserven kürzen, ihren Aktionären auch keine Dividende zahlen. Doch die Lebens­versicherer umgehen dies mit einem „Gewinn­abführungs­vertrag“. Sie führen ihre Gewinne an die Konzern­mutter ab.

Auch Wolfgang Ecksteins Versicherungs­gesell­schaft, die Ergo, macht das so. Ihrem Kunden schreibt sie, die Änderung der Bewertungs­reserven soll „die Auszahlung von Geld verhindern, welches zur Sicherung der Garan­tien [für die Versicherten, die Redak­tion] erforderlich ist. Dies gilt auch für die Auszahlungen an Aktionäre.“ Dass die Gewinne an die Ergo Versicherungs­gruppe fließen und diese ihre Aktionäre bedient, schreibt sie Eckstein nicht. 2013 über­wies die Ergo Lebens­versicherung 55 Millionen Euro an die Ergo-Gruppe. Doch die Kunden bekommen weniger.

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