Eine Firma aus Großbritannien kauft Lebensversicherungen von todkranken Menschen.

Auf den ersten Blick wirkt die Rechnung makaber: Je länger Thomas Kissling* lebt, desto geringer ist der Gewinn der britischen Firma Life Benefit Resources. Das Unternehmen hat dem 37-jährigen an Leukämie erkrankten Mann seine Risikolebensversicherung abgekauft. Vor rund zweieinhalb Jahren überwies es ihm dafür 35.300 Mark. Im Gegenzug hat die Firma nun nach seinem Tod Anspruch auf die Todesfallleistung der Versicherung. Das werden etwa 55.000 Mark sein. Für Life Benefit sieht das nach einem guten Geschäft aus - vorausgesetzt Thomas Kissling stirbt wie erwartet.

Aber auch Kissling ist mit dem Verkauf seiner Lebensversicherung sehr zufrieden. Er wollte in den letzten Monaten seines Lebens nicht sparen müssen. Der kranke Mann kaufte sich mit dem Geld erst einmal neue Möbel, mietete eine teurere Wohnung und finanzierte den Umzug. Er freut sich, dass er von seiner eigenen Lebensversicherung auch noch etwas hat.

Was ist von solchen Geschäften zu halten? Wird hier Geld mit dem Unglück anderer Leute gemacht ­ oder handelt es sich um eine brillante Geschäftsidee, von der beide Seiten profitieren? Als Life Benefit vor gut sechs Jahren auf den deutschen Markt kam, waren Krankenorganisationen wie die Deutsche Aids-Hilfe zunächst sehr zurückhaltend. In den USA hatten Aidskranke mit dem Verkauf ihrer Versicherungsverträge nämlich bereits schlechte Erfahrungen gemacht: Käufer der Policen telefonierten Kranken hinterher und ließen sich detailliert Auskunft über deren Gesundheitszustand geben.

Keine Bedenken

Die Deutsche Aids-Hilfe hat inzwischen ihre Bedenken gegenüber Life Benefit verloren. Ralf Rötten, Leiter der Bundesgeschäftsstelle in Berlin, sagt: "Life Benefit zeigt bei seiner Arbeit viel Einfühlungsvermögen. Niemand wird unter Druck gesetzt. Wer es machen möchte, soll es tun."

Life Benefit ist nach eigenen Angaben das einzige Unternehmen in Deutschland, das Lebensversicherungspolicen von todkranken Menschen kauft. Bisher hat die Firma bundesweit rund 200 Policen erworben. Das Unternehmen gehört einem britischen Geschäftsmann, dessen Mutter an Aids gestorben ist. Richard F. Legg (55) gilt als geschäftstüchtig und sozial engagiert. Die Policen, die Life Benefit kauft, werden aus einem Pool bezahlt, in den ein paar vermögende Geschäftsfreunde des Unternehmensgründers Anfang der 90er Jahre Geld zahlten. Neue Anleger werden nicht aufgenommen. Die Gewinne seien bescheiden, berichtet Richard F. Legg. Sie lägen unter vier Prozent des eingesetzten Kapitals. Georg-Ove Daniel, Vermittler der Policen in Deutschland, wischt allerdings alle Zweifel über den Unternehmenszweck von Life Benefit hinweg: "Wir sind natürlich ein kommerzielles Unternehmen."

Life Benefit kauft alle Arten von Lebensversicherungen an: Risikolebensversicherungen, Kapitallebensversicherungen, fondsgebundene, solche mit und ohne Schutz bei Berufsunfähigkeit. Der Kunde muss eine schwere unheilbare Krankheit haben, zum Beispiel eine Krebserkrankung im fortgeschrittenen Stadium oder auch Aids. Der Kaufpreis richtet sich nach der Lebenserwartung des Kranken: Je kürzer sie ist, desto mehr bezahlt Life Benefit.

Die Firma schätzt die Lebenserwartung des Patienten selbst ein. Sie lässt sich die Krankenunterlagen vorlegen und bittet auch den behandelnden Arzt um ein Gutachten. Der Patient selbst muss sich nicht extra untersuchen lassen.

Bei einer prognostizierten Lebenserwartung von ein bis anderthalb Jahren bietet die Firma je nach Einzelfall zum Beispiel 70 Prozent der Todesfallleistung der Versicherung. Wer voraussichtlich nur noch drei bis vier Monate zu leben hat, bekommt vielleicht ein Angebot über rund 85 Prozent.

Eine individuelle Entscheidung

Bei einer längeren Lebenserwartung arbeitet Life Benefit nach einem anderen System. Ein Kranker mit einer Lebenserwartung von fünf bis sieben Jahren erhält nach Einzelfall zum Beispiel nur 25 Prozent der Todesfallleistung. Lediglich wenn er früher als angenommen stirbt, zahlt Life Benefit noch Geld an die Erben: Beim Tod im ersten Jahr nach Vertragsschluss erhalten sie beispielsweise noch einmal 40 Prozent der Todesfallleistung der Versicherung. Stirbt der Kranke im zweiten Jahr, zahlt Life Benefit nur noch 30 Prozent aus. Mit jedem weiteren Jahr nehmen die Zahlungen um zehn Prozentpunkte ab.

Ob ein kranker Mensch ein Angebot von Life Benefit annehmen soll, ist eine individuelle Entscheidung. Normalerweise lohnt sich das Geschäft nicht, wenn Kinder oder Partner abgesichert werden müssen, denn die Summe, die Life Benefit auszahlt, liegt immer unter der Leistung der Versicherung im Todesfall. Die Erben würden damit zum Teil auf viele Tausend Mark verzichten, nur damit das Geld früher ausgezahlt werden kann.

Anders sieht es aus, wenn ein Kranker oder seine Familie das Geld sofort braucht. Das kann der Fall sein, wenn ein Familienangehöriger zu Hause gepflegt werden soll und die Leistungen aus der Pflegekasse nicht reichen. Vielleicht fühlt sich jemand aber auch noch ganz fit und möchte sich einen lang gehegten Traum erfüllen, etwa eine große Reise.

Wer seine Lebensversicherung sofort flüssig machen möchte, sollte jedoch prüfen, ob Life Benefit tatsächlich das beste Angebot macht. Kapitallebensversicherungen kann man nämlich auch kündigen und sich auszahlen lassen oder beleihen. Allerdings lässt sich die Police nur versilbern, wenn sie breits einen bestimmten Wert erreicht hat. Bei Risikolebensversicherungen ist das nicht möglich, da sie nur den Schutz im Todesfall bieten und kein Kapital angespart wird.

Am besten ist derjenige dran, der seine Police an Life Benefit verkauft ­ und dann wieder gesund wird. Georg-Ove Daniel, Vermittler für Life Benefit in Deutschland: "Ein Kunde, von dem ich eine Postkarte vom Surfen auf Hawaii habe, dem geht es heute so gut wie vor seiner Krankheit."

*Name von der Redaktion geändert.

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