Mehrere Lebens­versicherer wollten für ihre Kunden vorüber­gehend weniger vom Gewinn zurück­legen als vorgeschrieben. Dafür hatten sie bei der Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht (Bafin) entsprechende Anträge gestellt. Nun sollen sie ihre Anträge wieder zurück­gezogen haben. Problematisch ist die Situation trotzdem: Die Unternehmen haben offen­bar Schwierig­keiten, die Zusagen zu erfüllen, die sie ihren Kunden bei Vertrags­beginn gegeben haben. Jetzt soll sich der Bundes­tag mit der Lage der Versicherer beschäftigen.

[Update 10.09.2013] Protektor AG stellte Antrag bei der Bafin

Die Lebens­versicherer können trotz des derzeit nied­rigen Zins­niveaus ihre Zahlungs­verpflichtungen für die Kunden erfüllen. Dies hat die Bundes­regierung – laut Presse­dienst des Bundes­tags – im Finanz­ausschuss des Bundes­tags deutlich gemacht. Nur ein Versicherer habe bei der Bafin beantragt, für seine Kunden vorüber­gehend weniger vom Gewinn zurück­zulegen als vorgeschrieben. Dabei handelt es sich offen­bar um die Protektor AG, die die Versicherungs­verträge der pleite­gegangenen Mann­heimer Lebens­versicherung über­nommen hat.

Seit 2008 hätten insgesamt vier Unternehmen entsprechende Anträge gestellt. Sie seien von der Bafin mit der Auflage genehmigt worden, die reduzierte Beteiligung der Versicherten später nach­zuholen. [Update Ende]

[Update 29.8.2013] Versicherer ziehen Anträge zurück

Nach Informationen des Handels­blatts haben die Versicherer ihre Anträge inzwischen wieder zurück­gezogen. Demzufolge soll es sich um „mindestens drei“ Unternehmen gehandelt haben. Die Grünen im Bundes­tag haben unterdessen eine Sondersit­zung des Finanz­ausschusses beantragt. Sie verlangen Auskunft darüber, wie Bundes­regierung und Bafin die Lage der Versicherungs­gesell­schaften einschätzen. [Update Ende]

Lebens­versicherer im Zins­tief

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte zuvor berichtet, dass mehr als zehn Gesell­schaften einen solchen Antrag gestellt haben. Eine Bafin-Sprecherin wollte diese Zahl weder bestätigen noch dementieren. „Zu Zahlen äußern wir uns nicht“, sagte sie. Es sei recht­lich möglich, dass Versicherer zeit­weise ihre Rück­stel­lungen für die Kunden verringern. Dies sei „in Niedrigzinsphasen nicht so außergewöhnlich“. Die Versicherer haben angesichts der nied­rigen Zinsen Problemen, die Garan­tien zu erwirt­schaften, die sie den Kunden bei Vertrags­abschluss vor Jahren gegeben haben.

Für die üppigen Garan­tien fehlt jetzt das Geld

Kunden, die zwischen Juni 1995 und Juni 2000 einen Vertrag geschlossen haben, haben Anspruch auf eine garan­tierte Verzinsung ihrer Sparbeiträge in Höhe von vier Prozent. Dies ist auch ein Grund für die gesunkene Verzinsung bei Neuverträgen, wie test.de berichtete. Um das Geld für die alten Garan­tien zu erwirt­schaften, müssen die Versicherer bei neu abge­schlossenen Verträgen die Verzinsung drücken. So liegt der Garan­tiezins für ab 2012 geschlossene Verträge nur noch bei 1,75 Prozent. Für die hohen Garan­tien der alten Verträge fehlt es jetzt an Geld. So haben die Versicherer einen hohen Anteil von Staats­anleihen in ihren Kapital­anlagen. Dafür gibt es derzeit kaum Zinsen. Von ihren Über­schüssen wollen einige Versicherer deshalb jetzt weniger für ihre Kunden reser­vieren – dies gilt für alle drei Über­schuss­quellen.

Dreierlei Über­schüsse

Die Versicherer müssen ihre Kunden an ihren Über­schüssen beteiligen. Diese Über­schuss­anteile fließen aus drei Quellen:

  • Vom Beitrag des Kunden zieht der Versicherer Abschluss-, Verwaltungs- und Risiko­kosten ab. Übrig bleibt der Spar­anteil, er fließt in die Kapital­anlage. Auf diesen Spar­anteil erhält der Kunde den bei Vertrags­beginn garan­tierten Zins. Erwirt­schaften die Kapitalmanager eines Versicherers mit dem Sparbeitrag aber mehr als den Garan­tiezins, machen sie Zins­über­schüsse. Davon müssen sie mindestens 90 Prozent an ihre Kunden weiterreichen.
  • Aus der Kalkulation des „Sterb­lich­keits­risikos“ der Kunden ergibt sich ein Risiko­über­schuss: Bei Kapital­lebens­versicherungen gibt es einen Risiko­über­schuss, wenn weniger Kunden vor Vertrags­ende sterben, als vom Versicherer kalkuliert. Bei Renten­versicherungen entsteht so ein Über­schuss, wenn die Kunden früher sterben als kalkuliert. Den Kunden stehen 75 Prozent der ­Risiko­über­schüsse zu.
  • Wenn die Verwaltungs­kosten durch ein effektives Kostenmanagement nied­riger sind als kalkuliert, entsteht ein Kosten­über­schuss. Davon bekommen die Kunden 50 Prozent.

Beteiligung an Bewertungs­reserven bleibt unangetastet

Diese Über­schuss­anteile der Kunden möchten einige Versicherer jetzt reduzieren. Dies ist recht­lich „mit Zustimmung der Aufsichts­behörde in Ausnahme­fällen“ möglich. Nicht reduziert wird die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven. Ein Versuch der Versicherer, diese Beteiligung zu kippen, war Anfang des Jahres gescheitet. Bewertungs­reserven entstehen, wenn der Markt­wert einer Kapital­anlage des Versicherers über dem Anschaffungs­preis liegt, wenn also zum Beispiel der Wert seiner ­Immobilien, Aktien, Staats- und Unterneh­mens­anleihen gestiegen ist. Die Versicherer müssen ihre Kunden seit 2008 zu 50 Prozent an den Reserven be­teiligen. Von dieser Regelung gibt es keine Ausnahme.

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