Die Bilanzen von Lebensversicherern liefern Versicherungskunden eine Momentaufnahme der Politik ihres Unternehmens. Schnell darauf reagieren können nur die Aktionäre.

Er riskiere sein „Triple-A“, wenn er Reserven abschmelze, sagte kürzlich Michael Rosenberg gegenüber dem Handelsblatt. Damit brachte der Vorstandschef der Versicherungsgesellschaft Victoria eine Sache auf den Punkt: Manchen Lebensversicherern ist es offenbar wichtiger, „reich“ zu wirken, als ihre Versicherungskunden mit einer ­hohen Rendite zu versorgen.

Die Finanzkraft eines Versicherungsunternehmens ist eine ausschlaggebende Größe, wenn Ratingagenturen die Gesellschaften sortieren. Nur die Sieger bekommen das begehrte „Triple-A“, mit dem sich Anleger leichter zu einer Investition bei ihnen überzeugen lassen.

Wie „reich“ ein Unternehmen ist, interessiert aber nicht nur Anleger, sondern auch Versicherte mit Lebens-, Renten- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen. Doch die Zahlen haben für sie eine andere Bedeutung als für Anleger.

Finanztest hat sich die Bilanzen von 100 Lebensversicherungsunternehmen einmal angesehen. Wir haben für die Jahre 1999 und 2000 analysiert, wie welche Gesellschaft finanziell ausgestattet war, welche Rendite sie mit ihren Kapitalanlagen in den Jahren 1999 und 2000 erwirtschaftet hat und in welchen Finanztöpfen die Reserven steckten.

Reserven verschwunden

Die Unternehmen sind ärmer geworden. Die Finanztest-Analyse zeigt, dass die so genannten stillen Reserven, auch Bewertungsreserven genannt, bis Ende 2000 branchenweit zurückgegangen sind. Ihr Anteil im Verhältnis zu den gesamten Kapitalanlagen eines Unternehmens sank im Schnitt von 8,3 auf 6,2 Prozent und damit um 26 Prozent.

Der Trend hat sich 2001 noch einmal deutlich verstärkt. Die endgültigen Zahlen liegen aber noch nicht vor, denn die neuen Bilanzen werden erst in einigen Monaten veröffentlicht.

In stillen Reserven der Versicherungsgesellschaften ruhen die Unterschiedsbeträge zwischen dem Buchwert einer Kapitalanlage und ihrem tatsächlichen Wert. Aktienpakete standen zum Beispiel mit dem niedrigen Preis, zu dem sie der Versicherer gekauft hat, in der Bilanz. Ist ihr Kurswert zum Bilanzstichtag sehr viel höher, gehört der Unterschied zu den stillen Reserven.

Waren die Reserven bis 1999 mit den steigenden Aktienkursen kontinuierlich angeschwollen, ist ihr Rückgang in den letzten zwei bis drei Jahren zu einem großen Teil auf den Kursverfall zurückzuführen. Sichtbar – und damit für unsere Analyse verwertbar – sind diese Verluste geworden, weil sie von den Unternehmen als Umlaufvermögen bisher sofort abgeschrieben werden mussten.

Der Umfang an Bewertungsreserven ist für Anleger wichtig, weil sie den Wert des Unternehmens steigern. Versicherungskunden haben dagegen kaum etwas davon, denn sie haben keinen Anspruch auf Auflösung dieser Reserven.

Interessanter ist für Kunden ein anderer Posten: das Kurzfristpolster in den „Rückstellungen für Beitragsrückerstattung“. Die Unternehmen bilden diese Rückstellungen aus Überschüssen, die sie erzielen. Einen Teil schütten sie direkt als Überschussbeteiligung an die Kunden aus und einen Teil reservieren sie ihnen für später im Kurzfristpolster. Damit können sie in der folgenden Zeit die Überschussbeteiligung stützen, wenn zum Beispiel die Überschüsse mal geringer ausfallen.

Das Kurzfristpolster haben die meisten Unternehmen zwischen 1999 und 2000 erhöht, durchschnittlich um 19 Prozent. Im Schnitt hält jeder Versicherer ein Polster von 126 Prozent. Er verfügt also über 1,26-mal so viele flüssige Mittel, wie er für die Überweisung einer gesamten jährlichen Überschussbeteiligung an seine Kunden benötigt.

Unternehmen bestimmen allein

Anleger haben nichts von diesem Geld. Es ist für die Versicherungskunden reserviert. Ob und wann ein Unternehmen sein Kurzfristpolster auflöst, um die Überschussbeteiligung zu stützen, entscheidet es aber allein.

Die dritte Größe in der Tabelle, die ­Anlagerendite, gibt Aufschluss über den Anlageerfolg eines Versicherers. Die Un­ternehmen können die Rendite künstlich erhöhen, indem sie Geld aus stillen Reserven zuschießen. Die Rendite ist für Versicherungskunden interessant, weil sie die Höhe der an sie ausgeschütteten Überschüsse erheblich bestimmt. Die Gesellschaften haben aber auch hier einigen Spielraum.Die Unternehmen können also mit verschiedenen Finanztöpfen jonglieren und eine unterschiedliche Politik verfolgen. Die Victoria, die Hamburg-Mannheimer und die Gerling haben zum Beispiel überdurchschnittlich viel Kapital in Bewertungsreserven. Das sind schließlich die Gelddepots, über die sie vor allem selbst entscheiden können. Im Kurzfristpolster, das für die Versicherten schon reserviert ist, lagern diese Gesellschaften deutlich weniger als der Marktdurchschnitt.

Auch die Allianz hat hohe Bewertungsreserven. Deren Anteil im Verhältnis zu den gesamten Kapitalanlagen des Unternehmens sank zwar von 23,5 auf 19,6 Prozent, ist aber immer noch überdurchschnittlich hoch. Das Kurzfristpolster der Allianz liegt im Marktdurchschnitt. Und die Kapitalanlagerendite ist 2000 noch gewachsen – vielleicht auch aus Reserven gespeist. Die Zahlen für 2001 liegen noch nicht vor, doch wird eine schlechtere Rendite erwartet. Das Polster der Allianz hat ihre Kunden 2001 denn auch nicht davor bewahrt, dass die Überschussbeteiligung gekürzt wurde. Die Kürzung war aber geringer als bei vielen anderen.

Der Deutsche Herold hat sein Kurzfristpolster gegen den Trend gesenkt. Von 1999 bis 2000 sank die Quote von 89,9 auf 73,8 Prozent. Aus diesem Topf kann er also etwa ein Dreivierteljahr lang die Überschussbeteiligung der Kunden sicherstellen, wenn er zum Beispiel am Kapitalmarkt nicht genügend Erträge erzielen sollte. Das Polster liegt unter dem Durchschnitt. Auch die Bewertungsreservequote verringerte sich um 32,1 Prozent auf 11,0. Das Unternehmen hat vielleicht stille Reserven abgeschmolzen, um die Anlagerendite zu stützen. Sie sank trotzdem von 7,3 Prozent 1999 auf 7,1 im Jahr 2000.

Extrem wenig Bewertungsreserven hat die Hannoversche Leben mit einer Quote von nur noch 0,3 Prozent im Jahr 2001. Wenn es mit den Kapitalanlagen nicht gut läuft, hat sie aus diesem Topf nichts mehr zuzubuttern. Doch um das Kurzfristpolster der Gesellschaft ist es nicht so schlecht bestellt. Fast ein Jahr lang könnten daraus die Überschussbeteiligungen für die Versicherungskunden bezahlt werden, wenn keine neuen Überschüsse erwirtschaftet würden.

Aufsicht dringend nötig

Die Bilanzen von Lebensversicherern zeigen, ob eine Gesellschaft reich ist oder nicht. Das ist wichtig für Aktio­näre und andere Geldgeber, die wissen wollen, ob ein Unternehmen imstande ist, ihre Forderungen zu erfüllen, und die Kraft für neue Investitionen hat.

Den Versicherungskunden helfen die Zahlen zwar, das Verhalten der Gesellschaften besser zu durchschauen – jedenfalls das der jüngeren Vergangenheit. Doch Versicherungsverträge laufen oft über Jahrzehnte. In dieser Zeit kann sich die Politik eines Unternehmens – zum Beispiel unter einem neuen Vorstand – völlig ändern. Chancen, auf eine veränderte Unternehmenspolitik zu reagieren, haben Kunden im Gegensatz zu Aktionären kaum.

Langfristige Prognosen über die Unternehmenspolitik sind nicht möglich. Also ist eine ständige Aufsicht umso wichtiger. Da er die Finanzaufsicht nicht selbst führen kann, ist der Versicherungskunde auf das personell chronisch unterbesetzte Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) in Bonn angewiesen.

Die Arbeit des Aufsichtsamts ist schwerer geworden. Denn die Versicherungsunternehmen dürfen jetzt mehr Kapital in Aktien investieren – seit Jahresbeginn 35 statt zuvor 30 Prozent. Nutzt eine Gesellschaft die zulässige Quote in voller Höhe aus, steigen ihre Renditeerwartungen, aber auch ihr Verlustrisiko erhöht sich.

Noch folgenschwerer sind die kurz vor dem Jahresende 2001 rückwirkend geänderten Bilanzierungsrichtlinien. Lebensversicherungsunternehmen dürfen Aktien jetzt nämlich auch nach erheblichen Kursverlusten zu ihrem hohen Anschaffungspreis bilanzieren, sofern sie sie als Anlagevermögen deklarieren. Dann sieht es so aus, als wäre mehr Kapital vorhanden, als in Wirklichkeit zur Verfügung steht. Sogar in den Anlagen, die die garantierten Leistungen absichern (Deckungsstock), dürfen sich künftig solche Verluste verstecken. Ob die garantierten Leistungen auch in Zukunft noch sicher sind, ist also fraglich und bedarf einer eingehenden Prüfung durch das BAV.

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