Lebensmittelpreise Meldung

Egal ob Butter, Eier, Gemüse, Brot oder Geflügel: 2007 waren Lebensmittel so teuer wie schon lange nicht mehr. test erklärt die Hintergründe.

Knappe Rohstoffe und schlechte Ernten

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Kein Wunder, dass die Wellen hoch schlagen – von den andauernden Preiserhöhungen ist jeder betrof­fen. Schließlich geht es um Grundnah­rungsmittel wie Milch, Mehl und Fleisch. Die meisten Verbraucher finden die höheren Preise unfair, wie eine Umfrage der Universität Erlangen-Nürnberg ergab. Jeder zweite Befragte kann die Preissprünge auch nicht nachvollziehen. Viele glauben, dass der Handel von ihnen profitiert. Die Wirklichkeit ist jedoch komplexer. Knappe Rohstoffe, höhere Herstellungskosten, Abhängigkeiten von Ernten, Exporten und dem Weltmarkt – ein dichtes Geflecht muss entwirrt werden, um die Ursachen der Teuerungen zu verstehen. test beantwortet häufige Fragen:

Anstieg der Preise für Lebensmittel 2007

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Preisentwicklung ausgewählter Grundnahrungsmittel im Zeitraum April bis Dezember 2007.

Preisentwicklung ausgewählter Grundnahrungsmittel im Zeitraum April bis Dezember 2007.

Ein Blick auf die Preiskurve zeigt: Seit April 2007 kletterte sie nach oben und stieg im August und November besonders steil an. Erstmals brach der Handel laufende Verträge mit Zulieferern auf und ließ höhere Lebensmittelpreise zu. Die Folge: Im November 2007 kosteten Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke laut Statistischem Bundesamt rund sechs Prozent mehr als im Vorjahresmonat – die seit langem deutlichste Steigerung. Berechnungsgrundlage ist ein typischer Warenkorb. An der Spitze der Teuerung stand deutsche Markenbutter, ihr Preis war um gut die Hälfte gestiegen. Es folgten Eier und Milchprodukte, Vollmilch kostete etwa ein Viertel, H-Milch ein Fünftel mehr.

Auch die Zahlen der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) belegen den Trend. Die ZMP konzentriert sich auf frische Lebensmittel. Im Vergleich zum Vorjahresmonat zahlten Verbraucher im Dezember 2007 demnach fast 30 Prozent mehr für Milchprodukte, 20 Prozent mehr für Geflügel und 10 Prozent mehr für Eier sowie Gemüse. Über eingescannte Einkaufszettel erfasst die ZMP, wie viel Euro Privathaushalte ausgeben. So stieg der Preis für mageren Speisequark 2007 um exakt 27 Cent. Nicht alles schröpfte die Geldbörse gleichermaßen: Obst wurde moderat teurer und schwankt dazu saisonal. Kartoffeln, Schweine- und Rindfleisch waren sogar billiger als 2006.

Erhöhte Nachfrage nach Milch in Fernost

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Schuld an unseren teuren Milchpreisen tragen angeblich die Millionen Chinesen und Inder, die vermehrt zu Jogurt und Käse greifen. Tatsächlich ist allein in China der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch seit 1990 um 14 Liter gestiegen. Da die meisten Asiaten keinen Milchzucker vertragen, werden die Produkte speziell für sie bearbeitet. Trotzdem – unsere Milch trinken sie nicht. Deutschland exportierte 2007 zwar mehr Milch als im Vorjahr, davon flossen aber nur minimale Mengen nach Asien. Das Gros landete bei europäischen Nachbarn.

Die Nachfrage in Fernost hat dennoch das weltweite Gleichgewicht verschoben: Der Verbrauch von Milch steigt schneller als die Erzeugung – und damit auch der Milchpreis. Auch wir bekommen das zu spüren, denn die Milchbestände in der Europä­ischen Union sind längst aufge­braucht. Früher lebten wir im Überfluss, die Lagerkosten für Butterberge und Milchseen schlugen stark zu Buche. Dar­um führte man Milchquoten ein. Sie legen fest, welches Land in Europa wie viel Milch produzieren darf. Heute hindern sie die Landwirte daran, sich der Nachfrage anzupassen. Momentan wird disku­tiert, die Quoten ab April zu erhöhen. Die höheren Milchpreise kommen bei den Verbrauchern verzögert an, da sie erst nach neuen Verträgen zwischen Molkereien und Handel weitergegeben werden. Die Milchbauern bekommen nun mehr Geld, müssen aber auch mehr für Tierfutter und Traktorensprit bezahlen. Futtergetreide wie Mais kostet jetzt das Doppelte, auch weil es zunehmend zu Biosprit verarbeitet wird.

Geschäft mit Biodiesel brummt

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Immer mehr deutsche Landwirte setzen auf Treibstoff statt auf Nährstoff. Das heißt, sie nutzen ihre Anbauflächen für die Produktion von Bioenergie statt für Nahrungs- und Futtermittel. Denn das Geschäft mit Biodiesel und Bioethanol brummt. Die größere Menge an Biosprit treibt die Getreidepreise mit in die Höhe, ist aber nur eine Ursache für teurere Brötchen. Wie bei der Milch hat die weltweite Nachfrage das Angebot überholt. Schlechte Ernten weltweit verschlimmern die Situation. Als Konsequenz hat sich der Getreidepreis innerhalb eines Jahres nahezu verdoppelt. Hohe Heiz- und Stromkosten verteuern die Produktion zusätzlich. Brauereien sind genauso betroffen wie Keks-, Kuchen- und Nudelhersteller.

Das deutsche Bäckerhandwerk appelliert: Es werde zu viel Getreide durch Biosprit entzogen, Lebensmittel müssten Vorrang haben. Von einer Knappheit kann allerdings bis jetzt keine Rede sein, auch wenn die Konkurrenz zwischen Tank und Teller spürbar ist und weiter zunehmen wird. Zwei Millionen Hektar werden bei uns momentan für Biosprit genutzt, 2020 sollen es schon vier bis fünf Millionen sein – also gut ein Drittel der deutschen Ackerfläche. Ein Fünftel des Benzins und Diesels soll dann aus Raps, Roggen, Mais, Weizen und Zuckerrüben hergestellt werden. Die ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln könne auch dann noch garantiert werden, sagt die Bundesre­gie­rung und verweist auf Studien. Sie fördert den Anbau alternativer Energiequellen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht das kritisch: Ihr zufolge führt diese staatliche Förderung zu rapide steigenden Lebensmittelpreisen.

Wer an den Preissteigerungen verdient

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Auch wenn es viele beim Einkauf vermu­ten: Der Handel bereichert sich nicht. 2007 ist sein Gewinn eher gesunken, da er die höheren Kosten der Zulieferer nicht völlig an die Käufer weitergab. Zudem sind die Supermärkte der Endpunkt einer langen Produktionskette, an der ebenso Bauern, Verarbeiter, Verpackungsindustrie und andere beteiligt sind. Wenn jemand mehr Geld bekommt als vorher, dann die Erzeuger selbst. Die Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittelforschung (BfEL) hat im August 2007 am Beispiel einer Packung H-Milch berechnet, wer wie viel am Gesamtpreis von 66 Cent verdient: 31 Cent gingen an den Bauern, 13 Cent an die Molkerei, 8 Cent an den Handel und der Rest blieb für Verpackung, Transport und Steuern. Ende 2007 bekamen Bauern mindestens 40 Cent pro Kilogramm Milch, die Packung kostete etwa 75 Cent. Die Bauern verdienen also besser als zuvor – aber nur solange Milch knapp bleibt und die Produktionskosten nicht noch weiter steigen.

Dass vereinzelte Händler oder Hersteller auch ungerechtfertigte Gewinne einfahren, kann keiner völlig ausschließen. Das Bundeskartellamt, das Wettbewerbsverstöße überwacht, hat dafür jedoch keine Beweise gefunden. Dem Amt zufolge gibt es bei Milcherzeugnissen keine Preisabsprachen oder ungerechtfertigten Erhöhungen. Es verhängte 2007 vielmehr Strafen dafür, dass Ware zu Dumpingpreisen, also zu billig verkauft wurde. So gesehen gibt die aktuelle Preisdebatte Anstoß, über den wahren Wert von Lebensmitteln neu nachzudenken. Vielen Erzeugern stehen die paar Cent mehr zu, die der Verbraucher zähneknirschend an der Kasse zahlt. Zudem war Essen hierzulande bisher vergleichsweise günstig.

Bisher recht niedriges Preisniveau

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Das Preisniveau für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke 2006 in ausgewählten europäischen Ländern und der Türkei, gemessen am EU-Durchschnitt.

Kaum ein Europäer reagiert bei Lebensmitteln so preissensibel wie der Deutsche. Während seine Ausgaben für Konsumgüter seit Jahren steigen, verwendet er davon immer weniger fürs Essen: gerade mal 12 Prozent waren es 2006. Wegen dieses geringen Anteils an den Gesamtausgaben können die gestiegenen Lebensmittelpreise nur begrenzt für die Inflation verantwortlich gemacht werden. Im Vergleich zu den Lebensmittelpreisen unserer Nachbarn in Westeuropa war unser Preisniveau bisher recht niedrig (siehe Grafik). 2006 waren Milch, Käse und Eier hierzulande 13 Prozent billiger als im EU-Durchschnitt­ – 2007 kann also als eine Art Angleichung gesehen werden.

Die Preissteigerungen kompensieren die Deutschen durch eine verstärkte Schnäppchenjagd. Das wird vor allem am Schlüsselprodukt Butter deutlich. Am Nikolaustag 2007 lockte Ikea mit Butter für 50 Cent das Stück – laut Möbelhersteller war sie schnell ausverkauft. Auch die führenden Discounter Aldi und Lidl senkten von allen betroffenen Produkten als erstes wieder den Butterpreis Ende 2007. Übrigens ermöglicht erst die Allgegenwart der Billigketten unseren günstigen Lebensstil. Sie haben einen Marktanteil von gut 40 Prozent – ein Spitzenwert in der EU.

Bis 2009 weitere Preissteigerungen möglich

Fest steht: Langfristig müssen wir mehr für Nahrungsmittel ausgeben. Die Zeiten, in denen sie immer billiger werden, sind vorbei. Experten gehen bis 2009 von weiteren Preissteigerungen aus. Neue Vereinbarungen zwischen Produ­zenten und Handel werden entscheiden, wie viel auf jetzige Preise aufgeschlagen wird. Auch Süßwaren und Kaffee, Reis, Saft und Fleisch werden betroffen sein. Das Gleiche gilt für Bioware. Die Preise für Biomilch, Biogetreide und Biokartoffeln haben bereits angezogen und werden vorläufig kaum fallen. Die knappen Rohstoffe und die starke Nachfrage nach Bio könnten den Preisabstand zu konventioneller Ware noch weiter vergrößern.

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