Lebens­mittel­kenn­zeichnung Meldung

Nähr­wert­kenn­zeichen helfen, gesund einzukaufen.

Zwei Drittel der Männer, die Hälfte der Frauen und 15 Prozent der Kinder und Jugend­lichen in Deutsch­land sind überge­wichtig. Ernährungs­experten fordern daher seit Langem ein verbraucherfreundliches Kenn­zeichnungs­system für Lebens­mittel. Verschiedene Vorschläge liegen auf dem Tisch. Welcher ist der beste? Das soll eine Verbraucherbefragung des Ernährungs­ministeriums bis Ende September ermitteln. Nun ist die gemeinnützige Organisation Foodwatch mit einer eigenen Umfrage vorgeprescht.

Aufklärung auf einen Blick

Ist ein Lebens­mittel sinn­voll für die tägliche Ernährung oder sollte man es nur selten genießen? Wie günstig ist die Nähr­stoff­zusammenset­zung? Verbraucher können sich diese Fragen beim Einkauf oft nicht so schnell beant­worten. Zwar schreibt die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) seit 2016 für alle verpackten Lebens­mittel vor, sieben Nähr­werte – darunter Energie, Fett, Salz – tabellarisch aufzuführen, aber die Angaben stehen oft unscheinbar auf der Rück­seite und beziehen sich auf 100 Gramm. Das Umrechnen auf eine Portion oder den Tages­bedarf ist zu kompliziert. Verbraucherschützer, Mediziner und Ernährungs­experten fordern seit langem ein leicht verständliches Element auf der Frontseite, das den ernährungs­physiologischen Wert eines Lebens­mittel auf einen Blick einordnet.

Foodwatch: Mehr­heit bevor­zugt Nutri-Score

Repräsentative Umfrage. Noch bevor das Ernährungs­ministerium (BMEL) Ende September die Ergeb­nisse seiner eigenen Befragung zu einer sinn­vollen Lebens­mittel­kenn­zeichnung vorstellen will, hat die Verbraucher­organisation Foodwatch gemein­sam mit Ärzte­ver­einigungen und medizi­nischen Fachgesell­schaften wie dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte oder der Deutschen Diabetes Gesellschaft Mitte August eine eigene repräsentative Forsa-Umfrage mit 1003 Teilnehmern vorgelegt.

Nur zwei Varianten. Ins Rennen schickte sie dabei allerdings nur zwei Label zur Kenn­zeichnung: den Nutri-Score und das Waben-Sterne-Modell des Max-Rubner-Instituts. Die zwei weiteren Lebens­mittel­kenn­zeichnungen, die das BMEL zur Wahl stellt, fielen unter den Tisch (siehe unten, „Vier Modelle im Topf“).

Waben-Modell fällt durch. Das Ergebnis der Foodwatch-Umfrage: Der fünf­stufige Nutri-Score kommt gut an. Ihn bevor­zugten 69 Prozent der Befragten. Unter den stark überge­wichtigen Menschen und solchen mit geringem formalen Bildungs­grad favorisierten sogar jeweils drei Viertel dieses Modell. Nur 25 Prozent sprachen sich hingegen für das Waben-Sterne-Label aus. Die Mehr­heit empfand es im Vergleich eher als „kompliziert“ und „verwirrend“. 18 Prozent befanden, dass diese Kenn­zeichnung die Auswahl gesunder Lebens­mittel erleichtere. Dem Nutri-Score bescheinigten das 60 Prozent.

Vier Modelle im Topf

In einigen Ländern existieren bereits einfache Kenn­zeichnungs­modelle mit Signalwirkung. Bundes­ernährungs­ministerin Julia Klöckner (CDU) hat jetzt eine Verbraucherbefragung gestartet, bei der insgesamt etwa 1 600 repräsentativ ausgewählte Verbraucher ihre Meinung zu vier Modellen der Nähr­wert­kenn­zeichnung abgeben sollen. Das Votum soll voraus­sicht­lich bis September vorliegen und danach als freiwil­liges Kenn­zeichnungs­modell umge­setzt werden. Die Teilnehmer können abstimmen zwischen dem Nutri-Score aus Frank­reich, dem Schlüssel­loch- Modell aus Skandinavien, einem Entwurf des Bundes für Lebens­mittel­recht und Lebens­mittel­kunde (BLL) und einem Vorschlag des Max-Rubner-Instituts (MRI). Im Folgenden stellen wir die vier Modelle kurz vor.

Vorschlag 1: Das Schlüssel­loch-Modell

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Das Schlüssel­loch- oder Keyhole-Modell existiert in Schweden seit 1989. Norwegen, Dänemark und Island haben es vor einigen Jahren über­nommen. Dahinter steht die Idee einer Positiv-Kenn­zeichnung, die für Anbieter freiwil­lig nutz­bar ist: Das Logo – ein weißes Schlüssel­loch auf grünem Grund – darf nur auf Lebens­mitteln stehen, die wenig Salz und Zucker, eine gute Fett­qualität sowie einen hohen Anteil an Ballast­stoffen und Voll­korn enthalten. Das Zeichen dürfen auch frische und verpackte Produkte tragen, aber Süßig­keiten generell nicht. Die nordischen Ernährungs­empfehlungen sind die wissenschaftliche Basis für dieses Modell. Sein Nachteil: Wenn Produkte das Zeichen nicht tragen, wissen Verbraucher nicht, ob es ungünstig zusammengesetzt ist oder der Anbieter sich einfach nur nicht am Keyhole-System beteiligt. Das Max-Rubner-Institut moniert, dass Getränke ausgeschlossen seien. Mineral­wasser etwa könne grund­sätzlich eine positive Kenn­zeichnung erhalten. Außerdem seien inner­halb von Produkt­gruppen keine Abstufungen und keine Bewertungen zu einzelnen Nähr­stoffen wie Salz erkenn­bar.

Vorschlag 2: Das Waben-Sterne-Modell

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Mit der Wabenform setzt das Max-Rubner-Institut auf bewährte Formen­sprache.

Der Entwurf des MRI setzt auf wabenförmige Felder zu fünf Inhalts­stoffen (gesättigte Fett­säuren, Fett, Salz, Zucker und Energie) in verschiedenen Stufen der Farbe Blaugrün. Dabei gilt: Je dunkler der Farbton, desto gesünder. Eilige Käufer können sich außerdem an einem Sterne-System orientieren, entliehen bei der Bewertung von Hotels: Lebens­mittel erhalten hier von einem Stern bis fünf Sterne – je mehr Sterne ein Produkt trägt, umso güns­tiger ist es zusammengesetzt. Mit dem Entwurf will das MRI eine Brücke bauen zwischen „den verschiedenen Interessen, die bei der Einführung einer Nähr­wert­kenn­zeichnung zu berück­sichtigen sind“, so das Institut. Sie solle im Ideal­fall für alle einen gang­baren Weg darstellen.

Vorschlag 3: Kreis­diagramme

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Auch der Bund für Lebens­mittel­recht und Lebens­mittel­kunde geht mit einem Vorschlag ins Rennen.

Der Lebensmittelverband Deutschland (ehemals Bund für Lebens­mittel­recht und Lebens­mittel­kunde) hat im Namen der deutschen Lebens­mittel­industrie ein eigenes Modell zur Nähr­wert­kenn­zeichnung vorgeschlagen. Danach sollen Kreis­diagramme die Mengen an Kalorien, Fett, Zucker und Salz eines Produkts im Verhältnis zur empfohlenen Tages­menge darstellen. Die Bezugs­größe soll grund­sätzlich 100 Gramm oder 100 Milliliter sein. Bei Lebens­mitteln wie Riegeln, bei denen kleinere Portionen in Portions­packungen verpackt sind, ist alternativ die Bezugs­größe „pro Packung“ möglich.

Vorschlag 4: Der Nutri-Score

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Hinter dem Nutri-Score stehen sowohl Verbraucherschützer als auch Marken wie Danone.

Der Nutri-Score setzt auf Mehr­farbigkeit: Eine fünf­stufige Farb­skala von A bis E, die auf der Vorderseite von Lebens­mitteln stehen kann. Ein hervorgehobenes A zum Beispiel steht für einen hohen ernährungs­physiologischen Wert und ein E bedeutet, dass dieses Lebens­mittel nach­teilig ist. Das Konzept für den Nutri-Score haben unabhängige Ernährungs­wissenschaftler aus Frank­reich und England entwickelt. Studien bestätigen, dass Verbraucher diese Nähr­wert­kenn­zeichnung als verständlich empfinden und dass sie ihre Lebens­mittel­auswahl positiv beein­flussen kann. Auch der Verbraucherzentrale Bundes­verband sowie Verbraucherschützer aus weiteren Ländern Europas befür­worten den Nutri-Score, den Anbieter freiwil­lig nutzen können. In Frank­reich tragen bereits seit 2017 einige verarbeitete Lebens­mittel den Nutri-Score, in Belgien und Spanien seit 2018. Seit März 2019 bietet auch der deutsche Handel erste Lebens­mittel mit Nutri-Score an, zum Beispiel Danones „Frucht­zwerge“. Beim Tiefkühl­kost­hersteller Iglo finden Kunden die Kenn­zeichnung auf der Website für die Produkte; der Heimliefer­dienst Bofrost hat seine Ware im Online-Shop entsprechend ausgezeichnet.

Lücken von Nutri-Score und Co

Alle Kenn­zeichnungs­systeme haben Lücken, auch der Nutri-Score und die zwei Vorschläge aus Deutsch­land: Bei ihnen fließen manche positive Inhalts­stoffe wie Omega-3-Fett­säuren und Vitamine nicht in die Bewertung ein. Und einigen an sich empfehlens­werten Mono­produkten dürfte die Kenn­zeichnung nicht gerecht werden: Olivenöl zum Beispiel bekäme wegen seines Fett­anteils von 100 Prozent eine schlechte Bewertung, aber für seine vorteilhaften ungesättigten Fett­säuren keinen Ausgleich. Außerdem können Verbraucher im Geschäft nicht nach­voll­ziehen, wie die Berechnung zustande gekommen ist. Sie müssen sich im Internet über die Berechnungs­grund­lage informieren – das ist mühsam.

Einst­weilige Verfügung gegen Iglo

Am 16. April 2019 hat das Land­gericht Hamburg eine einst­weilige Verfügung (411 HKO 9/19) gegen Iglo erlassen, um die Kenn­zeichnung von Verpackungen für vier Produkte mit dem Nutri-Score zu unterbinden. Laut eines Sprechers sind folgende Produkte betroffen: Filegro Traditioneller Ofen-Back­fisch, Schlemmer-Filet mit Rahm­spinat, Blatt-Spinat und Chicken Nuggets Cheese. Nach Einschät­zung des Land­gerichts verstoße die Darstellung des Nutri-Scores auf diesen Produkten gegen europäische Vorschriften zur Lebens­mittel­kenn­zeichnung und sei daher im geschäftlichen Verkehr unzu­lässig. Den Antrag auf einst­weilige Verfügung hatte der Schutz­verband gegen Unwesen in der Wirt­schaft e. V. mit Sitz in München gestellt.

So wird der Nutri-Score berechnet

Für die ernährungs­physiologische Einordnung von Lebens­mitteln verrechnen die Anbieter güns­tige und ungüns­tige Nähr­stoffe. Die Basis für die Nutri-Score-Berechnung hat das französische Gesund­heits­ministerium veröffent­licht. Negativ zu Buche schlagen Kalorien, Zucker, gesättigte Fett­säuren und der Salz­bestand­teil Natrium. Für diese Nähr­stoff­gruppen gibt es jeweils eine bestimmte Punkt­zahl – von 0 (optimal) bis 40 (schlecht). Für vorteilhafte Ballast­stoffe, Eiweiß, Obst, Gemüse und Nüsse werden umge­kehrt wieder Punkte abge­zogen – von 0 (nichts vorhanden) bis 15 (viel der vorteilhaften Nähr­stoffe). Je nied­riger das Gesamt­ergebnis, desto besser. Es bestimmt, welcher Buch­stabe hervorgehoben wird. Der Nutri-Score wird nicht für Portionen, sondern für 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Produkts berechnet. Das Bewertungs­systeme für Getränke ist strenger als für alle anderen Lebens­mittel.

Tabelle Kategorien Nutri-Score

Für Lebens­mittel: Gesamt­punkt­zahl

Dieser Buch­stabe ist hervorgehoben

Für Getränke: Gesamt­punkt­zahl

-15 bis -1 Punkte

A

Gilt nur für Wasser

0 bis 2 Punkte

B

-15 bis 1 Punkte

3 bis 10 Punkte

C

2 bis 5 Punkte

11 bis 18 Punkte

D

6 bis 9 Punkte

19 Punkte und mehr

E

10 und mehr Punkte

      Berechnungs­beispiele für konkrete Produkte

      Auf den „Frucht­zwergen“ sticht ein hell­grünes B hervor – das signalisiert, dass dieses Produkt zum regel­mäßigen Verzehr geeignet ist. Bei Produkten, die eher unausgewogen zusammengesetzt sind wie Danone Dany Schoko + Sahne, blinkt dann ein gelbes C. Hier die Berechnung dahinter:

      Danone Frucht­zwerge

      Lebens­mittel­kenn­zeichnung Meldung

      Negative Komponenten: + 4 Punkte (Energie, Gesamt­zucker, gesättigte Fett­säuren)
      Positive Komponenten: - 3 Punkte (Protein)
      Gesamt­rechnung: 4 - 3 = 1
      Nutri-Score: B

      Danone Dany Schoko + Sahne

      Lebens­mittel­kenn­zeichnung Meldung

      Negative Komponenten: + 7 Punkte (Energie, Gesamt­zucker, gesättigte Fett­säuren)
      Positive Komponenten: - 1 Punkt (Protein)
      Gesamt­rechnung: 7 - 1 = 6
      Nutri-Score: C

      Eine Über­sicht über die detaillierte Berechnungen für diese zwei Beispiele sowie für weitere Produkte finden Sie in der Tabelle Nutri-Score.

      Britische Ampel nicht im Rennen

      Ein bekanntes Lebens­mittel-Kenn­zeichnungs­system ist nicht unter den Modellen, über das Verbraucher abstimmen können: die Ampel aus Groß­britannien. Dabei können die Anbieter von Lebens­mitteln den Anteil bestimmter Nähr­werte nach einem Ampelsystem kenn­zeichnen. Das heißt, dass die Gehalte an gesättigten Fett­säuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm jeweils durch eine der drei Ampel­farben ausgedrückt werden. Bei Grün ist nur wenig enthalten, bei Gelb mäßig viel und Rot steht für kritische Mengen. Im Vergleich zu diesem Ampel­system ist beispiels­weise Nutri-Score integrativer: Er verrechnet nicht einzelne Komponenten eines Lebens­mittels, sondern mehrere. Welt­weit existieren noch viele weitere Modelle der Lebens­mittel­kenn­zeichnung, wie das Health Star Rating System in Australien oder das Heart Symbol aus Finnland.

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      Diese Meldung ist erst­mals am 19. April 2019 auf test.de erschienen. Sie wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 15. August 2019.

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