Der Onlinehändler Amazon bietet seit Juli auch Lebens­mittel an. Die Bestellung von frischem Obst, Gemüse und anderen Frische­produkten wickelt der Branchen­primus über viele Handels­partner ab. test.de hat einge­kauft und sagt, wie es mit Lieferung sowie Frische klappt und womit Kunden rechnen müssen.

Nicht so über­sicht­lich wie im Supermarkt

Erst Bücher, dann CDs, jetzt Salat. Bei Amazon können Kunden nun auch Lebens­mittel und Getränke ordern. Über 50 000 Produkte hat der Onlinehändler laut eigenen Angaben im Angebot – mehr als ein großer Supermarkt. So gewohnt über­sicht­lich wie dessen Regalreihen ist die Webseite jedoch nicht. Zwar gibt es Filter­funk­tionen für spezielle Produkte wie glutenfreie Lebens­mittel, doch nur sehr geübte Internetnutzer finden einfach und schnell das Gesuchte. Zum Beispiel Erdbeeren: Die Produkt­liste ist unsortiert, Getränkepulver mit Erdbeer­geschmack tauchen neben Tierfutter, Marme­laden und vielem mehr auf. Ungeübte können da schon mal verzweifeln.

Unvoll­ständiges Sortiment

Das große Sortiment erweist sich als lückenhaft und teil­weise extravagant: Nahezu alle bekannten Mineral­wasser­marken fehlen. Dafür können Kunden eine 0,7 Liter-Flasche Regen­wasser aus Tasmanien für 7,90 Euro bestellen. Das Angebot an Wein ist reichhaltig, an Bier dagegen spärlich. Amazon selbst verschickt vor allem Groß­packungen von halt­baren Lebens­mitteln und Getränken. Wozu aber einen 12er Pack Salz kaufen, wenn es hoch­gerechnet nicht viel güns­tiger ist als im Supermarkt um die Ecke? Dass jegliche Angaben zur Halt­barkeit fehlen, macht Kunden die Vorrats­bestellung auch nicht schmack­haft. An Frische­produkte wagt sich Amazon selbst offen­bar nicht heran. Es stehen dafür aber jede Menge Partner zur Verfügung, für die Amazon die Vermitt­lung über­nimmt. Das Problem: Diese Anbieter sind oft Versender von Spezialitäten.

Spärliche Produktinfos

Wenig über­zeugend sind auch die Produkt­informationen: Angaben zu Nähr­werten und Mengen der Inhalts­stoffe fehlen in fast allen Fällen, die Produkt­beschreibungen sind in erster Linie Werbung. Dabei böte doch gerade das Internet den Vorteil, mehr Informationen zum Produkt zu liefern als auf eine kleine Verpackung passt.

Versand schnell teurer als Ware

Drei Warenkörbe mit insgesamt 20 Produkten hat test.de für den Schnell­test zusammen­gestellt. Die Tester bestellten zum Beispiel für einen Singlehaushalt frische Ravioli, Milch, Cherrytomaten, Bio-Eier und Bio-Butter, Toast­brot sowie frischen Serrano-Schinken. Macht zusammen etwa 20 Euro. Erst am Ende des Bestell­vorgangs gab es Informationen über die Versand­kosten: rund 25 Euro – das ist mehr als der Waren­wert. Das Problem: Kein einziges Produkt kommt von Amazon selbst. Der Onlinehändler ist nur Vermittler. Die Tester kauf­ten für den Singlehaushalt über Amazon bei insgesamt fünf verschiedenen Anbietern ein. Und diese berechnen jeweils eigene Versand­kosten. Nur der reine Amazon-Warenkorb, bei dem keine fremden Handels­partner beteiligt sind, kommt ab einem Bestell­wert von 20 Euro versand­kostenfrei ins Haus.

Kein Widerrufs­recht für Lebens­mittel

Die Bezahlung klappt nur per Bank­einzug oder Kreditkarte, der Kauf auf Rechnung war selten möglich. Weitere Nachteile der Handels­platt­form mit verschiedenen Anbietern: Es gibt keine einheitlichen Bedingungen. Bei eventuellen Reklamationen muss sich der Kunde an die jeweiligen Anbieter separat wenden. Ein zweiwöchiges Widerrufs­recht des Kaufes gibt es bei der Bestellung von Lebens­mitteln im Internet ohnehin nicht. Und gleich­zeitig bestellte Waren kommen nicht unbe­dingt zusammen an. Das heißt, wer nicht permanent zu Hause ist, erhöht das Risiko, dass Warenpakete beim Nach­barn landen.

Weiche Butter, ein kaputtes Ei

Trotz Kühlung und Verpackung über­standen Butter und Eier den drei­tägigen Trans­port nicht unbe­schadet.

Trotz Kühlung und Verpackung über­standen Butter und Eier den drei­tägigen Trans­port nicht unbe­schadet.

Für die Bestel­lungen waren 15 Lieferungen notwendig. Zehn davon trafen inner­halb von zwei Tagen ein, weitere vier am dritten Tag. Das letzte Paket mit Bio-Eiern und Bio-Butter vom Anbieter amorebio war auch am vierten Tag nach der Bestellung noch nicht da. Die Tester reklamierten dies, eine Ersatz­lieferung traf dann nach nochmals drei Werk­tagen ein. Bei den sommerlichen Temperaturen war das Eis in den Kühlbeuteln jedoch geschmolzen und zum Teil ausgelaufen. Die Butter war dementsprechend deformiert, eins von sechs Eiern ange­knackst.

Salat mit brauner Schnitt­stelle, falsches Salatdressing: Das wäre Kunden im Supermarkt nicht passiert.

Salat mit brauner Schnitt­stelle, falsches Salatdressing: Das wäre Kunden im Supermarkt nicht passiert.

Meist lieferten die Anbieter die korrekte Ware. Beim Salatdressing hat sich der Onlineanbieter food-shop24 aber in der Marke vertan. Und das exklusive Grill­wurst-Probierpaket von Otto Gourmet war in der bei Amazon beschriebenen Form nicht liefer­bar. Die Tester erhielten ein leicht abge­wandeltes Probierpaket. Nach wie vor steht das Grill­wurst-Angebot aber unver­ändert online. Wenn regel­mäßige Aktualisierungen fehlen, müssen Kunden also mit Ersatz­lieferungen rechnen.

Senfbecher im Riesen­karton

Über­dimensionaler Verpackungs­aufwand für nur einen Becher Senf

Über­dimensionaler Verpackungs­aufwand für nur einen Becher Senf

Mit Hilfe von Styroporboxen, Kühl­elementen und jeder Menge Pack­papier kamen die Lebens­mittel größ­tenteils unver­sehrt und im gewünschten Zustand an: das Eis noch gefroren, die Bierflasche heil und die Tomaten ohne Druck­stellen. Nur der Salat­kopf war an der Schnitt­schnelle braun und einige frische Kirschen über­reif. Mitunter war der Verpackungs­aufwand aber über­dimensioniert: In einem Karton mit Styropor­schnitzeln lag noch in einer extra Tüte verpackt nur ein kleiner Becher Senf.

Falsch gelagerte Mandelhörn­chen

Die bestellten frischen Bratwürste von der Land­metzgerei Schiessl waren bei Anlieferung 15 Grad Celsius warm. Anlass genug, sie im Labor auf Keime zu testen und verkosten zu lassen. Die mikrobiologische Qualität war noch zufrieden­stellend: Sie entsprach der einer durch­schnitt­lichen Wurst am Ende der Mindest­halt­barkeit – allerdings waren es bis dahin noch 18 Tage Zeit. Beim Grillen jedoch platzten die Bratwürste der Länge nach auf. Über­lagert war kein Lebens­mittel, doch der Schoko­laden­über­zug der bestellten Mandelhörn­chen, die von Amazon selbst angeboten und verschickt wurden, hatte einen weißen Belag – eine Folge von zu warmer Lagerung oder von zu stark schwankenden Lager­temperaturen.

Amazon will nachbessern

Die getestete Amazon-Webseite für den Einkauf von Lebens­mitteln ist die in der Erpro­bung stehende Beta-Version. Amazon selbst hat angekündigt, sein Angebot nach­zubessern. Um die Versand­kosten zu senken, könnten etwa Waren der Handels­partner in den Amazon-eigenen Versandzentren lagern und von dort aus gebündelt abge­schickt werden. Das Sortiment soll wachsen und weitere Filter­funk­tionen sollen dazu­kommen. Inwieweit Amazon auf die Service­qualität der Handels­partner Einfluss nimmt, ist aber fraglich.

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