Lebens­mittel-Liefer­dienste

Lebens­mittel-Liefer­dienste: Wie gut sind Bringmeister, AmazonFresh & Co?

04.10.2018
Lebens­mittel-Liefer­dienste - Wie gut sind Bringmeister, AmazonFresh & Co?
„Ich bestelle online, um mehr Zeit mit meinem Zweijäh­rigen zu verbringen und weniger mit Einkaufen.“ Anne Klemkow aus Potsdam, 32 Jahre, berufs­tätige Mutter © Adam Sevens

Kein Liefer­dienst für Lebens­mittel schneidet im Test gut ab. AmazonFresh vermasselt es sich beim Daten­schutz. Viele kühlen die Ware schlecht.

Lebens­mittel-Liefer­dienste Testergebnisse für 10 Lebens­mittel-Liefer­dienste 10/2018

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Inhalt

Anne Klemkow bestellt abends Lebens­mittel im Internet. Da schläft ihr kleiner Sohn. Wenn sie ihn nach der Arbeit von der Kita abholt, möchte sie nicht noch mit ihm durch Geschäfte hetzen. Rentnerin Sieglinde Brück kauft online ein, seit sie Probleme mit dem Laufen hat und nicht mehr viel tragen kann. Anne Kliem, 24 Jahre, besitzt kein Auto und ließ sich zuletzt einen Groß­einkauf für eine Party vor die Wohnung bringen.

Junge Leute, Familien, computerbe­wanderte Senioren geben den Online-Supermärkten in Deutsch­land Auftrieb. 2017 steigerten sie ihren Umsatz um 21 Prozent – allerdings beträgt ihr Anteil am gesamten Lebens­mittel­umsatz nur etwa 1 Prozent. Die meisten kaufen lieber noch vor Ort selbst ein. Ob auf Liefer­dienste Verlass ist, haben wir geprüft, darunter etwa AmazonFresh, Bringmeister, Food.de und Rewe Liefer­service. Von zehn Online-Supermärkten ließen wir je fünf Bestel­lungen in Test­haushalte bringen, zum Beispiel Schweres wie Mineral­wasser und Druck­empfindliches wie Eier oder Erdbeeren. Die meisten Einkäufe kamen zum verabredeten Termin und waren richtig zusammen­gestellt. Größte Heraus­forderung: die Kühlkette.

Unser Rat

MyTime.de
liegt im Test vorn: mit der Note befriedigend. Der Dienst liefert Lebens­mittel deutsch­land­weit in Paketen, allerdings mit viel Trans­portmüll. Bringmeister und Rewe Liefer­service, die Nächst­platzierten, tragen weniger Müll ins Haus, haben aber mehr Probleme mit gekühlter Ware. Bei AmazonFresh läuft am meisten glatt, der Dienst vermasselt sich Platz eins durch sehr deutliche Mängel in der Daten­schutz­erklärung.

136 von 245 Kühl­waren zu warm

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Viel zu warm. Das Hähn­chen­brust­filet dürfte höchs­tens 4 Grad Celsius haben, der Test­haushalt maß 15,4 Grad. © Stiftung Warentest

Hähn­chen­brust, Räucherlachs, Mozzarella, Schlagsahne, Salat-Mix oder vergleich­bare Alternativen – von 245 kühl­pflichtigen Produkten waren 136 bei der Anlieferung zu warm – das entspricht 56 Prozent. AllyouneedFresh, Food.de und Natur.com hatten die Kühlkette gar nicht im Griff. Im Extrem schnellten die Thermo­meter, mit denen die Tester in den Haushalten die Produkt­temperatur prüften, auf mehr als 20 Grad. Frisch­fleisch wie Hähn­chen darf laut Verpackungs­angaben und einer Din-Norm eine Höchst­temperatur von 4 Grad nicht über­schreiten, Räucherlachs keine 7 Grad.

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Erdbeeren. 15 von 35 Lieferungen waren lädiert. © Stiftung Warentest

Wenn die Kühlkette unterbrochen ist, können sich Keime vermehren und die Lebens­mittel vorzeitig verderben. Schlimms­tenfalls machen sie krank. Verbraucher sollten zu warme Produkte direkt beim Händler reklamieren, etwa per Telefon oder E-Mail. Wer die Lebens­mittel nicht wegwerfen möchte, sollte sie komplett durch­erhitzen und möglichst schnell verzehren. Das Mindest­halt­barkeits­datum gilt nun nicht mehr.

Viele Erdbeeren mit Druck­stellen

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„Seit ich nicht mehr gut laufen kann, kaufe ich Lebens­mittel im Internet. Ich habe extra dafür einen PC ange­schafft.“ Sieglinde Brück aus Düssel­dorf, 85 Jahre, Rentnerin © Frank Beer

Bei 12 der 50 Lieferungen rochen die Tester das Wasch­pulver. Es war nicht ideal, aber zumindest oft getrennt von Duftemfindlichem verpackt. Von den leicht zerdrück­baren Produkten bereiteten den Händ­lern nur die Erdbeeren Probleme: 43 Prozent kamen mit Druck­stellen, zermatscht oder schimmelig an. Alles andere blieb meist unver­sehrt. Nur 1 der 536 gelieferten Eier war zerbrochen, nur 2 von 63 Tüten enthielten krümelige Chips, nur ein Sahnebecher lief aus. Diese Test­ergeb­nisse decken sich mit Erfahrungen von Sieglinde Brück. „Ich bin zufrieden mit dem Zustand der Lebens­mittel, vor allem bei Obst und Gemüse.“

Im Test fehlte hin und wieder etwas oder war ausgetauscht: Erdbeeren zum Beispiel gegen Blau­beeren. Oft erhielten die Kunden vorher Bescheid. 19 der insgesamt mehr als 700 Artikel kamen nicht an, beispiels­weise ein Kasten Wasser von Real.

Lebens­mittel-Liefer­dienste Testergebnisse für 10 Lebens­mittel-Liefer­dienste 10/2018

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Pünkt­lich­keits­quote von 82 Prozent

Auf die Pünkt­lich­keit der Händler war Verlass. Da geht es nicht um die Minute, sondern um das angekündigte Zeit­fenster. Es reicht von einer Stunde bis zu mehreren Tagen. Die Pünkt­lich­keits­quote lag im Schnitt bei 82 Prozent. Für die berufs­tätige Mutter Anne Klemkow ist das ein entscheidender Punkt: „Mein Tag ist durch­getaktet, langes Warten auf den Liefer­dienst verursacht Stress.“

Auf den Websites waren vorgeschriebene Produkt­angaben über­wiegend vorhanden. Seit 2014 regelt die Lebens­mittel­informations­ver­ordnung, dass Online-Supermärkte so informieren müssen wie Anbieter vor Ort, etwa über Nähr­werte und All­ergene.

Vier liefern ins hinterste Dorf

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„Ich habe kein Auto und wohne im vierten Stock ohne Aufzug. Den Groß­einkauf für eine Party habe ich online geordert.“ Anne Kliem aus Berlin, 24, Jahre, Redak­teurin, Stiftung Warentest © Benjamin Pritzkuleit

Anne Klemkow und Anne Kliem wohnen in Potsdam und Berlin – sie können alle geprüften Online­dienste nutzen, weil dort alle vertreten sind. Wer auf dem Land wohnt, kann oft nur bei vier Diensten ordern: AllyouneedFresh, Amorebio, MyTime.de und Natur.com liefern bis ins hinterste Dorf. Sie bringen die Waren von einem Zentral­lager über Paket­dienste wie DHL als Paket auf den Weg. Nachteil: Die Pakete erreichen die Kunden frühestens einen Tag nach der Bestellung. Das macht ausgefeilte Kühl­konzepte notwendig – und die Kunden müssen dafür meist Zuschläge zahlen (Testergebnisse, „Liefer­kosten“ und „Aufschläge“).

Die Paket­versender bürden ihnen und der Umwelt auch viele Kartons, Papier, Luft­pols­terfolien und Styropor auf. Dafür gab es im Test Minus­punkte (Verpackungsmüll).AllyouneedFresh schneidet in diesem Punkt besser ab. Der Ableger von DHL liefert die Einkäufe in vielen Regionen – darunter auch an unsere Test­haushalte – in Tüten und Mehr­wegboxen. Das reduziert den Müll zumindest ein biss­chen.

Mehr Komfort bei Groß­stadt­händ­lern

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Kartoffel­chips. Nur 2 von 63 Tüten enthielten Bruch. Eier. Nur 1 von 536 gelieferten Eiern war kaputt. © Stiftung Warentest

Regionale Anbieter haben logistische Vorteile: Die Waren­lager oder Supermarkt-Filialen, in denen sie die Online­bestel­lungen zusammen­packen, liegen oft nicht weit von der Liefer­adresse entfernt. Das verschafft Kunden Komfort: Sie erhalten den Einkauf im schnellsten Fall schon 90 Minuten nach der Bestellung und können zwischen vielen Liefer­terminen wählen.

Bringmeister, Rewe und Food.de fahren die Einkäufe meist mit eigenen Wagen aus. Strom­aggregate und Kühlpads zum Beispiel sollen Produkte kühl halten. Kühl­zuschläge gibt es nicht. Boten bringen die Waren in Tüten und nehmen meist auch Pfand­gut wieder mit. „Das ist praktisch“, sagt Anne Kliem.

Liegt die Zukunft im Kofferraum?

Die Online-Supermärkte befinden sich mit vielem noch in der Experimentier­phase. Kunden in Deutsch­land achten stark auf Preise und haben selten lange Wege zum nächsten klassischen Supermarkt. Die Onlinebranche muss eins draufsetzen und tüftelt an schlauen Konzepten für die Lieferung, zum Beispiel in den Auto­kofferraum oder direkt in den Kühl­schrank mithilfe smarter Schlösser. Ob das der Bringer ist, wird die Zukunft zeigen.

04.10.2018
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