Das Bildungssystem in Deutschland ist stark reformbedürftig. Doch Reformen haben ihren Preis. „Ein zukunftsfähiges deutsches Bildungssystem kostet rund 30 Prozent mehr als das heutige. Aber es ist finanzierbar“, zu diesem Schluss kommen die Autoren von „Bildung neu denken! Das Finanzkonzept“, einer von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft bei Prof. Dr. Dieter Lenzen von der Freien Universität Berlin in Auftrag gegebenen Studie.

Bereits in der Vorgängerstudie „Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt“ haben die Autoren das deutsche Bildungssystem von der Vorschulerziehung bis zur Seniorenbildung unter die Lupe genommen und Reformvorschläge für die Zukunft gemacht. Da Reformen von der Politik häufig mit dem Argument abgelehnt werden, sie seien nicht finanzierbar, stellen die Autoren in ihrem neuen Werk die Frage nach den Kosten, mit denen Reformen im Bildungswesen verbunden sind und zeigen ganz konkret die finanziellen Folgen ihrer Vorschläge auf.

„Stunde Null“ in der beruflichen Weiterbildung

Für den Bereich der beruflichen Weiterbildung sehen die Autoren den größten Reformbedarf. Während sie das System der Allgemein- und Berufsausbildung als dringend reformbedürftig bezeichnen, sprechen sie im Bereich Weiterbildung gar von einer Stunde Null. Deutschland sei mit der Dauer der Weiterbildung pro Teilnehmer und Jahr eines der Schlusslichter in Europa. Der Umfang betrieblicher Weiterbildung sinke seit 1992 kontinuierlich. Die Ursachen liegen für die Autoren auf der Hand: Der Gedanke von der Notwendigkeit lebenslangen Lernens sei weder bei Arbeitnehmern noch bei Arbeitgebern ausreichend entwickelt. Berufstätige seien weniger bereit sich weiterzubilden, wenn sie sich an den Kosten beteiligen müssen. Und die Unternehmen sparten in wirtschaftlich schlechten Zeiten vor allem an der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter.

Doch gerade den Unternehmen weisen die Autoren in Zukunft eine stärkere Verantwortung bei der Finanzierung von Weiterbildung zu. In ihrem eigenen Interesse werden Betriebe künftig die bereits heute betriebene Aufstiegsweiterbildung ausweiten müssen, so die Autoren. „Sie werden ein betrieblich und individuell maßgeschneidertes Weiterbildungsprogramm entwickeln und anbieten, dessen Qualität darüber entscheiden wird, ob Arbeitskräfte sich künftig an den Betrieb gebunden fühlen“, heißt es weiter. Der Mehraufwand der Betriebe für Weiterbildung werde bei etwa 3,2 Milliarden Euro liegen.

Verstärktes Engagement eingefordert

Und damit nicht genug. Ein verstärktes Engagement der Unternehmen erwarten die Autoren der Studie in Zukunft auch bei anderen Weiterbildungsformen, wie der Umstiegsweiterbildung und der rehabilitativen Weiterbildung, die bislang vor allem in den Aufgabenbereich der Bundesagentur für Arbeit fallen. Die Unternehmen werden diese künftig durch eigene Maßnahmen ersetzen und die Agentur für Arbeit damit um rund 2,2 Milliarden Euro entlasten, heißt es in der Studie.

Neben den Unternehmen sehen die Autoren vor allem den Staat und die privaten Verbraucher in der Pflicht: Der Staat solle sich im Rahmen seiner Subventionspolitik auf „unabdingbare Bildungsmarktkorrekturen“ konzentrieren und auf detaillierte Steuerungen verzichten. Und den privaten Haushalten müsse klar gemacht werden, dass Bildung eine Investition in die Zukunft und obligatorischer Teil der Daseinsvorsorge sei. „Weiterbildung muss regelhafter Bestandteil der Bildungsbiografie jedes Menschen werden,“ fassen die Autoren der Studie zusammen. „Die Unternehmen werden dafür verantwortlich werden müssen, diese Lernbiografie aktiv mit zu planen und zu gestalten.“

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