Interview: Streiks nehmen zu

Laufschuhe Test

Li Qiang, Chef von China Labor Watch. Die Non-Profit-Organisation in New York unterstützt Arbeiter in China, ihre Rechte wahr­zunehmen.

Arbeiter in chinesischen Fabriken verlangen immer häufiger nach besseren Arbeits­bedingungen – und bekommen sie auch zunehmend. Das sagt Li Qiang, Arbeits­rechts­experte und Gründer von China Labor Watch.

Nike und Saucony haben die Prüfung ihrer Laufschuh­hersteller in China verweigert. Kennen Sie da die Zustände?

Über Saucony wissen wir wenig. Bei Nike waren die Arbeits­bedingungen vor einigen Jahren deutlich besser als bei Adidas. Heute liegen beide Firmen gleich­auf, lassen sogar in denselben Fabriken produzieren. Man kann auch sagen: Während sich die Bedingungen bei Adidas in den vergangenen Jahren gebessert haben, sehen wir bei Nike eher Rück­schritte.

Wir haben einen Nike-Zulieferer in Guangdong besucht. Dort klagten Arbeiter über schlechte Arbeits­bedingungen.

An sich liegen Nike und Adidas, was Arbeits­bedingungen betrifft, im oberen Mittel­feld. Bei Nike glaubt man, dass es nicht nötig sei, weitere Anstrengungen zu unternehmen. Dabei gibt es auch Zulieferer, die sich nicht an die von Nike vorgeschriebenen Regeln halten: Wo Arbeiter 80 statt 60 Wochen­stunden arbeiten, nicht versichert sind, die Löhne nicht pünkt­lich gezahlt werden.

Warum bekommen Hersteller diese Miss­stände nicht in den Griff?

Das Problem sind die mangelhaften Kontrollen. Das System ist durch und durch korrupt. Gegen etwas Bestechungs­geld drücken viele der Kontrolleure, die die Hersteller zu ihren Zulieferern schi­cken, gern ein Auge zu. Manchmal wollen die Kontrolleure die Miss­stände auch bewusst nicht sehen. Die Marken wollen ihre Umsätze erhöhen, Lieferungen eilen, Läden wollen bestückt werden. Ob Arbeits­zeiten einge­halten werden, ist da zweitrangig. Externe Kontrolleure sind Herstel­lern oft zu teuer. Und selbst Externe lassen sich täuschen.

Wie sind die Arbeits­bedingungen bei Laufschuh­herstel­lern im Vergleich zu Textilien wie etwa T-Shirts?

Etwas besser. Textilfabriken sind üblicher­weise kleiner, da die Herstellung weniger Stationen durch­laufen muss. Das heißt, schneller getaktete Lieferungs­zyklen und mehr Über­stunden. Verkauft sich ein Artikel gut, müssen die Fabriken sofort nach­legen. Die kleineren Textilfabriken sind zudem schwerer zu kontrollieren.

Haben sich die Arbeits­bedingungen in der Laufschuh­produktion in den vergangenen Jahren verändert?

Große Veränderungen gab es zuletzt Ende der 1990er Jahre, als Medien und Verbraucher Druck auf die großen Sport­hersteller ausübten. Damals hat Nike als einer der Ersten die 60-Stunden-Woche einge­führt. Zuvor waren 70, 80 Arbeits­stunden in der Branche normal, sogar 100. Seit einigen Jahren geht der Druck weniger von der Öffent­lich­keit aus. In China sind es Arbeiter selbst, die nach besseren Bedingungen verlangen. Ein Beispiel: Versicherungen. Noch vor wenigen Jahren gab es sie in kaum einer Schuh­fabrik. Inzwischen bieten sie immer mehr Arbeit­geber an. Ich nenne das „passive Verbesserung“ – Hersteller in China sehen sich gezwungen, etwas zu tun, weil die Arbeiter sich nicht mehr mit allem zufrieden­geben. Es wird immer öfter gestreikt.

Die Fabriken haben es schwerer als früher, Arbeiter zu finden?

Die Arbeiter werden wählerischer, es gibt ein größeres Angebot an Arbeit­gebern als früher. Gerade junge Arbeiter heuern mitt­lerweile lieber bei Handy- und Computer­herstel­lern an, die in der Regel höhere Gehälter zahlen. Anders als noch vor zehn Jahren arbeiten in Schuh­fabriken heute viele ältere Arbeiter.

Wie haben sich Löhne und Lebens­haltungs­kosten in China verändert?

Die Löhne in der Schuh­produktion waren mal vergleichs­weise hoch. Heute liegen sie im unteren Mittel­feld und sind um einiges nied­riger als in der Elektro­industrie oder anderen Branchen. Dort sind allerdings auch die Arbeits­zeiten weniger geregelt als in der Schuh­produktion, zudem ist die Arbeits­belastung wesentlich höher. Seit einigen Jahren steigen Löhne in der produzierenden Industrie im Schnitt um 15 Prozent im Jahr. Viele Schuh­hersteller können oder wollen nicht mithalten, die Lohn­zuwächse sind gering, die Lebens­haltungs­kosten für die Arbeiter dagegen steigen stark.

Stimmt es, dass immer mehr Fabriken nach Südost­asien abwandern?

Ja, die Abwan­derung hat schon vor Jahren begonnen. Die Arbeits­kosten in China steigen und liegen inzwischen mitunter ein Vielfaches über dem Niveau von Ländern wie Myanmar oder Kambo­dscha.

Dieser Artikel ist hilfreich. 53 Nutzer finden das hilfreich.