Die Laufschuhe im Test kommen aus China oder Vietnam. Die Produktionsbedingungen sind dort hart, der Lohn gering. Nur Adidas und Reebok engagieren sich vor Ort stark.

Chinesische Schuhfabriken sind riesig. Allein bei Freetrend Industrial, einem Hersteller in der südchinesischen Stadt Shenzhen, erstrecken sich 30 Werksgebäude auf über 251 000 Quadratmetern. 12 700 Arbeiter nähen und kleben hier täglich Sportschuhe, unter anderem für die US-Firma New Balance. Wie in einer Kleinstadt gibt es auch Krankenhäuser sowie ein gutes Dutzend Wohn- und Schlafräume.

Das Überdimensionale solcher Werke lässt sich erklären: Mehr als die Hälfte der weltweiten Schuhproduktion stammt aus China, der Löwenanteil aus den Provinzen Guangdong und Fujian – wie auch die Laufschuhe von Adidas, Karstadt, New Balance und Reebok aus dem Test Laufschuhe. Nötiges Know-How, niedrige Löhne und willige Lieferanten haben das Reich der Mitte attraktiv gemacht. Um die Arbeitsbedingungen soll es aber schlecht stehen.

Wir wollten wissen, ob das stimmt und hinterfragten das soziale und ökologische Engagement (Corporate Social Responsibility, CSR) der elf Laufschuhanbieter. Wir haben jedem von ihnen einen Fragebogen geschickt und, wenn sie einwilligten, auch ihre Ferti­gungsstätten besichtigt. Letztlich bekamen wir zehn Fabriken zu Gesicht, alle in China oder Vietnam gelegen. Dort werden Sportschuhe zusammengesetzt oder passende Sohlen produziert.

Asics, Brooks und Nike schweigen

Im Test stehen große Markenhersteller, deren Schuhe oft ab 120 Euro aufwärts kosten, günstigen Handelsketten gegenüber. Beide Gruppen nehmen ihre Unternehmensverantwortung unterschiedlich wahr. So sind es drei Markenhersteller, die die Auskunft verweigern: die japanische Firma Asics und die US-Firmen Brooks und Nike. Dass Nike schweigt, enttäuscht. War Nike doch schon in den 1990ern in Skandale wie Kinderarbeit verwickelt. Wir haben auf eigene Faust Arbeiter von Nike-Zulieferern interviewt (siehe „Report aus Vietnam“). Ihre Geschichten, die von kritischen Arbeitsumständen berichten, sind für die Branche exemplarisch.

Adidas-Gruppe mit höchstem Einsatz

Viel offener waren drei andere Markenhersteller. Und bewiesen, dass sie in Fernost verantwortungsvoll mit Arbeitern und Umwelt umgehen: Adidas und Reebok handeln insgesamt „stark engagiert“, New Balance „engagiert“. Da Reebok zur Adidas-Gruppe gehört und dieselben Leitlinien verfolgt, überzeugt Adidas somit doppelt.

Adidas kontrolliert Fertigungsstätten genau und engagiert sich auch sehr stark für seine deutschen Beschäftigten. Künftig will Adidas die Schuhproduktion nach Osteuropa verlegen, da die Kosten in China spürbar gestiegen sind. Die Zentrale des Global Players liegt im fränkischen Herzogenaurach. Sie entstand 1948, als die Brüder Adolf und Rudolf Dassler getrennte Wege gingen und Adidas und Puma gründeten.

Für Adidas, Reebok und New Balance gilt: Die chinesischen Fertigungsstätten produzieren überwiegend für sie. Ihre Verantwortung und Einflussnahme ist also groß.

Probleme bei Karstadt und Deichmann

Anders verhält es sich bei Deichmann, Lidl und Karstadt. Zum Umsatz der jeweiligen Schuhfabrik tragen sie weniger bei, ihr Einfluss auf die Produktionskette fällt deutlich geringer aus. Deichmann und Lidl kamen uns wenig entgegen: Bei beiden blieb die Sohlenfabrik für uns tabu. Noch verschlossener war Schuhhändler Reno, der keine der zwei Fertigungsstätten bekannt gab. Im Gesamtergebnis zeigen Deichmann, Lidl und Reno nur „bescheidene CSR-Ansätze“.

Karstadt verhielt sich sehr transparent und handelt gerade noch „engagiert“. Der Besuch seiner Lieferanten offenbarte große soziale Schwachpunkte: ungenügender Arbeitsschutz, unklare Entlohnung von Überstunden, mangelnder Schutz jugendlicher Arbeiter, unvollständige Arbeitsverträge. Ein ähnliches Bild zeigte sich beim Deichmann-Lieferanten in Vietnam.

Chinesisches Recht in der Praxis

Laut Gesetz sollten diese Mängel in China, wo die Karstadt-Schuhe herkommen, nicht vorkommen. Seit 2008 gelten dort neue Arbeitsgesetze. Sie bekräftigen zum Beispiel das Recht auf einen schriftlichen Arbeitsvertrag. In Wirklichkeit dauert es meist Monate, bis Arbeiter den Vertrag haben. Dazu ist er oft ungültig, da Unterschriften fehlen.

Auch jugendliche Arbeiter zwischen 16 und 18 Jahren werden durch Chinas Gesetze geschützt, etwa vor Überstunden und gefährlichen Substanzen. In vier Fabriken werden einige dieser Vorschriften aber ignoriert: bei Lidl, Adidas und beiden Karstadt-Lieferanten. Und noch immer finden viele junge Leute mittels gefälschter Papiere einen Job. Zwar wird heute mehr kontrolliert als früher, aber noch nicht genug. In Vietnam gibt es ähnliche staatliche Vorgaben.

Indirekter Zwang zu Überstunden

Überstunden sind nicht nur bei Jugendlichen, sondern bei allen Arbeitern ein massives Problem. Einige Male haben wir die realen Zeiten nicht erfahren: Deichmann gewährte uns keinen Einblick, New Balance führte zwei verschiedene Erfassungssysteme. Arbeiter werden auch indirekt zu Überstunden gezwungen. So gibt es Lohnabzüge, wenn sie das Tagespensum nicht schaffen. Dazu kassiert die Fabrik extra für Essen, Trinkwasser, Strom im Schlafraum – summa summarum bis zu 75 Prozent des Lohns.

Der Monatslohn deckt kaum die Lebenskosten. In Guangdong zahlen Firmen wie Adidas den Mindestlohn: je nach Stadt 84 bis 100 Euro. In den Großstädten Vietnams liegt der Mindestlohn bei gut 50 Euro, ausländische Firmen zahlen oft 20 Euro mehr.

Die Situation der Wanderarbeiter

In chinesischen Schuhfabriken machen Wanderarbeiter 60 bis fast 100 Prozent der Belegschaft aus. Sie kommen aus anderen Provinzen, um Arbeit zu finden. Wohn- und Schlafräume bekommen sie meist in Nähe des Werks gestellt, Männer und Frauen werden getrennt untergebracht. In der Regel wohnen acht bis zwölf Personen in einem Zimmer. Das lässt wenig Raum für Privates.

Seit der Wirtschaftskrise hat sich die Lage der Wanderarbeiter verschlechtert, denn die Betriebe sind nicht mehr ausgelastet. In ganz China stehen Millionen auf der Straße.

Was Arbeiter in Interviews erzählen

Die rund 170 Interviews, die wir mit Arbeitern führten, enthüllten weitere Schwachpunkte. So kannten viele der Befragten die Bedeutung der Gewerkschaft nicht. Und das, obwohl einige von ihnen Beiträge zahlen. Arbeitnehmervertretungen in unserem Sinne gibt es weder in China noch in Viet­nam. Vertreter sind immer auf das Wohlwollen der Betriebsleitung angewiesen.

Auch was Arbeitssicherheit angeht sind viele schlecht geschult und könnten bei einem Unfall nicht richtig reagieren. Einige berichteten von hohen Verletzungsraten.

Kritische Substanzen im Schuh

Umweltfreundlich sind Laufschuhe nicht. Ein Grund sind die Lösemittel, die bei der Produktion der Kunststoffe zum Einsatz kommen und auch in den Klebern stecken, mit denen Schaft und Sohle dann zusammengefügt werden. Sie können die Gesundheit der Arbeiter und die Umwelt belasten.

Alle Anbieter fordern von Lieferanten, Lösemittel zu reduzieren, auf kritische Schwermetalle und Weichmacher zu verzichten. Viele wollen mehr recyceltes Material einsetzen. Die meisten Vorgaben und Kontrollen machen Adidas und Reebok.

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