Wenn die Bäume in Deutschland kahl werden und das Wetter lausig, zieht es viele Ältere in den Süden. Ein Langzeiturlaub ist auch für weniger Betuchte erschwinglich.

Mallorca, Mitte Januar, 9.30 Uhr. Ein Himmel wie aus tiefblauer Seide spannt sich über die Insel. Es ist noch etwas frisch, aber gegen Mittag wird die Temperatur auf 17 Grad angestiegen sein, was sich mindestens wie 20 Grad anfühlt. Am Pool des Iberostar-Hotels Royal Christina in Playa de Palma haben sich etwa 25 reifere Gäste, in der Mehrzahl Frauen, zur „Rotkreuz-Gymnastik“ versammelt. Erstaunlich gelenkig lassen sie nach den Anweisungen der Vorturnerin vom Roten Kreuz Arme und Hüften kreisen. Nach ausgiebigem Hüpfen, Dehnen und Strecken zu flotter Musik vom Band streben die Teilnehmer auseinander. Der größte Teil von ihnen marschiert mit bunten Kugeln bewaffnet zum Strand, um Boccia zu spielen. In der Bibliothek haben vier Damen an einem runden Tisch Platz genommen und ordnen ihre Papiere. Auf dem Programm steht die zehnte Stunde Spanisch für Anfänger. In der Schwimmhalle des Hotels zieht derweil eine Frau einsam ihre Runden.

Auch am Nachmittag und am Abend hat der Neckermann Club Vital einiges zu bieten. Beispielsweise Nordic Walking, kreatives Gestalten oder das gemeinsame Singen von Volksliedern „mit Uschi Bär“. Am Abend spielt das Trio Champagne zum Tanz auf.

Aktive Winterflüchtlinge

Langzeiturlaub muss nicht gleichbedeutend sein mit Faulenzen in der Sonne. Im Gegenteil, so aktiv wie an ihrem Urlaubsort wären die meisten Winterflüchtlinge zuhause wahrscheinlich gar nicht. Hinzu kommt die Begegnung mit Gleichgesinnten. Anstatt in Deutschland bei trübem Wetter ebensolchen Gedanken nachzuhängen oder stundenlang vor der Glotze zu sitzen, trifft man sich am Urlaubsort zum Wandern, Spielen und Tanzen oder einfach nur, um miteinander zu reden.

„Davon zehre ich das ganze restliche Jahr“, sagt Gisela* aus Königswinter. Die zierliche Zweiundsiebzigjährige kann sich nur vier Wochen Urlaub in der Sonne leisten. Mehr lässt ihre kleine Rente nicht zu. Die anderen aus der Gymnastikgruppe bleiben zwischen sechs Wochen und vier Monaten.

Irene und Klaus, die an der Nordseeküste zuhause sind, wollen das nächste Mal sogar ein halbes Jahr auf Mallorca verbringen. Sie haben schon alles organisiert. Statt im Hotel wohnen sie dann in einer Wohnung. „Da fühlt man sich doch mehr wie zuhause“, sagt Irene, „und außerdem isst man nicht so viel wie an den üppigen Buffets im Hotel. Wir wollen doch schlank bleiben.“ Mit 600 Euro pro Monat inklusive aller Nebenkosten sei die Wohnung bezahlbar. Billigflüge für 48 Euro pro Strecke hätten sie auch schon fest gebucht.

Für die Reiseindustrie werden ältere Menschen immer interessanter. Denn sie verreisen öfter und länger als der Durchschnitt, sie legen größeren Wert auf Qualität und geben mehr Geld dafür aus. Reisestudien zeigen, dass Ältere besonders aktiv im Urlaub sind. Sie wandern gern, machen viele Ausflüge und zeigen mehr Interesse an Kultur und Geschichte des Urlaubslandes als jüngere Reisende.

Club Elan, Vital und Wintersonne

Die großen Reiseveranstalter haben vor einigen Jahren damit begonnen, spezielle Angebote für Senioren zu entwickeln, wobei aber strikt vermieden wird, sie als solche zu bezeichnen. Bei Tui heißt der Club für Reisende der Altersgruppe 55+ „Elan“, bei Neckermann „Vital“ und bei Alltours „Wintersonne“ und „Sonnenclub“. Aus den reichhaltigen Wochenprogrammen können sich Interessierte in den Bereichen Fitness, Unterhaltung und Kreativität das Passende aussuchen. In den Prospekten ist viel die Rede von Professionalität, Genuss und Gemeinsamkeit. Wer bei Seniorenurlaub an Bingo-Nachmittage und Blutdruckmessen denkt, liegt trotzdem nicht falsch. Denn auch das gehört zum Programm.

Bei Öger Tours erhalten Langzeiturlauber neben den üblichen Hotelangeboten bis hin zum Haarschnitt eine Vorteilskarte, mit der unter anderem ein Mietwagen für einen Tag kostenlos gebucht werden kann.

Erstaunlich günstig

Das Spezialprogramm für aktive Langzeiturlauber gibt es aber nur in vergleichsweise wenigen Hotels, meist in Spanien und in der Türkei. Während die Leistungen in den zwölf Clubs Vital von Neckermann für Langzeiturlauber inklusive sind und nur von diesen genutzt werden können, stehen die elf Tui-Clubs Elan jedem offen. Für Langzeiturlauber sind sie ebenfalls inklusive, andere zahlen 29 Euro bei Vorabbuchung und 40 Euro vor Ort. Bei Alltours können die Angebote der 48 Clubs Wintersonne und der drei Sonnenclubs sogar von jedem gratis genutzt werden.

Vier bis acht Wochen in der südlichen Sonne müssen nicht unbedingt die Welt kosten. Wer keine hohen Ansprüche hat, kann zum Beispiel im 3-Sterne-Hotel El Hana Beach in Tunesien acht Wochen für 661 Euro mit Halbpension verbringen (Tjaereborg). Das sind rund elf Euro pro Tag, Flug inbegriffen. Ab etwa 1 000 Euro für zwei Monate gibt es schon einen Hauch von Luxus, beispielsweise im Iberostar Phenicia in Hammamet (4,5 Sterne, Halbpension), zu buchen bei Neckermann Reisen.

Gesund ist es auch noch

Wenn man bedenkt, dass der lange Winterurlaub durch die zuhause eingesparten Energie- und Lebenshaltungskosten oft schon zu rund 50 Prozent bezahlt ist, fragt man sich fast, warum nicht mehr Menschen der tristen Jahreszeit entfliehen. Zumal auch gesundheitliche Aspekte eine Rolle spielen. Während das heimatliche Schmuddelwetter häufig zum Stubenhocken zwingt, lädt die frische Meeresluft im Süden zu ausgedehnten Spaziergängen ein und die tiefstehende Sonne wärmt angenehm. In den besseren Hotels gibt es oft schicke Wellnessabteilungen, in denen man sich verwöhnen lassen kann, freilich zu einem ordentlichen Aufpreis.

Wenn Geld gar keine Rolle spielt, könnte für die Überwinterung auch eine Kreuzfahrt rund um die Welt infrage kommen. Cunard, die Reederei mit den berühmten Schiffen Queen Mary 2 und Queen Elisabeth 2, hat knapp viermonatige Weltreisen im Programm. Die Preise beginnen mit Frühbucherrabatt bei 18 621 Euro in der Innenkabine, ab 22 331 Euro gibt es eine Kabine mit Meerblick, und wer den absoluten Luxus will, ist mit rund 198 000 Euro dabei.

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