Versicherer haben viel mehr Daten über ihre Kunden, als ­diese ahnen. Sie nutzen ihr Wissen, um Anträge ­abzulehnen oder Kunden den Versicherungsschutz zu kündigen.

Zweimal hat Martin Sander* eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei der Allianz beantragt, einmal bei Gerling. Er hat auch versucht, seinen bestehenden Berufsunfähigkeitsschutz bei der Victoria-Versicherung aufzustocken. Die Versicherer haben ihn abblitzen lassen.

Der 45-jährige Elektroingenieur hat in den Anträgen stets angegeben, welche Krankheiten er bereits hatte. Ein Versicherungsvertreter sagte ihm: Es ist sein zwölfwöchiger Aufenthalt auf der psychosomatischen Station, an dem die Anträge scheitern. An den Spritzen gegen sein Rückenleiden, wie er erst vermutete, liegt es nicht.

Auffällige Versicherte im Datenpool

„Meine Ärztin hat in einem Gutachten ­bestätigt, dass ich vollständig genesen bin“, sagt Sander. Doch das interessiert die ­Anbieter nicht. Sander ist einer von Mil­lionen Deutschen, die einen verschlüsselten Vermerk im Hinweis- und Informa­tionssystem (HIS), besser als Uniwagnis bekannt, haben.

Diese zentrale Datei führt der Gesamt­verband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin. Von den 453 GDV-Mitgliedsunternehmen können 227 Versicherer einsehen, ob ein Antragsteller bereits bei einem Konkurrenten auffällig geworden ist. Etwa fünf Millionen Datensätze sind hier gespeichert. Sie liefern Hinweise auf unliebsame Kunden mit einer Sach-, Unfall-, Kfz-, Rechtsschutz-, Haftpflicht-, Lebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung.

Einen Negativ-Vermerk erhalten Menschen mit Hausratversicherung, wenn bei ihnen in kurzer Zeit viermal eingebrochen wird. Autofahrer mit Kfz-Kasko-Vertrag werden registriert, wenn ihre Limousine samt Papieren geklaut wurde. In der Rechtsschutzversicherung gilt als auffällig, wer zweimal innerhalb eines Jahres auf Versicherungskosten klagt.

Bei Sander war es die Behandlung in ­einer psychosomatischen Abteilung. Alle kodierten Hinweise werden nach Aussage von Volker Landwehr vom GDV nach fünf Jahren automatisch aus der HIS-Datei ­getilgt. Sander könnte seine Berufsun­fähigkeitsrente bei der Victoria aber erst nach zehn Jahren aufstocken. So lange ­heben die Versicherer ihre Datensätze auf.

Kunden müssen Daten offenlegen

„Wenn es wirklich um das Verhindern von Versicherungsbetrug geht und die Daten genau für diesen Zweck gespeichert werden, gibt es gegen eine Wagnisdatei nichts einzuwenden“, sagt Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Datenschützer kritisieren aber die Praxis der Versicherer, schon vor Vertragsschluss Hinweise etwa über gesundheitliche Handicaps von Antragstellern in der Datei festzuhalten.

Sander hat mit seinem Antrag auf ­Berufsunfähigkeitsschutz bei der Allianz unterschrieben, dass seine Angaben über Vorerkrankungen verarbeitet und weitergegeben werden dürfen. Ohne diese Einwilligung hätte er von Anfang an keine Chance auf einen Vertrag gehabt.

Die Folgen des Einverständnisses sind immens. Die Allianz verweigert Sander die Police, meldet aber seine Angaben verschlüsselt an den Zentralrechner.

Er stellt einen neuen Antrag bei Gerling und wird auch dort abgewiesen. Denn der kodierte HIS-Eintrag verweist den Gerling-Prüfer auf das Meldeunternehmen Allianz. Eine Anfrage dort und der Gerling-Sachbearbeiter ist über die Besonderheiten von Sander informiert. Auch die Victoria wusste dank des Registers Bescheid.

Die Versicherer argumentieren, dass es jedem Antragsteller freisteht, einzuwilligen. Doch ohne Unterschrift gibt es ­keinen Vertrag. „Eine freiwillige Entscheidung, wie sie das Datenschutzrecht verlangt, ist das nicht mehr“, sagt Scholl.

Was mit seinen Angaben geschieht, ­erfährt Sander aber nur, wenn er das „Merkblatt zur Datenweitergabe“ anfordert. Im Antrag wird er völlig unzureichend informiert.

Eintrag im Zentralregister zählt

Sander hat bei jedem neuen Antrag stets ­alle Gesundheitsfragen beantwortet und die Versicherer damit über das informiert, was auch in HIS gespeichert ist. Der Eintrag im Zentralregister schadet ihm dennoch. Denn die subjektive Bewertung der Allianz, ihn als Risiko zu taxieren, beeinflusst auch die Entscheidung des Gerling-Sachbearbeiters über Sanders Antrag.

Auf keinen Fall darf aber ein abgelehnter Verbraucher im zweiten Antrag abweichende Angaben gegenüber dem ersten machen.

Verschweigt er eine Vorerkrankung, um die Versicherungspolice zu bekommen, muss er damit rechnen, dass der Sachbearbeiter von seinem früheren Antrag erfährt. Er könnte ihm einen Vertrag geben in der Gewissheit, dass die Versicherung im Schadensfall nicht zahlen muss, weil der Antrag­steller die vorvertragliche Anzeigepflicht ­verletzt hat.

Verbraucherschützer wollen den Reformvorschlag zum Versicherungsrecht aus dem Bundesjustizministerium erweitern: Versicherer sollen verpflichtet werden, zum Beispiel die Preise für Berufsunfähigkeitsschutz gestaffelt nach gesundheitlichen Risikoklassen offenzulegen. „Dann kann der Neukunde mit konkreten Zahlen kalkulieren und muss nicht zig Anträge stellen“, sagt Scholl.

Versicherer kaufen Daten ein

Mit den Informationen, die ihnen ihre Antragsteller und Kunden liefern, begnügen sich die Versicherer nicht. Sie kaufen bei Spezialdienstleistern zusätzliche Daten. Sie holen sich Informationen über die soziale Mischung der Wohngegend, aber auch über Schulden von Antragstellern. Mithilfe dieser Daten können sie abschätzen, wie sich ein Kunde in Zukunft verhalten wird.

Scoring heißt die statistische Beurteilung von Kunden. Oft kaufen die Versicherer nicht einfach nur Daten ein, sondern lassen sich daraus sofort einen Wert für den Kunden berechnen.

Über die genauen Kriterien für die ­Scoreberechnung schweigt die Branche. Alle begründen das wie Informa-Chef Wolfgang Hübner mit dem „Schutz unseres Geschäftsgeheimnisses“. Die Pforz­heimer Unternehmensberatung Informa arbeitet zum Beispiel mit der DBV Winterthur, der DEVK und der Münchener Verein zusammen.

Alle drei verwenden Scoring nach eigener Aussage nur, um ihre bisherigen Kunden gezielt für neue Angebote zu werben: Die Marketingleute passen Werbeaufwand und Angebote dem prognostizierten Kaufverhalten an. Deshalb wollen sie wissen, wer gutbetucht ist und auch weitere Verträge abschließen würde.

Doch natürlich lässt sich der Scorewert auch anders nutzen. Die Financial Times Deutschland berichtete im Januar, dass die Allianz-Autoversicherung Ende vergangenen Jahres 4 000 Kunden nach einem Scoring gekündigt hat. Ihr Wert sei schlecht ausgefallen und lasse erwarten, dass sie in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit Schäden verursachen.

Die Allianz will sich zu diesem Fall nicht äußern und schreibt uns: „Für die Bereiche Lebens- und Krankenversicherung gibt es kein Scoring. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir im Bereich der Sachversicherung aus geschäftspolitischen Gründen ­Ihre Fragen nicht beantworten wollen.“

Auskunft über Score verlangen

Die Befürworter von Scoring sagen: Eine schnellere, objektivere und billigere Bonitäts- und Verhaltensprüfung gibt es nicht.

Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) hält solche statistischen Verfahren für sinnvoll, mahnt aber die Anbieter: „Der Kunde hat ein Recht zu erfahren, welche Daten über ihn erhoben, gespeichert oder sonst wie verarbeitet werden. Das gilt auch, wenn fremde Datenbanken für eine Prüfung angezapft werden.“

Jeder von Informa Durchleuchtete kann nach Aussage von Hübner unentgeltlich seinen Scorewert abrufen, wenn er sich schriftlich meldet. Der Kunde wird aber längst nicht von allen Auskunfteien über ein Scoring informiert, sagt der Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert.

Fordert ein Versicherer den Informa-Score eines Kunden an, muss er ihn informieren, um dem Datenschutzgesetz Genüge zu tun, versichert Hübner. Ob die Versicherer das auch tun, wenn sie selbst mit einem Informa-System den Scorewert berechnen, kontrolliere Informa nicht.

Nach dem Datenschutzgesetz kann sich jeder seinen Score zuschicken lassen und kontrollieren, ob er richtig ist. Das wird aber kaum genutzt, sagt Weichert. Zudem hielten sich nicht alle Anbieter daran.

Selbst wenn der Kunde seinen Score ­erfährt, kann er ihm oft nicht widersprechen. „Fehler, Verwechslungen und veraltete Daten kommen in solchen Registern nicht selten vor“, sagt Weichert.

Datenaustausch mit der Schufa

Um das Zahlungsverhalten ihrer Kunden noch besser abzuschätzen, verhandeln die Versicherer zurzeit auch mit der Schufa. Wer als Schufa-Vertragspartner Daten ­anbietet, kann auch welche abrufen.

Als Probelauf melden Versicherer seit Jahresbeginn gerichtlich gemahnte Beiträge aus der Kfz-Haftpflichtversicherung an die Schufa. Demnächst wollen sie auch Schulden aus anderen Verträgen angeben.

Das bei der Schufa gespeicherte Verhalten des Kunden kann sich nicht nur auf seine Geschäfte mit Versicherern auswirken. Es könnte auch passieren, dass ein Verbraucher, der bei einem Versicherer aufgefallen ist, keinen Handyvertrag mehr bekommt.

*Name von der Redaktion geändert.

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