Finanzen in Krisen­zeiten

Beiträge November 2022: Einstieg in den Aktienmarkt, inflations­geschützte Anleihen, Growth-ETF

18
Finanzen in Krisen­zeiten - Was taugt das neue ETF-Depot von Vanguard?
Inflations­schutz: Mit speziellen Anleihen und ETF können Anleger sich vor steigenden Inflations­raten schützen © Getty Images, Chris Tobin / Stiftung Warentest (M)

Die Lage an den Finanzmärkten ist volatil, zuletzt erholten sich die Börsen jedoch wieder. Ist jetzt ein guter Einstiegs­zeit­punkt?

Markt­einstieg (1): Alles auf einmal oder scheibchen­weise?

25.11.2022

Ist jetzt ein guter Zeit­punkt, in den Aktienmarkt zu investieren – oder sollte man noch warten? Diese Frage stellen Anle­gerinnen und Anleger sich selbst und uns immer wieder.

Weil wir nicht sagen können, wie der globale Aktienmarkt sich in näherer Zukunft entwickeln wird, aber davon über­zeugt sind, dass dieser lang­fristig steigt, ist unsere Antwort: Auf den besten Zeit­punkt zu warten, lohnt sich nicht. Den kennt man immer erst im Nach­hinein.

Gerade für Einsteiger ist es jedoch schwer zu verkraften, wenn sie nun mit einer größeren Summe in einen Aktien-ETF investieren und danach der Markt einbricht. Es könnte daher vorteilhaft sein, die Anlagesumme in kleinere Beträge aufzuteilen und über einen gewissen Zeitraum verteilt zu investieren. Wir schauen uns in der folgenden Analyse an, welche Vor- und Nachteile ein scheibchen­weiser Markt­einstieg gegen­über der All-In-Variante hat.

Lang­fristig nach oben, dazwischen hohe Verluste

Über längere Sicht ging es am welt­weiten Aktienmarkt bisher immer aufwärts: die lang­fristige Rendite betrugen im Durch­schnitt um die 7 Prozent pro Jahr. Zwischendrin krachte es aber auch gewaltig, mit Verlusten bis zu 60 Prozent. Die längste Verlust­phase dauerte bei einem welt­weiten Investment rund 13 Jahre. Der folgende Chart zeigt die lang­fristige Wert­entwick­lung des Welt­aktienmarktes, dargestellt anhand des MSCI World Index. Ein ETF auf den MSCI World oder einen ähnlichen globalen Index hätte sich so ähnlich entwickelt.

Tipp: Der Chart ist mit logarith­mischer Skalierung dargestellt, um die Schwankungen bei einer langen historischen Betrachtung vergleich­bar zu machen. Bei der normalen Darstellungs­weise würde es so aussehen, als ob die Kurse früher kaum geschwankt hätten.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

10 000 Euro anlegen, aber wie?

Stellen Sie sich vor, Sie haben 10 000 Euro, die Sie in einen welt­weit anlegenden ETF investieren wollen. Was Ihnen jedoch nicht gefallen würde: Sie investieren die komplette Summe – und der Markt bricht danach stark ein, die Erholung dauert gefühlt ewig. Also über­legen Sie, ob Sie das Geld nicht lieber scheibchen­weise investieren, zum Beispiel gleich­mäßig über ein Jahr verteilt, in jedem Monat ein Zwölftel der 10 000 Euro. Sie stehen also vor der Wahl zwischen „Alles auf einmal“ oder „Nach und nach“. Welche Option die bessere war, wissen Sie mit Sicherheit erst nach dem ersten Jahr: Dann können Sie schauen, welche Variante mehr aus den 10 000 Euro im Aktien-ETF gemacht hätte.

Zwei Beispiele aus der Finanz­krise

Am Beispiel der Finanz­krise infolge der Pleite der Lehman-Bank lässt sich gut zeigen, wie unterschiedlich sich die beiden Einstiegs­strategien „Alles auf einmal“ und „Nach und nach“ entwickeln können.

  • Das erste Beispiel zeigt einen Zeitraum, in dem die „Nach und nach“-Strategie besser funk­tioniert hätte. Im dargestellten Einjahres­zeitraum von August 2008 bis August 2009 fiel der Markt im Februar 2009 auf seinen Tiefst­stand der Finanz­krise, um sich dann zu erholen. Wer Ende August 2008 die Summe von 10 000 Euro investieren wollte, hätte besser den scheibchen­weisen Markt­eintritt gewählt: Nach einem Jahr wären im Aktien-ETF knapp 11 000 Euro vorhanden gewesen. Bei der „Alles auf einmal“-Variante wäre das Vermögen auf 8 500 Euro geschrumpft.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

  • Das zweite Beispiel zeigt einen Zeitraum, in dem die „Alles auf einmal“-Strategie besser gewesen wäre. Wer seine 10 000 Euro im März 2009 investiert hätte, hätte bei der All-In-Variante nach einem Jahr in seinem Aktien-ETF 15 000 Euro gehabt, beim tranchen­weisen Einstieg dagegen nur 12 200 Euro. Im März 2009 waren die Kurse schon so tief gefallen, dass es danach eine ganze Weile fast nur noch aufwärts ging (was auch der Lang­frist-Chart weiter oben zeigt).

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Schlecht für die Nerven: Crash nach Einstieg

Ein Crash gleich nach dem Komplett­einstieg verringert das Vermögen und zerrt an den Nerven. Verteilt man dagegen die Sparsumme über einen Zeitraum, wandelt man die Einmal­anlage in einen kurzen Sparplan um. Und bei einem Sparplan ist ein Crash relativ am Anfang positiv, wenn am Ende des Sparplans die Erholung einsetzt. Die günstig einge­kauften ETF-Anteile gewinnen an Wert.

Die beiden obigen Beispiele zeigen das gut: Fällt der Markt zunächst und erholt sich dann gegen Ende, liegt der „Nach und nach“-Einstieg vorne. Steigt der Markt dagegen mehr oder weniger im Jahr nach dem Anfangs­zeit­punkt der Investition, liegt die „Alles auf einmal“-Variante vorne.

Die historische Betrachtung

Wir haben alle rollierenden Einjahres­zeiträume des MSCI World Index seit 1970 analysiert und ausgerechnet, wann der tranchen­weise Einstieg besser oder schlechter war als der Komplett­einstieg.

Der folgende Chart zeigt, wann welche Markt­eintritts­strategie besser funk­tioniert hat. Wir bilden für jeden Zeitraum die Differenz der „Nach und nach“-Strategie zur „Alles auf einmal“-Strategie und geben sie in Prozent an. Die Balken nach unten zeigen die Fälle, in denen es besser gewesen wäre, alles auf einmal zu investieren. Die blauen Balken nach oben stehen für Perioden, in denen die „Nach und nach“-Einstiegs­strategie besser gewesen wäre.

Das zeigt der Chart:

  • Es gibt mehr Balken nach unten als nach oben: Meistens wäre es besser gewesen, alles auf einmal anzu­legen als sein Geld in Raten zu investieren.
  • Balken nach unten bis –20 Prozent: In vielen Zeiträumen hätte man bis zu 20 Prozent mehr Vermögen in seinem Aktien-ETF gehabt, wenn man der „All-In“-Variante gefolgt wäre.
  • Balken nach oben bis 30 Prozent: In schweren Krisen­zeiten wäre es besser gewesen, der „Nach und nach“-Strategie zu folgen; man hätte bis zu 30 Prozent mehr in seinem Aktien-ETF gehabt.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Unsere Analyse

Die folgende Tabelle fasst die Analyse­ergeb­nisse zusammen und zeigt die beiden Markt­eintritts­strategien im Vergleich. Zusätzlich zur Betrachtung aller rollierenden Einjahres­zeiträume seit 1970 haben wir auch noch geschaut, ob und wie sich die Ergeb­nisse in Abhängig­keit von der Markt­phase zu Beginn der jeweiligen Investment­periode verändern.

Die Idee dahinter ist folgende: Hat der Markt gerade einen starken Einbruch verzeichnet und liegt weit unter seinem bisherigen Höchst­stand, dann wird er wahr­scheinlich nicht noch weiter oder zumindest nicht mehr so stark fallen. Anders ist die Situation, in der der Markt auf einem neuen Höchst­stand ist. Dann wäre ein starker Einbruch möglich. Für einen Investor heißt das: Vermutlich lohnt sich die All-In-Variante mehr, wenn der Markt bereits stark gefallen ist und man eher mit einer Erholung rechnen kann. Liegt der Markt dagegen nahe oder auf einem neuen Höchst­stand, könnte die „Nach und nach“-Variante mehr Sicherheit bieten.

Wir haben daher für jeden Monats­beginn seit 1970 ausgerechnet, wie weit der Markt gerade unter einem zuvor erreichten Höchst­stand lag und die Zeiträume in vier Markt­phasen einge­teilt:

  • Markt ist auf oder knapp unter Höchst­stand: er liegt 0 bis – 5 Prozent unter seinem bisherigen Höchst­stand
  • Markt verzeichnet moderate Kurs­korrekturen: – 5 bis – 20 Prozent unter Höchst­stand
  • Markt ist stark einge­brochen: – 20 bis – 40 Prozent unter Höchst­stand
  • Markt ist außergewöhnlich stark einge­brochen: – 40 bis – 60 Prozent unter Höchst­stand

Wir differenzieren in der folgenden Tabelle die Ergeb­nisse nach den verschiedenen Markt­phasen. Welche Markt­phase wir derzeit gerade haben, zeigen wir börsentäglich in einer Tabelle auf der Startseite des Fondsfinders. Aktuell liegt der MSCI World 7,7 Prozent unter Höchst­stand (Stand 24.11.2022).

Das zeigt die Tabelle:

  • In zwei Drittel aller Fälle wäre die All-in-Variante besser gewesen. Selbst wenn der Markt einen neuen Höchst­stand erreicht hatte oder knapp darunter lag, war in 70 Prozent der Fälle die „Alles auf einmal“-Variante besser. Gab es zuvor einen starken Einbruch um mehr als 40 Prozent, war man in 86 Prozent der Fälle mit der All-in-Strategie besser. Meistens lohnte sich also der raten­weise Einstieg nicht – man verschenkte einfach Rendite.
  • Auch beim durch­schnitt­lichen Vermögen, das Anleger nach einem Jahr erreicht hatten, lag die All-in-Variante vorne.
  • Der Einstieg in Raten hat den Vorteil, dass er das Risiko reduziert. Das zeigt der Tabellen­abschnitt „Geringstes Vermögen nach einem Jahr“. Hier liegt immer der scheibchen­weise Markt­eintritt vorne.

Fazit: Für den Geldbeutel ist es in der Mehr­zahl der Fälle besser, wenn man alles auf einmal anlegt. Für die Nerven ist es besser, sein Geld nicht auf einen Schlag, sondern in Raten zu investieren.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Inflation­schutz (2): Eignet sich ein ETF mit spezieller Inflations­schutz-Strategie?

18.11.2022

Vor einer Woche haben wir an dieser Stelle inflations­geschützte Anleihen und ETF darauf analysiert, inwieweit sie einen Schutz vor Inflation bieten. Heute werfen wir einen Blick auf einen Strategie-ETF von Amundi, ehemals Lyxor, mit dem Anle­gerinnen und Anleger von steigenden Inflations­raten profitieren können. Das Besondere: Der ETF federt gleich­zeitig die Kurs­verluste bei den Anleihen ab, die entstehen, wenn die Zinsen steigen.

Der abge­bildete Index verfolgt eine sogenannte Long-Short-Strategie. Wir erklären, wie diese funk­tioniert und zeigen, wie der ETF sich im Vergleich zu anderen Anleihen-ETF geschlagen hat.

So funk­tioniert die Long-Short-Inflations­strategie

Der ETF mit dem sper­rigen Namen Lyxor EUR 2–10Y Inflation Breakeven Ucits ETF bildet einen besonderen Index ab, der einen noch sper­rigeren Namen hat: Markit iBoxx EUR Breakeven Euro-Inflation France & Germany Index.

Der Index nimmt eine Long-Position in inflations­indexierten Anleihen ein, die von Frank­reich und Deutsch­land ausgegeben werden und zusätzlich eine Short-Position in französischen und deutschen Staats­anleihen mit ähnlichen Rest­lauf­zeiten.

Was bedeutet das? Vereinfacht beschrieben macht der Index folgendes:

  • Er kauft eine Inflations­anleihe; das ist mit „Long-Position“ gemeint. Bei einer inflations­geschützten Anleihe ist die Höhe des Zins­kupons und des Rück­zahl­wertes an die Entwick­lung der Inflation gekoppelt.
  • Er verkauft gleich­zeitig eine klassische Staats­anleihe, die ihm aktuell noch nicht gehört. Er muss sie sich für den Verkauf ausleihen und in der Zukunft an den Verleiher zurück­geben, nachdem er sie vom Markt gekauft hat – das ist die Bedeutung von „Short-Position“. Mehr dazu, wie dieser sogenannte Leer­verkauf funk­tioniert, erklären wir weiter unten.

Diese zwei Positionen – die „Long-Position“ und die „Short-Position“ – entwickeln sich teil­weise gegen­läufig.

  • Die Inflations­anleihe steigt nominal zwar mit der Inflation, unterliegt aber auch einem negativen Effekt, wenn die Zinsen steigen.
  • Die klassische Anleihe unterliegt ebenfalls einem negativen Effekt, wenn die Zinsen steigen. Da der Index hier jedoch eine Short-Position einge­nommen hat, gewinnt diese Position, wenn die Zinsen steigen.

In der Summe wird der negative Effekt von Zins­erhöhungen zum Teil neutralisiert, es bleibt der Effekt durch die Inflation.

ETF-Steck­brief

Der ETF trägt das „Breakeven“ im Namen, weil die Differenz zwischen nominalen Zinsen und realen Zinsen von Anleihen vergleich­barer Kreditwürdig­keit und Rest­lauf­zeit ungefähr der Break-Even-Inflations­rate entspricht beziehungs­weise der erwarteten Inflation über die Rest­lauf­zeit. Fällt die Inflation künftig höher aus, hätte sich die inflations­geschützte Anleihe eher gelohnt als die klassische Anleihe. Die Rendite des Strategie-ETF entspricht in etwa der Break-Even-Inflations­rate.

  • Name: Lyxor EUR 2–10Y Inflation Breakeven Ucits ETF
  • Nachgebildeter Index: Markit iBoxx EUR Breakeven Euro-Inflation France & Germany Index
  • Isin: LU1390062245
  • Gesamt­kostenquote: 0,25 Prozent
  • Nach­bildung: Synthetisch, per Swap
  • Rating der Anleihen im Index: AAA und AA
  • Auflage: 13.04.2016
  • Volumen: 1,37 Milliarden Euro (Stand November 2022)
  • SFDR-Klassizifierung: Art. 6

Wert­entwick­lung im Vergleich

Wir vergleichen die Wert­entwick­lung dreier ETF mit der Entwick­lung des Preis­index für die Eurozone seit Auflage des Strategie-ETF.

Das zeigt der Chart:

  • Der klassische Anleihen-ETF verlor seit Ende 2020 wegen der Zins­erhöhungen deutlich an Wert
  • Auch der inflations­geschützte ETF hat wegen der Zins­erhöhungen seit März 2022 an Wert verloren – wenn auch nicht so stark wie der klassische Anleihen-ETF.
  • Der Strategie-ETF stieg seit März 2020 deutlich an. Auch im Früh­jahr 2022, als die beiden anderen ETF stark an Wert verloren haben, legte der Strategie-ETF deutlich zu.

Fazit: Der ETF ist eher für gut informierte Anleger geeignet, welche die Funk­tions­weise verstehen. Er kann vorteilhaft sein, wenn Zinsen weiter steigen und die Inflation hoch bleibt.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Exkurs: Was ist eine „Short-Position“?

Eine Short-Position bei einer Anleihe einzunehmen bedeutet, das Wert­papier zu verkaufen, obwohl es einem nicht gehört – gleiches gilt für eine Aktie. Man setzt damit auf fallende Kurse.

Um eine Anleihe verkaufen zu können, die einem nicht gehört, muss man sie sich zuvor ausleihen. Später, wenn man die Anleihe an den Verleiher zurück­gibt, muss man sie zuvor am Markt zurück­kaufen. Falls der Preis zwischen dem Zeit­punkt des Leer­verkaufs und dem der Rück­gabe an den Verleiher gefallen ist, profitiert der Inhaber der Short-Position.

Ein Beispiel: Ein Investor leiht sich eine Anleihe und verkauft diese heute leer für 120 Euro. Nach einem Monat ist der Preis der Anleihe auf 105 Euro gefallen. Der Investor kauft nun die Anleihe für 105 Euro und gibt sie an den Verleiher zurück. Die Differenz von 15 Euro ist sein Gewinn – wobei davon noch die Leih­gebühren für einen Monat abge­zogen werden müssen.

Inflations­schutz (1): Was taugen ETF mit Inflations­indexierten Anleihen?

14.11.2022

Auch wenn die jüngsten Inflations­zahlen aus den USA von 7,7 Prozent pro Jahr hoffen lassen, dass der Inflations­druck in den Staaten abnimmt – die aktuelle Inflations­rate im Euroraum ist mit 10,4 Prozent weiterhin sehr hoch. Trotz hoher Zins­steigerungen durch die EZB konnten die Zinsen für Tages­geld, Fest­geld und Euro-Anleihen mit den hohen Inflations­raten bisher bei Weitem nicht mit halten. Die Folge: die realen Zinsen, die ungefähr den nominalen Zinsen abzüglich der Inflation entsprechen, sind negativ. Auf der Suche nach positiven Realrenditen treffen Anleger dabei früher oder später auf sogenannte inflations­indexierte Anleihen.

Bei Inflations­anleihen sind die Zins­kupons und der Rück­zahlungs­wert an die Entwick­lung der Inflation gekoppelt. Steigt die Inflation, steigt auch der Zins und der Rück­zahlungs­wert. Meist werden diese Anleihen von Staaten begeben, auch aus Deutsch­land gibt es welche.

Uns fragen Lese­rinnen und Leser immer wieder, ob diese Inflations­anleihen oder ETF darauf für sie geeignet sind. Auch ist für manche nicht klar, warum die Wert­entwick­lung der ETF auf indexierte Anleihen in den vergangenen Monaten nicht positiv ist, wenn doch die Inflations­raten so hoch waren.

Wir erklären daher hier kurz die Besonderheiten von inflations­geschützten Anleihen und den entsprechenden ETF.

Der deutsche Markt für indexierte Anleihen

Aus Deutsch­land gibt es aktuell fünf inflations­geschützte Anleihen mit ursprüng­lichen Anfangs­lauf­zeiten von zehn oder 30 Jahren. Da sie zu unterschiedlichen Zeit­punkten aufgelegt wurden, haben sie unterschiedliche Rest­lauf­zeiten. Die Fälligkeiten der Papiere verteilen sich wie folgt:

  • 15.04.2023 – DE0001030542, 0,4 Jahre Rest­lauf­zeit (RLZ)
  • 15.04.2026 – DE0001030567, 3,4 Jahre RLZ
  • 15.04.2030 – DE0001030559, 7,4 Jahre RLZ
  • 15.04.2033 – DE0001030583, 10,4 Jahre RLZ
  • 15.04.2046 – DE0001030575, 23,4 Jahre RLZ

Zusammen haben die deutschen Inflations­anleihen ein Volumen von 77,15 Milliarden Euro, das sind weniger als fünf Prozent des Volumens aller umlaufenden Bundes­wert­papiere.

Bei klassischen Anleihen ist der nominale Kupon und Rück­zahlungs­betrag fixiert. Bei indexierten Anleihen wird der Kupon und der Rück­zahlungs­betrag an einen Inflations­index gekoppelt und ändert sich im Zeit­verlauf. Bei den deutschen Inflations­anleihen wird der unangepasste Harmonisierte Verbraucher­preis­index (HVPI) des Euroraums (Gesamt­index ohne Tabak) zugrunde gelegt.

Die deutschen Inflations­anleihen können Privat­anleger über die Börse bei ihrer Bank oder Sparkasse kaufen. Dabei können zusätzliche Gebühren entstehen. Es gibt grund­sätzlich keine Mindest- oder Höchst­grenzen beim Handel.

Tipp: Der öffent­lich dargestellte Preis von indexierten Anleihen ist üblicher­weise der reale Preis. Beim Kauf oder Verkauf ist dann der angepasste Preis relevant, der sich aus dem realen Preis multipliziert mit dem für die Anleihe relevanten Inflations­index ergibt.

Was Anleger bei Einzel­anleihen beachten müssen

Der große Unterschied zwischen klassischen Anleihen und indexierten Anleihen ist dieser:

  • Bei klassischen Anleihen sichern sich Anle­gerinnen und Anleger bis Endfäl­ligkeit eine bestimmte nominale Rendite.
  • Bei inflations­geschützten Anleihen sichern sich Investoren dagegen eine bestimmte reale Rendite.

Das bedeutet für Sie:

  • Wenn Sie sich eine klassische einzelne Anleihe, zum Beispiel eine Bundes­anleihe kaufen, und diese bis Endfäl­ligkeit halten, bekommen Sie regel­mäßig den fest­geschriebenen Kupon ausgezahlt (sofern dieser größer Null ist) und am Ende der Lauf­zeit den Rück­zahlungs­betrag. Die nominale künftige Rendite steht bereits bei Kauf fest. Sie wird auch Endfäl­ligkeits­rendite oder Yield to Maturity bezeichnet. Sie können und sollten diese Kenn­zahl vor einem eventuellen Kauf beachten.
  • Wenn Sie sich eine Inflations­anleihe kaufen und diese bis zur Fälligkeit halten, wissen Sie nicht im Voraus, wie hoch die Kupons oder der Rück­zahlungs­betrag nominal sein werden. Denn diese sind an die kommende Inflations­entwick­lung gekoppelt – welche noch keiner weiß. Bekannt ist allerdings die künftige reale Rendite bis Endfäl­ligkeit. Auf diese Zahl sollten Sie achten, bevor Sie sich eventuell zu einem Kauf entschließen.

Fazit: Mit einer indexierten Anleihe schützen Sie sich also vor Inflations­sprüngen. Das bedeutet aber nicht, dass Sie garan­tiert eine positive Realrendite erhalten.

Das sehen Sie aktuell am Beispiel der indexierten Bundes­anleihen:

  • Wenn Sie sich jetzt die am längsten laufende indexierte Bundes­anleihe kaufen und diese über 23 Jahre bis zum Jahr 2046 halten, dann werden Sie garan­tiert – sofern die Bundes­republik nicht pleite geht – eine reale Rendite von minus 0,22 Prozent pro Jahr erzielen (Stand 11. November 2022).
  • Für die nominale Rendite bedeutet das: Wenn über die Lauf­zeit die durch­schnitt­liche Inflation bei beispiels­weise 2 Prozent liegt, erzielen Anleger mit der Inflations­anleihe eine nominale Rendite von 1,78 Prozent pro Jahr, wenn die Inflation bei 6 Prozent liegen sollte, dann machen die Anleger nominal 5,78 Prozent.

Dabei gilt: Die reale Rendite ist nur fest­gezurrt, wenn Sie die Anleihe bis zum Schluss halten. Sollten Sie vorzeitig die Anleihe verkaufen, kann die reale Rendite über die Haltedauer anders ausfallen, je nachdem, wie stark der Kurs der indexierten Anleihe gefallen oder gestiegen ist.

ETF auf inflations­geschützte Anleihen

Statt auf einzelne Anleihen zu setzen, können Privat­anleger auch ETF kaufen, welche die indexierten Anleihen bündeln. Wegen des Wechsel­kurs­risikos würde wir keine ETF auf Anleihen in ausländischer Währung empfehlen. Infrage kommen ETF auf inflationsgeschützte Euro-Anleihen.

Wer einen Anleihen-ETF kauft, muss sich nicht um die Wieder­anlage von Kupons oder Rück­zahl­beträgen kümmern. Im ETF werden Erträge aus auslaufenden Anleihen entsprechend der Index­regeln in neue oder schon bestehende Anleihen gerollt.

Die Wert­entwick­lung der Anleihenindizes und der ETF spiegelt die durch­schnitt­liche börsentägliche Kurs­bewertung der einzelnen Anleihen wider.

Der folgende Chart zeigt die nominale Wert­entwick­lung zweier breit gestreuter Anleihen-Indizes. Einer enthält klassische, nominale Euro-Staats­anleihen, der andere inflations­geschützte Euro-Staats­anleihen. In etwa so liefen auch die entsprechenden ETF.

Die dargestellte historische Wert­entwick­lung ist nominal, also vor Abzug der Inflation. Beide Indizes haben seit Früh­jahr 2022 an Wert verloren. Der Grund dafür sind die steigenden nominalen und realen Zinsen. Denn für Anleihen gilt. dass der Zusammen­hang zwischen Kurs­entwick­lung und Zins­entwick­lung invers ist: Fallen die Zinsen, steigen die Kurse – und umge­kehrt.

Die inflations­geschützten Anleihen haben jedoch bei Weitem nicht so viel verloren wie die klassischen. Ein Grund dafür: Kupon und Kurs­wert der indexierten Anleihen stiegen nominal mit der Inflations­rate mit und federten einen Teil der Verluste ab.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Nominale Zinsen, reale Zinsen und Break-Even-Inflations­rate

Im folgenden Chart werfen wir einen Blick auf die den Anleihenindizes zugrunde liegenden Zinsen beziehungs­weise Endfäl­ligkeits­renditen.

  • Für klassische Anleihen zeigen wir die nominalen Zinsen. Damit meinen wir hier nicht den Kupon, also die Höhe der Ausschüttung, sondern die Rendite bis Endfäl­ligkeit. Sie ergibt sich aus der Kombination des Kupons und der Entwick­lung des Rück­kauf­wertes.
  • Für inflations­geschützte Anleihen stellen wir die realen Zinsen dar.
  • Die Differenz zwischen den nominalen Zinsen und den realen Zinsen entspricht ungefähr der sogenannten Break-Even-Inflations­rate. Liegt die künftige tatsäch­liche Inflations­rate darüber, hätten sich die inflations­geschützten Anleihen eher gelohnt. Liegt sie darunter, wären klassische Anleihen die bessere Wahl gewesen.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Man kann auch sagen, dass die Break-Even-Inflations­rate ungefähr der vom Markt erwarteten Inflations­rate entspricht. Und zwar bezogen auf den Zeitraum, der ungefähr der durch­schnitt­lichen Rest­lauf­zeit der Anleihen im jeweiligen Index entspricht – in diesem Fall sind es ungefähr 8 Jahre (7,6 beim klassischen Index und 8,4 Jahre beim Inflations­index).

Das sagt Ihnen der obige Chart:

  • Von Früh­jahr 2020 bis Früh­jahr 2022 liefen die nominalen Zinsen für einen klassischen Staats­anleihen-ETF seit­wärts, während die realen Zinsen für inflations­geschützte Anleihen immer weiter im negativen Bereich fielen. Die einge­preiste Inflation stieg von nahe 0 auf fast 3 Prozent.
  • Ab Früh­jahr 2022 stiegen die nominalen Zinsen und die realen Zinsen deutlich an. Ihr Anstieg war ungefähr gleich groß. Wir bereits erwähnt, fielen dadurch die Anleihen­kurse im Umlauf befindlicher Papiere, was die Index- und ETF-Renditen negativ beein­trächtigt hat. Die lang­fristig erwartete Inflation sank etwas und tendierte bis zum aktuellen Datum seit­wärts. Aktuell liegt die erwartete Inflation für die kommenden acht Jahre bei ungefähr 2,6 Prozent pro Jahr.
  • Aktuell liegt der voraus­schauende, lang­fristige Realzins bei ungefähr Null Prozent. Falls lang­fristig die Inflations­rate über 2,6 Prozent bleibt, wäre ein ETF auf inflations­geschützte Anleihen wahr­scheinlich die bessere Wahl gegen­über einem klassischen Anleihen­index. Zwischen­zeitliche Einbrüche bei weiteren Zins­erhöhungen sind aber auch hier möglich.

Growth-Titel: Wachs­tums­werte leiden besonders

04.11.2022

Jahre­lang ging es schier unauf­halt­sam nach oben – mitt­lerweile sind Wachs­tums­werte, eng­lisch: Growth, jedoch die Sorgenkinder im Depot. Ihre Kurse fallen stärker als die des breiten Marktes. Ein Grund dafür sind die steigenden Zinsen. Die zwei folgenden Charts zeigen die Wert­entwick­lung des MSCI World Growth seit Beginn 2022, einmal im Vergleich mit dem breit­gestreuten Welt­index MSCI World, und einmal im Vergleich mit weiteren Strategieindizes. es

{{data.error}}

{{accessMessage}}

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Grund­lagen der Aktienbe­wertung

Der Grund­gedanke ist einfach: Eine Aktie, die in Zukunft hohe Gewinne erzielt, ist mehr wert als eine Aktie, die weniger Gewinne macht. Und: Ein zeit­naher Gewinn ist in der Regel mehr wert als der gleiche Betrag in fünf Jahren. Das liegt daran, dass Anleger mindestens den Ertrag einer sicheren Anlage erwarten – sonst ergibt es keinen Sinn, mit dem Kauf von Aktien ein Risiko einzugehen.

Ein Beispiel: 100 000 Euro heute sind mehr wert als 100 000 Euro in fünf Jahren. Denn 100 000 Euro zu knapp 2 Prozent sicher angelegt reicht, um über fünf Jahre inklusive Zinsen eine Rück­zahlung über 110 000 Euro zu erhalten. Die 100 000 Euro entsprechen dem Barwert von 110 000 Euro in fünf Jahren. Im Fachjargon: Der Barwert ist der abge­zinste Wert der zukünftigen Zahlungen.

Drei einfache Regeln ergeben sich so:

  • Je höher der Zins, desto weniger sind zukünftige Gewinne und Zahlungen heute wert. Der Barwert sinkt.
  • Je weiter der erwartete Gewinn in der Zukunft liegt, desto weniger ist er heute wert.
  • Nur wenn der Zins Null ist, dann sind heutige und künftige Zahlungen gleich­wertig. Der Barwert entspricht dem gleichen Betrag wie die zukünftigen Zahlungen.

Das aktuelle Zins­umfeld

In der Eurozone kam man bis vor kurzem tatsäch­lich auf einen Zins um die Null. Kurz laufende Staats­anleihen hatten sogar einen negativen Zins. In den USA lag der Zins immer etwas höher, war aber auch auf historischen Tiefs. Wegen der hohen Inflation haben viele Zentral­banken die Zinsen deutlich erhöht.

Zum Vergleich:

  • Aktuell bieten Euro-Staats­anleihen 2,9 und US-Staats­anleihen 4,5 Prozent Zinsen (Stand 4. November 2022).
  • Die EZB hatte jüngst am 2. November den Leitzins um 0,75 Prozent­punkte auf 2 Prozent ange­hoben. Die Bank of England legte am 3. November ebenfalls nach und erhöhte ihren Leitzins auf 3 Prozent. In den USA liegt der Leitzins bei 3,8 Prozent.

Auswirkungen auf den Aktienmarkt – insbesondere Wachs­tums­werte

Auffällig bei den Kurs­korrekturen seit Anfang 2022 ist, dass Wachs­tums­werte deutlich mehr verloren haben als Stan­dard­werte, sogenannte Blue Chips. Wachs­tums­werte erhalten ihre Bezeichnung deshalb, weil sie hohe Gewinne in der Zukunft versprechen, welche – wenn die Gewinn­schwelle einmal erreicht ist – auch schnell weiter wachsen sollen.

Die Zins­erhöhungen sind ein Grund dafür, warum Wachs­tums­aktien aktuell mehr verlieren als Stan­dard­aktien: Ihre Bewertung erhalten sie vor allem wegen weiter in der Zukunft liegender Gewinne, deren heutiger Barwert unter steigenden Zinsen dahin schmilzt. Und wenn die erwarteten Gewinne weniger wert werden, dann auch die Aktien­kurse. Ein weiterer Grund für fallende Kurse an den Märkten generell ist das konjunkturelle Umfeld. Wie die aktuelle Berichts­saison zeigt, senken vieler der Konzerne auch ihre Umsatz- oder Gewinn­prognosen.

Zahlenbei­spiel zur Veranschaulichung

Wir wollen hier jedoch zeigen, wie viel Einfluss die Zinsen haben und vergleichen daher zwei Aktien: Die Aktie eines Blue-Chip-Unter­nehmens, bei dem jedes Jahr 50 000 Euro Gewinn anfällt. Und eine Growth-Aktie, die in den kommenden fünf Jahren nichts verdient, aber dann den zuerst kleinen Gewinn im sechsten Jahr (1 144,44 Euro) von Jahr zu Jahr um 50 Prozent steigert. In der Summe verdienen beiden Unternehmen im Beispiel über die kommenden 20 Jahre 1 Million Euro – nur zeitlich anders verteilt.

Bei einem Zins von Null entspricht der aktuelle Wert aller Gewinne über 20 Jahre, der Barwert also, in beiden Fällen 1 Million Euro. Wie der Barwert sich ändert, wenn der Zins steigt und sich sonst nichts ändert, zeigt folgende Tabelle.

{{data.error}}

{{accessMessage}}

Was die Tabelle und die Charts zeigen:

  • Auch der Barwert der Gewinne einer Blue-Chip-Aktie fällt, wenn die Zinsen steigen – und damit kommt auch ihr Aktienkurs unter Druck (siehe dazu auch unsere Analyse der Entwicklung des KGV im Verhältnis zum Zins).
  • Aber der Barwert der Gewinne einer Growth-Aktie fällt deutlich stärker, und ihr Aktienkurs gerät damit auch deutlich stärker unter Druck. Wenn der Zins zum Beispiel von 0 auf 2 Prozent steigt, dann sinkt der Barwert der Blue-Chip-Aktie um knapp 18 Prozent, aber der Barwert der Growth-Aktie um fast 30 Prozent – obwohl beide Aktien über die kommenden 20 Jahre in der Summe den gleichen Gewinn von 1 Million Euro erzielen. Der Unterschied ist, dass der Groß­teil des Gewinns der Growth-Aktie erst am Ende der 20-Jahres-Periode anfällt und daher länger abge­zinst werden muss.

Tipp: Wenn Sie sich für ETF auf Growth-Indizes oder andere Strategie-Indizes interes­sieren, haben wir hier alles Wichtige zum Thema Strategie-Indizes für Sie zusammengefasst. Alle Renditen der Strategie-Indizes börsentäglich aktualisiert finden Sie zudem auf unserer MSCI World-Seite.

18

Mehr zum Thema

18 Kommentare Diskutieren Sie mit

Nur registrierte Nutzer können Kommentare verfassen. Bitte melden Sie sich an. Individuelle Fragen richten Sie bitte an den Leserservice.

Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

Profilbild test_de-Projektleiter_Krueger am 26.01.2023 um 14:20 Uhr
Korrelationübersicht

@threin: Danke, guter Hinweis. Wir schauen mal, ob und wie wir die Korrelationsanalyse bzw. Clusteranalyse demnächst auf dieser Seite darstellen können.

threin am 23.01.2023 um 20:22 Uhr
Korrelationübersicht

Im letzten Jahr wurde eine recht gute Übersicht der Korrelationen zwischen Ländern und Branchen veröffentlicht. Werden wir diese Tabelle dieses Jahr wiedersehen. Schön wäre es.
Mit freundlichen Grüßen
Threin

Profilbild test_de-Projektleiter_Krueger am 13.01.2023 um 14:02 Uhr
Voreingestellte Filter für ETF-Suche gehen nicht

@dreamerkiwi: Danke für den Hinweis, wir haben es korrigiert. Jetzt funktionieren die Links wie gewünscht.

dreamerkiwi am 13.01.2023 um 02:11 Uhr
Voreingestellte Filter für ETF-Suche gehen nicht

Im Artikel wird bei Staatsanleihen vs. Tagesgeld auf die ETF-Suche mit einem Filterprofil verwiesen. Wenn ich darauf klicke, sind allerdings keinerlei Filter eingestellt. Was für Filter wären dort ausgewählt? (profile: euroStaatsanleihenKurzlaeuferETF)
https://www.test.de/Fonds-im-Test-Fuenf-Punkte-fuer-die-Besten-4331006-tabelle/?resetfilter=True&origin=Startpage&defaultprofile=euroStaatsanleihenKurzlaeuferETF

Profilbild test_de-Projektleiter_Krueger am 01.10.2022 um 23:32 Uhr
Geldentwertung?

@Heiner52: Sie finden unsere Beiträge zum Thema Inflation jetzt unter folgenden Links:
www.test.de/Inflation
www.test.de/Inflation-was-Sie-gegen-den-Preisauftrieb-tun-koennen-5887594-0/