Zins­wende, Energiekrise, Börsental­fahrt

Beiträge Juni: Favoriten­sterben Aktienfonds Welt, Russische ADR, ETF Basiswissen

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Zins­wende, Energiekrise, Börsental­fahrt - Zinsen: Tages­geld im Vergleich mit Rentenfonds
© Getty Images / iStockphoto / Stiftung Warentest
Inhalt

Das bedeuten steigende Zinsen für Anleger

(30.06.2022)

Nach elf Jahren will die Europäische Zentral­bank (EZB) nun die Leitzinsen wieder anheben. Der Haupt­refinanzierungs­satz soll im Juli von 0 Prozent zunächst auf 0,25 Prozent steigen und im September nochmals ange­hoben werden. Zu diesem Zins können Banken bei der EZB Geld leihen. Je höher der Satz, desto teurer werden Bank­kredite und Baufinanzierungen. Auch Geld­anlagezinsen dürften steigen.

Minuszinsen. Bereits im Mai hatte die ING mitgeteilt, ab Juli ihre Negativzinsen nur noch für Geld­anlagen ab 500 000 Euro zu erheben. Ende Juni kündigte auch die Commerz­bank ­entsprechende Schritte an, wenn die EZB den Leitzins erhöht.

Fest­geld und Tages­geld. Auch hier steigen die Zinsen. Für einjähriges Fest­geld gibt es inzwischen weit mehr als ein Prozent Zinsen – das war lange nicht der Fall. Auch bei längeren Lauf­zeiten ist viel Bewegung im Markt, wie unser regel­mäßiger Test von Festgeldangeboten und von Tagesgeldangeboten zeigt.

Anleihen. Die Zinsen von Anleihen sind schon gestiegen. Das hatte zunächst Kurs­verluste bei Rentenfonds zur Folge, weil die älteren, nied­riger verzinsten ­Papiere in den Fonds an Wert verloren. Steigen die Zinsen weiter, gibt es nochmals Verluste. Mittel­fristig steigen die Ertrags­chancen der Fonds jedoch, wie unsere Unter­suchung zu Anleihen in der Zinswende zeigt.

Aktien. Am Aktienmarkt führen höhere Zinsen ebenfalls zu Kurs­verlusten. Ein Grund ist, dass durch die höheren Finanzierungs­kosten für die Firmen die Wachs­tums­aussichten der Wirt­schaft sinken. Anleger wechseln in unsicheren Zeiten zudem gern in sichere Bereiche. Es zeigt sich außerdem bereits, dass der Krieg in der Ukraine, die Inflation und steigende Zinsen den Managern von Aktienfonds Welt zu schaffen machen. In unserem Produktfinder Fonds schaffen nur noch drei aktiv gemanagte globale Fonds, die auch für Privat­anleger erhältlich sind*, die Bestnote von fünf Punkten in der ­Finanztest-Bewertung des Anlage­erfolgs. Der Anteil solcher Top-Fonds an der Gesamt­menge ist seit Jahres­beginn von rund 11 auf 1 Prozent gefallen. Ein Grund ist die Schwäche der Wachs­tums­werte, in die nicht nur die darauf spezialisierten Growth-Fonds investiert haben.

Lebens­versicherungen. Der Garan­tiezins für neu abge­schlossene Verträge von derzeit 0,25 Prozent bleibt zunächst unver­ändert. Da die Versicherer das Geld ihrer Kunden unter anderem am Kapitalmarkt anlegen und Anleihen oder Aktien kaufen, spüren sie dort dieselben Auswirkungen. Mit der Zeit dürften die Über­schuss­beteiligungen der Versicherer wieder steigen.

*Ergänzt am 1.7.2022

Aktienfonds Welt: Absturz der Favoriten?

(25.06.2022)

Die Krise setzt auch den welt­weit anlegenden Aktienfonds zu. Aktuell bekommen nur noch drei aktiv gemanagte Aktienfonds Welt die Finanztest-Topbe­wertung von fünf Punkten. Wir werfen einen Blick auf alle globalen Fonds, die wir in diesem Jahr einmal empfohlen haben und zeigen, welche Bewertung sie jetzt haben.

Chance-Risiko-Zahl allgemein schlechter

Basis unserer Fonds­bewertung ist die Chance-Risiko-Zahl. Diese hat sich bei allen Top-Fonds aus diesem Jahr verschlechtert – anders als beim Corona-Crash Anfang 2020, den die Fonds besser weggesteckt haben.

Die Chance-Risiko-Zahl gibt an, wie gut das Chance-Risiko-Verhältnis eines Fonds im Vergleich zum Chance-Risiko-Verhältnis der Benchmark ist. Fonds mit einer Chance-Risiko-Zahl größer 105 bekommen fünf Punkte im Anla­geerfolg – die Bestnote. Liegt die Zahl zwischen 95 und 105 gibt es vier Punkte, zwischen 85 und 95 vergeben wir drei Punkte. Zwei Punkte erzielt der Fonds bei 75 bis 85 Prozent, unter 75 Prozent ist es nur noch ein Punkt. Mehr dazu in unserem Beitrag Das Fondsrating von Finanztest.

Wo stehen die diesjäh­rigen Top-Fonds jetzt?

Die folgende Tabelle zeigt alle Fonds aus der Gruppe Aktien Welt, die wir irgend­wann dieses Jahr mit fünf Punkten in der Finanztest-Bewertung ausgezeichnet hatten. Wir geben an, wann der Fonds zum letzten Mal auf der Top-Liste stand und wie er aktuell bewertet ist. Die Charts darunter zeigen für dieselben Fonds die Entwick­lung der Chance-Risiko-Zahlen im Zeit­verlauf.

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Drei Fonds gegen den Trend

Drei Fonds haben es geschafft: Sie haben in der aktuellen Bewertung des Anla­geerfolgs die Bestnote von fünf Punkten bekommen.

  • Quantex Global Value. Der Schweizer Fonds folgt einer Value-Strategie. USA sind im Vergleich zum MSCI World mit 22 Prozent stark unterge­wichtet, stärkste Region ist Europa (36 Prozent). 10 Prozent hält der Fonds aktuell in Liquidität. Die am stärksten gewichteten Branchen sind Haus­halts­güter (21 Prozent) und Öl & Gas (17 Prozent).
  • DWS Croci Sectors Plus. Der Fonds investiert systematisch in die drei aus seiner Sicht am besten bewerteten Sektoren. Aktuell hält der Fonds Titel aus den Sektoren Energie (40 Prozent), Grund­stoffe (32) und lang­lebige Konsumgüter (28). Die USA (60 Prozent), Japan (15) und Groß­britannien (14) sind die am stärksten vertretenen Länder. Mit nur 30 Titeln ist der Fokus sehr eng. Nur 0,6 Prozent hält der Fonds in Kasse.
  • UniMarktführer. Dieser Fonds ist gemessen an der Korrelation der markt­nächste der aktuellen Fünf-Punkte-Fonds. Er investiert zu 52 Prozent in die USA, zu 11 Prozent in Frank­reich und zu 8 Prozent in Deutsch­land. Die Liquidität liegt bei 1,8 Prozent. Unter den Top Ten sind Klassiker wie Apple, Microsoft, Amazon und Total. Seine Sektoren­aufteilung ist der des MSCI World relativ ähnlich: IT (24 Prozent), Gesundheit (16) und lang­lebige Konsumgüter (11) sind am stärksten vertreten. Auffällig ist die Überge­wichtung des Energiesektors: 10 Prozent gegen­über 5 Prozent im MSCI World.

Was Anleger tun können

Alte Stars leiden aktuell besonders, wenn sie zuvor auf eine Growth-Strategie gesetzt haben, wie beispiels­weise der MS Global Opportunity. Im Umfeld der steigenden Inflation und des Ukraine-Krieges entwickeln sich Value- und Dividenden-Titel dagegen relativ gut. Titel aus dem Energiesektor boomen regelrecht. Das ist ein Grund, warum viele nach­haltige Fonds zur Zeit under­performen: sie schließen häufig klassische Energie-Titel aus. Anleger können an ihren aktiv gemanagten Fonds fest­halten und entweder auf Erholung der bisherigen Strategie setzen oder hoffen, dass sich das Fonds­management auf die neue Lage einstellt. Eine andere Möglich­keit ist es, auf markt­breite ETF umzu­satteln. 1. Wahl-ETF haben zwar „nur“ vier Punkte beim Anla­geerfolg, sind aber auch bei Krisen stabil in der Bewertung.

Anwältin: „ADR-Anleger fühlen sich ent­eignet“

(23.06.2022)

Russ­land hat den Handel von Hinterlegungs­scheinen russischer Aktien (ADR) verboten, der beispiels­weise bei Gazprom-Aktien über die New Yorker Mellon Bank abge­wickelt wurde. Über das Problem hatten wir berichtet (siehe Update vom 15.6.). Die Juristin Anja Richter von Johst Richter Rechts­anwälte erklärt die Schwierig­keiten und was Anleger nun tun können.

Russ­land verbietet den Handel von ADR, zudem erschweren auch west­liche Sanktionen den Umtausch dieser Hinterlegungs­scheine in Aktien. Denn auch die für die Abwick­lung interna­tionaler Wert­papier­geschäfte zuständige Verwahr­stelle Clear­stream aus Luxemburg stellt sich quer. Es gibt frustrierte Anleger, die fürchten, sie würden ent­eignet. Wäre das die Folge, wenn es nicht gelingt, die ADR umzu­wandeln?

So wird es von vielen Anlegern empfunden, aber wir gehen davon aus, dass wir das schaffen. Vielleicht würde es auch durch eine Kraft­los­erklärung dieser ADRs gelingen, ohne Clear­stream. Da haben wir gerade eine Anfrage bei der Mellon Bank. Ansonsten gehen die ADR an die Mellon Bank ohne Umtausch zurück und die würde die Aktien dann auf dem freien Markt voraus­sicht­lich inner­halb eines Jahres ohne mögliche Einfluss­nahme des jeweiligen Anlegers veräußern. Das gilt so zumindest bei Gazprom. Dann ist die Frage, wieviel am Ende noch heraus­kommt. Das wissen wir alle nicht.

Manch einer mag hoffen, dass sich die Situation wieder entspannt. Würde es sich lohnen, abzu­warten?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Negativbei­spiele der Vergangenheit haben gezeigt, dass es auch zum Total­verlust kommen kann. Die ADRs sind auch nicht mehr dividendenberechtigt. Bei Stamm­aktien ist es so, dass sie die Dividende bis zu drei Jahren später realisieren können. Derzeit ist die Dividende für Bürger unfreundlicher Staaten einge­froren. Auch der Handel ist momentan ausgesetzt beziehungs­weise auf 0,2 Prozent des Gesamt­volumens pro Tag begrenzt. Die wollen einen Ausverkauf verhindern.

Ab welcher Mindest­größe lohnt sich der Aufwand, von Anwälten die Umwandlung der ADR in Aktien über­nehmen zu lassen?

Wir betreuen Klienten ab einer Grenze von 50 000 Euro, weil der Broker diese Mindest­summe fordert und man für die kleineren ein Treu­hand­konto eröffnen müsste. Bei kleineren ADR-Positionen sollte jeder Anleger individuell für sich prüfen, ob eine steuerliche Abschreibung für ihn wirt­schaftlich nicht sinn­voller wäre. Verluste können etwa anderen Aktiengewinnen gegen­gerechnet werden.

Russische Aktien: Umtausch ADR in Aktien schwierig

(15.06.2022)

Russische Aktien früher häufig über ADR gehandelt

Für US-amerikanische und europäische Anleger gab es vor dem Ukrainekrieg die Möglich­keit, in russische Aktien­unternehmen in Form von sogenannten ADR oder GDR zu investieren. ADR steht für american repository receipts, GDR für global depository receipts; gemeint sind damit Hinterlegungs­scheine, also Zertifikate, die sich wie die zugrunde liegenden Aktien entwickeln. Solche Zertifikate wurden von großen west­lichen Banken wie der Bank of New York Mellon oder der Citi­bank heraus­gegeben. Über diese Bezugs­scheine konnten west­liche Anleger auch dann ausländische Aktien handeln, wenn diese selbst nicht an der inländischen Börse gelistet waren. In Folge des Ukraine-Russ­land-Krieges geraten Inhaber von ADR nun in Schwierig­keiten.

Einschränkungen im Handel für Ausländer an Moskauer Börse

Am 25. Februar 2022 wurde der Handel an der Moskauer Börse ausgesetzt, um den Kurs­verfall russischer Aktien zu stoppen. Am 24. März 2022 öffnete der Handel wieder – aber nur für 33 Titel aus dem Moex Russia Index, und auch nicht für Ausländer. Der Verkauf russischer Aktien durch ausländische Investoren sowie Leer­verkäufe, ursprüng­lich bis zum 1. April 2022 verboten, ist weiterhin untersagt. Auch der Anleihen­handel mit, sowie die Auszahlung von Kupons und Dividenden an Ausländer ist nicht erlaubt. Zumindest der Rubel-Aktienkurs von Gazprom, dem größten russischen Erdgas­produzenten, stabilisierte sich in der Folge, wie der folgende Wert­entwick­lung­schart mit den sechs größten russischen Aktien­unternehmen seit Jahres­beginn zeigt. Wohl­gemerkt, die Wert­entwick­lung ist in Rubel. In gemischten Indizes von west­lichen Indexanbietern sind russische Aktien weiterhin mit einem Wert nahe Null abge­schrieben.

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Russische ADR werden einge­stellt

Am 16. April 2022 wurde in Russ­land ein Gesetz zur Beendigung von ADR und GDR verabschiedet (Gesetzes­nummer 114-FZ). Dieses weist russische Aktien­unternehmen an, die bestehenden Verträge mit ausländischen Banken hinsicht­lich ADR zu beenden. Seit dem 27. April 2022 ist die Neuemission von Hinterlegungs­scheinen für russische Aktien verboten. Anleger, die die Hinterlegungs­scheine vor dem 27. April erworben haben, haben ein Recht auf einen Umtausch in Stamm­aktien. Bis zum Umtausch bekommen Inhaber der Hinterlegungs­scheine weder Dividenden, noch haben sie ein Stimm­recht. Die west­lichen Banken, welche bisher die ADR angeboten haben, werden ihrer­seits die russischen ADR mit unterschiedlichen Fristen einstellen.

Umtausch russischer ADR in Stamm­aktien schwierig

Der Umtausch der ADR in Stamm­aktien scheint noch freiwil­lig zu sein und passiert nicht auto­matisch. Anleger müssen dazu aktiv werden und einigen Aufwand in Kauf nehmen. Wir haben beispielhaft auf den Internet­seiten von Lukoil und von Gazprom nachgeschaut und Anleitungen in eng­lischer Sprache dazu gefunden, wie man seine ADR umtauschen kann. Ob die dort angegebenen Schritte tatsäch­lich auch für deutsche Anleger funk­tionieren, können wir zum jetzigen Zeit­punkt nicht sagen.

Lukoil ADR

Gazprom ADR

Abwarten und die ADR behalten?

Was passiert, wenn Anleger ihre ADR nicht umtauschen? Laut Lukoil verbleiben die ADR im Besitz des Anlegers, bis die Emissions­bank die zugrunde liegenden Aktien verkaufen kann und die Anleger auszahlt. Allerdings ist ungewiss, wann der Verkauf russischer Aktien durch „unfreundliche“ Ausländer möglich ist.

Das gleiche Problem haben übrigens auch die Anleger, die es schaffen, ihre ADR umzu­tauschen. Sofern sie nicht russische Staats­bürger sind oder aus „russ­land­freundlichen“ Staaten kommen, können sie ihre russischen Aktien nicht verkaufen – aber sie hätten die russischen Aktien zumindest geparkt. Bleibt die Frage: Wie können Ausländer ein Depot in Russ­land eröffnen?

Wie eröffnet man ein russisches Depot?

Die Umwandlung der Hinterlegungs­scheine in russische Aktien scheint nur möglich, wenn der Anleger ein Bank­konto und ein Depot in Russ­land hat. Auf dem deutschen Markt ist uns aktuell jedoch kein Broker bekannt, der auch in Russ­land operiert und dort Dienst­leistungen für deutsche Anleger anbietet. Welche Optionen bleiben?

  • Lukoil schreibt, dass ausländische Anleger sich an die russische Bank­ver­einigung wenden und dort nach­fragen sollen, ob und wie sie ein Konto eröffnen können. Zudem könne man sich per Email an Lukoil für mehr Informationen wenden (shareholder@lukoil.com oder ir@lukoil.com).
  • Gazprom weist darauf hin, dass es möglich sei, als Ausländer ein Depot (Typ „C“) und ein Bank­konto (Typ „C“) bei der Gazprom­bank zu eröffnen. Auf dem Depot könnten Anleger die Gazprom-Aktien lagern, auf dem Bank­konto würden die Dividenden verrechnet werden. Das Angebot richtet sich nicht nur an Unternehmen, sondern ausdrück­lich auch an Privatpersonen. Über den oben aufgeführten Link zur Gazprom-Website finden Anleger die nötigen Formulare. Wir können aktuell nichts dazu sagen, welche Kosten für ein Konto und Depot bei der Gazprom­bank anfallen und wie diese abge­rechnet werden.
  • Im Internet finden ADR-Inhaber Angebote von Anwälten, die die Umwandlung der ADR in Aktien zu über­nehmen. So verspricht eine Kanzlei aus Stutt­gart einen Broker gefunden zu haben, über den das Umtausch-Geschäft abge­wickelt werden kann. Wir können dazu keine Empfehlung abgeben. Interes­sierte Anleger sollten sich die Kosten vorab offenlegen lassen. Zudem scheint diese Möglich­keit aktuell nur für Investoren mit größeren Summen zu bestehen. Die Stutt­garter Kanzlei nimmt derzeit nur Anleger als Klienten auf, die mindestens 50 000 US-Dollar in russische ADR von Gazprom, Lukoil, Magnitogorsk oder Magnit investiert haben.
  • Einen Newsletter der „Schutz­gemeinschaft der Kapital­anleger“ (SdK) zum Umtausch der ADR gibt es unter https://sdk.org/assets/Klageverfahren/Russland/Russische-Wertpapiere-2.pdf. Betroffene Anleger, die Mitglieder der SdK sind, können dort telefo­nisch oder per Email um Rat bitten.

Fazit: Für den Umtausch der russischen ADR in Stamm­aktien gibt es Anleitungen von den jeweiligen russischen Aktien­unternehmen. Ob die dort angegebenen Schritte zum Erfolg führen, können wir nicht sagen. Rück­meldungen und Erfahrungs­berichte von Lesern nehmen wir gern entgegen.

ETF: Preis, Net Return und Total Return - diese Index­varianten gibt es

(10.06.2022)

Wer sich näher mit Indizes beschäftigt, die von ETF oder auch Zertifikaten abge­bildet werden, wird fest­stellen: Index­namen weisen häufig Zusätze wie „TR“, „Net“ oder „Preis­index“ auf. Wir erklären, was es damit auf sich hat.

Meist gibt es drei Index­varianten

Typischer­weise werden drei Index­varianten unterschieden. Dabei geht es jedoch immer um den gleichen Aktien- oder Anleihenkorb, also zum Beispiel immer um den Dax oder den MSCI World Index.

  • Beim Preis­index, auch Price Index oder kurz PI genannt, wird die Wert­entwick­lung anhand der Kurs­werte der Index­mitglieder berechnet. Wenn die Aktien im Index Dividenden ausschütten oder die Anleihen Zinsen zahlen, dann fallen sie bei der Indexbe­rechnung unter den Tisch. Ältere Indizes wurden zu Beginn meist nur als Preis­index berechnet.
  • Der Total Return Index (Gross Return, Performance­index oder kurz TR) berück­sichtigt dagegen auch die Dividenden oder Zinsen der Titel im Index. Bei diesen Ausschüttungen wird unterstellt, dass sie regel­mäßig in die Index­werte zurück­investiert werden. Zu welchen Zeit­punkten rechnerisch die Wieder­anlage erfolgt und wie genau das geschieht, legen die Index­regeln im Detail fest.
  • Beim Net Return Index (Net Total Return Index oder kurz NR) werden ebenfalls Ausschüttungen wie Dividenden oder Zinsen berück­sichtigt. Da jedoch Fonds auf die Titel im abge­bildeten Index oft Quellen­steuer zahlen müssen, wird bei der Berechnung der Net Return Indizes nur der Anteil der Zinsen und Dividenden rechnerisch reinvestiert, der nach Abzug einer vom Indexanbieter unterstellten Quellen­steuerpauschale übrig bleibt.

Beispiel MSCI World

Die folgenden Charts zeigen die Wert­entwick­lung der drei Index­varianten für den MSCI World seit Beginn der Rück­rechnung des Index im Jahr 1970. Der obere Chart zeigt die kumulierte Wert­entwick­lung, im Chart darunter lassen wir die Indizes alle zehn Jahre erneut bei 100 starten.

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Der untere der beiden Charts zeigt, dass die Unterschiede zwischen den Index­varianten im Zeit­verlauf variieren können. Beim Vergleich der Dekaden sollten Anleger Folgendes im Hinterkopf behalten:

  • Die Differenz zwischen dem Total Return Index und dem Preis­index scheint in den 80er Jahren am größten gewesen zu sein. Um fest­zustellen, ob dies wirk­lich der Fall war und nicht nur wegen der Skalierung so scheint, haben wir zusätzlich für alle drei Index­varianten die durch­schnitt­lichen 10-Jahres­renditen berechnet. Die Differenz vom Total Return zum Preis­index lag in den 70ern bei 3,9 Prozent­punkten, in den 80ern bei 4,1, den 90ern bei 2,4, in den 00ern bei 2,1 und in den 10er Jahren bei 2,9 Prozent­punkten pro Jahr.
  • Wie groß der Unterschied zwischen den Index­varianten ist, hängt zunächst von der Höhe der Dividendenzah­lungen ab. Da die Dividenden im Total Return Index jedoch regel­mäßig wieder angelegt werden, wirkt sich zudem auch die Preis­entwick­lung auf die Differenz zwischen den Index­varianten aus.

Worauf Anleger achten müssen

  • Preisindizes sind kein guter Maßstab für die Wert­entwick­lung von Märkten, da sie Dividenden und Zinsen außen vor lassen. Zieht ein aktiver Fonds einen Preis­index zum Vergleich heran, zum Beispiel im KIID oder Facts­heet, um sich seiner relativ guten Wert­entwick­lung zu rühmen, dann hängt dieser Vergleich mehr als schief. Schließ­lich streicht der Fonds die Dividenden ein und hat somit einen Rendite­vorteil gegen­über dem Preis­index, der nichts mit der Manager­leistung zu tun hat.
  • Ebenso unfair ist es, wenn ein aktiv gemanagter Fonds die Höhe seiner Erfolgs­gebühr auf Basis der Outperformance gegen­über eines Preis­indexes berechnet. Zur Erläuterung: Ein Fonds mit solch einer Regelung könnte den Index nach­bauen und würde aufgrund der Dividenden regel­mäßig den Preis­index über­treffen – also auch regel­mäßig die Erfolgs­gebühr erheben können. Allerdings hätte der Fonds aus Anlegersicht gar keinen besonderen Erfolg, erst recht nicht wegen der Manager­leistung. Er würde vom Anleger höhere Kosten verlangen, nur weil die Titel im Fonds Dividenden zahlen. Nach unseren Informationen gibt es zwar nicht viele Fonds, die sich bei der Messung des Erfolges auf den Preis­index beziehen. Ein Negativ-Beispiel ist jedoch der SEB Europafonds (Isin DE 000 847 438 8), der 20 Prozent seiner Über­endite relativ zum Preis­index Dow Jones Stoxx 600 einbehält.
  • Zudem kann es Anlegern bei Indexzertifikaten passieren, dass jene nur den Preis­index abbilden. Es gibt beispiels­weise Indexzertifikate, die eine 1:1-Abbildung des Euro Stoxx 50 Index versprechen, sich dabei jedoch auf den Preis­index beziehen. Solch ein Zertifikat hatten wir bei unserer Zertifikatsanalyse entdeckt. Der Zertifikateanbieter streicht also in diesem Fall sämtliche Dividenden ein und behält sie für sich. Weiter oben haben wir gezeigt, dass die Renditedifferenz vom Total Return Index zum Preis­index bei entwickelten Märkten zwischen 2 und 4 Prozent­punkten liegt. Der Zertifikateanbieter nimmt dem Anleger also jedes Jahr 2 bis 4 Prozent­punkte Rendite weg. Aus Anlegersicht sind das unver­schämt hohe „Kosten“.

Tipp: Als ETF-Anleger müssen Sie keine Angst haben. Einem physisch replizierenden ETF, der also die Index­aktien tatsäch­lich hält, werden auch die Netto-Dividenden gutgeschrieben – bei Ihnen kommt dann das an, was Ihnen zusteht. Bei Swap-ETF könnte es zwar theoretisch vorkommen, dass nur der Preis­index abge­bildet wird und die Dividenden beim Swap-Partner verbleiben. Uns ist jedoch kein einziger solcher Fall bekannt.

ETF: Warum Indexfonds nicht genauso laufen wie der Index

(03.06.2022)

Die einfache Erzählung zu ETF geht so: Der ETF entwickelt sich so wie der Markt, den er abbildet. Für einen Deutsch­land-ETF heißt das: Wenn der Dax um 2 Prozent steigt, dann steigt auch ein ETF auf den Dax um 2 Prozent – und umge­kehrt. Wer aber genauer hinschaut, wird schnell fest­stellen: Es gibt durch­aus kleine Abweichungen zwischen der Index­wert­entwick­lung auf der einen Seite und der ETF-Wert­entwick­lung auf der anderen. Und auch ETF auf den gleichen Index laufen nicht absolut gleich. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Kosten sind nicht alles

Je güns­tiger ein ETF, desto ähnlicher entwickelt er sich zum Index. Soweit die Theorie. Die Kosten sind aber nicht der einzige Indikator für die Qualität eines ETF. Denn ETF unterscheiden sich auch in weiteren Punkten, die Einfluss auf die Wert­entwick­lung haben. Manchmal entwickelt sich ein güns­tiger ETF sogar schlechter als ein teurerer.

Quellen­steuer optimieren

Jeder Fonds – egal ob ETF oder aktiv gemanagter Fonds – muss auf Erträge aus Zins- und Dividendenzah­lungen oft Quellen­steuer zahlen. Die Fonds­gesell­schaft kann durch die passende Wahl ihres Sitzes die Quellen­steuern ein wenig senken. Irische Fonds – erkenn­bar daran, dass die Isin mit IE beginnt – nutzen zum Beispiel gerne das irisch-amerikanische Doppel­besteuerungs­abkommen, um Quellen­steuern zu senken. Das ist von Vorteil, wenn viele US-Werte im Index stecken, so wie beim MSCI World, in dem US-Titel fast 70 Prozent ausmachen. Anders ist es bei Swap-ETF, wo die Index­nach­bildung über einen Tausch­partner gesichert wird. In diesem Fall ist es der Swap-Partner, der versucht, Quellen­steuern zu optimieren, nicht der Fonds selbst. Der Sitz des Fonds ist dann nicht mehr so wichtig.

Art der Index-Abbildung

Bei einem Swap-Fonds ist der Swap-Partner verantwort­lich für die genaue Index­abbildung. In der Regel ist er verpflichtet, stetig die Index­entwick­lung im Fonds zu spiegeln – abzüglich einer Gebühr. Deshalb gelten Swap-Fonds als die einfachste Art, möglichst genau einen Index abzu­bilden.

ETF, die wirk­lich die Index­aktien im Fonds halten, haben es bei der Spiegelung der Index­entwick­lung schwerer. Dies gilt insbesondere, wenn der Index viele Aktien, Länder oder Zeitzonen umfasst oder gar auf Wert­papiere aus exotischen Märkten setzt. Jede Index­änderung, jede Dividendenzahlung muss dann vom Fonds selber passend umge­setzt werden – bei aktuell 1 540 Aktien wie im MSCI World macht das viel Arbeit.

Die lang­jährige Erfahrung und die inzwischen erreichte Größe vieler ETF helfen, auch komplexere Indexkörbe effizient abzu­bilden. Trotzdem gibt es Indizes, bei denen ein ETF-Anbieter entscheidet, nicht alle Aktien im Index zu halten. Zum Beispiel kann es besser sein, ein paar kleinere, unwichtige Titel wegzulassen und dafür anderen Aktien aus einem vergleich­baren Land und Sektor mehr Gewicht zu geben.

Zusatz­erträge durch Wert­papierleihe

Positiv auf die ETF-Rendite können sich Erträge aus der Wert­papierleihe auswirken. Bei dieser häufigen Praxis verleihen ETF-Anbieter Papiere aus dem Portfolio für einen bestimmten Zeitraum an andere Investoren und erhalten dafür eine Gebühr, die zum Groß­teil dem Fonds zugute kommt. Mindestens 50 Prozent der Leih­erträge müssen im Fonds landen, bei ETF sind es oft 70 Prozent. Um die Risiken aus solchen Geschäften abzu­sichern, gibt es umfang­reiche Vorgaben. So müssen zum Beispiel von demjenigen, der sich die Titel ausleiht, Sicherheiten hinterlegt werden. Die Leih­erträge sind bei Stan­dard-Aktien, auch Blue Chips genannt, jedoch nicht sehr hoch. Mit der Verleihung exotischerer Titel lässt sich dagegen mehr verdienen.

Erfahrung und Professionalität der ETF-Anbieter

Erfahrung und robuste Arbeits­abläufe helfen dem ETF-Anbieter, auch Indizes mit sehr vielen Titeln abzu­bilden. So kann vermieden werden, dass zum Beispiel eine Index­anpassung verschlafen wird. Solche Fehler münden nicht unbe­dingt in einem Verlust im Vergleich zum Index, es kann auch ein Gewinn sein. In beiden Fällen schadet es der Abbildungs­qualität.

Handels­kosten im Fonds

Bei der Indexbe­rechnung werden in der Regel keine Handels­kosten berück­sichtigt. Sie fallen aber in jedem Fonds an, ohne in den gängigen Fonds­kosten enthalten zu sein. Grund­sätzlich können Fonds ihre Wert­papiere deutlich güns­tiger als Privat­anleger handeln. Aber bei Fonds, die viel handeln, können die Handels­kosten deutlich ins Gewicht fallen. Zur Einordnung: Der iShares-ETF auf den MSCI World wies im letzten Jahres­bericht geschätzte Handels­kosten von 0,0081 Prozent aus. Dagegen standen beim iShares-ETF auf den MSCI World Momentum Index, der regel­mäßig sehr viel mehr Aktien austauscht und stärker neu gewichtet, geschätzte Handels­kosten von 0,1236 Prozent zu Buche. Die Handels­kosten waren also rund 15-mal höher!

Fazit

Es gibt zwei Arten von Abbildungs­differenzen: Fonds­kosten, Quellen­steuer und Handels­kosten ziehen die Wert­entwick­lung systematisch nach unten. Andere Abbildungs­differenzen, zum Beispiel durch Optimierung der Aktien­auswahl, sind nicht systematisch – sie können zu besserer oder schlechterer ETF-Entwick­lung führen. Beide Abbildungs­differenzen sollten aus Sicht der Anleger möglichst klein sein.

Tipps für Anleger

  • Unterschiede in der Rendite können sich auch daraus ergeben, dass die Stichtage für die Berechnung unterschiedlich sind. So kann es bei der Berechnung von Renditen auf der Basis von Monats­daten passieren, dass bei manchen ETF-Anbietern der Monats­ultimo auf dem 31. des Monats liegt, bei anderen auf dem 30. desselben Monats. Ein Tag kann einen deutlichen Unterschied ausmachen. Das muss Sie nicht irritieren: Die Differenz gleicht sich im Folgemonat wieder aus.
  • Sie sollten ETF nicht nur nach den Kosten auswählen. Hilf­reicher ist der Rendite­vergleich bei ETF auf denselben Index, am besten über unterschiedliche Zeiträume.

Beispiel MSCI World-ETF

In der folgenden Tabelle und im Chart darunter sind die Wert­entwick­lungen und Renditen von ETF auf den Welt­aktien­index MSCI World dargestellt. Anleger können erkennen, dass es kleine Unterschiede zwischen den Anbietern gibt. Auffällig ist die Outperformance des Lyxor-ETF. Diese liegt jedoch an der oben erwähnten Stich­tags­problematik und wird im nächsten Monat wieder verschwinden.

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12 Kommentare Diskutieren Sie mit

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

siriustag21 am 22.07.2022 um 13:24 Uhr
Ab 27. Juli senkt die EZB den Einlagezins auf 0%


Jetzt sollten die Banken und Sparkassen das Verwahrgelt spätestens zum 27 Juli 2022 abschaffen, da die Begründung dafür entfällt. Meine Geldanlage bleibt aber bei dem Geldinstitut, das in den letzten Jahren von mir kein Verwahrgelt gefordert hat.

siriustag21 am 22.07.2022 um 13:19 Uhr

Kommentar vom Autor gelöscht.

Profilbild Stiftung_Warentest am 11.05.2022 um 17:55 Uhr
Morgan Stanley Global Opportunity halten?

@Franz_X: Danke für Ihre Frage zum Fonds Morgan Stanley Global Opportunity. Wir haben eben (11.5.22) auf dieser Seite eine kurze Analyse zu diesem Fonds und möglichen Alternativen veröffentlicht.

Franz_X am 06.05.2022 um 13:15 Uhr
A1h6xk/A1h6xm halten oder verkaufen

Da diese Fonds laut Finanztest aufgrund der früheren Top-Bewertungen zu den beliebtesten gehörten, wird diese Frage wohl mehr Leser interessieren. Deswegen poste ich sie hier.
Der Verlust seit Jahresanfang beträgt ca. 30%. Lohnt es sich, den Fonds jetzt noch zu verkaufen oder sollte man warten, bis diese Fonds sich unter Umständen wieder erholen? Immerhin sind doch einige sehr volatile Titel im Portfolio. Andererseits ist die Streuung der Fonds relativ gering und es kann sein, dass Holdings, wie Amazon oder Facebook erst mal für länger Zeit so niedrig bleiben.

Profilbild test_de-Projektleiter_Krueger am 14.04.2022 um 15:38 Uhr
Gaspreis absichern?

@j-m.s: ETF, welche nur den Gaspreis abbilden, gibt es nicht Deutschland. Es gibt von verschiedenen Großbanken Zertifikate auf den Gaspreis - dann aber immer auf Futures und oft gehebelt. Im ETF-Bereich gibt es als Alternative ETF auf Aktienunternehmen aus dem Energiesektor oder ETF auf gemischte Rohstoffindizes, in denen auch Gas enthalten ist. Wir werden nächste Woche auf dieser Seite einen Beitrag dazu veröffentlichen.