INTERVIEW Dass Krebskranke ohne Behandlung gesund werden, kommt extrem selten vor, ist aber möglich. Gewebsproben können das belegen.

Wir sprachen mit Dr. Herbert Kappauf, einem von wenigen Krebsspezialisten, die solche „Wunderheilungen“ wissenschaftlich überprüft und dokumentiert haben.

Was hat Sie bewogen, sich mit einem so seltenen Phänomen wie Selbstheilung bei Krebs zu beschäftigen?

Dr. Kappauf: Ich habe in der Klinik einige sehr eindrucksvolle Fälle von Spontanremissionen beobachten dürfen, die zunächst mal mein bisheriges medizinisches Weltbild verunsichert haben.

Viele Krankheiten, wie zum Beispiel Erkältungen, heilen von selbst – was ist bei Krebs anders?

Dr. Kappauf: Krebs ist in der Vorstellung der meisten Menschen mit sicherem Tod assoziiert, wenn nicht frühzeitig eine adäquate Behandlung erfolgt. Und in der Tat entspricht und entspringt ja diese Vorstellung der medizinischen Erfahrung.

Warum bezeichnen Sie Spontanheilungen und Rückbildungen von Tumoren als Wunder?

Dr. Kappauf: Den Begriff Wunder verwende ich in der Bedeutung des alltäglichen Sprachgebrauchs: Ein nicht oder kaum für möglich gehaltenes Ereignis ist eingetreten.

Haben Sie Spontanheilungen auch schon bei Ihren Patienten erlebt?

Dr. Kappauf: Ja, zum Beispiel bei einem Mann mit Nierenkrebs, dessen Lungenmetastasen sich spontan zurückgebildet haben, oder bei einem Mann mit Lungenkrebs, bei dem sehr fortgeschrittene Metastasen im Bauchraum ohne Behandlung verschwunden sind.

Warum denken viele Ärzte eher an eine Fehldiagnose als an eine Spontanheilung, wenn ein Tumor von allein verschwindet?

Dr. Kappauf: Diese kritische Skepsis ist zuerst ja durchaus angezeigt. Denn manche „Spontanheilungen“ entpuppen sich bei genauer Analyse wirklich als Fehldiagnosen. Das habe ich auch in meiner klinischen Praxis schon erlebt und auch bei der Prüfung von Befundberichten vermeintlicher Spontanremissionen gefunden. Vielen Ärzten ist aber das Phänomen Spontanremission gar nicht bekannt.

Was passiert bei einer Spontanheilung?

Dr. Kappauf: Von einer Spontanheilung sprechen wir nur dann, wenn Tumorknoten vollständig und auf Dauer verschwinden, ohne dass eine medizinische Behandlung stattgefunden hat oder ohne dass die durchgeführten medizinischen Maßnahmen diese Rückbildung erklären. Auf der biologischen Ebene sind dabei zwei Abläufe denkbar: Entweder die Tumorzellen sterben ab, oder sie verändern sich derart, dass sie von normalen Zellen nicht mehr zu unterscheiden sind. Bei dieser „Ausreifung“ (Differenzierung) spielen gelegentlich Hormone eine Rolle. Der Zelltod wird von der Krebszelle selbst ausgelöst. Wir sprechen von Apoptose oder „programmiertem Zelltod“, der über verschiedenste biologische „Schalter“ ausgelöst werden kann.

Bei welchen Krebsarten kommen sie besonders häufig vor?

Dr. Kappauf: Die meisten spontanen Tumorrückbildungen beziehen sich auf recht wenige Tumor-arten: auf schwarzen Hautkrebs, Nierenkrebs, bösartige Lymphome und auf die seltenen Neuroblastome bei Säuglingen und Kleinkindern. In neueren Untersuchungen wurden auch in frühen Stadien einer anderen Hautkrebsart (Basalzellkarzinom) öfter spontane Rückbildungen beobachtet. Bei anderen Tumorarten ist dieses Phänomen dagegen nur durch wenige Einzelfallberichte bekannt.

Wie lässt sich das erklären?

Dr. Kappauf: Diese Häufigkeitsverteilung weist auf biologische Besonderheiten dieser Tumore hin. Metastasen von Nierenkrebsen und Melanomen sind eher einer immunologischen Tumorabwehr zugänglich. Bei Neuroblastomen können unter günstigen Umständen besondere genetische Gegebenheiten das Selbstmordprogramm der Tumorzellen aktivieren.

Können Patienten von Ihren Erkenntnissen profitieren und Hoffnung schöpfen?

Dr. Kappauf: Krebsbetroffene können zum einen entlastet sein, da Spontanremissionen offensichtlich nicht das Ergebnis eines besonderen Krankheitsverhaltens oder einer außergewöhnlichen willentlichen Anstrengung sind. Zum anderen bestätigen meine Untersuchungen ohne Zweifel, dass es in seltenen Fällen spontane Tumorrückbildungen wirklich gibt. Allein diese Tatsache gibt vielen Krebsbetroffenen Hoffnung.

Lässt sich das Wissen über Spontanheilungen für die Krebstherapie der Zukunft nutzen?

Dr. Kappauf: Wenn wir die biologischen Abläufe besser kennen, über die Spontanremissionen zustande kommen, lassen sich diese möglicherweise für die Fortentwicklung der modernen Krebstherapie nutzen. Einige an Spontanremissionen sehr wahrscheinlich beteiligte biologische Abläufe werden bereits heute in der Krebsbehandlung nachgeahmt: Mit hormonellen oder immunologischen Hemmstoffen wird das Tumorwachstum gebremst, Proteine verhindern die Neubildung von Blutgefäßen, über die Tumorknoten mit Nährstoffen versorgt werden. Auch einige Medikamente, die das „programmierte“ Absterben von Krebszellen fördern, sind bereits im Einsatz.

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