Kreativitäts­technik Test

Einfalls­reichtum ist kein Privileg einiger Einsteins. Mit Kreativitäts­techniken und in speziellen Kursen kann jeder lernen, quer zu denken. Aber nicht jedes Seminar hilft, ausgetretene Gedankenpfade zu verlassen.

So manche Erfindung entsteht durch Zufall. Das Post-it zum Beispiel wurde „geboren“, weil seinem Schöpfer, einem Sänger im Kirchenchor, permanent die Notizzettel aus dem Noten­heft rutschten. Er wünschte sich selbst­haftende, aber ablös­bare Lesezeichen. Er wusste von einem Klebstoff, der diese Eigenschaften erfüllt – und brachte Papier und Haft­mittel zusammen. Heute sind die bunten Bapperl aus keinem Büro mehr wegzudenken.

Techniken für Querdenker

Der Vater der Haftnotiz bewies Kreativität: Er dachte bekannte Dinge neu. Solcher Einfalls­reichtum ist keine Eigenschaft einer besonders begabten Elite. Jeder Mensch ist kreativ. Und es gibt Techniken, die helfen, diese Fähig­keit besser abzu­rufen. Die bekann­testen sind Brainstorming – das unkommentierte Sammeln von Ideen – und Mindmapping, das Erstellen einer „Land­karte“ mit allen Aspekten eines Problem­komplexes. Es existieren noch eine Menge weiterer Methoden, die helfen, Ideen zu finden, zu bewerten und umzu­setzen. Manche wecken gleich die Neugier: Wie mag die Kopfstandtechnik ablaufen? Und wie verhilft wohl Walt Disney zu Geistesblitzen?

Guter Trainer, gute Ideen

Gute Trainer leiten in speziellen Seminaren dazu an, diese Methoden auszupro­bieren und zu erleben, wie sie den Ideen­fluss in Gang setzen. Nicht jeder kann wie der Post-it-Erfinder auf eine spontane Einge­bung hoffen. Im Gegen­teil: Viele müssen ihren Einfalls­reichtum im Job gezielt abrufen – auch unter Stress und Anspannung. Dafür sind Kreativitäts­techniken ideale Hilfs­mittel. „Sie funk­tionieren wie Rezepte, die sich leicht nach­kochen lassen“, erklärt Bernd Weidenmann, Professor für Pädagogische Psycho­logie. Sein Motto lautet: „Ein guter Einfall ist kein Zufall.“

Ein paar simple Tricks zum Nach­machen eignen sich für jedermann. Der einfachste: Schlafen Sie drüber (mehr Tipps). Wer aber beruflich auf Inspiration angewiesen ist, tut gut daran, sich Kreativitäts­techniken für den professionellen Gebrauch anzu­eignen. Wichtig: Nicht jede Methode passt für jede Situation oder jeden Anwender. Im Einzel­fall muss individuell nach einer Technik gesucht werden.

Aufforderung zum Gedankentanz

Viele Methoden sind im Selbststudium erlernbar: mit Hand­büchern oder Online­lehr­gängen. Sie beschreiben die Techniken und stellen Übungs­aufgaben. Damit kann jeder versuchen, seine Kreativität anzu­kurbeln.

Doch ein guter Kurs bietet mehr: Der Dozent fordert seine Schüler zum Gedankentanz auf, baut Blockaden ab, macht Mut und reißt mit. Er zeigt: Kreativität ist kein Kraft­akt. Im besten Fall geschieht sie mühelos und macht Spaß. Zusätzlich beflügelt der Austausch mit anderen: Man nutzt die Ressourcen aller Teilnehmer.

Die Stiftung Warentest besuchte zehn Zwei-Tages-Seminare für Kreativitäts­techniken. Nicht alle erfüllten die Anforderungen an ein gelungenes Seminar. Unterschiede zeigen sich etwa im Haupt­prüf­punkt, der Kurs­durch­führung. Eine sehr hohe Qualität können wir nur der Kreativitäts­werk­statt von Eisberg Seminare bescheinigen. Am schlechtesten schneiden CoBeTraS und Comelio ab (siehe Tabelle).

Kurse mit stolzen Preisen

Einen Nachteil haben alle geprüften Kurse: Die Seminare privater Anbieter sind teuer. Sie kosten zwischen rund 975 und 1 730 Euro. Es gibt auch güns­tigere Lehr­gänge bei Volks­hoch­schulen, Handels- und Handwerks­kammern – allerdings nicht im Test­zeitraum (So haben wir getestet).

Die Investition in einen inspirierenden Ideen­lehr­gang lohnt sich etwa für Fach- und Führungs­kräfte – voraus­gesetzt der Dozent packt ihnen einen Methodenkoffer, mit dem sie im Arbeits­alltag etwas anfangen können. Daran haperte es etwa bei Comelio: Der Anbieter ging unzu­reichend auf das berufliche Umfeld der Teilnehmer ein.

Eine Grund­botschaft vermittelten alle Seminare: Geistesblitze brauchen ein gutes Klima. Am besten gelangt man entspannt zum Einfall. Der Dozent des Seminars der Haufe Akademie mit dem Titel „Das tanzende Kamel“ machte es vor. Jede Unterrichts­einheit leitete er mit Yogaübungen oder kurzen Spielen ein. „Das hat die Gedanken durch­einander­gebracht – und geholfen, kreativ zu sein“, sagt ein Tester.

Mit Disney lernt das Ei fliegen

Auch Perspektiv­wechsel wirken. Anwender der Walt-Disney-Methode etwa nehmen verschiedene Blick­winkel ein: Sie schlüpfen in die Rollen des Träumers, des Kritikers und des Realisten. Ein Tester probte das im Kreativ­unter­richt der Management Akademie München. Die Aufgabe: ein Ei mit bestimmten Materialien so zu verpacken, dass es einen Sturz aus dem ersten Stock unbe­schadet über­steht. Immer wieder wechselte die Gruppe die Betrachtungs­weise, um ihre „erträumten“ Ideen besonders kritisch oder eher realistisch zu prüfen. Einen Einfall setzten sie am Ende um. Und er führte zum Erfolg: Ein Luft­ballonbett und ein Propeller aus Papier verhalfen dem rohen Ei zur sicheren Landung.

Nicht alle Dozenten boten einen solch kreativen Unter­richt. Der Seminarleiter von Comelio arbeitete stumpf ein handels­übliches Hand­buch für Kreativitäts­techniken ab. Das Taschen­buch ist an sich in Ordnung. Das Gelingen eines Kurses garan­tiert aber auch ein gutes Lehr­buch nicht. Entscheidend ist, was der Trainer daraus macht. Im Comelio-Seminar blieb es bei einer Beschreibung der Methoden. Gelegenheit sie auszupro­bieren, bekamen die Teilnehmer kaum. Das sorgte eher für Langeweile als für einen Kreativitäts­kick.

Wer viel aus dem Kurs ziehen will, achtet darauf, dass die Methoden praktisch geübt werden. Mindestens sechs Techniken müssen es schon sein. Und der Dozent sollte erfahren sein – das sollten Interes­senten vorab ausführ­lich erfragen.

Denkzettel benutzen

Ein Kreativer ist stets im Dienst. „Kreativität ist eine Einstellungs­sache“, sagt Bernd Weidenmann. Wichtiges Arbeits­mittel sind daher Notizblätter, auf denen Einfälle jeder­zeit fest­gehalten werden können. „Haben Sie Ihre Ideen­zettel immer parat“, rät der Experte. Und wer weiß: Vielleicht findet sich auf einem der Inspirations-Post-its eines Tages eine Idee, die ähnlich durch­schlagenden Erfolg hat wie die bunten Klebezettel selbst.

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