Wer krank­geschrieben ist, muss nicht zuhause bleiben. Oft gilt sogar: Im Gegen­teil. Wenn es der Arzt erlaubt, ist vieles möglich – selbst Leistungs­sport. test klärt darüber auf, was Arbeitnehmer während einer Krank­scheibung dürfen.

Weg zur Kita trotz Krank­schreibung

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Fast immer. Das Kind zur Kita zubringen, ist eigentlich immer zulässig. Selbst wenn es der Arzt verboten hat, kann der Chef kaum etwas machen.

Heiko Reinhold* geht es gar nicht gut. Er hat hohes Fieber und heftigen Husten. Trotzdem stapft er mit Sohn Max durch den Regen Richtung Kita. Noch dazu plagt ihn ein schlechtes Gewissen. „Hoffentlich sieht mich keiner von den Kollegen“, denkt er. Zur Arbeit geht er nämlich nicht. Er ist krank­geschrieben. Noch schlimmer: Bett­ruhe hat ihm der Haus­arzt verordnet. „Gehen Sie bei dem nass-kalten Wetter bloß nicht raus!“, warnte er den Angestellten. Doch keiner sonst hatte Zeit, den fünf­jährigen Max zur Kita zu bringen. Also machte er sich trotz des Verbots vom Arzt auf den Weg. Das schlechte Gewissen hat er zu Recht: Seinem Chef gegen­über ist er verpflichtet, nichts zu unternehmen, was seine Genesung verzögert. Der kann sonst eine Abmahnung schi­cken und in krassen Fällen sogar gleich die Kündigung. Doch wegen ein paar hundert Metern Fußweg zur Kita wird der Chef bestimmt nichts unternehmen. Vor dem Arbeits­gericht hätte er auch wenig Chancen. Er müsste beweisen, dass der Mitarbeiter seine Genesung gefährdet hat, als er seinen Sohn zur Kita brachte.

Das letzte Wort hat der Arzt

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Häufig. Spazieren gehen ist meist erlaubt und oft genug Pflicht. Entscheidend ist, was der Arzt empfiehlt, um schnell wieder gesund zu werden.

Viel häufiger allerdings läuft es genau anders herum: Der Arzt empfiehlt ausdrück­lich, raus­zugehen und frische Luft zu schnappen. Das ist dann auch dem Arbeit­geber gegen­über Pflicht. Kranke Arbeitnehmer sollen so schnell wie möglich wieder gesund werden und zur Arbeit kommen. Auch sonst gilt: Das letzte Wort hat der Arzt. Was er nicht verbietet, ist erlaubt – trotz Krank­schreibung: einkaufen, Kino, tanzen, manchmal sogar Leistungs­sport. Ein Beispiel: Anton Marz*, passionierter Ausdauer­sportler, arbeitet in einem Lager. Eines Tages stürzt er auf dem Weg zur Arbeit vom Fahr­rad und bricht sich das Schulterblatt. Für sieben Wochen schreibt sein Arzt ihn krank.

Leistungs­sport während der Krankheit

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Im Einzel­fall. Sogar Leistungs­sport kann während der Krank­schreibung erlaubt sein, wenn er die Genesung nicht gefährdet und der Arzt zustimmt.

Nicht einmal zwei Wochen später startet Anton Marz bei einem Ultra­marathon in Österreich: 53 Kilo­meter Laufen im Renn­tempo. Marz schafft sogar eine gute Zeit. Er nimmt noch an einem weiteren Wett­kampf teil, bevor er nach Ablauf der Krank­schreibung wieder zur Arbeit geht. Da wartet bereits der Chef auf ihn. Er hält die Lokal­zeitung mit einem Bericht über Marz’ erfolg­reiche Teil­nahme an den beiden Laufwett­kämpfen in der Hand. Marz erklärt ihm: Vor beiden Wett­kämpfen hat der Arzt grünes Licht gegeben. Die Rennerei werde die Heilung der Schulter nicht gefährden, habe der Mediziner versichert. Das glaubt der Chef nicht. Er drückt ihm die Kündigung in die Hand: Frist­los entlassen. Marz zieht vors Arbeits­gericht Stutt­gart. Das attestiert ihm: Alles richtig gemacht. Was der Arzt sagt, gilt. Behindert der Sport aus dessen Sicht die Genesung sicher nicht, darf Marz an Wett­kämpfen teilnehmen – trotz Krank­schreibung (Az. 9 Ca 475/06).

Chef ist fassungs­los

Der Chef kann es nicht fassen. Schützen­hilfe leistet ihm Rechts­anwalt Wulf Gravenhorst. „Das Urteil verliert keinen Gedanken daran, ob Marz bei Antritt des ersten Marathon-Laufs möglicher­weise gar nicht arbeits­unfähig war“, schimpft der Jurist. Wer erfolg­reich Marathon laufen kann, der kann auch Botengänge erledigen, Lager­bestände zählen, An- und Auslieferungen über­wachen und Karteikarten oder Dateien pflegen, meint der Anwalt.

Der Chef muss Beweise liefern

Doch auch anderen Arbeits­gerichten ist die Meinung des Arztes heilig. Sie werten die Krank­schreibung als Beweis für die Arbeits­unfähigkeit. Wenn der Chef Zweifel hat, muss er das Gegen­teil beweisen. Das gelingt so gut wie nie. Selbst wenn der Amts­arzt anderer Meinung ist, reicht das nicht. Solange der Haus­arzt seinen Patienten krank­schreibt, ist er auch krank, urteilte das Landes­arbeits­gericht Sachsen (Az. 3 Sa 229/06). Einzige Ausnahme: Der Patient hat seinem Arzt nicht die Wahr­heit gesagt und so die Krank­schreibung erschlichen. Aber auch das muss der Arbeit­geber erst einmal beweisen.

Die Ironie der Geschichte

Klare Rege­lungen finden sich im Sozialgesetz­buch: Bei Zweifeln an der Arbeits­fähig­keit können Arbeit­geber ein Gutachten des Medizi­nischen Diensts der Krankenkassen verlangen. Doch bis ein Arzt dort Wochen oder Monate später Zeit hat, sind die meisten Arbeitnehmer längst wieder gesund. Dann ist nicht mehr zu klären, ob sie früher mal arbeits­unfähig waren oder nicht. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet ein Gutachter des Medizi­nischen Dienstes ist – soweit test es heraus­finden konnte – der einzige Arbeitnehmer, dessen frist­lose Kündigung wegen eines genesungs­widrigen Verhaltens vor Gericht Bestand hatte. Der Mann war wegen einer Hirnhaut­entzündung krank­geschrieben. Eine Fort­bildung, um deren Teil­nahme der Chef ihn trotz Krank­schreibung gebeten hatte, sagte er wegen fortgesetzter Konzentrations­schwäche ab. Statt­dessen fuhr er in den noblen Winter­sport­ort Zermatt. Bei einem Skikurs brach er sich ein Bein. Das Bundes­arbeits­gericht urteilte in letzter Instanz: Der Experte für Arbeits­unfähigkeit musste wissen, dass sich die Krank­schreibung wegen Hirnhaut­entzündung nicht mit der Teil­nahme an einem Skikurs vereinbaren lässt. Etwas anderes würde nur gelten, wenn der behandelnde Arzt sie für eine schnel­lere Genesung ausdrück­lich empfohlen hätte (Az. 2 AZR 53/05).

[Update 13.05.2013] Je nach den Umständen des Einzel­falls ebenfalls zulässig: Während einer Krank­schreibung an einem Vorstellungs­gespräch teil­zunehmen. So entschied es das Landes­arbeits­gericht Meck­lenburg-Vorpommern. Der Abteilungs­leiter Reha-Technik eines Sanitäts­fach­handels war krank­geschrieben, weil er sich im rechten Arm einen Nerv einge­klemmt hatte. Trotzdem stellte er sich als Bewerber um die Geschäfts­führung eines städtischen Unter­nehmens vor. Als darüber die Lokal­zeitung berichtete, kündigte sein Arbeit­geber ihm frist­los. Zu Unrecht, urteilte das Landes­arbeits­gericht Meck­lenburg-Vorpommern. „Ein arbeits­unfähig erkrankter Arbeitnehmer hat während seiner Ausfall­zeit durch sein eigenes Verhalten dafür Sorge zu tragen, dass er die Phase der Arbeits­unfähigkeit möglichst zügig über­windet. Das bedeutet aber nicht, dass er stets nur das Bett zu hüten hat, oder jedenfalls die eigene Wohnung nicht verlassen sollte. Vielmehr ist auf die je vorliegende Krankheit abzu­stellen, um ermessen zu können, welche Tätig­keiten einem Arbeitnehmer während der Zeit der Arbeits­unfähigkeit untersagt sind“, heißt es in der Urteils­begründung wörtlich. Da der Arzt dem Mann nur empfohlen hatte, den Arm nicht zu belasten, durfte er nach Meinung der Richter zum Vorstellungs­gespräch.

Landes­arbeits­gericht Meck­lenburg-Vorpommern, Urteil vom 5.3.2013
Aktenzeichen: 5 Sa 106/12

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