Programme zum Management chronischer Krankheiten wie Diabetes sollen die Versorgung verbessern und Kosten senken – auch die der Patienten.

Nur ein Schlagwort der Gesundheitsreform oder mehr? Typ-2-Diabetiker können inzwischen in fast allen Bundesländern an einem „Disease-Management-Programm (DMP)“, einem Krankheitsma­nage­ment, teilnehmen. Auch für Brustkrebspatientinnen gibt es zunehmend diese Möglichkeiten. In Vorbereitung sind sie für Typ-1-Diabetes, Asthma, chronisch obstruktive Atem­wegserkran­­kun­gen und die koronare Herzkrankheit.

Das soll Kassenkosten senken. Auch die Teilnehmer können sparen, so zum Beispiel Zuzahlungen, oder sie erhalten Rabatte. Vor allem sollen die Chroniker mehr Verantwortung übernehmen und eine koordinierte Behandlung erhalten.

Vorbild USA

Pate standen die USA. Dort behandeln Ärzte viele Krankheiten nach Leitlinien. Die Behandlung stimmen sie mit den Patienten und mit anderen Ärzten nach vorgegebenen Regeln ab. Das nennt sich Di­sease-Management – Krankheitsma­nage­­ment. Mit einer besseren Abstimmung und einer Behandlung nach medizini­schen Leitlinien sollen Folgeerkrankungen verhindert und unnötige Kosten eingespart werden, zum Beispiel durch besser abgestimmte Behandlungsabläufe.

Teilnehmen kann jeder, der an einer der Krankheiten leidet – vorausgesetzt, die Krankenkasse hat im jeweiligen Bundesland bereits ein Programm gestartet. Der Patient muss sich zur aktiven Mitwirkung verpflichten. Der Arzt muss feststellen, dass durch die Teilnahme eine bessere Lebensqualität und höhere Lebenserwartung in Aussicht stehen. Im Diabetes-DMP verpflichten sich die Kranken zusätzlich zur Teilnahme an Schulungen.

Wer am Programm teilnimmt, hat einen Lotsenarzt. Oft ist das der Hausarzt. Auch wenn keine Beschwerden bestehen, muss der Patient regelmäßig zu ihm gehen. Alle vier bis sechs Wochen misst der Arzt zum Beispiel bei Diabetikern den Langzeitblutzucker sowie den Blutdruck und untersucht die Füße. Einmal im Vierteljahr erhebt er einen umfassenden Blutstatus, um die Nierenwerte zu überprüfen. Oder er schickt den Patienten zweimal im Jahr zum Augenarzt: Die Ergebnisse der Untersuchungen erhält der Lotsenarzt.

Den Lotsen aussuchen

Der Patient kann sich den Lotsenarzt unter den am Programm teilnehmenden Ärzten aussuchen. Der hält die Medikamentenverordnungen, das Behandlungsziel und die Untersuchungsergebnisse auf Dokumentationsbögen fest und koordiniert alle weiteren Arztbesuche. Ist der Patient unzufrieden, kann er einen anderen Lotsenarzt wählen.

Der Hintergrund: Die Versorgung von Chronikern ist vielfach verbesserungsfähig. „Zahlreiche Patienten messen mehrmals täglich ihren Blutzucker, wissen aber nichts mit ihren Werten anzufangen“, sagt Volker Krempel, Vorsitzender des Deutschen Diabetiker Bunds. Für sie sind die Schulungen im Rahmen der Programme neu. Die waren bisher nicht überall Kassenleistung. „Wir sehen in DMP eine große Chance“, sagt Krempel, „vor allem, weil jeder Patient einen Rechtsanspruch auf Schulung hat.“ Neu ist auch, dass Arzt und Patient ein Behandlungsziel vereinbaren, so eine Senkung des Langzeitblutzuckers – je niedriger, desto geringer sind die Nervenschmerzen in den Beinen.

Anspruch auf Schulung

Die DMP-Teilnahme beginnt mit Unterschrift auf der Teilnahmeerklärung und der vom Arzt erstellten Erstdokumentation mit Befunden, Medikamenten, Laborparametern, Behandlungsplan und -zielen. Die Daten werden zentral ausgewertet. Mit der Wissenschaft soll ein Erkenntnisaustausch stattfinden. Der Lotsenarzt erhält die Auswertung der Daten.

Die Leitlinien für die Behandlung haben Fachleute auf der Grundlage von Studien nach dem Verfahren der „evidenzbasierten Medizin“ einheitlich festgelegt. Sie regeln die Basistherapie. Dazu zäh­len Ernährungs- und Raucherberatung, Stoffwechselselbstkontrolle und Sport.

Die DMP-Leitlinien legen fest, was bei Begleiterkrankungen passieren soll und welche Medikamente verordnet werden sollen. Die Vorgaben der Kasse können die Wahl einschränken: Der Patient muss eventuell auf ein anderes Präparat umgestellt werden. DMP schreiben einen Mindeststandard vor, orientieren sich nicht am Optimum: Ob ein Diabetiker zum Beispiel mehr Teststreifen erhält als generell festgelegt, entscheidet die Kasse.

Viel Bürokratie

Kritik gibt es vor allem am bürokratischen Aufwand für die Patientendokumentation. Sie soll nun vereinfacht werden. Manche Programme laufen langsam an, andere flott: Für Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 bietet zum Beispiel die AOK bereits flächende­ckend DMP an und ist stolz, dass 482 000 AOK-Versicherte und mehr als 34 000 Ärzte teilnehmen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 882 Nutzer finden das hilfreich.