Kranken­versicherung Special

Raus aus der teuren Privatkranken­versicherung – Finanztest zeigt, wer das kann und wie es geht.

Für junge, gesunde und gut verdienende Leute ist die private Kranken­versicherung häufig attraktiv. Viele bereuen ihre Entscheidung aber später. Doch sie können sich nicht ohne Weiteres wieder gesetzlich versichern. Der Gesetz­geber hat hier einen Riegel vorgeschoben: Gutverdienende sollen nicht die Vorteile der privaten Versicherung mitnehmen und später, wenn sie älter und häufiger krank sind, den solidarisch finanzierten Krankenkassen zur Last fallen.

Versicherungs­pflicht als Eintritts­karte

Viele Privatversicherte, die Zutritt zum gesetzlichen System anstreben, müssen ihr Berufs­leben umorganisieren. Denn sie müssen zuerst einmal versicherungs­pflichtig werden. Das sind sie zum Beispiel, wenn sie zu einer dieser Personen­gruppen gehören:

  • Arbeitnehmer, die mehr als einen Minijob mit 450 Euro Monats­lohn haben, aber weniger als derzeit 4 950 Euro brutto im Monat verdienen (Stand: 2018),
  • Bezieher von Arbeits­losengeld I,
  • Ehren­amtliche im Bundes­freiwil­ligen­dienst, im freiwil­ligen sozialen oder im ökologischen Jahr,
  • Studenten und Auszubildende.

Wer sehr geringe Einkünfte hat, kommt auch über die Familien­versicherung beim gesetzlich versicherten Ehepartner oder beim einge­tragenen Lebens­partner unter.

Versicherungs­pflicht oder Familien­versicherung: In der Regel kommen Privatversicherte nur darüber zurück in die Kasse. Wer dies auch nur für einen Tag schafft, darf sich dort freiwil­lig weiterversichern. Früher waren Vorversicherungs­zeiten erforderlich – entweder unmittel­bar zuvor mindestens 12 Monate am Stück oder inner­halb der letzten fünf Jahre mindestens 24 Monate. Das ist jetzt nur noch in Ausnahme­fällen nötig.

Lösungen für Arbeitnehmer: Zeit­weise weniger verdienen

Arbeitnehmer haben es am einfachsten, solange sie noch nicht 55 Jahre alt sind. Sobald ihr regel­mäßiges Gehalt die Jahres­arbeits­entgelt­grenze (Lösung für Arbeitnehmer) unter­schreitet, werden sie versicherungs­pflichtig. Legen sie dann inner­halb von drei Monaten die Mitglieds­bescheinigung von ihrer gesetzlichen Kasse beim privaten Versicherer vor, können sie den privaten Vertrag rück­wirkend zum Eintritt der Versicherungs­pflicht kündigen. Wer über der Grenze verdient, kann das Gehalt reduzieren.

Beispiel: Finanztest-Leserin Cordula West* hat mit ihrem Arbeit­geber vereinbart, dass ein Jahr lang 25 Prozent ihres Gehalts in ein Arbeits­zeit­konto fließen. Sie arbeitet voll weiter, bekommt aber nur 75 Prozent ihres Gehalts ausgezahlt.

Das reicht aus, um vom ersten Tag dieser Regelung an versicherungs­pflichtig zu werden. Mit dem ange­sammelten Wert­guthaben nimmt sie drei Monate bezahlte Auszeit. Danach arbeitet sie normal weiter und erhält wieder ihr volles Gehalt. Der Vorteil: Sie bleibt als freiwil­liges Mitglied in der gesetzlichen Kasse.

Nicht jeder Arbeit­geber lässt sich auf so etwas ein. Ein Anrecht haben Arbeitnehmer hingegen darauf, dass Teile des Gehalts in die betriebliche Alters­vorsorge fließen, zum Beispiel in eine Pensions­kasse oder Direkt­versicherung. Um bis zu 2 976 Euro jähr­lich können Arbeitnehmer so ihr Entgelt reduzieren. Zusätzlich bis zu 1 800 Euro im Jahr sind steuerfrei. Liegt jemand durch diese Entgelt­umwandlung nun unter der Jahres­arbeits­entgelt­grenze, wird er versicherungs­pflichtig.

Befreiung kann zur Falle werden

Manche Arbeitnehmer haben sich jedoch irgend­wann einmal von der Versicherungs­pflicht befreien lassen. Sie wollten privat versichert bleiben, als sie durch die jähr­liche Anhebung der Entgelt­grenze mit ihrem Gehalt unter diesen Wert rutschten.

Das Problem: Die Befreiung werden sie nicht los, solange sie Arbeitnehmer sind. Versicherungs­pflichtig wird ein „Befreiter“ nur, wenn er arbeitslos wird und Arbeits­losengeld I erhält. Findet er danach aber einen neuen Job, darf er in der gesetzlichen Kranken­versicherung bleiben.

Lösungen für Studenten: Vorüber­gehend exmatrikulieren

Von der Versicherungs­pflicht als Student befreien lassen hat sich Tim Hartmann*. Als Sohn eines Beamten ist der 23-Jährige seit der Kindheit günstig privat versichert. Die Beihilfe deckt 80 Prozent seiner Krank­heits­kosten, er braucht nur Versicherungs­schutz für die restlichen 20 Prozent. Was Hartmann nicht bedachte: Der Beihilfe­anspruch endet, sobald er 25 wird. Falls er nach dem Studium keine sozial­versicherungs­pflichtige Stelle findet, sondern nur Werk­verträge oder Minijobs, wird die private Versicherung schnell zur Last. Eine voll­wertige Police kostet selbst für junge Leute mehrere Hundert Euro im Monat.

Der Ausweg: Exmatrikulation für mehr als einen Monat zwischen Bachelor- und Master­studium (Lösungen für Studenten).

Lösungen für Selbst­ständige:Haupt­beruflich­keit aufgeben

Für Selbst­ständige ist der Weg in die gesetzliche Kranken­versicherung schwierig. Dabei kann gerade für kleine Selbst­ständige mit nied­rigem Einkommen ein Wechsel existenziell sein. Zum Beispiel für Roland Hell*. Sein Back­shop in einem Berliner Randbezirk wirft schon seit einer Weile nicht mehr genug ab. Direkt nach der Wende hatte er sich aus der Arbeits­losig­keit heraus selbst­ständig gemacht und sich zu einer privaten Versicherung über­reden lassen.

Seine Beiträge sind in den zurück­liegenden Jahren stark gestiegen, er will zurück in die gesetzliche Kasse: „Wenn ich nicht bald den Absprung schaffe, lande ich beim Sozial­amt“, befürchtet der 53-Jährige. Er jobbt jetzt schon nebenbei in einem Call­center. Doch für den Zugang zur gesetzlichen Kasse braucht er statt dieses Minijobs eine sozial­versicherungs­pflichtige Stelle. Zuvor muss er aber die haupt­berufliche Selbst­ständig­keit loswerden (Worauf Selbstständige achten müssen) – bevor er Mitte 50 ist.

Lösungen für über 55-Jährige: Umwege gehen

Die Alters­grenze ist der 55. Geburts­tag. Ab diesem Tag wird jemand nicht mehr versicherungs­pflichtig, selbst wenn er eine Stelle als Arbeitnehmer findet und unter­halb der Entgelt­grenze verdient. Nur wer in den fünf Jahren davor mindestens einen Tag gesetzlich versichert war, kann diese Hürde noch meistern.

Im EU-Ausland versichert sein

Die meisten Älteren müssen umständlichere Wege gehen. Einer davon führt übers europäische Ausland. In Ländern wie Frank­reich, Schweden, der Schweiz, Österreich, Dänemark und England gibt es eine obliga­torische Kranken­versicherung. Sie ist europarecht­lich mit der deutschen gesetzlichen Kranken­versicherung gleich­zustellen. Verlegt jemand zum Beispiel seinen Wohn­sitz in die Nieder­lande und arbeitet dort, muss er sich in einer dortigen Krankenkasse versichern. Dabei ist es egal, ob er angestellt oder selbst­ständig ist, wie viel er verdient und wie alt er ist. Die Europäische Kommis­sion stellt im Internet (Missoc.org) Informationen über die Sozial­systeme in 32 europäischen Ländern bereit.

Am Ende des Auslands­auf­enthalts müssen Rück­kehr­willige ihre Versicherungs­zeit vom ausländischen Kranken­versicherungs­träger im EU-Formular „E 104“ bestätigen lassen. Wichtig ist, dass sie alle Brücken zur deutschen privaten Kranken­versicherung abge­brochen haben. Der frühere Vertrag muss gekündigt sein. Wer im Ausland zuletzt gesetzlich kranken­versichert war und keinen anderweitigen Anspruch auf Absicherung im Krank­heits­fall hat, kommt nach der Rück­kehr in Deutsch­land in die gesetzliche Kasse.

Beim Partner mitversichern

Die beitrags­freie Familien­versicherung ist ein weiterer Weg zurück in die gesetzliche Kasse, der unabhängig vom Alter ist. Sie wird möglich, wenn ein Privatversicherter mit einer gesetzlich kranken­versicherten Person verheiratet ist oder in einer einge­tragenen Lebens­part­nerschaft lebt.

Das Einkommen des bisherigen Privatversicherten darf jedoch höchs­tens 435 Euro im Monat betragen (Stand: 2018), mit einem Minijob höchs­tens 450 Euro. Dabei zählen alle Einkünfte mit, beispiels­weise auch Miet- und Zins­einnahmen.

Keine faulen Tricks

Wenn der 55. Geburts­tag näher rückt, sind manche so verzweifelt, dass ihnen jedes Mittel recht ist, um in die gesetzliche Kasse zurück­zukommen. Eine Freundin hat Roland Hell angeboten, ihn „auf dem Papier“ anzu­stellen. Doch davon ist abzu­raten. Sollte später heraus­kommen, dass ein Wechsler die ursprüng­liche Versicherungs­pflicht mit unsauberen Mitteln wie einem Schein­arbeits­verhältnis erschlichen hat, kann er rück­wirkend aus der Kasse fliegen. Das kann im Extremfall sogar noch bis zu zehn Jahre später passieren. Wenn dagegen die Kasse trotz korrekter Angaben des Mitglieds falsch entschieden hat, kann sie dies nur inner­halb von zwei Jahren korrigieren. In der Regel genießt der Versicherte dann Vertrauens­schutz und darf bleiben.

Roland Hell will sich nun für ein Jahr zum Bundes­freiwil­ligen­dienst melden. So wird er auch versicherungs­pflichtig.

* Namen von der Redak­tion geändert.

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