In der Gesundheitspolitik herrscht Krisenstimmung. Über Vorschläge zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung freuen sich vor allem die privaten Versicherer.

Viele Bundesbürger befürchten, dass die Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung künftig eingeschränkt werden. Jetzt schnell eine private Zusatzversicherung abschließen, lautet die Botschaft der Versicherungswirtschaft. Noch ist aber völlig unklar, welche Reformen verwirklicht werden.

Mögliche Einschnitte

Finanztest bietet einen Überblick über die wichtigsten Reformvorschläge, die derzeit diskutiert werden.

Grund- und Wahlleistungen:

Der Leistungskatalog der Krankenkassen soll aufgeteilt werden in einen Block unverzichtbarer "Grundleistungen", die weiter über die solidarisch finanzierte gesetzliche Krankenversicherung abgedeckt sind, und in Wahlleistungen. Die sind entweder vom Versicherten privat zu bezahlen oder können durch Zusatzversicherungen abgedeckt werden.

Versicherungsfremde Leistungen:

Eine ganze Reihe von Leistungen gehören streng genommen nicht zu den Aufgaben der Krankenversicherung, weil sie nicht direkt mit der Erkennung oder Behandlung von Krankheiten zu tun haben. Gestrichen oder aus Steuermitteln finanziert werden sollen zum Beispiel das Sterbegeld, die Leistungen für Empfängnisverhütung, Mutterschaftsgeld, Fahrtkosten, Haushaltshilfen, Leistungen bei Schwangerschaft und Mutterschaft.

Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen:

In fast jeder Gesundheitsreform seit Ende der 70er Jahre wurden Zuzahlungen eingeführt oder erhöht. Jetzt überlegen die Politiker höhere Zuzahlungen für Krankenhausbehandlung, Psychotherapie, Heil- und Hilfsmittel und Medikamente.

Um die bisherigen Eigenanteile zu reduzieren, kann man private Ergänzungsversicherungen abschließen. Das ist aber nur bedingt sinnvoll, da gesetzlich Krankenversicherte ohnehin gegen finanzielle Überforderung geschützt sind. Wer sehr wenig verdient oder chronisch krank ist, wird von den Zuzahlungen befreit.

Fallpauschalen im Krankenhaus:

Die so genannten Diagnosis Related Groups (DRGs) sind in Zukunft die Grundlage für die Abrechnung der Krankenhäuser. Die Klinik bekommt dann eine bestimmte Pauschale für die Behandlung einer Krankheit, egal ob der Patient zwei oder zehn Tage im Krankenhaus liegt. Für Kassenpatienten könnte daraus folgen, dass die Krankenhäuser aus ökonomischen Gründen zur Akkordarbeit übergehen.

HMO-Modelle:

HMO steht für "Health Maintenance Organization". Dieses Modell ist aus den USA bekannt und wird von der Bundesregierung und maßgeblichen SPD-Politikern als eine Möglichkeit zur Gesundheitsreform auch bei uns gesehen. Die Kassen haben dabei die Möglichkeit, mit verschiedenen Ärzten, Krankenhäusern oder Arzneimittelherstellern direkt Verträge abzuschließen. Das soll dazu führen, dass sie die Preise und die Qualität der Leistungen besser beeinflussen können.

Für den Versicherten bedeutet das, dass seine Wahl unter den Kassenärzten und den Krankenhäusern eingeschränkt wird. Im Extremfall kann man als Versicherter einer bestimmten Krankenkasse nur noch zu Ärzten und in Kliniken gehen, die einen Vertrag mit dieser Kasse haben. Will man woanders hin, sind Zuzahlungen fällig ­ oder eben eine private Zusatzversicherung.

Varianten des Zusatzschutzes

Privat versichern kann man heute schon vieles, was die Kasse nicht zahlt. Wirklich unerlässlich ist aber nur die Zusatzversicherung, ohne die ein Patient existenzielle Probleme bekommen kann, die Auslandsreise-Krankenversicherung. Denn wer das Pech hat, im Urlaub zu erkranken, riskiert ohne diese Police, im schlimmsten Fall auf mehreren Zehntausend Mark Kosten sitzen zu bleiben.

Sehr empfehlenswert für Kassenpatienten ist eine stationäre Zusatzversicherung. Mit dieser Police verschaffen sich gesetzlich Krankenversicherte im Krankenhaus annähernd den Status des Privatpatienten. Die wichtigsten Elemente sind Chefarztbehandlung, freiere Wahl des Krankenhauses sowie die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer.

Schon bei der gegenwärtigen Rechtslage verschafft man sich mit einer solchen Police einen echten Vorteil gegenüber den nicht zusatzversicherten Kassenpatienten. Dieser Vorteil könnte noch mehr wert sein, wenn wirklich Fallpauschalen für die Krankenhausbehandlung eingeführt würden und die Wahl des Krankenhauses weiter eingeschränkt werden sollte.

Darüber hinaus gibt es Versicherungen, die sich an den Kosten für Zahnersatz, Brillen, Heilpraktikerbehandlung, Heil- und Hilfsmitteln und anderen Leistungen beteiligen.

Mit Vorsicht zu genießen

Bei allen privaten Zusatzversicherungen muss sich der Kunde darüber klar sein: Die Unternehmen kalkulieren ihre Beiträge nach den zu erwartenden Kosten für die Versicherungsgesellschaft. Kranke zahlen deshalb bei Eintritt mehr als Gesunde, Frauen mehr als Männer, Ältere mehr als Junge. Die Versicherer müssen auch nicht jeden Kunden annehmen. So bekommen beispielsweise Behinderte in den seltensten Fällen eine private Zusatzversicherung.

Angestellte erhalten für Zusatzversicherungen keinen Zuschuss von ihrem Arbeitgeber. Auch gibt es keine kostenlose Mitversicherung von Familienmitgliedern. Wer also Lebenspartner oder -partnerin und Kinder mitversichern will, muss für jede Person einen eigenen Beitrag einkalkulieren.

Cool bleiben

Was also sollen gesetzlich Krankenversicherte tun? Für alle gilt: Übereilte Entschlüsse schaden nur. Wer vor der Entscheidung steht, die gesetzliche Kasse zu verlassen und sich komplett privat zu versichern, sollte sich von den aktuellen Reformdiskussionen nicht zur Eile drängen lassen, sondern sorgfältig die Vor- und Nachteile abwägen.

Wer in der gesetzlichen Kasse bleiben will oder als Pflichtversicherter nicht die Wahl hat, sollte mit der Vereinbarung von privatem Zusatzschutz warten, bis klar ist, welche neuen Lücken im gesetzlichen Versicherungsschutz entstehen.

Abwarten ist auch deshalb sinnvoll, weil die Versicherungsgesellschaften ebenfalls Zeit brauchen, um für die zu erwartende Gesetzeslage wiederum passende Produkte zu entwickeln. Auch eine Versicherung gegen chaotische Gesundheitsreformen hat bis jetzt noch kein Anbieter im Programm.

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