Krankengeld für Selbstständige Test

Reformpanne: Die neuen Krankengeldtarife können für Selbstständige „ungerechtfertigte Belastungen“ bringen. Deshalb will Bundes­gesund­heitsmini­sterin Ulla Schmidt das Gesetz nun nachbessern.

Gesetzlich versicherte Selbst­ständige erhalten bald wieder Anspruch auf Krankengeld. Die neuen Wahltarife sind ein Flop.

Die Bundesregierung muss nachbessern: Gesetzlich versicherte Selbstständige sollen wieder ein Recht auf Krankengeld erhalten. Sind sie wegen Krankheit arbeitsunfähig, zahlen ihnen die Krankenkassen dann wieder einen Ausgleich für ­ihre Einkommensverluste.

So war es auch bis zum 31. Dezember. Viele Kassen boten Selbstständigen Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag, wenn diese den allgemeinen Beitragssatz zahlten. Bei etlichen Kassen konnten Kunden sich mit dem erhöhten Beitragssatz ein früher beginnendes Krankengeld sichern.

Zum 1. Januar wurde dies gestrichen. Nun zahlen Selbstständige den ermäßigten Satz von 14,9 Prozent und haben keinen Krankengeldanspruch. Sie sollen dafür einen Wahltarif abschließen. Für rund 1,5 Millionen Selbstständige, Arbeitnehmer mit Kurz­zeitverträgen und sogenannte unständig Beschäftigte entstanden so zum Teil gravierende Nachteile. Unständig beschäftigt nennt man Arbeitnehmer, die tageweise angestellt sind.

Nun ist eine Korrektur geplant, über die der Bundestag voraussichtlich im Juni entscheidet, im Juli der Bundesrat. Wenn das Gesetz in Kraft tritt, müssen die Kassen Selbstständigen rückwirkend zum 1. Januar ermöglichen, sich wie Arbeitnehmer zum allgemeinen Beitragssatz von 15,5 Prozent zu versichern. Die Mitglieder zahlen auf diesem Weg 0,6 Prozent ihres Einkommens für den Anspruch auf Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag, maximal rund 22 Euro. Die Höhe des Krankengeldes richtet sich ebenfalls nach dem Einkommen und beträgt maximal 85 Euro pro Tag. Zusätzlich soll es weiter Wahltarife geben.

Notwendig war die Korrektur, weil Kunden keine andere Wahl hatten, als den Tarif zu akzeptieren, den ihre Kasse ihnen bot. Ohne die jetzt geplante Gesetzesänderung wären sie daran für mindestens drei Jahre gebunden, selbst wenn der Tarif sehr teuer ist oder unzureichende Leistungen bietet.

Denn nur mit einem nahtlosen Übergang von der alten zur neuen Regelung bei ihrer Kasse konnten sie sich ihre Rechte sichern. Wer ohne diesen Übergang neu in den Wahltarif eintritt oder die Kasse wechselt, muss eine mehrmonatige Wartezeit in Kauf nehmen, in der er keinen Anspruch auf Krankengeld hat. Ältere Versicherte bekommen womöglich gar keinen Wahltarif mehr, wenn sie den direkten Übergang von der alten Regelung zum Wahltarif verpasst haben. Denn bei vielen Kassen gilt ein Höchstalter für den Eintritt in den Tarif.

Zwischenlösung bis Juli

Viele Wahltarife bieten keine optimale Absicherung. Trotzdem sind sie eine sinnvolle Zwischenlösung bis zur Gesetzesänderung. Hat jemand den Übergang von altem Krankengeld zum Wahltarif noch nicht geschafft, sollte er rasch bei seiner Kasse anfragen, ob er rückwirkend zum 1. Januar eintreten kann.

Versicherte, die bislang kein Krankengeld hatten, sich nun aber versichern wollen, sollten die Gesetzesänderung abwarten. Dann können sie Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag nach denselben Regeln wie für Arbeitnehmer bekommen.

Wenn Selbstständige schon vor dem 43. Tag Krankengeld brauchen, kann sich ein Wahltarif lohnen. Für Künstler und Publizisten, die über die Künstlersozialkasse mit Krankengeld ab dem 43. Tag versorgt sind, können Wahltarife für die Zeit vom 15. bis 42. Krankheitstag sinnvoll sein. Um einen Wahltarif zu akzeptablen Konditionen zu bekommen, kann ein Kassenwechsel erforderlich sein. Was die Wahltarife einer Kasse taugen, zeigt sich an folgenden Punkten:

Wartezeit: Bei den meisten Kassen kann der Kunde erstmals drei oder vier Monate nach Abschluss Leistungen beanspruchen. Einzelne Kassen wie die Gmünder Ersatzkasse oder die BKK Mobil Oil lassen Neukunden sogar sechs Monate lang warten.

Höchsteintrittsalter: Einige Kassen wie die AOK Bayern oder die IKK Nordrhein lehnen Neukunden in ihren Krankengeldtarifen schon ab 45 oder 50 Jahren ab. Einzelne Kassen wie die HEK bieten Wahltarife ohne Höchsteintrittsalter.

Beitrag in Prozent: Für Selbstständige mit geringen Einkünften ist ein prozentualer Beitrag günstiger als ein absoluter Euro ­Betrag. Das bieten zum Beispiel die Barmer Ersatzkasse, einige AOKs oder die HEK.

Beitrag in Euro: Die meisten Kassen verlangen nach Alter gestaffelte Beiträge. Die Preisunterschiede, vor allem für ältere Kunden, sind eklatant: Ein Krankengeld von 80 Euro ab dem 43. Krankheitstag kostet 56 Jahre alte Selbstständige bei der mhplus BKK 376 Euro im Monat – zusätzlich zum normalen Monatsbeitrag! Bei der Taunus BKK bekommen sie dieselbe Leistung für 88 Euro im Monat.

Höhe des Krankengeldes: Wichtig ist auch, welchen Prozentsatz ihrer Brutto- oder Nettoeinkünfte Versicherte maximal als Krankengeld wählen können. Einige Kassen legen sogar Obergrenzen in Euro fest. Nicht existenzsichernd ist die Regelung der KKH für unständig Beschäftigte. Sie bekommen maximal 20 Euro am Tag.

Bezugsdauer: Gesetzliches Krankengeld erhalten Versicherte wegen derselben Krankheit längstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren. Manche Wahltarife zahlen nicht so lange: Bei der Deutschen BKK sind es maximal 360 Tage in drei Jahren.

Im Sommer Wahltarife rückabwickeln

Versicherte, die mangels Alternative einen Wahltarif mit Krankengeld ab dem 43. Tag abgeschlossen haben, sollten nach der ­Gesetzesänderung zum regulären gesetz­lichen Krankengeld zurückkehren.

Höhe, Dauer und Beiträge sind dann gesetzlich wie bei Arbeitnehmern geregelt. Die Beiträge für den Wahltarif kann die Kasse dagegen erhöhen oder Leistungen kürzen. Laut Gesetz muss sich nämlich jeder Wahltarif selbst finanzieren.

Um nach der Gesetzesänderung aus einem Wahltarif vor Ablauf der Bindungsfrist von drei Jahren herauszukommen, brauchen Versicherte ein Sonderkündigungsrecht. Dies stand bei Redaktionsschluss Anfang Februar noch nicht im Gesetzentwurf.

Privatpolicen meist teurer

Gesetzlich versicherte Selbstständige können auch eine Krankentagegeldpolice bei einem privaten Unternehmen abschließen. Das ist aber nur für jüngere Leute sinnvoll, die noch völlig gesund sind. Und selbst für sie können Wahltarife mancher Kassen gün­stiger sein.

Ein Tagegeld von 85 Euro ab dem 15. Krankheitstag können 35-jährige Männer für etwa 85 bis 140 Euro Monatsbeitrag privat absichern, gleich alte Frauen zahlen etwas mehr. Bei der AOK Bayern kostet dagegen ein Krankengeld von 85 Euro für 35-jährige Männer und Frauen 62 Euro im Monat – ohne Gesundheitsprüfung.

Für ein privates Krankentagegeld von 85 Euro ab dem 43. Tag verlangen Versicherer für einen 45-jährigen Neukunden je nach Tarif etwa 35 bis 70 Euro Monatsbeitrag, gleich alte Frauen zahlen 40 bis 100 Euro. Auch hier sind viele Wahltarife günstiger, noch besser ist das gesetzliche Krankengeld, das Selbstständigen ab Sommer wieder zustehen soll. Es kostet unabhängig von Alter und Geschlecht höchstens 22 Euro.

Der größte Vorteil der gesetzlichen Absicherung ist jedoch: Während jemand Krankengeld von der gesetzlichen Kasse bezieht, zahlt er keine Krankenkassenbeiträge. Das macht bis zu 570 Euro im Monat aus.

Selbstständigen mit einem Monatseinkommen ab etwa 3 500 Euro brutto raten wir, beides zu kombinieren: Ergänzend zur Absicherung von maximal 85 Euro über die gesetzliche Kasse können sie eine private Versicherung über ein kleineres Tagegeld abschließen. Dies gleicht die Differenz zwischen gesetzlichem Krankengeld und tatsächlichem Einkommensverlust aus.

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