Krank am Wochenende Special

Krankheiten richten sich nicht nach den regulären Öffnungszeiten von Arzt- und Zahnarztpraxen oder Apotheken. Doch es gibt ein Hilfsnetz für den Notfall.

Ein lauer Montagabend gegen 21 Uhr. Ein Auto fährt auf den Parkplatz der Rettungsstelle der DRK Kliniken Berlin, Standort Mitte, am Steuer die Ehefrau von Konrad Köstin (Name geändert). Sie führt ihn untergehakt zur Anmeldung, Köstin schildert mit gedämpfter Stimme sein Problem: Vor einem halben Jahr hatte der 60-jährige Makler Anzeichen eines Herzinfarkts und bekam zwei Stents zum Öffnen der Herzkranzgefäße eingesetzt. Aber wirken die? Seit dem Nachmittag spürt er eine Art Nadelstiche in der Brust, immer stärker. Mit dem Schmerz wächst die Angst, beides will er nicht bis morgen aushalten.

Nachtwächter der Medizin

Da Krankheiten rund um die Uhr auftreten, harren einzelne Heilberufler aus, Nacht für Nacht, Wochenende für Wochenende. An diesem Not- oder Bereitschaftsdienst müssen sich alle niedergelassenen Ärzte, auch Fachärzte, Zahnärzte und Apotheken beteiligen. Die Patienten kommen oft wegen akuter Erkrankungen, Verletzungen, wegen (Zahn-) Schmerzen und Unfällen mit durchschlagender Wirkung aufs Gebiss.

Die Kassen(zahn)ärztlichen Vereinigungen und Apothekerkammern in den Bundesländern organisieren die Dienste selbst. Dafür unterteilen sie die Regionen meist in viele kleinere Bezirke. Die dortigen Apotheken, Arzt- und Zahnarztpraxen haben dann abwechselnd geöffnet. „Zahnärzte sind häufig zu bestimmten Zeiten in der Praxis und sonst telefonisch erreichbar, um bei Bedarf schnell in die Praxis zu kommen“, sagt Reiner Kern von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung.

Hausbesuche bei Geschwächten

Der ärztliche Bereitschaftsdienst funktioniert überall ein bisschen anders – unter anderem wegen der wenigen Ärzte außerhalb der Städte und der vielen medizinischen Fachrichtungen. So gibt es manchmal neben dem allgemeinen auch spezielle fachärztliche Dienste, etwa von Augen- oder Kinderärzten. Zudem müssen geschwächte Patienten einen Hausbesuch bekommen können – ohne dass dabei die Praxis stundenlang verwaist. Als Antwort auf solche Probleme entstehen vermehrt Notfall- oder Bereitschaftspraxen mit mehreren dienstbereiten Ärzten, oft in Kliniken.

Im Innern einer Rettungsstelle

Eine befindet sich in der Rettungsstelle der DRK Kliniken Berlin, einem frisch sanierten und vergrößerten Trakt mit sieben Behandlungsräumen – auch zum Wiederbeleben nach Herzstillstand. „Jährlich kommen etwa 22 000 Patienten in die Rettungsstelle“, sagt Professor Dr. Peter Dorow, Ärztlicher Direktor der Klinik. „Etwa 50 Prozent erhalten eine Behandlung durch unsere Klinikärzte. Den Rest betreuen Bereitschaftsärzte der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin.“ Was ein Patient brauche, werde bei der Ankunft erfragt, jeder schwere Fall sofort versorgt. Die andern sitzen im Wartezimmer, bis ein Arzt sie holt.

Konrad Köstin kommt in die Obhut von Hans Schmidt, Bereitschaftsarzt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Er lässt seinen neuen Patienten in einem der Behandlungszimmer auf der Liege Platz nehmen, nochmals die Beschwerden schildern und erfragt Details: Wo genau sitzt der Schmerz? Gibt es Schwierigkeiten beim Atmen? Welche Medikamente nimmt der Patient? Dann beschließt der Bereitschaftsarzt: „Wir überprüfen sofort, ob ein Herzinfarkt vorliegt, und zwar durch eine EKG-Untersuchung und Blutproben.“

Kliniken als Anlaufstelle

Ob mit oder ohne Bereitschaftspraxis – Kliniken sind generell wichtige Anlaufstellen für Menschen, die sich nachts oder am Wochenende krank fühlen. „Die allermeisten Kliniken verfügen über eine rund um die Uhr besetzte Notfallambulanz – natürlich vor allem für schwere Fälle“, sagt Daniel Wosnitzka, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Doch gibt es diesbezüglich keine Faustregel.“ Jeder Patient müsse eigenverantwortlich entscheiden, ob er in die Klinik oder zum (zahn-)ärztlichen Bereitschaftsdienst geht.

Auch für Notdienst 10 Euro im Quartal

Für beides erstatten gesetzliche und private Kassen die Kosten. Aber gesetzlich Versicherte zahlen in der Regel für den Notdienst einmal pro Quartal 10 Euro direkt an den Bereitschaftsarzt oder -zahnarzt beziehungsweise an die Klinik. Das funktioniert also wie bei der Praxisgebühr. Apotheken erhalten, unabhängig vom Versicherungsstatus, meist 2,50 Euro pro Notdiensteinsatz (nicht pro Rezept oder Medikament).

Wichtig zu wissen: Das Hilfsnetz außerhalb der regulären Öffnungszeiten ist naturgemäß recht dünn. Oft fällt es Patienten schwer, Angebote in der Nähe zu finden (siehe „Bereitschaftsdienst“). Und sie müssen sich auf lange Wege und Wartezeiten gefasst machen.

Schnittwunde und Asthmaanfall

„Bisher ist es ungewöhnlich ruhig“, sagt Bereitschaftsarzt Schmidt. Seit seinem Dienstantritt um 18 Uhr trafen im Krankenwagen einige Patienten mit Durchblutungsstörungen ein. Sie wurden stationär aufgenommen. Auf eigene Faust kamen Leute mit einer Schnittwunde am Finger, einer Prellung an der Hüfte, Asthmaanfall, Kopfschmerzen, Verdacht auf Lungenentzündung und besagten Herzinfarkt.

Köstin und seine Frau sitzen noch einmal knapp 30 Minuten im Wartezimmer – in dieser Zeit als Einzige. Dann schickt das Kliniklabor die Blutbefunde, und die besagen: Entwarnung. Auch in den EKG-Ergebnissen deutet nichts auf einen Herzinfarkt hin. Dennoch soll Köstin schnellstmöglich einen Termin bei seinem Arzt machen. Das Paar geht zurück zum Auto, wieder Arm in Arm. Aber diesmal will Köstin ans Steuer.

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