Kostenfalle Handy Special

Wenn auf der Hand­yrechnung plötzlich nicht nach­voll­zieh­bare Positionen als „Mehr­wert­dienste“ oder „Dritt­anbieter“ auftauchen, hilf nur eins: Nicht zahlen und kämpfen. Wir helfen Betroffenen mit einem Muster­brief. Traurig: Der Bundes­rat wollte hier für verbraucherfreundliche Gesetzes­änderungen sorgen. Das hat der Bundes­tag allerdings vereitelt.

Minister spricht von „Unwesen“

Die Über­rumpelung muss aufhören, und zwar so schnell wie möglich“, sagt der baden-württem­bergische Verbraucher­schutz­minister Peter Hauk (CDU). Er meint die Über­rumpelung von Mobil­funk­kunden. Als „Mehr­wert­dienste“, „Dritt­anbieter“ oder „Premium­dienste“ erscheinen „häufig nicht nach­voll­zieh­bare Positionen“ auf Hand­yrechnungen, so der Minister. „Abge­rechnet werden angeblich abge­schlossene Abonnements, Downloads oder gänzlich unbe­kannte Dienste.“ Meist werde „über­haupt nicht benannt“, worum es geht. „Es werden lediglich der Rechnungs­betrag und eine Firma XY ausgewiesen“, beschreibt Hauk die Masche weiter. „Dieses Unwesen“ zulasten der Kunden „nimmt immer mehr zu“.

Auch Finanztest-Leser berichten vom Hand­ystress

Das können wir bestätigen. Von Lesern, die sich über Hand­ystress ärgern, bekamen wir auf einen Leser­aufruf im September 2016 mehr als 120 E-Mails. Dabei ging es in fast allen Fällen um unseriöse Dritt­anbieter. Diese hatten Geld für „Leistungen“ abge­bucht, die ihre Kunden weder bestellt noch bekommen haben. Wenn die Hand­ynutzer das Geld zurück­forderten, mauerten sowohl Dritt­anbieter als auch Mobil­funk­unternehmen. Außerdem berichteten uns Leser von Schwierig­keiten, eine Dritt­anbieter­sperre durch­zusetzen. Eine solche Sperre müssen Mobil­funk­firmen auf Wunsch des Kunden einrichten, wenn dieser ausschließen will, dass dubiose Anbieter auf sein Handy zugreifen können. Auch beim Wechsel von einem Tarif in einen anderen beim gleichen Unternehmen gab es Probleme.

Tipp: Wir zeigen Ihnen, wie Sie sich wehren können Schritt für Schritt.

Muster­brief Handy-Kostenfallen

Nutzen Sie unseren Muster­brief für den Wider­spruch, wenn auf Ihrer Han­dy­rechnung Posten von Dritt­anbietern auftauchen, bei denen Sie nichts bestellt oder gekauft haben:

Musterbrief Handy-Kostenfallen

Forderungen bis zu 468 Euro

Kostenfalle Handy Special

Robert Eisen­bergers zwölfjäh­riger Sohn Marco geriet in eine Handy-Falle. Nach unserer Intervention verzichtete Tchibo Mobil auf die Forderung.

Stefan Rosig­keit, Rolf Gimborn, Klaus-Dieter Mühlhäuser, Wilhelm Falk und Robert Eisen­berger sind fünf Leser, die in eine Kostenfalle geraten sind. Von ihnen verlangten die Mobil­funk­firmen O2, Fonic, Tchibo Mobil (alles Marken oder Beteiligungen des Konzerns Telefónica) Geld für nicht bestellte „Dienste“ – Beträge zwischen 4,99 Euro und 468,58 Euro. In der letzt­genannten hohen Forderung von O2 waren auch Kosten für Rück­last­schriften, Anschluss­sperren und Inkassofirma enthalten. Von Robert Eisen­berger forderte Tchibo Mobil 27,37 Euro. Nachdem sich Finanztest einge­schaltet hatte, verzichtete das Unternehmen darauf.

Mobil­funk­firmen wimmeln Kunden ab

Telefónica hat mit drei anderen Mobil­funk­unternehmen bereits vor Jahren die „Clean Market Initiative“ gegründet. Demnach soll eine „einheitliche Bezahlmaske“ auf dem Smartphone für den Kunden „Trans­parenz und Nach­voll­zieh­barkeit“ beim „Kauf von Mehr­wert­diensten“ sicher­stellen. Die Praxis sieht oft anders aus. Von Trans­parenz keine Spur. „Schnell hat man sich im Internet Dienste bestellt, ohne zu wissen, dass es eine Abo-Bestellung war“, schrieb O2 seinem Kunden Wilhelm Falk. Auch die O2-Kunden Rosig­keit und Mühlhäuser bekamen dies zur Antwort. Fonic-Kunde Rolf Gimborn wurde mit einer ähnlichen Formulierung abge­wimmelt. Doch diese Leser ließen sich nicht beirren, zahlten nicht – und damit war es gut.

Telefonanbieter müssten einfach nur seriös handeln

Eigentlich ist die Clean Market Initiative über­flüssig. Denn das Gesetz schreibt Trans­parenz beim Kauf mit dem Smartphone vor. Der Kunde muss nur das bezahlen, was er wirk­lich gekauft hat. Kunden sollten ihren Mobil­funkanbieter in die Pflicht nehmen. Denn er ist ihr Vertrags­partner und muss sich um ihre Beschwerden kümmern. Das haben auch Gerichte entschieden, so bereits im Jahr 2006 der Bundes­gerichts­hof (Az. III ZR 58/06). Und das Land­gericht Potsdam untersagte es Telefónica, gegen­über ihren Kunden „zu behaupten, sie müssten sich für eine Gutschrift an den entsprechenden Dritt­anbieter wenden“ (Az. 2 O 340/14). Vielmehr können Kunden Einwendungen gegen die Forderungen von Dritt­anbietern „direkt gegen“ das Mobil­funk­unternehmen geltend machen.

Auch die Telekom lässt Kunden abblitzen

Auch die Telekom wimmelt Kunden ab. „Bitte wenden Sie sich an den Dritt­anbieter“, schrieb das Unternehmen seinem Kunden Günther Poggel. Zu Unrecht. Denn in diesem Geschäft, so die Sprecherin des Bundes­justiz- und Verbraucher­schutz­ministeriums, Josephine Steffen, „ist es allgemeine Praxis, dass der Tele­kommunikations­anbieter dem Dritt­anbieter die Forderung abkauft und daher gegen­über dem Kunden als eigene Forderung geltend macht. Ein Verweis an den Dritt­anbieter ist schon aus diesem Grunde recht­lich nicht nach­voll­zieh­bar.“ Die Telefonfirmen verdienen also kräftig mit – waschen aber ihre Hände in Unschuld. Unser Leser Poggel blieb hartnä­ckig und bekam sein Geld zurück: „Das hat viel Zeit und Nerven gekostet.“ Viele Kunden scheuen dies. Nicole Maisch, Verbraucher­schutz­expertin der Bundes­tags­fraktion Bündnis 90/Die Grünen, fordert: „Gerade deshalb braucht es gesetzliche Vorgaben, welche Verbraucher vorab effektiv vor dieser unrecht­mäßigen Abzocke schützen.“

Bundes­tag sperrt sich gegen verbesserte Rechts­situation

Klare Vorgaben will auch der Bundes­rat, der beschlossen hat, Kunden besser vor Dritt­anbietern zu schützen. Seine Gesetzes­initiative sieht vor, dass Handy­anschlüsse generell für Dritt­anbieter gesperrt sind. Nur wenn der Kunde selbst entscheidet, sie zu nutzen, soll sein Handy dafür vom Mobil­funk­unternehmen frei­geschaltet werden. Dabei soll er wählen können, ob er alle Dienste oder nur bestimmte nutzen will, zum Beispiel nur Tickets für den öffent­lichen Nahverkehr oder das Bezahlen von Park­scheinen. Nach geltender Regelung ist es umge­kehrt: Alle Dritt­anbieter sind zunächst frei. Der Kunde muss sie aktiv sperren lassen, wenn er sicher sein will, nicht in eine Kostenfalle zu tappen. Und bei dieser Regelung wird es bleiben. Denn der Bundes­tag lehnte Ende April die Bundes­rats­initiative mit der Koalitions­mehr­heit ab. Kunden müssen also weiter gegen ihre Über­rumpelung kämpfen – und selbst eine Dritt­anbieter­sperre einrichten lassen.

Leser­aufruf zum Thema Hand­ystress

Haben Sie Informationen zum Thema oder wollen Sie auf Miss­stände hinweisen? Dann schreiben Sie uns bitte eine E-Mail handystress@stiftung-warentest.de.

Dieser Artikel ist hilfreich. 27 Nutzer finden das hilfreich.