An großen Worten mangelt es nicht in den Ankündigungen der E-Plus-Gruppe: Nach eigenen Angaben „revolutioniert“ der Anbieter die Smartphone-Nutzung in Europa und treibt die „Demokratisierung des Mobil­funks“ voran. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Sturm, der die Roaming-Gebühren ein für alle Mal hinweg fegen sollte, als laues Lüft­chen.

EU gibt Kosten­limit für mobile Internetnut­zung im Ausland vor

Wer über seinen deutschen Mobil­funkanbieter telefoniert, im Internet surft oder SMS vers­endet, während er im Ausland ist, muss dafür extra zahlen. Diese Kosten heißen „Roaming“-Gebühren – das eng­lische Verb „to roam“ bedeutet „herum­wandern“ oder „streunen“. Dieses Herum­wandern kann ziemlich teuer werden. In der Vergangenheit gab es vereinzelt Fälle, bei denen Kunden von Forderungen in drei- oder gar vierstel­liger Höhe über­rascht wurden. Die EU hat deshalb für die mobile Internetnut­zung im Ausland ein Kosten­limit von 59,50 Euro verordnet. Erreicht ein Surfer das Limit, wird seine Verbindung gekappt und nur auf sein ausdrück­liches Verlangen wieder frei­geschaltet – nur dann entstehen weitere Kosten. Für Telefonate gibt es keine Deckelung der Gesamt­kosten. Allerdings dürfen Anbieter pro Minute maximal rund 29 Cent verlangen.

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Ausnahmen, Einschränkungen, Stern­chen und Klein­gedrucktes

Derzeit setzt sich die EU dafür ein, Roaming-Gebühren komplett abzu­schaffen. E-Plus will ihr nun zuvorgekommen sein. Auf seiner Internetseite schreibt der Konzern: „E-Plus Gruppe schafft Prepaid-Roaming­gebühren in Europa ab.“

Das stimmt – wenn auch nur teil­weise: Einige E-Plus-Kunden zahlen künftig für die Mobil­funk­nutzung im Ausland genauso viel wie im Inland. Extra-Gebühren entfallen für sie. Allerdings enthält die neue Roaming-Regelung von E-Plus viele Einschränkungen:

  • Sie gilt nur für Prepaid-Kunden, also nicht für Nutzer mit einem Vertrag.
  • Auch im Prepaid-Bereich betrifft sie zunächst nur die drei E-Plus-Marken Ay Yildiz, Mobilka und Ortel. Kunden der bekann­teren Marken – etwa Base, Blau.de, E-Plus und Simyo – zahlen vor­erst weiterhin Roaming-Gebühren.
  • Die Extra­kosten entfallen nur inner­halb der EU sowie in Island, Liechten­stein, Norwegen und der Schweiz. Ay Yildiz richtet sich jedoch speziell an Kunden mit türkischen Wurzeln, Mobilka und Ortel vor allem an Nutzer aus dem osteuropäischen Raum. In der Türkei sowie in Russ­land, der Ukraine und einigen anderen osteuropäischen Staaten entstehen Reisenden, die das E-Plus-Netz verwenden, aber auch künftig Roaming-Gebühren.
  • Ausgesetzt werden die Gebühren nur für Anrufe aus dem Ausland nach Deutsch­land, nicht aber für Gespräche inner­halb des Reise­landes oder in andere Staaten.

Die neue Roaming-Regelung gilt für Prepaid-Kunden von Ay Yildiz, Mobilka und Ortel ab dem 11. April. Dann zahlen sie für Telefonate 9 Cent pro Minute, 7 Cent für jede SMS und 23 Cent für jedes Megabyte Daten­volumen beim mobilen Surfen im Internet. Zu den Neuerungen zählt auch, dass einge­hende Gespräche für den Nutzer künftig kostenlos sind – selbst wenn der Anruf aus nicht-europäischen Staaten kommt. Auf welche weiteren E-Plus-Marken die Regelung ausgeweitet wird, und wann genau das geschehen soll, konnte E-Plus auf Anfrage der Stiftung Warentest noch nicht mitteilen.

Aldi hat es vorgemacht

Die Unternehmen der E-Plus-Gruppe spielen beim Anfang vom Ende der Roaming-Gebühren auch nur bedingt eine Vorreiter­rolle. Aldi Talk – das zwar über das E-Plus-Netz läuft, aber von der E-Plus-Gruppe unabhängig ist – hat die Roaming-Gebühren bereits am 3. März abge­schafft, also mehr als einen Monat vor Ay Yildiz, Mobilka und Ortel. Auch erhalten Kunden von Aldi Talk mehr Leistung für ihr Geld: Buchen sie die Optionen „EU Sprach-Paket“ oder „EU Internet-Paket“, stehen ihnen für 4,99 Euro 120 Sprach­minuten oder 120 Megabytes Daten­volumen sieben Tage lang zur Verfügung. E-Plus, das seine PR-Kampagne zum Thema Roaming-Gebühren nutzt, um die gleichnamigen Pakete zu bewerben, bietet für denselben Preis 100 Minuten oder 100 Megabytes. Bislang boten die Pakete bei Aldi Talk 60 Minuten oder Megabytes und bei den drei E-Plus-Marken 50 Minuten oder 50 Megabytes. Während sich die Leistung ab dem 11. April verdoppelt, bleibt der Preis stabil bei 4,99 Euro.

E-Plus-Vertrags­kunden zahlen weiter drauf

Für die zahlreichen Vertrags­kunden von E-Plus ändert sich erst mal gar nichts. Ihnen werden für die Mobil­funk­nutzung im Ausland weiterhin Extra­kosten berechnet. E-Plus bietet zwar eine „EU Reise Flat“ für drei Euro im Monat – doch die steht nur Base-Kunden zur Verfügung, nicht aber Nutzern von Blau.de, E-Plus oder Simyo. Und selbst Base-Kunden erhalten die Flatrate nur, wenn sie einen „all-in“-Vertrag haben. Dieser Tarif hat eine Lauf­zeit von 24 Monaten. Die Reise Flat kann der Nutzer aber nicht für Einzel­monate – also etwa für den Oster­urlaub – buchen, sondern nur für die gesamte Rest­lauf­zeit seines „all-in“-Vertrags. Er zahlt also auch während all der Monate, die er in Deutsch­land verbringt. Maximal entstehen ihm durch 24 Monate Lauf­zeit und 3 Euro pro Monat Gesamt­kosten von 72 Euro. Bucht der Kunde die Option erst, nachdem bereits einige Monate seines „all-in“-Vertrags abge­laufen sind, reduzieren sich die Gesamt­kosten, da die Reise Flat genauso lange läuft wie der Vertrag.

Der Stein kommt ins Rollen

Auch wenn die groß angekündigte Revolution des Mobil­funks zunächst ausfallen muss, kann das Vorpreschen von E-Plus ein erster Schritt auf dem Weg zur tatsäch­lichen Abschaffung der Roaming-Gebühren sein. Denn erstens könnte die Konkurrenz sich gezwungen fühlen nach­zuziehen. Und zweitens mag mancher EU-Vertreter erkennen, dass ein konsequenter Schutz der Verbraucher vor Roaming-Gebühren nicht den Anbietern über­lassen werden kann, sondern von der Politik geregelt werden muss.

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