Kopfschmerz und Migräne Test

Frauen sind häufiger von Kopfschmerzen und Migräne betroffen.

Kopfschmerzen kann man vorbeugen. Oder sie selbst behandeln. Bei Migräne aber muss ein Arzt die Diagnose stellen und eine Therapie einleiten.

Ich spüre das Donnern eines Güterzuges, doch der Zug fährt nicht an mir vorbei, sondern rast mitten durch meinen Kopf“, berichtet „Lotus“ im Inter­netforum des Magazins Neon über ihre Erfahrungen mit Kopfschmerzen und Migräne. Eine andere Geplagte ist kämpferisch: „Migräne – das klingt nach albernen wehleidigen Frauen. Pustekuchen!“

Keine Frage: Mit Kopfschmerzen hat jeder zu tun, dann und wann, kürzer oder länger. Mehr als die Hälfte dieser Leiden ist durch Spannungskopfschmerzen be­dingt, fast 40 Prozent gehen auf das Konto der Migräne. Aber nur jeder dritte Migränepatient weiß davon. Noch häufiger ist Nichtwissen bei Kopfschmerzen. Nur wenige kennen Diagnose oder Faktoren, die sie verschlimmern können.

Störenfriede im Oberstübchen

Kopfschmerz und Migräne Test

Häufige Kopfschmerzformen (von links): Migräne, Spannungs- und Medikamentenkopfschmerz

Häufige Kopfschmerzformen (von links): Migräne, Spannungs- und Medikamentenkopfschmerz

Kopfschmerzen treten über Minuten, Stunden oder Tage auf, nisten sich auch für Jahre oder sogar Jahrzehnte ein. Betroffen sind insbesondere Menschen, die im „aktiven“ Leben stehen. Kopfschmerzen kommen als ungebetene Gäste in Episoden und Intervallen. Sie attackieren ihre Opfer mit Schlägen gegen die Schädeldecke und Stichen ins Nervenkostüm. Oder sie richten sich im Oberstübchen als Störenfriede auf Dauer ein, quasi mit Hammer und Meißel. Nachgewiesen wurde, dass Kopfschmerzen Hirnsubstanz in Mitleidenschaft ziehen können.

In einer von der Kieler Schmerzklinik durchgeführten repräsentativen Studie berichtete jeder Dritte von einem Kopfschmerzleiden allein im letzten Jahr. Im einfachen Fall geht es um Brummschädel durch Nikotin und Alkoholgenuss, bei Wetterwechsel oder nach Stresssituationen. Besonders ernst ist es, wenn Kopfschmerz chronisch wird. Zum Beispiel durch zu lange Schmerzmitteleinnahme. Oder wenn es sich um ein Leiden mit Schmerzanfällen handelt, das Gepeinigte niederstrecken kann, sie mitunter zwingt, dem Tageslicht zu entfliehen – Migräne.

Frauen häufiger betroffen

Von diesem spezifischen, besonders bohrenden und auch die Sehfähigkeit be­einträchtigenden Kopfweh sind Frauen besonders oft betroffen. Es trifft bis zu 14 Prozent von ihnen, und bis zu 8 Prozent der Männer. Frauen erhalten im Schnitt das Fünf- bis Sechsfache an Migränemitteln – vielleicht, weil sie häufiger zum Arzt gehen. „Zudem sehen wir große regionale Unterschiede bei den Verordnungen“, sagt Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO); so erhalten Versicherte in Sachsen-Anhalt ein Drittel mehr Migränemittel als in Hessen. Insbesondere erwerbstätige Frauen in Ostdeutschland scheinen für diese Unterschiede verantwortlich zu sein. Migräne- und Schmerzmittel werden Frauen häufiger verschrieben als Männern.

Studien zeigen, dass Kopfschmerzen generell auch immer häufiger auftreten. Beunruhigend: Kopfschmerzen und Migräne nehmen bei Kindern zu. Jedes zweite im Alter von 7 bis 14 Jahren klagt über Spannungskopfschmerzen. Mehr als sieben Prozent der Kinder werden von Migräne heimgesucht. In der Schule ist die Kopfschmerzhäufigkeit stark angestiegen. Über die Ursachen der sich immer weiter ausbreitenden Krankheit kann nur spekuliert werden: Oft fehlen den Betroffenen wohl Ruhephasen.

Private Behandlungskosten steigen

Kopfschmerz als Massenproblem hinterlässt auch zunehmend Spuren im Gesundheitswesen. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass durch die Migränetherapie mit Arzneimitteln, Krankenhaus- und anderen Behandlungen Kosten in Höhe von 462 Millionen Euro pro Jahr entstehen. Schmerzmittel zählen zu den Arzneimitteln, die in Deutschland am häufigsten verordnet oder für die Selbstmedikation abgegeben werden. 155 Millionen Packungen Schmerzmittel wurden 2005 in den Apotheken verkauft, davon etwa 126 Millionen nicht rezeptpflichtige. Nur ein kleiner Teil der Schmerztherapie erfolgt mit rezeptpflichtigen Mitteln. Rund 25 Prozent aller nicht rezeptpflichtigen Mittel entfallen auf Mischpräparate, der größte Teil davon auf Medikamente mit zwei Schmerzwirkstoffen und Koffein (siehe Meldung Schmerzmittel mit Koffein).

Gravierende Versorgungsmängel

In der Versorgung von Kopfschmerzpatienten gibt es gravierende Mängel:

  • Neben Griechenland und Portugal zählt Deutschland im europäischen Vergleich in der Versorgung von Migränepatienten zu den Schlusslichtern.
  • Nur etwa jeder zehnte der Migränepatienten erhält spezifische Migränemittel, obwohl sie ein spezielles Triptan-Medikament benötigen würden (siehe Interview).

Probleme gibt es auch durch unsachgemäße Selbstmedikation. Nach einer deutschen Studie nehmen 2 bis 5 Prozent der weiblichen Bevölkerung täglich Schmerzmittel ein – meist nicht vertretbar für Gesundheit und Wohlbefinden. Oft werden nicht nur mehr Pillen geschluckt als notwendig, sondern auch die falschen. Es wird zum Beispiel nicht nur Schmerzfreiheit suggeriert (und erwartet), sondern Frische, Entspannung, Wohlbefinden:

  • Wirkstoffkombinationen mit Koffein stehen im Verdacht, das Risiko für Missbrauch von Schmerzmitteln zu erhöhen.
  • Die Mittel führen bei Über- und Dauergebrauch selbst zu Kopfschmerzen.
  • Depressionen, Magen-, Leber- und Nierenschädigungen sind weitere mögliche Folgen unkontrollierter Einnahme.

Deshalb sollte immer erst der Arzt klären, um welche Art Kopfschmerz es geht. Die wichtigsten Fragen des Arztes: Wo „sitzt“ der Kopfschmerz? Wie lange und häufig treten die Kopfschmerzen auf? Wie intensiv sind sie? Oft empfiehlt er, ein „Schmerztagebuch“ zu führen.

Bei Spannungskopfschmerzen reichen in aller Regel rezeptfreie Mittel aus. Sie müssen selbst gekauft werden (preiswerte Mittel siehe Tabellen). Meist helfen einfa­che Schmerzmittel wie Azetylsalizylsäure (ASS), Ibuprofen und Paracetamol.

Schmerzmittel genau dosieren

Die optimale Dosierung bei Erwachsenen je nach verwendetem Schmerzmittelwirkstoff beträgt bei

  • Acetylsalicylsäure 1000 Milligramm,
  • Paracetamol 1000 Milligramm,
  • Diclofenac 50 bis 100 Milligramm,
  • Ibuprofen 200 bis 600 Milligramm,
  • Naproxen 500 bis 1000 Milligramm.

Die Schmerzmittel möglichst früh einnehmen. Brausetabletten, Granulat und Lösungen dämpfen Schmerz besonders rasch. Bei Kindern werden – wenn Arznei helfen muss – Paracetamol und Ibuprofen empfohlen. ASS sollte in der Regel unter 12-Jährigen nicht gegeben werden. Bei einem Virusinfekt besteht ein erhöhtes Risiko für das Reye-Syndrom (Leber-Hirn-Erkrankung).

Para­ze­tamol- und Ibuprofen-Zäpfchen oder Säfte ermöglichen bei Kindern eine exakte Dosierung nach Kör­perge­wicht. Paracetamol kann ab dem ersten Lebensmonat verabreicht werden, Ibuprofen ab dem sechsten. Naproxen könnte ab einem Jahr, Diclofenac ab sechs gegeben werden – es gibt aber keine speziell dosierten „Kinderarzneien“. ASS, Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac nicht bei Magen- oder Darmge­schwür anwenden, bei Asthma oder mit blutverdünnenden Mitteln. Ibuprofen ist noch das magenverträglichste. Bei Paracetamol muss an die potenziell leberschädigende Wirkung gedacht werden, das heißt die Dosierung muss genau beachtet werden.

Sieben spezifische Migränemittel

Mit ASS, Paracetamol, Diclofenac, Naproxen und Ibuprofen können auch Migräneattacken leichter bis mittelschwerer Ausprägung gut unterbrochen werden. Sie wirken besonders gut, wenn sich eine Attacke ankündigt.

Die Therapie akuter Migräneanfälle erfolgt, je nach Schweregrad, mit einfachen Schmerzmitteln mit einem Wirkstoff oder spezifisch wirkenden Migränemitteln, Triptanen (www.medikamente-im-test.de).

2004 wurden gesetzlich Krankenversi­cherten zwei Millionen Mal Migränemittel verordnet. Meist sind es Triptane. Sumatriptan, erster Vertreter dieser Wirkstoffgruppe, führt bei den ärztlichen Verordnungen, zusammen mit Zolmitriptan. Mutterkornalkaloide gelten – bei schlechterer Verträglichkeit – nur noch für wenige Patienten als therapeutisch sinnvoll.

Weltweit haben mehr als 100 Millionen Menschen Erfahrungen mit Triptanen. Zurzeit gibt es sieben verschiedene Wirkstoffe in 21 Darreichungsformen:

Sumatriptan: Hier gibt es die meisten Erfahrungen, die größte Präparatepalette.

Zolmitriptan: Hat eine vergleichbare Wirkung, ebenso Almotriptan.

Eletriptan: Wirkt schneller und etwas besser als Sumatriptan, allerdings wurden mehr Nebenwirkungen beobachtet.

Frovatriptan: Wirkung setzt etwas langsamer ein als bei Sumatriptan, wirkt aber deutlich länger. Migräneattacken treten seltener wieder auf.

Naratriptan: Es wirkt etwas schlechter als Sumatriptan, dafür aber sehr lange.

Rizatriptan: Wirkt etwas stärker als Sumatriptan, hat aber mehr Nebenwirkungen.

Welches Triptan am besten wirkt, muss mithilfe des Arztes ausprobiert werden. Es gelten strenge Gegenanzeigen: Deshalb stets den Beipackzettel durchlesen.

Ein Migräne-Triptan ohne Rezept

In Deutschland ist jetzt als erstes Triptan weltweit das Naratriptan für die Selbstme­dikation freigegeben, in England Sumatriptan. Für Naratriptan wurden vor allem zwei Gründe genannt: Es helfe ausschließlich bei Migräne. Patienten seien in der Lage, Migräne zu erkennen. Hier sind, so Professor Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel, Zweifel angebracht. Nur wenige Patienten haben Kenntnisse zur Kopfschmerzursache und ein Therapiekonzept, das Risiken ausschließt. Sie müssen Migräne von anderen Kopfschmerzen unterscheiden können. Regeln zu Einnahmehäufigkeit und -zeitpunkt müssen bekannt sein, auch der Um­gang mit wiederkehrenden Kopfschmerzattacken. Zu Beginn sollte stets der ärztliche Rat stehen. Auch Naratriptan kann bei längerer Einnahme Schmerzmittelkopfschmerz auslösen. Mit ärztlicher Verlaufs- und Erfolgskontrolle, so Professor Göbel, sei Selbstmedikation für Migränepatienten aber „eine begrüßenswerte Option“.

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