Kontaktlinsenpflegemittel

Interview: „Wie ein Schwamm“

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Dr. Gerald Böhme ist Augenarzt in Backnang, Baden-Württemberg, und leitet das Ressort Kontaktlinsen im Berufsverband der Augenärzte.

Inhalt

Welche gesundheitlichen Probleme können Kontaktlinsen verursachen?

Kontaktlinsen behindern den Stoffwechsel der Hornhaut. Die Tränenflüssigkeit versorgt die Hornhaut nämlich mit Sauerstoff und Nährstoffen, und sie transportiert auch Schadstoffe ab. Wenn dieser Flüssigkeitsaustausch behindert ist, können Schäden entstehen.

Krankheitserreger wie Viren und Bak­terien können leichter in die Hornhaut eindringen oder auch Akanthamöben, die sich im Wasser befinden. Auch Hygienefehler tragen dazu bei.

Wie lassen sich Fehler vermeiden?

Mit übertriebener Sparsamkeit kann man im schlimmsten Fall sein Sehvermögen ruinieren. Deshalb: Desinfektionslösungen nicht mehrmals benutzen, gebrauchte Flüssigkeit nicht mit frischer Lösung auffüllen, den Kontakt­linsenbehälter nach der Desinfektion ausleeren, ausspülen und trocknen. Es entsteht nämlich immer ein Biofilm, in dem sich Feuchtkeime festsetzen. Sie ernähren sich vom Biofilm und können dann Infektionen verursachen.

Wie beurteilen Sie All-in-one-Pflegelösungen aus medizinischer Sicht?

Von den Verbrauchern werden All-in-one-Lösungen besser angenommen. Sie benötigen nur eine Flasche, und es kann nicht mehr zu Verwechslungen kommen. Medizinisch betrachtet sind All-in-one-Lösungen ein Mix von Chemikalien, den man ins Auge bringt. Weiche Kontaktlinsen saugen die Chemikalien wie ein Schwamm auf. Je schärfer die Lösungen desinfizieren, umso unverträglicher sind sie am Auge. Wer empfindlich ist, kann auch eine Allergie entwickeln.

Hilft es, die Linsen mit steriler Kochsalzlösung abzuspülen?

Man kann auch weiche Linsen vor dem Einsetzen ins Auge mit steriler Kochsalzlösung abspülen, aber sie entfernt nur die oberflächlichen Chemikalien. Die Teile, die in der weichen Linse lagern, werden nicht ausgespült. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis die Tränenflüssigkeit sie ausgespült hat.

Gibt es eine bessere Lösung?

Die beste und verträglichste Desinfektion ist mit Wasserstoffperoxid möglich. Aber es muss neutralisiert werden, bevor die Linsen wieder ins Auge können. Dazu dient meist eine zweite Flüssigkeit. Zusätzlich braucht man eine Reinigungslösung, um Verschmutzungen und den Biofilm – Fette und Eiweiße – von der Linse zu entfernen. Durch das Abreiben vor der Desinfektion werden über 90 Prozent der Keime entfernt.

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

Eva53 am 31.07.2019 um 11:53 Uhr
Aktueller Test Kontaktlinsen-Pflegemittel

Ein Update wäre wirklich sehr schön.
Zumal inzwischen auch fast alle Discounter und Drogeriemärkte Pflegemittel unter Eigenmarke anbieten.

Profilbild Stiftung_Warentest am 11.02.2019 um 15:09 Uhr
Kontaktlinsenpflegemittel

@AnnikaTestet: Unserer Testbericht bezog sich nur auf Reinigungsmittel für weiche Linsen. Diese unterscheiden sich damals wie heute von Reinigungsmitteln für harte Linsen. Ihren Vorschlag für einen Folgetest geben wir gerne an die Fachredaktion weiter. (bp)

AnnikaTestet am 09.02.2019 um 22:38 Uhr
Aktualität

Seit dem letzten Test sind 9 Jahre vergangen, die Materialien sind sauerstoffdurchlässiger und viel empfindlicher geworden. Sind die Pflegemittel in der Rezeptur inzwischen darauf angepasst?
Ich verwende seit mind. 15 Jahren die Eigenmarke von Rossmann für harte Linsen, und mir sagte eine Augenoptikerin, die Rezeptur wäre inzwischen ungeeignet für moderne Kontaktlinsen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 03.01.2018 um 15:02 Uhr
Testanregung

@Traudel60: Vielen Dank für Ihre Testanregung.(bp)

Traudel60 am 30.12.2017 um 10:33 Uhr
Vermisse umfangreichen aktuellen Test

Seit dem letzten Test sind nun ein paar Jahre vergangen und es wird sich einiges getan haben. Für ein so wichtiges Thema hätte ich mir seit langem einen aktuellen und umfangreichen Test gewünscht. Bitte nachholen, danke.