„Menschen mit Demenz haben immer Recht“

Valentina Tesky. Die Psycho­login forscht an der Uni Frank­furt am Main zu Kommunikation bei Demenz.

Flunkern erlaubt? Die Psycho­login Valentina Tesky geht der Frage nach, wie Gesprächs­partner es mit der Wahr­heit halten sollten.

Menschen mit Demenz verwechseln Personen, vergessen aktuelle Daten. Wie geht man damit um?
Das ist eine große ethische Debatte. Soll ich korrigieren, wenn ein Erkrankter denkt, es ist 1985 – oder mitspielen und folg­lich flunkern? Wichtig ist zu prüfen, wann es sinn­voll ist, zu korrigieren und wann ein Abweichen von der Wahr­heit in Ordnung. Ich handle nach dem Credo: Menschen mit Demenz haben immer recht. Ich hole sie dort ab, wo sie sich gerade befinden.

Haben Sie ein Beispiel?
Wenn eine Dame in einer Phase ihrer Erkrankung jeden Morgen ihren Ehemann sucht, der vor fünf Jahren gestorben ist, teile ich ihr dann jedes Mal mit, dass er tot ist? Dann trauert die Frau schlimms­tenfalls jeden Morgen. Ich möchte solch eine Wunde nicht täglich aufreißen und würde ihr sagen, dass der Mann bei der Arbeit ist und bald kommt.

Dürfen Angehörige lügen?
Ich empfehle, zu über­legen, welche Wirkung die Wahr­heit haben könnte. Letzt­lich muss aber jeder für sich entscheiden, wie er diese Situationen händelt. Man sollte sich nicht selbst verbiegen müssen. Zugleich sollten Angehörige ihre eigenen Grenzen wahren: Die Enkelin muss sagen dürfen, wenn sie anders heißt, als die erkrankte Oma sie ruft.

Ist es nicht besser, regel­mäßig zu korrigieren?
Nein. Menschen mit Demenz vergessen die Verbesserungen leider schnell, weil sie Neues nicht mehr behalten können. Bei häufigen Korrekturen bekommen sie das Gefühl, nichts richtig sagen zu können. Das hallt oft nach und kann dazu führen, dass sie weniger oder gar nicht mehr sprechen. Andere wiederum versuchen ange­strengt zu beweisen, dass sie recht haben. Das ist für sie Stress pur – und frustrierend.

Sagen Sie der Dame, die ihren Mann sucht, irgend­wann die Wahr­heit?
Viele Menschen mit Demenz haben lichte Momente, in denen man ihnen solche Informationen mitteilen kann. Ich würde das dann tun, möglichst kurz, knapp und sachlich. Zugleich würde ich ihr aber dann auch anbieten, mal zusammen den Friedhof zu besuchen, wenn sie das möchte.

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