Kochschinken: CSR Test

Putzmunter: Schröder’s Bioschweine.

Zu Besuch in der skandalgebeutelten Fleischbranche: Der Kampf um den Preis dominiert. Nur die Bioanbieter und Edeka engagieren sich stark für Tiere und Umwelt.

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Waren es glückliche Schweine, die den Rohstoff für den Kochschinken lieferten? Bei einer Massenproduktion wie in der Fleischindustrie lässt sich das kaum noch sagen. Eine Scheibe Kochschinken kann aus verschiedenen Chargen Schweinefleisch aus unterschiedlichen Schlachtbetrieben hergestellt worden sein, die Schweine können zum Beispiel aus Deutschland, den Niederlanden oder Dänemark stammen. Das machte unsere Untersuchung der sozialen und öko­logischen Verantwortung, auf Englisch Corporate Social Responsibility (CSR), der 18 Kochschinkenanbieter nicht einfach. Welche Tiere genau zu Schinken verarbeitet wurden, konnten nur Weimarer Thüringen und die Hersteller der Bioprodukte von Edeka, Metro Grünes Land und Schröder’s Bioland belegen.

Mangelnde Rückverfolgbarkeit bis zum Ferkel, begrenzte Verantwortung für andere Beteiligte in der Herstellung – das kennzeichnet die Mehrzahl der Kochschinkenanbieter und -hersteller. Zwar halten sich die Akteure der Fleischbranche an die EG-Basis-Verordnung, die auch die Rückverfolgbarkeit regelt. Die muss aber nur bis zum nächsten Partner, also dem Vorlieferanten oder Abnehmer, gesichert sein. Bei CSR werden aber gerade weitergehendes Engagement und die Verantwortung für andere groß geschrieben.

Die Bioproduzenten nehmen Einfluss auf die gesamte Lieferkette, als Einzige auch bis hin zur tiergerechten Aufzucht. „Glückliche Schweine“ lassen sich also am ehesten hinter ihren Produkten vermuten. Generell zeigen sich die Bioanbieter gegenüber den Tieren und der Umwelt „stark engagiert“. Bei konventionell hergestelltem Kochschinken stellte jedoch allein Edeka in puncto CSR ein hohes Engagement unter Beweis – allerdings nur dank seines Herstellers Bauerngut, der die Produktion tadellos im Griff hat.

Viele Anbieter verweigern Auskunft

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In der Verarbeitung: Transport des Fleischs nach dem Tumbeln...

Im Internet wirbt Edeka damit, künftig für „totale Transparenz“ bei seiner Marke „Gutfleisch“ zu sorgen. Innerhalb der Edeka-Gruppe aber scheint es genau daran zu hapern: Sowohl beide Netto-Töchter als auch Marktkauf, alle zu Edeka gehörig, verweigern die Auskunft in unserem CSR-Test. Auch Markant und Aoste hüllen sich in Schweigen. Aoste, unter anderem Anbieter des Weight-Watchers-Kochschinkens, gehört dem größten Schweinefleischvermarkter der USA, Smithfield Foods. Auch die Discounterkönige Lidl und Aldi (Nord) bleiben ihrer Hauspolitik treu und nehmen „in der Regel nicht an Befragungen teil“. Beide verweisen an ihre Lieferanten. Aus CSR-Sicht sind das nur „bescheidene Ansätze“.

Wenig Transparenz trotz QS-System

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... und zum Garen.

Einige Unternehmen im Test haben das System für Qualität und Sicherheit (QS) eingeführt, das zum Beispiel für mehr Transparenz in der Lieferkette sorgen soll. Den kompletten Durchblick gewährleistet QS aber nur dann, wenn sich alle Akteure innerhalb der Kette daran beteiligen. Das sind aber ungeheuer viele in der Fleischproduktion. So arbeitet Produzent Barfuss mit etwa 4 000 Mastbetrieben zusammen. Da wird es fast ein Ding der Unmöglichkeit, die gesamte Lieferkette zu zertifizieren – wohl aber einzelne Produktionsstufen, wie es Barfuss, Weimarer Wurstwaren und Brandenburg, der Hersteller von Penny und Rewe, machen.

Deutsche Ware, doch keine heile Welt

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Beim Schlachten zählt jede Minute, denn das Schwein verliert pro Stunde ein Prozent an Gewicht.

Auf der Suche nach den realen Produktionsbedingungen haben wir uns vor allem in Verarbeitungsbetrieben umgesehen, wo aus Schweinefleisch Kochschinken wird. Die Kochschinken im Test wurden ausschließlich in Deutschland gefertigt. Hier werden soziale Mindeststandards für Beschäftigte vorausgesetzt, wie Betriebsrat, Altersteilzeit, Arbeitsschutz. Die Fleischverarbeitung fordert viel körperli­chen Einsatz zwischen Großmaschinen wie Tumblern und Sortieren am Fließband. In den kühlen Räumen muss alles streng hygienisch sein; Arbeiter tragen Schutzkleidung und Haarnetz. Die Kochschinkenanbieter, die wir überprüfen konnten, halten alle gesetzlichen sozialen Vorgaben ein. Auffällig viele schreiben soziale Leitlinien aber kaum nieder.

Ein großes Problem in der Branche sind Subunternehmen, an die zeitweise Aufträ­ge abgegeben werden. Im Gegenzug wurden in der Vergangenheit die festen Stellen reduziert. Viele Kochschinkenhersteller greifen auf solche Leiharbeiter und Fremdfirmen zurück. Bei den von uns besuchten Verarbeitungsbetrieben liegt ihr Anteil meist zwischen 10 und 50 Prozent. Unter welchen Bedingungen die Hilfsarbeiter angeheuert werden, bleibt auch nach unseren Besuchen schwer zu sagen.

Laut Medienberichten herrschen vor allem in den Schlachthöfen große Missstände. Dumpinglöhne und Ausbeutung von Fremdarbeitern sind besonders gravierende Vorwürfe, die schon zu Gerichtsverfahren geführt haben.

Immer billiger produzieren

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Verpacken am Fließband.

Die Ursachen für die Skandale in der Vergangenheit sind vielschichtig: steigende Konzentration auf dem Markt, geringe Gewinnmargen, Nachfrage nach Billigfleisch, das generelle Überangebot. Deutschland steht beim Schweinefleisch an Europas Spitze. Die Deutschen erzeugen und verspeisen am meisten. Wer als Produzent mithalten will, muss seine Kosten senken (siehe Interview).

Ein Beispiel dafür ist die Firma Sauels. Sie produziert auch für fünf weitere Anbieter im Test: für Markant, Marktkauf, Norma, Plus und Tip (Metro). Sauels hat gerade 140 Mitarbeiter entlassen und verlegt die Produktion von West- nach Ostdeutschland. Dort liegt der Stundenlohn mit meist unter zehn Euro deutlich niedriger als im Westen.

Bioqualität in Gefahr

Auch im Biobereich wird der Kostendruck immer höher. Insider berichten, dass bei den Internetauktionen des Handels ein harter Preiskampf um das Kilogramm Biofleisch geführt wird. Den Zuschlag bekommt, wer es besonders billig anbietet – mit fatalen Folgen. Bio könnte stark an Qualität verlieren. Die Verfechter der Bioaufzucht sehen im Schwein immer noch mehr als ein Nutztier, das in rund sieben Monaten auf 110 Kilo gemästet und in Windeseile geschlachtet wird. Die Bioaufzucht kostet Zeit und Mühe und hat daher ihren Wert. Nur wenn das so bleibt, können die CSR-Sieger auch künftig umwelt- und sozialverträglich produzieren.

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