Klimaschutzagenturen Meldung

Immer mehr Agenturen bieten an, den CO2- Ausstoß von Flugreisen oder Autofahrten zu „neutralisieren“. Nicht alle halten, was sie versprechen.

Die Bundesregierung reist jetzt „klimaneutral“, Hillary Clinton während ihres Wahlkampfs auch und die Rolling Stones auf ihrer Tournee ebenso. Viele wollen jetzt Treibhausgase ausgleichen. Dafür gibt es einen jungen internationalen Markt, der ständig neue Zertifikate feilbietet – zur Kompensation von Flugreisen, Autofahrten, Hochzeitsfeiern oder schlicht für ein Jahr Leben. Doch nicht jedes Angebot ist sinnvoll.

Die Grundidee ist einfach: Dem Klima ist es egal, wo in der Welt Treibhausgase ausgestoßen werden. Die durch eine Urlaubsreise in Europa verursachten Emissionen können so zum Beispiel durch neue Biogasanlagen in Thailand ausgeglichen werden. Ohne die Anlagen würden dort weiterhin Dieselmotoren laufen und die Atmosphäre belasten. Die Agenturen ermitteln den Treibhausgasausstoß für die Urlaubsreise und nennen einen Preis für dessen Kompensation. Dieses Geld fließt dann in die Klimaschutzprojekte. Den Flug von Berlin nach New York etwa kompensiert der Anbieter Atmosfair für 43 Euro. Zu buchen ist der Aufschlag online und in einigen Reisebüros.

Klimaschutz oder Werbemasche

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Atmosfair-Projekt in Indien: Solar erzeugter Wasserdampf ersetzt Diesel­kocher in Großküchen von Krankenhäusern, Schulen und Tempeln.

Umweltschützer betrachten den Trend mit gemischten Gefühlen. „Natürlich können wir durch solche Ausgleichszahlungen allein den Klimawandel nicht aufhalten“, sagt Matthias Seiche, Leiter Klimaschutz beim Bund für Naturschutz (BUND). „Aber wenn gute Projekte unterstützt werden und die eigenen Emissionen dadurch etwas mehr ins Bewusstsein rücken, hat das sicher seinen Nutzen.“ Für schädlich hält Seiche Angebote, die suggerieren, man könne einfach seinen kompletten Lebensstil neutralisieren lassen, ohne sonst irgendetwas zu überdenken. „Wenn der Autohändler passend zur schweren, teuren Spritschleuder ein Zertifikat zum klimaneutralen Fahren der ersten 20 000 Kilometer verschenkt, dann ist das eine reine Werbemasche.“

„Gute“ Projekte lassen sich zum Beispiel daran erkennen, dass sie vom UN-Klimasekretariat geprüft und zugelassen sind (siehe „Klimaschutzstandards“ und Tabelle). Die Kriterien für solche als „Clean Development Mechanism“ (CDM, Umweltschutzfördersystem) registrierten Vorhaben wurden auf der Klimakonfe­renz in Kyoto festgelegt. Sie sollen sicherstellen, dass die Projekte wirklich den Ausstoß von Klimagasen vermeiden und Entwicklungs- und Schwellenländern zu neuen Technologien verhelfen, die sie sonst nicht bezahlen könnten. Umweltschutzverbänden erschienen die Kriterien der UN teils zu lasch, weshalb sie unter Federführung des WWF den „Gold Standard“ gründeten. Er gilt mittlerweile als strengster Beurteilungsmaßstab. Geprüft werden auch Nachhaltigkeit und soziale Einbettung des Projekts in der Region. So sind etwa Aufforstungsprojekte ausgeschlossen: Experten halten sie für ungeeignet, weil die Gefahr besteht, dass die Wälder abbrennen oder gerodet werden. Außerdem kann es Jahrzehnte dauern, bevor die Wälder der Atmosphäre netto Kohlendioxid entziehen.

Ein weiteres Label auf dem Markt ist der Standard „Verified Emission Reduction“ (VER, überprüfte Emissionsreduzierung). Er besagt aber zunächst nur, dass der Anbieter sein Projekt von Dritten begutachten lässt – nach eigenen Vorgaben.

„Ein einheitlicher Standard für Anbieter von Kompensationsprodukten fehlt völlig“, sagt Michael Schlup, Geschäftsführer von Gold Standard. „Ich kann zum Beispiel in ein Projekt investieren, das nicht existiert, in eines, das weniger CO2 einspart als geplant, oder eines, das auch ohne meine Hilfe stattgefunden hätte.“

Das Geld fließt nicht nur in Projekte

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Zusammen mit einer kleinen Firma in Eritrea produziert und installiert My­climate Solarkollektoren zur Warm­wasserversorgung von Schulen, Krankenhäusern und Haushalten.

In der Regel ist der Anteil des Geldes, der tatsächlich in die Klimaschutzprojekte fließt, bei gemeinnützigen Organisationen höher als bei kommerziellen Unternehmen. So investiert zum Beispiel The Climate Company bei einem „VER-Klimaschutzzertifikat“ nur 33 Prozent des Preises in den Erwerb von Zertifikaten. Den Rest verbucht das Unternehmen unter anderem für Verwaltung, Werbung und Gewinn. Die gemeinnützigen Organisationen Atmosfair und Myclimate dagegen stecken 80 Prozent ihrer Einnahmen in die Projekte. Verbraucher sollten darauf achten, dass Projekte und Ziele transpa­rent dargestellt werden, so Schlup. „Der Anbieter sollte klarmachen, wann und wo die Emissionen eingespart werden sollen; und dafür einen Nachweis liefern.“

Neben Anbietern, die in Projekte investieren, gibt es auch solche, die Emissionsberechtigungen aus dem europäischen Emissionshandel erwerben. Diese „Verschmutzungsrechte“ für Industrie­unter­nehmen bieten Agenturen mitunter zu überhöhten Preisen Privatleuten an. Da es aber ein Überangebot solcher Zertifikate auf dem Emissionsmarkt gibt, ist der Handel zusammengebrochen. „Deshalb hat es im Moment überhaupt keine Wirkung auf das Klima, wenn ich solch eine Emissionsberechtigung kaufe“, erklärt Karsten Smid von Greenpeace.

Genau hinsehen heißt es auch, wenn Produkte wie Fernseher oder Kühlschränke mit einer im Preis inbegriffenen „Klimaneutralität“ verkauft werden. Verbraucher sollten sich trotzdem davon überzeugen, ob es sich um ein sparsames Gerät handelt. Denn die beste und sicherste Klimaschutzmaßnahme ist immer noch die, keine Energie zu verschwenden.

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