In Sporthallen, Fabrikgebäuden und Festsälen entstanden in Deutschland in den letzten zehn Jahren rund 340 Kletteranlagen. Wir haben 20 große Hallen getestet.

Eigentlich kann ja nichts passieren. Das Seil ist fest in den Hüftgurt eingeknotet. Der Seilzug kommt über eine Umlenkung von oben. Unten strafft der Sicherungspartner das Seil. Dennoch: Schweißperlen stehen auf der Stirn. Die Unterarme brennen. Man spürt Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren. Nur nicht nach unten schauen. Dabei ist dies eine Anfängerwand. Wieder am Boden angelangt, stellen sich euphorische Gefühle ein. Gleich noch mal.

Vom Trend- zum Volkssport

Freeclimbing (Frei- oder Sportklettern) ist eine Trendsportart, die entgegen einer weit verbreiteten Auffassung gesichertes Klettern am Felsen bedeutet. Der Kletterer bewegt sich aber frei an den Haltepunkten des Felsens oder der Kletterwand. Seil, Karabiner und Haken dienen nur der Sicherung. Experten sprechen schon von Breitensport. In Deutschland nimmt die Zahl der Hallenkletterer nach Angaben des Deutschen Alpenvereins (DAV) ständig zu. Die DAV-Kletteranlage in München zählte im letzten Jahr allein 135 000 Besucher. In manchen Hallen bilden sich Schlangen wie an einem beliebten Skilift in den Alpen. Viele Gründe sprechen für das Indoorklettern: ganzjähriges Training, Wetterunabhängigkeit, geringer Materialaufwand, Erholungseffekt durch volle Konzentration und der Capuccino ist immer in Reichweite. Auch der gesundheitliche Nutzen des Kletterns wurde lange unterschätzt: Kaum ein Muskel, der nicht trainiert wird.

Kletterfläche, Vielfalt der Routen und Wandhöhen sowie ein breites Spektrum an Schwierigkeitsgraden tragen zur Attraktivität einer Kletterhalle bei. Auf die Vielfalt kommt es an. So erfordern zum Beispiel hohe Wände vom Kletterer viel Kondition, niedrige sind notwendig, um Anfänger nicht abzuschrecken. Eine Halle, die nur kurze Routen hat, wird wiederum schnell langweilig.

Eine gute Halle sollte beide Klettervarianten – Toprope und Vorstieg – anbieten. Toprope nennt man die Sicherung mit einem Seil, das oberhalb des Kletterers umgelenkt wird, der Sicherungspartner steht am Boden. Es eignet sich besonders für Anfänger. Bei korrekter Sicherung mit straffem Seil kann der Kletterer kaum stürzen. Vorstieg ist die anspruchsvollere Variante: Der erste Kletterer muss das Seil in die Sicherungspunkte selbst einlegen. Er wird zwar von unten gesichert, benötigt aber mehr Zeit und Kraft. Und er kann stürzen. In unserer Stichprobe gab es hier ein Nord-Süd-Gefälle. Je weiter nördlich, desto mehr ist Toprope die vorherrschende Variante. In den Münchner Hallen kommt Toprope dagegen gar nicht vor.

Die Art der Griffe bestimmt in erheblichem Maße die Attraktivität des Kletterns. So ist es die Vielfalt an Vertiefungen, Löchern, auf­gesetzten Strukturen, Leisten und Auflegern, die von den Kletterern spezielle Bewegungs- und Griffmuster erfordern.

Auch verschiedene Wandarten tragen zur Bereicherung des Klettererlebnisses bei. Die einfachste Art, ungesandetes Holz, ist noch in acht Hallen zu finden. Betonwände herrschen in der Münchner Halle Heavens Gate vor. Mit glasfaserverstärktem Kunststoff lassen sich wesentlich mehr Kletterstrukturen herausarbeiten. Aber nur sechs Hallen bieten attraktive Strukturrouten an.

Die wachsende Popularität des Kletterns lockt immer mehr Anfänger in die Hallen. Leichte Wände sind also angesagt. Eine Route im dritten Grad kann praktisch jeder Anfänger bewältigen. Ab dem vierten Grad wird es anspruchsvoll. In sechs der getesteten Hallen kommen Anfänger besonders gut zum Zug. Extrem in Ludwigshafen führt hier mit rund einem Dutzend Dreierrouten und mehr als 30 Vierern. Wenig anfängerfreundlich zeigen sich Impulsiv (Weil am Rhein) und Heavens Gate (München).

Fit durch Bouldern

Bouldern – das ist Klettern ohne Sicherung in Absprunghöhe – wird immer beliebter. Es hat viele Vorteile: Man benötigt keinen Seilpartner und der Ausrüstungs- und Vorbereitungsaufwand ist gering: kein Seil, kein Sicherungsgerät, kein Gurt, kein lästiges Ein- und Ausbinden. Zudem sind schwere Unfälle wenig wahrscheinlich. Bouldern eignet sich ideal zum Aufwärmen oder als Abschluss.

Im Außenbereich kann man nur in sechs Hallen klettern. Ungeschlagen: Auf 2 450 Quadratmetern bietet die DAV Kletteranlage in München ein riesiges Eldorado mit 200 Routen.

Viele Experten schätzen die Sportart Klettern als wesentlich sicherer ein, als generell angenommen wird (siehe Interview). Dennoch: Mit steigender Nutzerzahl mehren sich schwere Unfälle. Ein Eingangscheck ist unserer Meinung nach deshalb unbedingt notwendig. Hallenbetreiber sollten sich bei Neukunden vergewissern, inwieweit ausreichende Klettererfahrung und Sicherungskenntnisse vorhanden sind.

In 17 Hallen müssen Neukunden eine Einverständniserklärung unterschreiben, in der die Kletterregeln oder die Benutzerordnung anzuerkennen ist. Nur selten wird vorher aber abgeklärt, inwieweit der Besucher schon klettern beziehungsweise sichern kann. Drei Hallen (Extrem in Ludwigshafen, Extrem in Mannheim und Magnesia in Forchheim) tun in dieser Hinsicht gar nichts. In keiner Halle wurde ein halbwegs wertbarer Eingangstest gemacht – weder ein praktischer (Knoten knüpfen), noch ein theoretischer. Auch die mitgebrachte Ausrüstung wurde vom Personal nicht gecheckt.

Sicherheitsmängel

Bedenklich: Alle Kletterordnungen waren hinsichtlich wichtiger Sicherheitsregeln unvollständig. Zum Beispiel fehlte 16-mal der elementare Hinweis, dass eine Hand immer am Bremsseil zu sein hat.

Auch bei der technischen Ausstattung gab es Problemzonen: Toprope sollte nicht an überhängenden Routen angeboten werden, da hier die Gefahr besteht, ins Pendeln zu geraten. Dennoch kam es in einer Kletterhalle in erheblichem Ausmaß vor: Kandi-Turm in Andernach. Die Umlenkung ist sicherheitstechnisch besonders wichtig, da das Risiko des Aushängens besteht. Deshalb sollte sie aus zwei Karabinern bestehen. Viele verwenden aber nur einen. Für problematisch halten wir die offene Aufhängung mit Widerfänger (Umlenkschnecke) bei Heavens Gate. Bei Wechselbelastung oder beim Überklettern kann das Seil herausspringen.

Gefährliche Matten

Im Boulderbereich springen die Kletterer häufig ab – wenngleich aus geringer Höhe. Damit nichts passiert, müssen die Matten fixiert, durchgehend und stark dämpfend sein. Gefährliche Spalten kommen insbesondere durch mangelnde Fixierung, aber auch durch zu große Wandabstände im Überhangbereich vor.

Sicherheitsrundgänge des Personals haben wir nur im Bronx Rock in Wesseling gesehen. In etwa jeder zweiten Halle war das Personal nicht einmal erkennbar, zum Beispiel durch spezielle Kleidung. Als Ansprechpartner und zur Sicherheitskontrolle halten wir qualifizierte Assistenten für unbedingt notwendig.

Die Öffnungszeiten der Hallen sind mitunter sogar wetterabhängig. Under the Roof in Weilheim wurde an schönen Tagen einfach geschlossen. Unsere Inspektoren standen so vor verschlossener Tür. Die zweite Inspektion musste nach dem Wetterbericht festgelegt werden.

Fast alle Hallenbetreiber bieten vielfältige Kurse an: Schnupper-, Grund-, Fortgeschrittenen- und diverse Spezialkurse. Klettergurt, Schuhe und Sicherungsgerät können immer ausgeliehen werden. Seile fehlen aber vereinzelt.

Jede Halle hat ihren eigenen Charakter. Einige wie Magic Mountain oder NoLimit wirken offen, großzügig und hell. In anderen gibt es attraktive Galerien mit Blick auf die Kletterwände (High Hill, T-Hall Frankfurt/Main und Berlin, DAV München, Under the Roof). Im Heavens Gate wirkt alles provisorisch. Hier wird in ehemaligen Kartoffel-Silotürmen gekraxelt. Doch auch diese Halle hat ihr Publikum.  

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