Kleiner Restaurantführer Meldung

Ein Restaurant ist keine rechtsfreie Zone. Auch kleine Fehler des Personals können für den Wirt teuer werden.

Alfred B. ist ein Gourmet und darum leicht zu erregen, wenn es in Restaurants am Service mangelt. Da sein Beruf Anwalt ist, kennt er seine Rechte als Gast genau und macht davon auch gern Gebrauch. Erst letztens gab es wieder reichlich Gelegenheit.

Der Feinschmecker hatte ein Menü beim Nobelitaliener "Bella Italia" geplant, gleich neben seiner Anwaltskanzlei. Nach dem verdienten Feierabend wollte er sich dort mit seiner Familie treffen. Doch schon auf den Stufen zum Eingang stolpert er und wäre fast mit der Tür ins Haus gefallen, denn es gab kein Geländer. Erst im letzten Moment fand Alfred B. sein Gleichgewicht wieder. "Da haben sie ja noch mal Glück gehabt", herrscht er den Ober an. "Ein anderer Gastwirt hat wegen eines fehlenden Treppengeländers schon mal richtig blechen müssen." Der Ober entschuldigt sich vielmals und bietet B. einen hübschen Fensterplatz an. Doch B. lehnt dankend ab. "Ich habe doch einen Tisch für vier im Hinterzimmer reserviert." Dem Ober wird mulmig. Ein Tisch für vier Personen, am heutigen Abend? Davon steht gar nichts im Reservierungsbuch.

Alfred B. ringt um Fassung: "Ich schicke Ihnen eine saftige Rechnung, wenn ich deswegen jetzt woanders teurer essen gehen muss!" Doch der Ober stellt schnell zwei kleine Tische zusammen und rettet so die Situation. Also beruhigt sich B. wieder. "Sonst hätte ich Ihnen aber die Hölle heiß gemacht. Reservierungen sind nämlich verbindlich. Werden sie versäumt, muss der dadurch entstehende Schaden ersetzt werden." Für sich behält B., dass ein Wirt im Gegenzug ebenso Schadenersatz verlangen darf, wenn ein Gast trotz Reservierung nicht kommt und er andere Kunden deshalb abweisen muss.

Endlich! Kaum hat B. seinen Tisch bekommen, treffen auch seine Frau Clara und die Kinder Fritz und Paula ein. "Stell dir vor", schäumt Anwalt B., "der Tisch war nicht reserviert. Fast hätten wir wieder gehen müssen, dann hätte ich neben Schadenersatz auch noch Schmerzensgeld verlangt!" "Und ich hätte dir das ausgeredet", kontert seine Frau, die als Richterin von Berufs wegen immer Recht hat. "Schmerzensgeld bekam noch nicht mal ein Brautpaar, dessen Hochzeitsfeier geplatzt war, weil ein Saal doppelt reserviert war. Dabei hat die Braut deshalb tagelang geweint."

Da Alfred B. ungern auf das letzte Wort verzichtet, verlangt er schnell die Karte. "Und Herr Ober, wenn Sie jetzt nicht zügig servieren, mindere ich die Rechnung. Schon nach zwei Stunden Warten sind mindestens 20 Prozent Abzug drin!" "Oder wir setzen Ihnen eine Frist, wenn wir genug vom Warten haben, und gehen dann", ergänzt Ehefrau Clara.

Als ersten Gang bestellt sie eine klare Gemüsesuppe, die so schnell serviert wird wie nie zuvor. Da der kleine Fritz einen Bärenhunger hat, löffelt er sofort los. Doch "Aua!" ­ die Gemüsesuppe ist kochend heiß und Fritz hat sich die Zunge verbrannt. Ein Schluck Wasser lindert seinen größten Schmerz. Trotzdem ist das Geschrei groß und auch der Ärger der Eltern. Denn die wissen, dass es in solchen Fällen nicht einmal Schmerzensgeld gibt. Erst unlängst hat ein Gericht entschieden, dass der Kellner nicht vor der Hitze einer dampfenden Suppe warnen muss.

Während Alfred B. und die Kinder sich als Hauptgang für Pasta entscheiden, wählt Clara den großen Salat. Beim Essen gerät Anwalt B. ins Plaudern. Mit Blick auf den Teller seiner Gattin erzählt er vom "Salaturteil": Ein Ehepaar hatte in einem französischen Restaurant ein Menü bestellt. Als zweiten Gang bekam die Frau einen Salat -­ auf dem eine Schnecke ihre Bahnen zog. "Zwar sind Schnecken beim Franzosen keine Überraschung, sondern mit Knoblauchbutter sogar eine Delikatesse. Trotzdem konnten die Gäste gehen, ohne den Salat und das restliche Menü zu bezahlen." Bei so Ekel erregenden Essensbeigaben sei das Weiteressen unzumutbar, befand das zuständige Gericht. Für die Vorsuppe durfte der Kellner jedoch kassieren, denn die war in Ordnung.

Nach dieser Geschichte inspiziert Clara B. ihren Salat genau. Doch Kleingetier ist darin nicht vorhanden. Auch das Tiramisu, das alle zum Nachtisch essen, schmeckt tadellos.

Nun will Alfred B. nur noch zum Abschluss sein Pfeifchen rauchen. Doch der Kellner verweist ihn auf das Rauchverbot im Restaurant. B. protestiert, ein Essen ohne Pfeife danach sei für ihn kein Genuss. Doch da schlägt die Stunde für den Ober: "Pardon, mein Herr, aber wenn Sie so viel von Recht in Restaurants wissen, sollte Ihnen auch bekannt sein, dass ein Rauchverbot vom Kunden hinzunehmen ist. Und bevor Sie auf dumme Gedanken kommen: Es gibt Ihnen vor allem nicht das Recht, deswegen die Zeche zu prellen." Alfred B. ist perplex. Er zahlt und geht. Das muss er gleich morgen nachlesen.

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