Kinderwagen Test

Ein paar Hundert Euro kosten Kinder­wagen heute. Und dennoch ist kein einziger im Test „gut“, kein einziger ohne Schadstoffe. 10 der 14 Wagen schneiden sogar „mangelhaft“ ab.

Was vor knapp 160 Jahren als simples Transportmittel für Säuglinge erfun­den wurde, ist heute Hightech und manchmal auch Statussymbol. Der Weidenkorb auf Rädern hat sich zu Design-Kutschen namens „Sportwagen Rimini“ oder „Chicago air“ mit diversen Klapp- und Verstellme­chanismen entwickelt. Mehr als 500 Euro auszugeben, ist keine Kunst. Doch was ist das alles wert, wenn der Kinderwagen zum Risiko für die Kleinsten wird? Im Test von 14 Kinderwagen ist kein einziger schadstofffrei.

Nur drei sind „befriedigend“

Kinderwagen Test

Kleinkinder nehmen alles in den Mund, was in Reichweite ist – Gerade durch Schweiß und Speichel können sich die gefundenen Schadstoffe wie PAK und Weichmacher aber stärker herauslösen und zur Belastung werden.

Nicht ein Kinderwagen verdient das test-Qualitätsurteil „gut“, nur drei sind zumindest „befriedigend“: der Bugaboo Cameleon, der Teutonia Mistral S und der Zekiwa Alu-Cross. Doch gleich in zehn Kinderwa­gen stecken so viele Schadstoffe, dass sie insgesamt „mangelhaft“ abschneiden. Es sind wieder die üblichen Verdächtigen, die wir in Griffen, Gurten, Bezügen und Regenhauben gefunden haben: polyzyk­li­sche aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Phthalate (Weichmacher). Diese kritischen, häufig krebserregenden und fort­pflan­zungs­gefährdenden Substanzen haben wir schon in vielen anderen Produkten nachgewiesen – auch solchen, die speziell für Kinder gedacht sind, wie Hochstühle, Laufräder und Stifte.

Mehr „Mangelhafte“ als im Buggytest

Noch dazu wurden wir bei weiteren Giften fündig: bei Chlorparaffinen, Flammschutzmitteln, Organozinn- und phenolischen Ver­bindungen sowie Formaldehyd. Das Ergebnis ist noch schlechter als bei unserem Buggytest vor drei Jahren – da waren von 15 Sportkarren wenigstens 5 „gut“ in puncto Schadstoffe. Kein Schadstoff scheint aus technischer Sicht erforderlich. Dafür spricht ganz einfach: Keiner wurde in allen Kinderwagen gleichermaßen gefunden. Doch auch die alarmierenden Ergebnisse des Buggytests aus dem Jahr 2006 und die folgende Kritik von Medien und Verbrauchern scheinen die Branche nicht wachgerüttelt zu haben. Ist den Anbietern immer noch nicht bewusst, was in „ihren“ Kinderwagen steckt? Kontrollieren sie ihre oft in Fernost ansässigen Zulieferer nicht genug? Eltern erwarten einwandfreie Wagen. Akut gefährlich sind die nachgewiesenen Substanzen zwar nicht, doch bei einer Belastung über längere Zeit drohen gesundheitliche Schäden. Die Anbieter müssen endlich nachbessern.

Mit drei Jahren oft schon zu groß

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Schadstoffe sind aber nicht die einzige Kritik: Viele Hersteller schaffen es nicht, Kinderwagen kindgerecht zu gestalten. Auch in diesem Prüfpunkt ist keiner „gut“, geschweige denn „sehr gut“. In Wagen, die so multifunktional sind wie die getesteten, sollten Kinder bis etwa drei Jahre passen: rund sechs Monate liegend in der Tragetasche oder -wanne und später im Sitz, der sich zum Schlafen waagerecht stellen lässt. Zehn Wagen sind aber nur für Kinder bis 15 Kilogramm ausgelegt. Das steht als Mindestwert in der Norm, aber schon Zweijährige können dieses Gewicht erreichen. Die Sitze sind auch oft sehr schmal und die Lehnen zu niedrig. Selbst für ein kleines dreijähriges Kind eignen sich nur der Brio, Bugaboo, Emmaljunga und I’coo. Untersucht haben wir das mithilfe der „Kieler Kinder“ – von Anthropologen für die Stiftung Warentest entwickelte Dummys.

Wenn es für Babys zu eng ist

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Zu kurze und zu schmale Tragetaschen oder -wannen sind ein weiteres Problem. Für Babys wird es da eng. Für sechs Monate alte Kinder im Sitz sind die Fußstützen oft zu lang und die Sitztiefen zu groß. Tipp: Benutzen Sie einen Sitzverkleinerer, wenn Ihr Kind nicht weit genug vorn sitzt, um die Füße aufstellen zu können. Nur Quinny, Teutonia und Emmaljunga bieten solche zusätzlich an, für rund 35 bis 50 Euro. Ein Polster im Rücken kann auch helfen, wenn der Sicherheitsgurt dann noch passt.

Wo es hineinregnet

Ungemütlich wird es für den Nachwuchs in manchem Wagen bei schlechtem Wetter: Für Herlag gibt es keinen Regenschutz und durch das Belüftungsloch in der Haube von Emmaljunga regnet es rein. Starker Wind von vorn macht Kindern im Quinny zu schaffen: Er ist der einzige Wagen, in dem das sitzende Kind immer in Fahrtrichtung guckt. Bei allen anderen lässt sich entweder der Sitz in die andere Richtung montieren, der Schieber schwenken oder es ist beides möglich. Ein Schwenkschieber ist praktisch, weil sich die Fahrtrichtung auch mit Kind im Wagen leicht ändern lässt.

Auch Kult-Kinderwagen hat Macken

Vorn im Test liegt mit einem „befriedigendem“ Qualitätsurteil der Cameleon von Bugaboo. Die teure Marke mit dem reduzierten Design hat vor allem bei Großstädtern Kultstatus erlangt. Innovativ, doch nicht ganz gelungen ist der Schwenkschieber. Damit lässt sich der Wagen so einstellen, dass er sich wie eine Sackkarre ziehen lässt, wenn man die kleinen Räder einklappt. Das ist besonders am Strand von Vorteil. Knackpunkt im wahrsten Sinne des Wortes ist jedoch das Multifunktionsgelenk im Schieber: Es war nach dem Belastungstest angeknackst, der Schwenkschieber ließ sich dann nur noch in eine Richtung voll belasten. Auch die Bugaboo-Handbremse ist nicht perfekt: Wird der Hebel beim Lösen nicht festgehalten, schnellt er ruckartig zurück und kann auf die Hand schlagen. Dasselbe Problem hat der gleich benotete Teutonia. Wehtun kann es bei vielen Wagen auch an einigen Quetschstellen. Vorsicht: Besonders beim Verdeckverstellen können sich Kinder die Finger klemmen, Eltern beim Auf- und Zusammenklappen des Wagens.

Auf Gewicht und Räder achten

Wer den Kinderwagen oft tragen oder transportieren muss, sollte ein leichtes Modell wählen. Bugaboo und Brio sind die leichtesten Kinderwagen im Test. Welche Räder geeignet sind, hängt davon ab, wo man den Kinderwagen am häufigsten benutzt. Auf holprigen Wegen wie im Wald oder auf Kopfsteinpflaster fährt es sich mit vier großen Rädern am besten. Kleine, schwenkbare Vorderräder bieten sich eher in der Stadt an. Dreirädrige Konstruktionen sehen zwar sportlich aus, doch zum Joggen oder Inline-skaten sind weder der Quinny noch der Herlag geeignet. Das einzelne Vorderrad hat auch einen Nachteil: Es kann an Bordsteinkanten wegknicken und den Wagen zum Kippen bringen. Mit vier Rädern passiert das nicht so schnell.

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