Unfallversicherungen für Kinder werden viel verkauft und wenig gebraucht. Bei Kinderinvaliditätsversicherungen ist es umgekehrt. Die besten Angebote kosten 300 bis 500 Euro im Jahr.

Statistisch gesehen ist etwa eines von 100 Kindern in Deutschland schwerbehindert. Etwa ein Drittel kam bereits mit einer angeborenen Behinderung zur Welt, die meisten anderen sind nach einer schwere Krankheit nicht ganz gesund geworden.

Ein behindertes oder schwerkrankes Kind braucht besonders viel Aufmerksamkeit, Zuwendung, Geduld – und manchmal auch Geld. Haben Familien sich erst einmal im Dschungel der Hilfsangebote, Behörden und Kostenträger orientiert, erhalten sie zwar Unterstützung. Das Netz der öffentlichen Hilfen ist gut. Doch an einigen Stellen hat es Lücken.

Mit einer privaten Kinderinvaliditätsversicherung können Eltern dafür sorgen, dass genügend Geld zur Verfügung steht, falls ihr Kind schwerbehindert werden sollte. Ob dann eine Krankheit oder ein Unfall die Ursache ist, spielt keine Rolle. Die Familie bekommt Geld aus der Versicherung, in der Regel wenn das Versorgungsamt dem Kind einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 oder mehr bescheinigt hat.

Mit den besten Policen in unserem Test erhält das Kind eine lebenslange monatliche Rente von 1 000 Euro, mit einigen zusätzlich einen kleineren einmaligen Geldbetrag. Familien müssen dafür zwischen 300 und 500 Euro Beitrag im Jahr zahlen.

Das ist eine Menge Geld. Eltern, die sich eine Kinderinvaliditätsversicherung nur dann leisten könnten, wenn sie ihren Kindern dafür den Musikunterricht, die Nachhilfestunden oder die Klassenreise streichen würden, sollten das Geld lieber den Kindern direkt zugute kommen lassen.

Für Familien, die nicht so knapp bei Kasse sind, ist die Police jedoch sinnvoll.

Krankheiten sind die häufigste Ursache von Schwerbehinderungen. Unfälle spielen dagegen keine Rolle. Nur 0,45 Prozent der schwerbehinderten Kinder und Jugendlichen haben sich ihre Beeinträchtigung bei einem Unfall zugezogen. Das zeigt, warum eine Kinderinvaliditätsversicherung sinnvoller ist als eine Unfallversicherung. Die wird schon ab rund 60 Euro im Jahr verkauft, deckt aber nur schwere Folgen von Unfällen ab.

Auch andere Angebote, zum Beispiel Schulunfähigkeitsversicherungen, bieten meist einen geringeren Risikoschutz als die Kinderinvaliditätsversicherung.

Rente ist besser als Einmalzahlung

Mit 14 der 19 getesteten Kinderinvaliditätsversicherungen bieten die Versicherer eine monatliche Rente von 1 000 Euro an. Sie ist auf das ganze Leben gerechnet mehr wert, als wenn das Kind einmalig zum Beispiel 100 000 Euro ausbezahlt bekommt. Familien können damit dauerhaft zusätzliche Ausgaben bestreiten, die das Leben mit einem behinderten Kind mit sich bringt.

Zum Beispiel übernehmen die Krankenkassen nicht alle Therapien, die dem Kind gut tun (siehe Interview). Manchmal ist es auch hilfreich, für einige Stunden pro Woche eine Haushaltshilfe zu engagieren, damit sie die Familie entlastet. Auch für Geschwisterkinder fallen eventuell mehr Betreuungs- oder Nachhilfekosten an, da sich die Eltern nicht mehr so intensiv um sie kümmern können.

Eine lebenslange Rente sichert dem behinderten Menschen außerdem ein Grundeinkommen, wenn die Eltern einmal nicht mehr für ihn sorgen können. Allerdings wird eine solche Rente vom Sozialamt als Einkommen angerechnet. Ist jemand für seinen Lebensunterhalt auf Grundsicherung angewiesen, bringt ihm die Versicherung dann kaum noch Vorteile.

Zusätzlich zur Rente ein kleines Startkapital zur Verfügung zu haben, ist von Vorteil. Wollen Familien zum Beispiel ihre Wohnung barrierefrei umbauen lassen, müssen sie oft mehrere zehntausend Euro investieren. Die Pflegekasse gibt zwar einen Zuschuss bis zu 2 557 Euro zur Wohnungsanpassung. Den gibt es jedoch nur einmal für alle Umbauten und Anschaffungen, die zum Zeitpunkt des Antrags nötig sind.

Drei der Angebote in unserem Test kombinieren die Rente mit einem einmaligen Geldbetrag bei Eintritt der Schwerbehinderung. Die R+V zahlt beispielsweise 12 000 Euro.

Andere Kinderinvaliditätsversicherungen, die keine Rente, sondern nur eine einmalige Kapitalzahlung vorsehen, kosten deutlich weniger: Für das günstigste Angebot im Test zahlen Familien 89 Euro Beitrag im Jahr.

Ihr Vorteil ist, dass der Versicherer einmal gezahltes Geld nicht zurückfordert. Eine Rente wird dagegen gestoppt, sobald es dem Kind bessergeht und es den Schwerbehindertenstatus verliert, zum Beispiel nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung.

Fiese Klauseln im Kleingedruckten

Zahlt der Versicherer auch wirklich, wenn er gebraucht wird? Erfahrungen aus der Vergangenheit liegen nicht vor, da die Versicherungsgesellschaften solche Policen erst seit Mitte der 90er Jahre anbieten. Es gibt bislang noch sehr wenige Verträge und daher noch viel weniger Leistungsfälle.

Wie groß die Chance ist, an sein Geld zu kommen, hängt vom Kleingedruckten im Vertrag ab. Aus diesem Grund bestimmt die Kundenfreundlichkeit der Versicherungsbedingungen das Finanztest-Qualitätsurteil in diesem Test zu 70 Prozent.

Fatal können sich Versicherungsausschlüsse auswirken. Obwohl das Kind nachweislich schwerbehindert ist, bekommt es kein Geld, wenn seine Behinderung auf eine der ausgeschlossenen Ursachen zurückzuführen ist. Die Liste der möglichen Ausschlüsse ist lang (siehe Tabelle „Kinderinvaliditätsversicherungen“) und enthält auch Kuriositäten wie die Beteiligung an Raumfahrten, die sieben Versicherer vom Versicherungsschutz ausschließen.

Andere Einschränkungen des Versicherungsschutzes mindern dagegen den Wert der Police erheblich. Die meisten Anbieter schließen Neurosen, Psychosen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen vom Versicherungsschutz aus. Das kann zum Problem werden. Denn laut statistischem Bundesamt gehören Störungen der geistigen Entwicklung zu den häufigsten Ursachen für eine Schwerbehinderung im Kindes- und Jugendalter. Dazu zählen zum Beispiel Lernbehinderungen oder das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADHS. Viele weitere Schwerbehinderungen sind auf hirnorganische Erkrankungen zurückzuführen. Auch sie können sich in psychischen Auffälligkeiten äußern. Versichert sind diese nur dann, wenn sie eindeutig auf einen hirnorganischen Schaden zurückzuführen sind. Dies ist oft schwer nachzuweisen.

In vielen solchen Fällen könnten Versicherer sich darauf berufen, es handle sich um eine Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung. Die R+V ist der einzige Anbieter im Test, der auf diesen Ausschluss verzichtet. Sie erhielt für ihre Versicherungsbedingungen mit das beste Urteil.

Auf einen anderen Ausschluss verzichtet kein einziger Versicherer: Unfälle und Krankheiten durch Bewusstseinsstörungen aufgrund suchterzeugender Mittel sind nirgends versichert. Angesichts des teilweise problematischen Alkoholkonsums unter Kindern und Jugendlichen ist dies leider kein Randthema mehr.

Angeborene Krankheiten versichert

Behinderungen infolge von angeborenen Erkrankungen dürfen Versicherer nicht mehr ausschließen. Solche Klauseln hatten wir in früheren Veröffentlichungen immer wieder als verbraucherfeindlich kritisiert. Jetzt hat der Bundesgerichtshof (BGH) sie aus der Welt geschafft (Az. IV ZR 252/06).

Geklagt hatte ein Vater, dessen Sohn an einem angeborenen Blutgerinnungsdefekt litt. Als der Junge sieben Jahre alt war, stellte das Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von 80 fest, weil es in seinen Gelenken immer wieder zu Blutungen kam.

Obwohl die Eltern beim Abschluss der Versicherung nichts von der Krankheit wussten, wollte der Versicherer nicht zahlen. Angeborene Krankheiten seien als Ursache für eine spätere Behinderung ausgeschlossen, argumentierte das Unternehmen. Der BGH erklärte diese Klausel jedoch für unwirksam. Mittlerweile haben alle Versicherer den Passus aus ihren Bedingungen gestrichen. Auch Kunden mit älteren Verträgen brauchen sich keine Sorgen zu machen. Durch das BGH-Urteil ist die Klausel in jedem Fall unwirksam geworden.

Je früher, desto besser

Je früher ein Vertrag abgeschlossen wird, desto besser. Denn sobald ein Krankheitsverdacht oder eine Entwicklungsstörung auftaucht, kann dies dazu führen, dass das Kind keine Versicherung mehr bekommt.

Eltern können ihren Nachwuchs aber noch nicht gleich nach der Geburt versichern. Den frühesten Beginn bieten Deutscher Ring und Barmenia, die Kinder schon ab der sechsten Woche annehmen.

Beantragen Eltern eine Versicherung für ihr Kind, müssen sie alles angeben, was sie über den Gesundheitszustand ihres Kindes wissen und den Arzt von der Schweigepflicht entbinden. Passiert beim Ausfüllen der Gesundheitsfragen ein Fehler, kann der Versicherer später die Leistung verweigern oder kürzen. Haben die Eltern absichtlich Erkrankungen ihres Kindes verschwiegen oder verharmlost, weil sie fürchteten, sonst keinen Vertrag zu bekommen, kann der Versicherer sogar vom Vertrag zurücktreten. Hat jemand dann schon Leistungen bekommen, muss er sie zurückzahlen.

Weil diese Konsequenzen vielen nicht klar sind, haben wir im Test großen Wert darauf gelegt, dass die Versicherungsgesellschaft ihre Kunden in aller Deutlichkeit darauf hinweist, was passieren kann, wenn sie bei den Antragsfragen Fehler machen.

Abgewertet haben wir Versicherer, die ihre Fragen so stellen, dass niemand darauf eine eindeutig richtige Antwort geben kann, zum Beispiel: „Ist das Kind zurzeit vollkommen gesund?“ Die Öffentliche Braunschweig erhielt deshalb für ihr Antragsformular ein „Mangelhaft“.

Hat der Kunde alles richtig gemacht, darf ihn der Versicherer nicht mehr rauswerfen. Der Vertrag gilt bis zum Endalter, das bei den meisten Versicherern der 18. Geburtstag ist. Manche versichern junge Leute länger, die Westfälische Provinzial sogar bis zum 27. Geburtstag.

Leider ist es bei keinem Versicherer möglich, den Vertrag anschließend automatisch ohne erneute Gesundheitsprüfung in eine Berufsunfähigkeitsversicherung umzuwandeln. 

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