Seit Januar gibt es Kindergeld für Volljährige unabhängig vom Einkommen. Doch Finanzamt und Gesetzgeber messen mit zweierlei Maß.

Erst Anfang des Jahres ist die Einkommensgrenze von 8 004 Euro für volljährige Kinder beim Kindergeld und den Kinderfreibeträgen gefallen. Doch schon gibt es Verwirrung in einem neuen Punkt. Strittig ist, wann die erwachsenen Kinder unbegrenzt und wann sie maximal 20 Stunden pro Woche jobben dürfen.

Im neuen Gesetzestext steht ein „Und“, das die Finanzverwaltung jetzt als „oder“ interpretiert. Erst nach der ersten Berufsausbildung „und“ dem ersten Studienabschluss spielt laut Paragraf 32 Einkommensteuergesetz der Umfang des Nebenjobs eine Rolle. Doch dieses „Und“ zwischen Ausbildung und Studium ignoriert das Bundesfinanzministerium (BMF), die Spitze der Finanzverwaltung. Es weist die Finanzämter und Familienkassen an, den Job bereits zu berücksichtigen, wenn das Kind die erste Berufsausbildung „oder“ den ersten Studienabschluss hat (BMF-Schreiben vom 7. 12. 2011, IV C 4 – S 2282/07/0001–01 ).

Folglich gelten Einschränkungen, wenn ein Kind erst einen Beruf gelernt hat und dann studiert oder wenn das Kind nach dem ersten Studienabschluss weiterstudiert, zum Beispiel nach dem Bachelor. Dieser Widerspruch wird sicher bald die Gerichte beschäftigen. Doch trotz der Unklarheiten bringen die neuen Regeln schon jetzt vielen Erleichterungen.

Wer profitiert von der Neuregelung beim Kindergeld?

Eltern von erwachsenen Kindern. Sie bekommen jetzt viel einfacher bis zum 25. Geburtstag ihrer volljährigen Kinder mindestens 184 Euro Kindergeld im Monat. Sie müssen nicht mehr aufwendig die Einkünfte und Bezüge der Kinder nachweisen.

Wie das Kindergeld sind auch die Kinderfreibeträge von insgesamt 7 008 Euro im Jahr und der Ausbildungsfreibetrag von 924 Euro im Jahr leichter zu haben. Den Ausbildungsfreibetrag bekommen Eltern für ihre erwachsenen Kinder, die auswärts lernen und während der Woche auch dort wohnen.

Finanzielle Vorteile haben durch die Änderung Eltern, deren Kinder bisher zu viel Geld hatten. Das war bei Auszubildenden mit hoher Vergütung der Fall und bei Jugendlichen mit hohen Nebeneinkünften.

Eltern, deren Kinder nach dem Studium ein Referendariat absolvieren oder ihren Doktor machen, profitieren ebenfalls. Diese Zeiten zählen zur Ausbildung. Bisher entfiel dafür häufig wegen einer zu hohen Vergütung das Kindergeld.

Dürfen die Kinder jetzt beliebig viel verdienen?

Ja, erst nach dem ersten Studienabschluss und – nach Auffassung der Finanzverwaltung: „oder“ – der ersten Ausbildung kommt eine zeitliche Bedingung hinzu. Das volljährige Kind darf in dem Nebenjob nicht mehr als 20 Stunden regelmäßig in der Woche arbeiten.

Beispiel: Daniel hat einen Berufsabschluss als Hotelfachmann und studiert jetzt Touristik. Nebenbei arbeitet er in Hotels. Seine Eltern müssen das Kindergeld unabhängig von seinem Nebenverdienst erhalten.

Nach dem Gesetz spielt auch die Arbeitszeit im Nebenjob keine Rolle, weil Daniel zwar eine Berufsausbildung, aber noch kein Studium abgeschlossen hat. Die Praxis wird derzeit allerdings anders aussehen, weil die Familienkassen und Finanzämter dem Schreiben des Bundesfinanzministeriums folgen werden. Sie werden Daniels Nebentätigkeit bereits jetzt prüfen, weil er eine Lehre abgeschlossen hat. Er darf nach ihrer Ansicht während seines Studiums höchstens 20 Stunden in der Woche regelmäßig nebenbei jobben, sonst ist das Kindergeld verloren.

Nach Auffassung der Behörden gefährden auch umfangreiche Nebenjobs während des Masterstudiums das Kindergeld. Denn es wird als Zweitstudium gewertet.

Tipp: Legen Sie Einspruch ein, wenn die Familienkasse Ihnen in solchen Fällen das Kindergeld streicht. Lehnt die Behörde ab, gibt es vielleicht schon Musterverfahren, in die Sie sich kostenlos einklinken können. Finanztest wird Sie auf dem Laufenden halten.

Die Prüfung der 20-Stunden-Grenze entfällt, wenn Studenten vor dem Studium noch keinen Berufsabschluss gemacht haben. Sie können beliebig viel jobben, zumindest bis zum Bachelorabschluss.

Dürfen Studenten, die nach dem Bachelor weiterstudieren oder schon einen Beruf gelernt haben, während der Ferien ohne Bedingungen jobben?

Ja. Die Arbeitszeit darf dann auch mehr als 20 Stunden in der Woche betragen, wenn sie nicht länger als zwei Monate arbeiten.

Im Jahresdurchschnitt müssen sie jedoch immer die 20-Stunden-Grenze einhalten. Das ist auch so, wenn Studenten mal mehr als 20 Stunden und mal weniger jobben.

Beispiel: Max ist im Masterstudium. In den Ferien will er im Juli und August 40 Stunden in der Woche als Aushilfskraft im Supermarkt arbeiten und danach von September bis Dezember nur noch 10 Stunden in der Woche. Weil Max länger als zwei Monate arbeitet, prüft die Behörde, ob er im Schnitt nicht mehr als 20 Stunden arbeitet:

Die neue 20-Stunden-Grenze

Nebenjob Juli bis August: 9 Wochen x 40 Stunden = 360 Stunden
+ Nebenjob September bis Dezember:17 Wochen x 10 Stunden = 170 Stunden
Gesamtstunden = 530 Stunden
geteilt durch 52 Wochen/Jahr = 10,2 Stunden

Max’ Eltern bekommen auch während des Zweitstudiums noch das Kindergeld.

Arbeitet Max mehr als zwei Monate lang im Jahr Vollzeit, entfällt das Kindergeld – allerdings nur für diesen Zeitraum!

Anders als bisher darf die Familienkasse das Kindergeld nicht mehr für das ganze Jahr zurückverlangen, sondern nur für die Monate, in denen das Kind während des Zweitstudiums oder der Zweitausbildung die 20-Stunden-Grenze überschritten hat.

Tipp: Ein Minijob gefährdet in keinem Fall das Kindergeld, auch nicht, wenn das Kind regelmäßig bis zu 400 Euro im Monat abgabenfrei dazuverdient.

Darf auch die Arbeitszeit in einem bezahlten Praktikum während der Ausbildung nicht mehr als 20 Stunden betragen?

Doch, das darf sie. Wenn ein Praktikum zur Ausbildung gehört, spielt die Arbeitszeit keine Rolle für das Kindergeld. Freiwillige Praktika zählen jedoch längstens sechs Monate zur Berufsausbildung.

Können Studenten ihre Ausgaben fürs Studium in der Steuererklärung geltend machen?

Ja, bis zum Bachelorabschluss akzeptiert das Finanzamt seit diesem Jahr bis zu 6 000 Euro als Sonderausgaben. Die wirken sich aber nur bei Studenten aus, die nebenbei jobben und dafür Steuern zahlen müssen.

Ist der Bachelor geschafft, zählen weitere Studienkosten als vorweggenommene Werbungskosten. Der Vorteil: Für Ausgaben, die sich nicht verrechnen lassen, können Studenten einen Verlust feststellen lassen. Damit sparen sie später Steuern, wenn sie mehr Geld verdienen.

Tipp: Rechnen Sie Ausgaben für Ihr erstes Studium wie Studiengebühren und Fahrtkosten zur Uni auf jeden Fall in der Steuererklärung ab. Bringen die Kosten Ihnen als Sonderausgaben nichts, sollten Sie Ihre Ausgaben als Werbungskosten angeben.

Lehnt das Finanzamt ab, legen Sie Einspruch ein. Beantragen Sie zugleich das Ruhen des Verfahrens und verweisen auf ein neues Verfahren beim Bundesfinanzhof mit dem Aktenzeichen VIII R 49/11. Die Richter müssen erneut entscheiden, ob es rechtens ist, dass Ausgaben für das erste Studium nur Sonderausgaben sein sollen.

Was können Eltern tun, wenn das Kindergeld verloren ist?

Ist das Kindergeld verloren, weil das Kind über 20 Wochenstunden arbeitet oder mehr als 25 Jahre alt ist, können Eltern bis zu 8 004 Euro Unterhalt im Jahr absetzen. Einkünfte und Bezüge des Kindes bis 624 Euro im Jahr sind unschädlich. Beträge über der Grenze gehen von den 8 004 Euro ab.

Gilt der Wegfall der Einkommensprüfung auch für behinderte Kinder?

Nein. Erhalten Eltern für ihr Kind nicht aufgrund der Ausbildung Kindergeld, sondern wegen einer Behinderung, gelten besondere Bedingungen. Es ist nach wie vor entscheidend, ob das Kind seinen Unterhalt durch eigenes Einkommen bestreiten kann.

Unschädlich ist ein eigenes Einkommen von 8 004 Euro im Jahr, so hoch ist das steuerliche Existenzminimum, das steuerfrei bleiben muss. Bevor diese Grenze greift, ziehen die Beamten allerdings vom Einkommen jeweils einen individuell berechneten behinderungsbedingten Mehrbedarf ab. Daran hat sich nichts geändert.

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