Kieferorthopädie Test

Edelstahl-Brackets: Sie sind auffällig, aber wirksam.

Schiefe Zähne können gerade gerückt werden. Die Therapie ist teuer, und private Zuzahlungen sind oft üblich. Doch nicht immer sind sie auch notwendig.

Bei etwa jedem zweiten Kind und Jugendlichen ist eine kieferorthopä­­dische Korrektur erforderlich, wenn die bleibenden Zähne nach und nach die Milchzähne verdrängen. Eltern stehen dann häufig vor der Frage, ob die Grundversorgung, die die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren, für ihre Kinder ausreicht. Kieferorthopädische Extras, die schöner aussehen oder angenehmer zu tragen sind, müssen die Versicherten privat bezahlen. Oft gilt das auch für moderne Behandlungsmethoden, die über die Grundversorgung hinausgehen, medizinisch aber durchaus sinnvoll sein können – die Behandlung zum Beispiel beschleunigen. Doch die Kieferorthopäden sind gehalten, auf Kassenkosten ausschließlich „zweckmä­ßig, ausreichend und wirtschaftlich“ zu behandeln. Das heißt im Klartext: Wenn zwei Behandlungsme­tho­den medizinisch gleichwertig sind, ist die preiswertere zu wählen.

Wann die Kasse zahlt

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Kindern und Jugendlichen bis zu 18 Jahren steht eine Kieferkorrektur auf Kassenkosten zu, wenn sie eine Zahnfehlstellung haben, die Beißen, Kauen, Sprechen oder Atmen erheblich beeinträchtigt oder zu beeinträchtigen droht. Kieferorthopäden stufen Patienten in fünf kieferorthopädische Indikationsgruppen ein. Innerhalb dieser gibt es fünf Schweregrade von „leichter“ bis „extrem stark ausgeprägter“ Zahn- oder Kieferfehlstellung.

Die Krankenkasse zahlt erst ab Grad drei – bei „ausgeprägten“ Fehlstellungen. Leicht schie­fe Zähne zum Beispiel oder ein leichter Überbiss gehören zu den Indikationsgruppen eins und zwei. Sie gelten nicht als erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung. Da Korrekturen in solchen Fällen vorwiegend kosmetischen Zwecken dienen, sind sie aus eigener Tasche zu bezahlen. Das gilt auch, wenn Patienten der kieferorthopä­dischen Indikationsgruppen drei bis fünf eine bequemere oder schönere Lösung wünschen.

Was Eltern sagen

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In einem Leseraufruf haben wir Eltern gebeten, über ihre Erfahrungen mit Kieferorthopäden, Therapievorschlägen und „außer­vertraglichen“ – privat zu zahlenden – Leistungen zu berichten. „Die Gesundheit unserer Kinder liegt uns natürlich sehr am Herzen“ – so der Tenor etlicher Zuschriften. Fast alle Eltern haben für ihre Kinder Zusatzleistungen in Anspruch genommen. Die meisten Berichte zeugen jedoch von einer großen Unsicherheit. Viele Eltern haben das Gefühl, als Laien nur schwer einschätzen zu können, was wirklich notwendig ist und was die Behandlung unnötig verteuert.

Eine Mutter schreibt zum Beispiel: „Ich weiß nicht, ob meine Entscheidung richtig war. Vielleicht wäre die Leistung der Krankenkasse ausreichend gewesen. Vielleicht wäre Daniel dann als Patient zweiter Klasse behandelt worden. Vielleicht habe ich den Arzt vorm Hungertod gerettet, vielleicht kann er sich demnächst ein größeres Auto kaufen. Keine Ahnung.“

Warum Versicherte verunsichert sind

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An der Verunsicherung ihrer Versicherten sind die Krankenkassen nicht unbeteiligt: In den kieferorthopädischen Indikationsgruppen haben sie zwar geregelt, für welche Fehlstellungen sie die Behandlungskosten übernehmen. Sie drücken sich aber weitgehend davor, die Leistungen konkret festzulegen, definieren also nicht, für welche Behandlungsverfahren und -apparaturen sie zahlen. Eindeutige und bundesweit einheitliche Regelungen fehlen. Nur die Techniker Krankenkasse und die Hanseatische Krankenkasse haben ein Abkommen mit dem Berufsverband der Kieferorthopäden und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung geschlossen, in dem sie die Leistungen ganz konkret benennen.

Orientierungshilfe

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Um Eltern und Patienten Orientierungshilfe zu geben, stellen wir die häufigsten Zusatzleistungen vor, die unseren Lesern in kieferorthopädischen Praxen angeboten wurden, und informieren darüber, ob sie medizinisch sinnvoll sind oder lediglich angenehmer zu tragen und schöner anzusehen sind als die Spangen und Apparaturen, die die Kassen bezahlen. Die genauen Beschreibungen und Bewertungen sind in „Vorbeugende Diagnostik und Behandlung“ zu finden und in den Tabellen „Brackets und Drähte“ und „Spangen und Gummizüge“.

Lücken und Platzmangel

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Untersuchung beim Kieferorthopäden.

Zähne sollten eigentlich wie Zahnräder ineinander greifen und sich nicht gegenseitig im Weg stehen oder gar abschleifen. Doch ein perfektes Gebiss ist selten. Zu den häufigsten Problemen zählen Lücken zwischen den Zähnen, Zahnengstand – verdrehte oder in „zweiter Reihe“ wachsende Zähne, Überbiss – vorstehende Schneidezähne, und Kreuzbiss – die oberen und unteren Backenzähne treffen nicht richtig aufeinander. Oft leiden Patienten unter mehreren Fehlstellungen. Wenn Zähne und Kiefer nicht optimal auf- und ineinander passen, zerkleinern sie die Nahrung nicht genügend, und das Kariesrisiko ist erhöht, weil die Zähne nicht gut zu reinigen sind. Fehlbelas­tungen führen zu verstärkter Abnutzung der Zähne und Veränderungen am Kieferknochen. Auch Kiefergelenkprobleme, Verspannungen im Hals- und Nackenbereich, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen können die Folge sein.

Eine Zahnkorrektur beginnt meist dann, wenn die bleibenden Zähne teilweise durchgebrochen sind, zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr. In der ersten Phase des Zahnwechsels ist eine Behandlung meist nicht sinnvoll, wird von den Krankenkassen auch nur in genau festgelegten Einzelfällen bezahlt.

Heil- und Kostenplan

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Wenn das Kind eine ausgeprägte Fehlstellung hat, stellt der Kieferorthopäde einen Heil- und Kostenplan für maximal vier Jahre auf, der von der gesetzlichen Krankenkasse zu bewilligen ist. Dann streckt die Kasse die Kosten für das erste Kind zu 80 Prozent und ab dem zweiten Kind zu 90 Prozent vor. Bei veranschlagten Kosten von beispielsweise 3 000 Euro müssen die Eltern also zunächst einen Eigenanteil von 600 Euro für das erste Kind und 300 Euro für jedes weitere Kind übernehmen.

Eine kieferorthopädische Behandlung dauert im Schnitt zwei bis drei Jahre, bei schwierigen Fehlstellungen auch länger. Nach erfolgreichem Abschluss der Behandlung erstattet die Kasse den Eigenanteil zurück – vorausgesetzt die Patienten arbeiten tatkräftig mit. Denn die Zahnspangen müssen nicht nur konse­quent viele Stunden am Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr getragen werden. Der Druck, mit dem die Zähne in die richtige Richtung gedrängt werden, kann manchmal auch unangenehm sein.

Wenn die Kinder und Jugendlichen nicht genügend Ausdauer und Konsequenz zeigen, können sie von der Kasse abgemahnt werden. Nach einer zweiten fruchtlosen Ermahnung zahlt sie den Eigenanteil nicht zurück, auch nicht bei vorzeitigem Abbruch der Behandlung.

Herausnehmbare Spangen

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Herausnehmbare Spange: Sie besteht aus Kunststoff und Draht.

Für die Regulierung schiefer Zähne, eines zu schmalen oder zu breiten Kiefers steht dem Kieferorthopäden ein breites Behandlungsspektrum zur Verfügung – je nach Geldbeutel als Grundversorgung auf Kassenkosten oder als Luxusversion auf Privatkosten (siehe Tabelle „Brackets und Drähte“).

Bei aller Vielfalt gibt es jedoch zwei grundsätzlich unterschiedliche Systeme: herausnehmbare Spangen und fest sitzende Apparaturen. Herausnehmbare Spangen werden vor allem beim Wechsel von den Milchzähnen zum bleibenden Gebiss bei einfachen Fehlstellungen eingesetzt. Sie ermöglichen eine gute Zahnreinigung und verursachen meist keine Schäden an Zahnwurzeln und Zahnhalteapparat. Die Therapie dauert jedoch meist länger.

Fest sitzende Apparaturen

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Keramik-Brackets: Sie sind durch­sichtig, sehr hart und können die Zähne schädigen.

Fest sitzende Apparaturen eignen sich für Jugendliche und Erwachsene mit ausge­präg­ten Zahn- und Kieferfehlstellungen. Die Behandlungsdauer ist meist kürzer, das Ergebnis oft besser. Allerdings bieten sie zahlreiche Nischen für Speisereste und Beläge, die Zahnpflege ist sehr aufwendig.

Häufig werden beide Behandlungsverfahren auch kombiniert: Zunächst setzt der Kieferorthopäde dem Patienten herausnehmbare Spangen ein, um dann in einem zweiten Schritt mit fest sitzenden Apparaturen die präzise Feineinstellung der Zähne vorzunehmen.

Außenspangen

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Außenspang:. Sie kann Zähne des Oberkiefers nach vorn oder hinten schieben.

Mit Außenspangen („Headgear“) lassen sich alle Zähne des Oberkiefers nach vorn und hinten verschieben. Sie entwickeln große und gleichmäßige Kräfte, indem sie die Gegenkraft am Kopf abstützen. Sie müssen meist mindestens zwölf Stunden am Tag getragen werden. Als Alternative kommen kieferorthopädische Miniimplantate infrage, die am Gaumen befestigt werden und als feste Verankerung dienen (siehe Tabelle „Spangen und Gummizüge“). Auch Zähneziehen kann manchmal sinnvoll sein.

Standard bis „Maximum an Ästhetik“

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Herbst-Scharnier (oberes Bild): Schiebt den Unter­kiefer nach vorn, mögliche Alternative zu Außenspange.
Gummizug (unteres Bild): Korrigiert schräg stehende Zähne, einfach einzuhängen.

Arztpraxen verteilen vor der kieferorthopädischen Behandlung häufig Faltblätter und anderes Infomaterial an die Eltern. Einige unterscheiden nur zwischen „Kasse“ und „Komfort“, andere zwischen „zweckmäßig“ und „einfach besser!“, „Kassenleistung“ und „guter Standard“ oder bieten sogar die Wahl zwischen vier „Paketen“: „zweckmäßig, wirtschaftlich und ausreichend“, „modern und fortschrittlich“, „Komfort und Sicherheit“ sowie „Sondertechniken – Maximum an Ästhetik“.

Viele unserer Leser fühlten sich gut informiert und nicht gedrängt, zusätzliche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Aber nicht alle. Einige fühlten sich durchaus unter Druck gesetzt – entweder indem ihnen ein Behandlungsabbruch in Aussicht gestellt wurde oder indirekt, indem auf Schmerzen und eine lange Behandlungsdauer verwiesen wurde. Die Behandlungspläne, die uns geschickt wurden, weisen bei den privat zu zahlenden Zusatzleistungen eine große Preisspanne auf. Insofern kann es sinnvoll sein, vor einer kieferorthopädischen Behandlung eine Zweitberatung in Anspruch zu nehmen (siehe „Zusatzvereinbarung“).

Kieferorthopäden sollten über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungs- und Materialalternativen aufklären. Sofern Patienten oder ihre Eltern darauf verzichten, privat zu zahlende Zusatzleistungen in Anspruch zu nehmen, müssen sie möglicherweise längere Behandlungszeiten, einen häufigen Wechsel der Drähte, eine Außenspange oder empfindliche Zähne in Kauf nehmen. Eins aber muss der Kieferorthopäde sicherstellen: Auch mit der Kassenbehandlung muss er ein gutes Ergebnis erzielen.

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