Kettenbriefe Meldung

Kettenbriefe versprechen Millionengewinne mit minimalem Einsatz. Doch in aller Regel kassieren nur die Urheber.

Wer kann dazu schon Nein sagen: 30 Millionen Mark zu verdienen fast ohne Aufwand. Diese Chance verspricht der "Cash-Super-Gewinnbrief". Wer reich werden will, muss nicht viel tun. Dem Brief liegt eine Liste mit drei Adressen bei. An die erste Adresse schickt der neue Teilnehmer 30 Mark. Dann streicht er sie. Die zweite Adresse setzt er auf Platz eins, die dritte auf Platz zwei, sich selbst schreibt der angehende Millionär auf Platz drei. Dann muss er den Kettenbrief nur noch an 100 Menschen weiterleiten.

"Nehmen wir einmal an, Sie versenden 100 Cash-Super-Gewinnbriefe", wird in dem Schreiben vorgerechnet. Dann kämen nach wenigen Wochen bei gleicher Aktivität der nächstniedrigen Teilnehmer Überweisungen von 30 Millionen Mark auf dem Konto an. Denn die 100 Angeschriebenen werben jeweils 100 neue Teilnehmer und diese wiederum weitere. In der dritten Teilnehmergeneration nach dem Abschicken ist es geschafft: Der Absender, der sich zunächst auf Platz drei setzen musste, ist auf Platz eins der Liste vorgerückt und soll von einer Million Neuen jeweils 30 Mark bekommen - insgesamt 30 Millionen Mark, wie versprochen.

In der Musterrechnung ist sogar eingeplant, dass viele Angeschriebene ihre Teilnahmechance ausschlagen: "Selbst wenn Sie pessimistisch sind und davon ausgehen, dass nicht 10 Prozent, sondern nur 5 Prozent der Briefempfänger klug sind, die Chance ihres Lebens zu erkennen, stapeln sich in wenigen Wochen mindestens 1,5 Millionen Mark auf Ihrem Bankkonto."

Doch schon diese Rechnung trügt. Denn die Organisatoren gehen darin davon aus, dass am Ende immerhin 50.000 Menschen Geld schicken, also 5 Prozent von einer Million. Doch die Kette wird wohl nicht erst in der dritten Generation zerbröseln, sondern schon viel früher. Spielen schon in der ersten Runde nämlich nur 5 Prozent der 100 Wunschteilnehmer mit, sind es am Ende gerade mal 125, die Geld schicken.

Der Haken ist offensichtlich: Selbst 125 Menschen werden in der dritten Briefrunde nicht unbedingt bereit sein, die Kette fortzuführen. "Nach unten plätschert das Ganze aus", beschreibt Peter Lischke, Jurist bei der Berliner Verbraucherzentrale die Gefahr des Systems. Denn je länger die Kette wird, desto schwieriger wird es auch, neue Glieder anzuschließen.

Den Letzten beißen die Hunde

Die letzten Absender des Kettenbriefs beißen also die Hunde. Es verdienen bei den Kettenbriefen nämlich zuerst die, welche die Kette begonnen haben. Beim "Cash- Super-Gewinnbrief" verdienen die Urheber der Aktion sogar gleich mehrfach. Denn man darf den Kettenbrief nicht einfach abschreiben oder kopieren. Vielmehr muss man die Exemplare, die man versenden will, bei "Cash-Super-System Druck&Versand" bestellen, einem "Vertriebspartner" des Kettenbriefherausgebers Daniel Jäger. 20 Mark sollen die hundert Blätter kosten - im Copy-Shop an der Ecke gibts hundert Kopien meist schon für die Hälfte.

Auch bei der Beschaffung der Adressen will das Cash-Super-System behilflich sein. Man könne den Brief zwar an Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen weiterschicken, heißt es in dem Schreiben. Aber "davon werden Sie wohl kaum hundert Stück zusammenbekommen." Deshalb hat die Firma auch gleich die Anschriften von Menschen im Angebot, an welche die Interessenten den Gewinnbrief weiterschicken können. Die Lieferung von "100 exclusiv Adressen mit Selbstklebe-Etiketten auf Briefumschlag" kostet schlappe 30 Mark.

Alles zusammen kostet den Einsteiger die Kettenbriefaktion also erst einmal 200 Mark: 30 für den Einstand, 20 für die Briefe, 30 für die Adressen plus 10 Mark für die Zustellung und 110 Mark für das Briefporto.

Nur bei wenigen Kettenbriefaktionen geht es wirklich um den Jux, Schokoladentäfelchen oder Kaugummis durch die Lande zu schicken. Viele fordern dazu auf, Geld zu verschicken, oder wollen auf andere Weise Geschäfte machen: Windige Händler starten Kettenbriefe, die die Empfänger möglichst oft weitersenden sollen, um möglichst vielen ihrer Bekannten und Freunde die angeblich sensationellen Angebote des Urhebers bekannt zu machen - der Kettenbrief als billiger Reklameweg. Das meiste, was auf solchen Wegen feilgeboten wird, ist aber mit den Worten von Peter Lischke von der Berliner Verbraucherzentrale "schöner Tand" und in normalen Läden weit billiger zu kriegen.

Selbst wenn weder Geldgeschäfte noch Produktvermarktung im Spiel sind, kann die Kettenpost lästige Folgen haben. Denn einige der Organisatoren des Kettenbriefgeschäfts verdienen ihr Geld damit, dass sie die Adressen der Mitspieler an Werbeunternehmen verkaufen. Sie schicken scheinbar harmlose Fragebögen los. Die Empfänger sollen diese zum einen unausgefüllt an andere weitergeben, zum anderen gilt es, einen Bogen ausgefüllt zurückzuschicken. Darauf geben die Einsender dann so scheinbar belanglose, für die Werbebranche aber außerordentlich wichtige Informationen wie Alter, Haushaltsgröße oder Hobbys preis.

Dann kommen nicht die Schreiben von neuen Kettenbriefteilnehmern, sondern stattdessen Werbepost. Regelrecht "mit Werbung zugeballert" würden manche, deren Adressen einmal in zweifelhafte Hände gelangt seien, sagt Verbraucherschutz-Jurist Lischke.

Zwei Jahre Gefängnis

Wenn dem Empfänger eines Kettenbriefs ein Gewinn nur für den Fall versprochen wird, dass er neue Teilnehmer wirbt, machen sich Organisatoren - und auch Teilnehmer - strafbar. Sie verstoßen gegen das Wettbewerbsgesetz, das solche "progressive Kundenwerbung" - wie etwa beim Cash-Super-Gewinnbrief - verbietet. Es drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis. Häufig verfolgen Staatsanwälte die Teilnehmer aber nicht weiter, schließlich sind die in aller Regel ohnehin eher Geschädigte als Abkassierer.

Höchstrichterlich bestätigt ist die Sittenwidrigkeit solcher Schneeballsysteme. Der BGH vertrat 1997 diese Ansicht (Urteil vom 22. April 1997, Az: XI ZR 191/96) und eröffnete damit Geprellten wenigstens die Chance, ihre verlorenen Einsätze zurückzufordern. Doch bei denen, die den Brief nur weitergeleitet haben, ist meist wenig zu holen. Und die Organisatoren, die das dicke Geld abgezockt haben, sitzen häufig im Ausland. Gegen sie zu klagen, ist sehr aufwendig und steht, besonders bei kleinen Einsätzen, schlicht nicht im Verhältnis zum erlittenen Schaden.

Am besten geht man den Kettenbriefen gar nicht auf den Leim. "Auf unverlangt Zugeschicktes muss niemand reagieren", sagt Verbraucherschützer Lischke. Auch zurückzuschicken braucht man CDs, Bücher oder was sonst unverlangt im Postkasten landet, nicht - lediglich zum Aufbewahren ist der Empfänger ein Jahr lang verpflichtet. Am besten fährt also, wer Kettenbriefe ins Altpapier schmeißt.

Gefährliche E-Mails

Seit immer mehr Menschen immer mehr Schriftverkehr über E-Mail erledigen, hat sich auch für Kettenbriefschreiber ein neues Feld aufgetan. Im Vergleich zum Brief ist die elektronische Post viel günstiger, es lassen sich sehr einfach viele Empfänger erreichen.

"Der vielleicht wichtigste Brief des Jahres" heißt es in einer solchen E-Mail. Mit US-amerikanischen Ein-Dollar-Banknoten soll man hier in kürzester Zeit zum Millionär werden können: Einfach jeweils einen solchen Schein an die sieben Menschen verschicken, die in der Liste über einem stehen und den Brief beliebig oft weiterleiten - egal ob als Brief oder als E-Mail. Adressen gibts auch bei die-sem Kettenbrief zu kaufen. Schon nach kurzer Zeit bricht angeblich ein Geldsegen von über 800.000 Dollar über den Absender herein.

Aber auch Elektropost, die nicht auf Abzockerei angelegt ist, kann gefährlich sein, warnt Hubertus Soquat, Referent für Datensicherheit in Computernetzen beim Bundeswirtschaftsministerium. Denn oft sind kleine Computerprogramme an die E-Mails angehängt.

"Trojanische Pferde" heißen sie bei Computerfachleuten. Denn ähnlich wie im antiken Troja verschaffen sich unerwünschte Eindringlinge mit den scheinbar harmlosen Programmen Zugang zu fremden Rechnern. Die Programme können beispielsweise sämtliche Daten, die der Nutzer in seinem PC gespeichert hat, an den Kettenbriefurheber schicken. Das ist besonders heikel, wenn es um Konto- und Geheimnummern geht. Datensicherheitsexperte Soquat rät deshalb: "Keine Dateien und Programme auf den eigenen PC speichern, deren Absender zweifelhaft ist."

Dieser Artikel ist hilfreich. 263 Nutzer finden das hilfreich.