Katastrophen-Warn-Apps So erhalten Sie Gefahrenhin­weise aufs Handy

07.09.2021
Katastrophen-Warn-Apps - So erhalten Sie Gefahrenhin­weise aufs Handy
Hoch­wasser­katastrophe. Warnungen mit konkreten Hinweisen können das Schlimmste verhindern. © laif / Gordon Welters

Apps auf dem Smartphone warnen vor Natur­katastrophen, Bränden oder Anschlägen. Die Stiftung Warentest stellt einige Warn-Apps von Behörden und privaten Anbietern vor.

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Was sollen Katastrophen-Warn-Apps leisten?

Extreme Regenfälle, Sturz­fluten, Explosionen, Groß­brände, Bombenfunde, Amokläufe – die Liste möglicher Gefahren für die Bevölkerung ist lang. Hoch­wasser-Katastrophen wie die im Ahrtal lassen sich vor ihrem Eintritt voraus­sagen, andere Ereig­nisse wie die Explosion in einer Lever­kusener Müll­verbrennungs­anlage Ende Juli erfordern eine schnelle Information der Bevölkerung im Nach­hinein.

Ein Weg dafür können Warn-Apps sein. Die Stiftung Warentest stellt im Folgenden einige Apps vor, die in Deutsch­land Warnmeldungen zu allgemeinen Gefahren für die Bevölkerung verschi­cken oder Wetter­vorhersagen und Pegel­stände darstellen. Wir haben Nina, Katwarn, Biwapp, WarnWetter und Meine Pegel jeweils in der Android- und iOS-Variante herunter­geladen und uns die Funk­tionen angeschaut. Ein voll­ständiger Test der Apps ist nicht möglich, da wir Warnungen, die die Sicherheit der Bevölkerung betreffen, weder produzieren wollen noch dürfen.

Wie funk­tionieren Warn-Apps und was ist Cell Broad­cast?

Bürgerinnen und Bürger müssen die Apps aufs Smartphone herunter­laden, was bisher nicht viele Menschen in Deutsch­land getan haben. Außerdem funk­tionieren die Warn-Apps nur mit Internet­verbindung. Deshalb wird in Deutsch­land derzeit über die Einführung eines alternativen Warn­systems über das Mobil­funk­netz diskutiert.

Cell Broad­cast funk­tioniert so, dass jeder, der sich in einem bestimmten Gebiet aufhält, im Katastrophenfall auto­matisch eine Warnmeldung erhält, egal ob er das neueste Smartphone oder ein uraltes Tasten­handy nutzt. Andere Länder wie die USA, Kanada oder die Nieder­lande nutzen das System bereits erfolg­reich.

Was sind die Vorteile des Cell Broad­cast?

Im Gegen­satz zu App-Benach­richtigungen, die an jedes Gerät einzeln verschickt werden müssen, wird eine Nach­richt per Cell Broad­cast ähnlich wie ein Radio­signal an alle Geräte in einer Mobil­funk­zelle vers­endet. Das funk­tioniert in der Regel auch in über­lasteten Netzen, weil die Daten­menge sehr klein ist. Außerdem ist keine Installation einer App nötig. Selbst sehr alte Handys können diese Nach­richten empfangen.

Wann gibt es das bei uns?

Ob und wann Deutsch­land dieses System einführt, ist zum aktuellen Zeit­punkt noch unklar. Daher sind Warn-Apps derzeit neben Radio, Fernsehen und Sirenen eine zentrale Möglich­keit, Warnungen zu erhalten. Im Folgenden stellen wir einige von ihnen vor.

Nina: Die offizielle Warn-App des Bundes

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Die App Nina wird vom Bundes­amt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophen­hilfe (BBK) seit 2015 angeboten. In Deutsch­land ist der Katastrophen­schutz in Friedens­zeiten jedoch Aufgabe der Länder, sodass das BBK nur unterstützend mitwirkt.

Das Versprechen: Alle Warnungen in einer App

Über das Modulare Warn­system (MoWaS) des BBK können Land­kreise, kreisfreie Städte und andere Behörden und Hilfs­organisationen Warnmeldungen verschi­cken. Nina zeigt diese dann an. Die App wird laut BBK von zehn Millionen Menschen genutzt.

Das kann die App

Nina zeigt die Warnmeldungen an, die über MoWaS eingehen. Auch Warnungen anderer App-Betreiber wie Biwapp und Katwarn würden, so sei es vertraglich geregelt, ebenfalls in Nina ange­zeigt, teilte eine BBK-Sprecherin auf Anfrage von test.de mit.

Zudem werden ab einer gewissen Warn­stufe auch Wettermeldungen des Deutschen Wetter­dienstes sowie Hoch­wasser­meldungen der Bundes­länder über­nommen. Zusätzlich zeigt Nina aktuelle Corona-Regeln sowie Verhaltens­tipps für den Katastrophenfall an.

Gibts auch im Web: Die Warnungen des MoWaS sind auch auf der Webseite warnung.bund.de einsehbar.

Katwarn: Der Pionier

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Katwarn war die erste Katastrophen-Warn-App in Deutsch­land. Die App ist seit 2011 verfügbar und wurde vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikations­systeme im Auftrag der Versicherungs­wirt­schaft entwickelt. Kommunen können die App und das dahinterliegende System lizenzieren und auf diese Weise ihre Meldungen verbreiten.

Das kann die App

Neben den Meldungen der Land­kreise und Städte, die Katwarn als Warn­system nutzen, lassen sich auch weniger zeitkritische Informationen, etwa über Schul­schließungen, auf diese Weise verbreiten. Katwarn zeigt zudem die Meldungen aus dem BBK-System MoWaS an. Laut eigenen Angaben hat die App 3,8 Millionen aktive Nutzer.

Darüber hinaus wird die App von Veranstaltern genutzt, um zum Beispiel Festival­besucher über lokale Ereig­nisse zu informieren. Das funk­tioniert über sogenannte Themen-Abos. Es gibt auch Regional­versionen der App: So bietet das Land Hessen die App Hessenwarn an.

Gibts auch im Web: Alle Katwarn-Warnungen sind auf der Webseite warnungen.katwarn.de aufgelistet.

Biwapp: Lokale Informationen zu Verkehr und Schule

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Biwapp stammt ebenfalls von einem privaten Anbieter, der Agentur Markt­platz GmbH. Seit 2016 bietet sie Kommunen die Möglich­keit, gegen eine Lizenz­gebühr Meldungen an die Bevölkerung zu verschi­cken.

Das kann die App

Der Fokus von Biwapp liegt auf lokalen Informationen wie Hinweisen zu geschlossenen Schulen, gesperrten Straßen und Fahndungs­aufrufen der Polizei. Biwapp über­nimmt ebenfalls die Warnungen aus dem BBK-System MoWaS.

Über eine Notruf-Funk­tion kann man sich die ungefähre Adresse oder die Koor­dinaten des aktuellen Stand­orts anzeigen lassen. Wenn man in einer unbe­kannten Stadt zum Beispiel den Rettungs­dienst rufen muss, kann das praktisch sein. Von Biwapp gibt es ebenfalls Regional­versionen, etwa die HRO-App der Hanse­stadt Rostock.

Gibts auch im Web: Die über Biwapp verschickten Meldungen erscheinen auch auf der Webseite biwapp.de/#biwappimweb.

WarnWetter: Präzise Wetter­prognosen vom Deutscher Wetter­dienst

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Wer möglichst genau über Stark­regen, Orkane und Sturm­fluten informiert werden möchte, kann zum Beispiel WarnWetter, die Warn-App des Deutschen Wetter­dienstes, nutzen. Dieser ist eine Bundes­behörde und gesetzlich für die Forschung und Information im Bereich Meteorologie zuständig.

Das kann die App

Neben Wetterwarnungen aller Warn­stufen zeigt das Programm auch stundengenaue Wetter­vorhersagen für ganz Deutsch­land. Zusätzlich gibt es animierte Wetterkarten, Einschät­zungen der Wald­brand- und Lawinengefahr sowie spezielle Vorher­sagen für die Küsten­regionen.

Die Warnungen sind kostenlos, sons­tige Vorher­sagen müssen einmalig für 1,99 Euro frei­geschaltet werden. Ein privater Anbieter von Wetterbe­richten hatte sich vor Gericht durchgesetzt, da er sich durch das kostenlose staatliche Angebot im Wett­bewerb benach­teiligt sah.

Gibts auch im Web: Wer die App nicht nutzen möchte, findet alle Wetterwarnungen auf dwd.de.

Meine Pegel: Hoch­wasser­warnung nach Maß

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Hoch­wasser­warnungen bieten alle bisher genannten Warn-Apps. Diese werden jedoch nur nach Bundes­ländern differenziert, weshalb man auch Benach­richtigungen für weit entfernte Gewässer bekommen kann. Wer in Würzburg lebt, interes­siert sich möglicher­weise aber nur für den örtlichen Pegel des Main und nicht für den der Donau.

Das kann die App

Meine Pegel liefert örtlich feiner differenzierte Informationen zu Seen und Flüssen. Mit der App des länder­über­greifenden Hoch­wasser­portals, das von allen 16 Bundes­ländern gemein­sam betrieben wird, lassen sich einzelne Pegel auswählen und Benach­richtigungen bei der Über- oder Unter­schreitung eines bestimmten Wasser­stands akti­vieren. Das Hoch­wasser­portal weist darauf hin, dass die Daten der Mess­stellen in der Regel mit 5 bis 20 Minuten Verzögerung in der App ange­zeigt werden. Die Detailtiefe der Informationen variiert je nach Region.

Gibts auch im Web: Auf hochwasserzentralen.info kann man sich die Hoch­wasser­berichte aller Bundes­länder anschauen und findet auch eine inter­aktive Deutsch­land­karte.

Bildergalerie: Warn-Apps im Über­blick

Wie klappt der Austausch zwischen den Apps?

Theorie: Damit alle Bürgerinnen und Bürger, die per App gewarnt werden wollen, nicht mehrere Programme installieren müssen, ist vertraglich zwischen Katwarn und Nina sowie Biwapp und Nina vereinbart, dass Warnungen jeweils in beide Richtungen ausgetauscht werden. Nina-Nutzer sollten also alle Warnungen erhalten.

Praxis: Bei der Flut­katastrophe im Juli war das im Land­kreis Ahrweiler, der Katwarn nutzt, allerdings nicht der Fall, wie das ZDF berichtete. Das belegt auch ein BBK-Datensatz aller über Nina vom 12. bis 19. Juli 2021 vers­endeten Warnungen.

Was ging schief? Das Bundes­amt für Bevölkerungs­schutz antwortet auf test.de-Anfrage ausweichend und verweist für Fragen zur Funk­tions­weise des Katwarn-Systems auf dessen Betreiberin, die Combirisk GmbH. Deren Geschäfts­führer Arno Vetter erklärt, Katwarn habe eine Warnung der höchsten Stufe des örtlichen Hoch­wasser­dienstes im Land­kreis Ahrweiler auto­matisiert an Nina weiterge­geben.

Woran der Daten­austausch in diesem Fall scheiterte und ob das in Zukunft wieder passieren kann, wissen wir nicht. Es kann daher sinn­voll sein, neben Nina zumindest eine weitere App zu installieren, etwa Katwarn oder Biwapp, sofern sie von der örtlichen Kommune genutzt wird.

Praxis-Check offen­bart Lücke beim iPhone

Sowohl Android als auch das Apple-Betriebs­system iOS haben eine Funk­tion namens „Nicht stören“. Wie am Namen erkenn­bar, bleibt das Handy in diesem Modus stumm, wenn Apps Benach­richtigungen senden. Viele Menschen nutzen diese Funk­tion beispiels­weise, um nachts ungestört schlafen zu können. Warnmeldungen einer hohen Stufe sollten aber dennoch durch­dringen und mit einem lauten Ton den Schlaf unter­brechen.

Nur eine Warn-App ermöglicht „Critical Alerts“

Unter Android können Nutzer für jede App in den Benach­richtigungs­einstel­lungen fest­legen, ob sie auch im Modus „Nicht stören“ akustische Warnungen ausgeben darf. Apple schaltet entsprechende Berechtigungen nur für bestimmte Apps frei.

Theorie: App-Entwickler können seit 2018 bei Apple beantragen, dass sie die Funk­tion namens „Critical Alerts“ nutzen möchten – für eine Katastrophen-Warn-App sollte die entsprechende Begründung kein Problem sein. Andere Apps nutzen diese Funk­tion.

Praxis: Derzeit unterstützt jedoch nur eine der von uns aufgeführten Apps die Critical-Alerts-Funk­tion: die Warn-App Nina des BBK.

Katastrophen-Warn-Apps - So erhalten Sie Gefahrenhin­weise aufs Handy
Warnung trotz „Nicht stören“. Bei Android (links) lässt sich für jede App einstellen, ob sie bei akti­viertem „Nicht stören“-Modus Töne machen und vibrieren soll. Unter iOS müssen Apps diese Berechtigung durch Apple frei­schalten lassen. Unterstützt eine App die Funk­tion, kann man in den Einstel­lungen „kritische Hinweise erlauben“ (rechts). Die meisten in unserem Artikel vorgestellten Warn-Apps verzichten auf diese Möglich­keit. © Screenshots: Stiftung Warentest

Das sagen die Anbieter

Das Bundes­amt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophen­hilfe teilte Anfang August 2021 auf Anfrage der Stiftung Warentest mit, es werde die Critical-Alerts-Funk­tion für die iOS-Version von Nina „im nächsten Release veröffent­lichen“. Dies ist am 6. September 2021 geschehen. Seit dem Update können Nutzer „kritische Hinweise“ in den Mitteilungs­einstel­lungen des Betriebs­systems erlauben. Wichtig: Inner­halb der App-Einstel­lungen müssen diese zusätzlich für Bevölkerungs­schutz-Warnungen und Wetterwarnungen akti­viert werden.

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Kritischer Alarm. Inner­halb der App Nina müssen Nutzer einstellen, ab welcher Warn­stufe sie trotz akti­viertem „Nicht stören“-Modus gewarnt werden möchten. © Quelle: www.bbk.bund.de, Screenshot Stiftung Warentest

Auch die Betreiberin von Biwapp schrieb per E-Mail, die Funk­tion solle voraus­sicht­lich mit dem nächsten Update umge­setzt werden.

Der Deutsche Wetter­dienst teilte mit, man habe die Funk­tion in Warnwetter bisher nicht genutzt und lasse die Notwendig­keit nun erneut über den Dienst­leister prüfen.

Bei Katwarn hieß es auf Anfrage, die Nutzung der Funk­tion sei nicht geplant.

Unser Rat

Es ist sinn­voll, zumindest für hohe Gefahren­stufen die Warnung bei akti­viertem „Nicht stören“-Modus zu erlauben. Auf iPhones und iPads geht das derzeit nur bei Nina.

Wer auch in Katwarn, Biwapp und WarnWetter dringende Warnungen immer mit einem Warnton gemeldet bekommen möchte, sollte vor­erst die „Nicht stören“-Funk­tion lieber ausgeschaltet lassen und das Gerät auf „laut“ stellen. Gleich­zeitig kann man die Benach­richtigungen anderer Apps ausschalten – und auch so erreichen, dass man nicht unnötig gestört wird.

07.09.2021
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