Marie Prott im Porträt: Die Unsicherheit bleibt

Karriere meistern Special

Nach 50 Bewerbungen und einem Jahr Frust fand Marie Prott endlich einen Job – mit befristetem Arbeitsvertrag. Die Journalistin weiß, dass in ihrem Berufsleben noch einiges auf sie zukommen wird.

Gut ausgebildet, berufserfahren und jung – Marie Prott erfüllt alle Voraussetzungen, die der Arbeitsmarkt heute fordert. Trotzdem dauerte ihre Durststrecke mehr als ein Jahr. So viel Zeit verging vom Abschluss ihres Journalistik-Studiums bis zu ihrem Job als Bildungsreferentin an der Musikakademie Rheinsberg, 90 Kilometer nördlich von Berlin. „Für mein Selbstbewusstsein war das ein Dämpfer“, sagt die heute 30-Jährige rückblickend. „Man kommt voller Tatendrang von der Uni, und die erste Erkenntnis ist: Keiner will mich.“

Dabei ist Marie Prott, die im brandenburgischen Nauen aufgewachsen ist, längst kein Berufsanfänger mehr, als sie im Frühjahr 2006 in ihrer Wahlheimat Berlin mit der Jobsuche beginnt. Neben dem Diplom von der Uni Leipzig kann sie ein Volontariat bei einer Tageszeitung vorweisen. Sie hat Medienpraktika absolviert, eins davon in Indien, und als freie Mitarbeiterin für mehrere Tageszeitungen gearbeitet. Dass es auf dem Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler nicht einfach ist, weiß sie. Feste Stellen, unbefristet und gut bezahlt, sind rar. Optimistisch ist sie anfangs trotzdem, denn sie ist berufserfahren und flexibel.

Auftrumpfen im Anschreiben

Ein bis zwei Bewerbungen verschickt Marie Prott pro Woche. Bei der Arbeitsagentur meldet sie sich arbeitsuchend, erwartet von dort aber nicht viel. Um sicher zu sein, dass sie alles richtig macht, leiht sie Bewerbungsmappen von Freunden aus und liest Ratgeber für Bewerber. Dabei stellt sie fest, dass ihre Anschreiben viel zu lang sind. „Anfangs wollte ich natürlich auftrumpfen mit allem, was ich je gemacht hatte“, erinnert sich die kleine quirlige Person kopfschüttelnd. Ab sofort schneidet sie ihre Bewerbungen individueller zu.

Wochenlang passiert nichts. Nur Absagen landen im Briefkasten. Der Frustpegel steigt von Woche zu Woche, die Selbstzweifel auch. „Es ist erschreckend, wie sehr die Stellensuche das Privatleben bestimmt“, sagt Marie Prott. „Ich konnte keine Freunde mehr treffen, die wie ich einen Arbeitsplatz im Medienbereich suchten und beim Bewerben mehr Erfolg hatten. Das war auf einmal meine Konkurrenz.“

Nach und nach springt die Familie bei der Jobsuche mit ins Boot. Eltern, Großeltern, Geschwister – von allen Seiten kommen Jobanzeigen. Gut gemeint, doch als „Sorgenkind“ der Verwandtschaft fühlt sie sich nur noch mehr unter Druck gesetzt. Froh ist sie in diesen Zeiten über ihr Ehrenamt bei einem Verein. „Das hat mir Bodenhaftung und die Bestätigung gegeben, dass meine Fähigkeiten doch irgendwo gebraucht werden“, sagt Marie Prott.

Die Zeit vergeht. Als sich bis zum Herbst 2006 nichts tut, probiert sie eine neue Strategie. Mit einer Handvoll Blankobewerbungen im Gepäck fährt sie dahin, wo sich jährlich hunderte Arbeitgeber präsentieren: zum Hobsons Absolventenkongress, einer Jobmesse für Uniabgänger in Köln. Immerhin – ein paar Firmen sind interessiert. Zurück in Berlin verfasst sie Erinnerungsschreiben, aber aus den Jobs wird nichts. Dafür lädt sie Anfang 2007 ein Anzeigenblatt im Berliner Umland zum Vorstellungsgespräch ein. Trotz ihrer Berufserfahrung soll sie eine Woche zur Probe arbeiten. Marie Prott überzeugt und ist verzweifelt genug, anzunehmen. „Die Arbeit war schlecht bezahlt und journalistisch unter meinem Niveau“, sagt sie. Eine Notlösung.

Noch in der Probezeit erhält sie ein Jobangebot – ausgerechnet über die Arbeitsagentur. Die Musikakademie Rheinsberg sucht eine Referentin für das Kurs- und Veranstaltungsmarketing sowie Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit. In die Bildungsstätte können sich Profi- und Laienmusiker tageweise für Probenphasen und Vorstellungen im zum Hause gehörenden Schlosstheater einquartieren. Das Jobprofil bietet viel Raum für kreatives Arbeiten, Organisieren und Schreiben.

Marie Prott schafft es ins Vorstellungsgespräch, malt sich aber kaum Chancen aus. „Ich wollte niemandem etwas vormachen und habe klipp und klar gesagt, dass mein Musikwissen nicht über die Schulbildung hinausgeht“, erzählt sie. Es klappt trotzdem – weil sie zwischen den Musikwissenschaftler-Kollegen einen neutralen Blick auf Wesentliches bewahren kann.

Seit Mai 2007 pendelt Marie Prott nun von Berlin nach Rheinsberg und zurück – täglich knapp 200 Kilometer. Von ihrem Büro im historischen Kavalierhaus mit Blick aufs Schloss organisiert sie Workshops und Konzerte, gestaltet Programmhefte und Broschüren oder springt ein, wenns vor der Vorstellung brennt. „Ich schleppe auch mal Stühle ins Theater oder schneide der Hauptdarstellerin lose Fäden vom Kostüm“, erzählt sie lachend.

Ein Traumjob? „Mit Abstrichen schon“, sagt sie. Ihr Arbeitsvertrag ist auf zwei Jahre befristet. Eine Verlängerung ist noch nicht sicher. Auf lange Sicht planen – eine Familie gründen, ein Haus bauen – kann sie so nicht. Aber im Vergleich zu ehemaligen Studienkollegen, die sich mit wechselnden Projekten und als Freie über Wasser halten, habe sie es sehr gut getroffen. „Mein Herz schlägt für Rheinsberg“, sagt sie.

Dennoch – die Zeit der Jobsuche hat sie geprägt. Ein Gefühl der Unsicherheit bleibt und die Gewissheit, dass sie in ihrem Berufsleben noch einiges mitmachen wird.

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