Andreas Dürr im Porträt: Auf einem neuen Kurs

Karriere meistern Special

Den Bankjob bis zur Rente? Das kam für Andreas Dürr, 40, nicht infrage. Ein Berufsfindungsseminar half weiter. Heute veranstaltet der frühere Leistungsruderer Drachenboot-Events für Unternehmen.

Die Liebe fürs Wasser begann mit zehn. Auf der Dahme in Berlin-Grünau trieben im Januar 1978 Eisschollen. Bei den Ruderjungs des DDR-Trainingszentrums in Karolinenhof fehlte einer, und Andreas Dürr musste ran, weil er damals schon 1,90 Meter lang war. „Danach hatte ich blaue Hände vor Kälte, aufgeschlagene Daumen von den Skulls, den Holmen an den Ruderblättern. Aber es hat unheimlich Spaß gemacht“, erzählt der 40-Jährige. Von da an trainierte Dürr bis zu siebenmal in der Woche. „Es war eine großartige Zeit, ein tolles Team, wir gewannen viele Regatten und natürlich auch Erfahrungen.“

1985 holte er im Zweier noch den dritten Platz bei den Junioren-Weltmeisterschaften für die DDR. „Doch der ganz große Durchbruch blieb aus“, meint er rückblickend und schlägt die langen Beine übereinander. Er sitzt auf einem der weißen Ledersofas in seiner frischgegründeten Drachenboot-Eventagentur in Berlin-Treptow. Auf dem Regal prangt ein großer rot-goldener philippinischer Drachenpokal.

Vom Leistungsruderer zum Event-Veranstalter für Drachenboot-Rennen – das erscheint wie eine logische Schlussfolgerung, hat Dürr aber viele Jahre gekostet und etliche Umwege. Dazu gehören die Ausbildung zum Baumaschinisten, der Job als LKW-Fahrer und vielleicht auch viele der 17 Berufsjahre in der Bank.

Im Drachenboot die Welt erobern

„Die Wende war mein Glück“, erzählt der ernste Mann heute. Er bekam die Chance, eine Ausbildung in einer Bank zu machen, und glaubte, seinen Traumjob gefunden zu haben. Bilanzen, Zahlen, Statistiken und die Kommunikation mit Menschen – das lag ihm. Die ersten sieben Jahre im Firmenkundengeschäft waren eine „tolle Zeit“. Abends bildete er sich an der Bankakademie fort. Nach drei Jahren Pause ging er wieder aufs Wasser. Dort, wo er als Junge gerudert hatte, paddelte er nun im Drachenboot-Verein. Es war ein bisschen wie früher: Teams auf dem Wasser, Wettkämpfe, eine Gemeinschaft. Mit dem Drachenboot eroberte Dürr die Welt: Wettkämpfe in fernen Orten wie Hongkong und Singapur, Malaysia und Neuseeland. „Das war der Ersatz für eine klassische Studienzeit.“ Er begann, im Verein aktiv zu werden, und holte 1998 die Deutschen Meisterschaften nach Berlin.

Im Beruf jedoch wurde er zunehmend unzufriedener. Viele Chefs hielt er weder menschlich noch fachlich für gute Führungskräfte, und er vermisste es, kreativ und selbstständig arbeiten zu können. Doch Dürr ist keiner, der schnell aufgibt oder überstürzt handelt. In der Hoffnung auf Veränderung wechselte er die Bank. Aber das Gefühl, in festgefahrenen Strukturen zu ersticken, „gedeckelt“ zu werden, einfach auch viel zu weit weg vom Kunden zu sein, kam bald zurück.

Im Seminar Talente aufspüren

Ende der 90er Jahre hatte er einer Bekannten geholfen, ein Sportstudio zu gründen, wo er sich um die Bilanzen kümmerte und abends Kurse gab. „Auch das war keine echte Alternative zur Bank.“ Er wusste nur: Es muss sich etwas ändern. Als er mit einem Ratgeber für Berufsorientierung nicht weiterkam, meldete er sich zu einem Berufsfindungskurs an. „Ich ging da ohne festes Bild rein, hatte keine Ahnung, was passieren würde“, erzählt Dürr. Die zwei Tage waren für ihn der Durchbruch. Es ging um selbstgesteckte und auferlegte Grenzen. Sätze wie: „Die Bank ist doch was Seriöses, das gibt man nicht auf“ hörte er hier nicht. „Ich hatte das Gefühl, eine Tür aufzumachen und endlich rauszugucken.“ Bei der Frage, was ihn emotional sehr berührt hatte, fiel ihm ein Wettkampf im schwedischen Malmö ein: „Eine Fünf-Kilometer-Regatta, ich steuerte das Frauenteam, wir siegten, und die Frauen waren begeistert.“

Ausgehend von seinen Stärken, den Puzzlesteinen Motivieren, Kommunizieren, Organisieren, wirtschaftliches Know-How und Liebe zum Drachenboot, entstand die Gründungsidee: Drachenboot-Veranstaltungen für Firmen. Zunächst machte er sich nebenberuflich selbstständig, reduzierte seine Stunden in der Bank. „Ich hatte ja emotionale und materielle Verpflichtungen“, erklärt der dreifache Vater. Beim Internetauftritt half ihm eine Freundin. Den Businessplan hatte er als Banker im Kopf und einige Kontakte über den Verein. Die ersten Aufträge liefen ein. Vor einer Großveranstaltung lag er nachts wach und überlegte, wo er bei Regen Zelte für 1 000 Mitarbeiter herbekommen sollte. Dürr investierte nur nach und nach. Heute liegen an der Dahme in Grünau seine vier Boote.

Im Frühjahr 2008, kurz nach seinem 40. Geburtstag, machte er Ernst. Nach 17 Jahren gab er seinen Bankjob auf. „Es erschien mir wie ein logischer Schritt – wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ein Jahr lang noch kann er in die Bank zurückkehren, ein kleines, luxuriöses Sicherheitsnetz. Alltag und Routine sind vorbei. Dürr hat tausend Ideen, viel zu wenig Zeit, zwei Mitarbeiterinnen in dem 90-Quadratmeter-Büro in den Elsenhöfen in Treptow, große helle Räume im sanierten Backsteinbau. Seine Nachbarn sind Architekten, Grafiker und Webdesigner. Es gibt Aufträge, aber ihm klingelt das Telefon noch zu wenig. Doch er kennt das Auf und Ab im Geschäft. „Ich fühle mich euphorisch“, sagt er, „euphorisch, aber geerdet.“

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