Jutta Allmendinger im Interview: „Bildung als Investition begreifen“

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Professorin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Warum investieren viele Deutsche lieber in ein neues Auto als in einen Fachwirt-Abschluss?

Sie sehen den kurzfristigen Genuss eines neuen Autos, nicht aber den mittel- und langfristigen Gewinn durch Bildung. Sie gehen davon aus, dass eine Ausbildung am Anfang des Lebens für immer reicht, beim Auto dagegen sehen sie, wie es Rost ansetzt und nicht mehr auf dem Stand der Zeit ist. Wir sollten dahin kommen, Bildung als Investition zu begreifen, die grundlegend für das weitere Leben ist. Dafür müssen alle einen Beitrag leisten – Staat, Arbeitgeber und jeder Einzelne.

Mit der neuen Bildungsprämie engagiert sich jetzt der Staat. Welchen Beitrag können denn die Unternehmen leisten?

Geld ist nur die eine Seite, die andere ist Zeit. Unternehmen müssen die für Weiterbildung nötige zeitliche Flexibilität schaffen, Weiterbildung als selbstverständlich ansehen, sich über Initia-tiven freuen. Viel zu oft noch denken Mitarbeiter, sich für Fehlzeiten aufgrund von Weiterbildungen entschuldigen zu müssen. Weiterbildung muss zur Regel werden, noch ist sie leider eine seltene Ausnahme.

Deutsche bilden sich im internationalen Vergleich wenig weiter. Haben wir einen Trend verschlafen?

Ja. Hier wurde viel zu spät beachtet, wie stark sich der Arbeitsmarkt hin zu spezialisierten Dienstleistungen verändert und wie schnell mittlerweile die Halbwertzeit von Wissen abnimmt. Unsere Ausbildungsinstitutionen sind weltweit anerkannt, insbesondere im Bereich der dualen Ausbildung. Aber wir übersehen noch zu häufig, dass eine erste Lehre offen für weitere Ausbildungseinheiten sein muss, wir müssen uns um die Anschlussfähigkeit Sorgen machen, und auch Fachhochschulen und Universitäten sollten zügig das Ihre tun. Für Arbeitnehmer heißt dies, nach Phasen der Berufstätigkeit einen Bildungsblock einzuschieben oder auch parallel zum Job zu lernen.

Sind die Voraussetzungen dafür da?

Nein, da muss sich noch viel ändern. Eine Mutter zum Beispiel, die erst berufstätig war, dann wegen der Kindererziehung ausgesetzt hat, möchte mit 35 Jahren auf den Bachelor noch einen Master setzen. Zurzeit wird sie dafür aber aufgrund ihres Alters kaum über ein Stiftungsprogramm gefördert werden. Das kann so nicht bleiben.

„Gute“ Arbeit bedeutet für viele, einen unbefristeten Job und ein sicheres Einkommen zu haben ...

Auch hier wird man umdenken müssen. Der lebenslange Job bei einem Arbeitgeber ist passé. Lineare Einkommensgewinne auch. Wir müssen uns auf Einkommensschwankungen einstellen. In Japan etwa hat man mehrere „Karrieren“ – 25 Jahre im Büro, 10 Jahre als selbstständiger Kioskbesitzer, und mit 60 Jahren überlegt man sich vielleicht noch etwas ganz anderes. In vielen Ländern ist so etwas längst an der Tagesordnung.

Warum tun sich Arbeitgeber noch so schwer mit Brüchen im Lebenslauf?

In Deutschland denken wir zu sehr in starren Mustern, Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben immer noch den lückenlosen Lebenslauf im Kopf. Aber zeugt es nicht von Flexibilität, wenn Arbeitnehmer beruflich mobil sind, zwischendurch mal selbstständig waren und Lücken für Weiterbildung genutzt haben? Ich möchte Brüche in der Erwerbsbiographie nicht trivialisieren, ich weiß um biografische Ängste. Aber mit einer Kultur des Bestandsschutzes kommen wir nicht weiter, ermöglichen kein längeres Erwerbsleben, welches wir auch für die Sozialversicherungssysteme brauchen. Außerdem ist es sozial ungerecht jenen gegenüber, die nur schwer in den Arbeitsmarkt kommen.

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