Interview: „Ein Coach ist kein Ersatztherapeut“

Karriere-Coaching Meldung

Christopher Rauen

Christopher Rauen ist Coach und Coach-Ausbilder. Er steht dem Deutschen Bundesverband Coaching vor.

Was kann ein Coach, was firmeninterne Berater nicht können?

Mit dem Klienten über Dinge sprechen, die sich nicht mit den Organisations­zielen decken. Wenn jemand Zweifel daran hat, ob die Position oder die Firma überhaupt die richtige für ihn ist, kann er sich mit diesen Bedenken wohl kaum an den Vorgesetzten wenden. Ein Vorstand ließe sich außerdem ungern von jemandem coachen, der in derselben Firma mehrere Hierarchiestufen unter ihm steht.

Warum erlebt die Coaching-Branche derzeit so einen Boom?

Wegen der Globalisierung müssen Firmen immer billiger, immer schneller und unter immer größerem Druck produzieren und Leistung zeigen. Bei diesen hohen Anforderungen ist es keine Schande für eine Führungskraft, sich beraten zu lassen. Das John-Wayne-Motto „Ich muss das allein schaffen, sonst habe ich versagt“ gilt nicht mehr. Die Bereitschaft, psychologisches Wissen in der Wirtschaft zu akzeptieren, hat zugenommen.

Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren als Coach. Womit wenden sich die meisten Klienten an Sie?

Meistens schildern sie mir Sachpro­bleme, die sich bald als Beziehungspro­bleme mit Kollegen entpuppen. Ein Beispiel: Wenn zwei Abteilungsfürsten eines Unternehmens miteinander Krieg führen, weil sie ihre Macht demonstrieren wollen, dann leidet auch die Zusammenarbeit der Abteilungen. Meine Aufgabe als Coach besteht darin, die Führungskraft zu sensibilisieren, die eigentlichen Schwierigkeiten hinter dem Sachproblem zu erkennen, und zu helfen, sie zu beseitigen.

Sollte ein Coach selbst auch Führungserfahrung haben?

Es ist nicht unbedingt notwendig, aber durchaus hilfreich. Hat der Coach betriebswirtschaftliches Know-how, kann er besser nachvollziehen, unter welchem Druck sein Klient steht und welche Anforderungen an ihn gestellt werden. Außerdem sollte sich der Coach in Psychologie und Soziologie auskennen und natürlich methodisches Wissen mitbringen, beispielsweise in der Gesprächsführung. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass die Chemie zwischen dem Karriere-Coach und seinem Klienten stimmt.

Wo liegen die Grenzen des Karriere-Coachings?

Ein Coach ist kein Ersatztherapeut. Abhängigkeiten oder psychische Störungen kann er nicht behandeln. Ein Coaching bezieht sich ausschließlich auf Probleme im Berufsleben. Es kann aber sein, dass sich das Coaching auch positiv auf das Privatleben auswirkt. Beispielsweise lernt die Führungskraft durch das Coaching vielleicht, nicht nur seinen Mitarbeitern, sondern auch seinem Ehepartner besser zuzuhören.

Wann ist ein Coaching für den Klienten erfolgreich?

Dann, wenn er das Gefühl hat, durch das Coaching mehr Möglichkeiten in seiner Lebensgestaltung zu haben als vorher. Meistens verändern sich die Ziele eines Coachings auch während des Prozesses. Ein Beispiel: Konnte der Klient seine Entlassung aus einem Unternehmen nicht verhindern, kann aber nun besser mit diesem Rückschlag umgehen, dann ist das definitiv ein Erfolg.

Gibt es spezielle Trends im Coaching?

Inhaltlich kaum. Hilfsformen wie Coaching übers Internet werden sich nicht durchsetzen. Vielmehr wächst der Druck auf die Branche, sich zu professionalisieren, denn viele große Firmen bauen sich derzeit eigene Coaching-Pools auf, um bei Bedarf auf den jeweiligen Spezialisten zugreifen zu können.

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